Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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DIE FORM IN DER AMERIKANISCHEN ZIVILISATION

VON LEWIS MUMFORD, NEW YORK

Jeder, der die amerikanische Zivilisation
im Großen überschaut, muß, glaube ich,
vor allem davon überrascht sein, in welch
rohem und unfertigem Zustand sich unsere
Städte und vor allem unsere ländlichen
Bezirke befinden. Unsere Wolkenkratzer,
Brücken, Kanäle, unsere Wasserleitungs-
Anlagen zeugen von einer ungeheuren phy-
sischen Energie, auch gelingt es uns hier ge-
legentlich, durch die bloße Entfaltung dieser
riesenhaften Kräfte scheinbar irgend ein
neues Prinzip in der Zivilisation darzu-
stellen. Und wirklich machen diese Monu-
mente der Industrie einen so überwäl-
tigenden Eindruck, daß ein amerika-
nischer Kritiker namens Robert Coody,
dessen Kreis von Bewunderern sich ständig
vergrößert, die Behauptung aufstellen
konnte: im Riesenmaß liege nun einmal
unser wesentliches Verdienst, und daher sei
diese Tendenz auch dasjenige, was in un-
serer Kunst verstanden und ausgedrückt
werden muß, ein Standpunkt, der mir
durchaus falsch zu sein scheint, denn nie-
mals kann ein schwächlicher ästhetischer
Gedanke dadurch verbessert werden, daß er
in einem riesigen Maßstab ausgeführt wird.
Das Riesenmaß und der Energieaufwand,
Eigenschaften, in denen wir bisher unseren
Stolz sahen, werden bei Naturphänomenen
niemals ihre gewaltige Wirkung verfehlen.
Eine steile Anhäufung von vulkanischen
Basaltklippen, wie wir sie bei den Palisaden
auf dem westlichen Ufer des Hudson sehen,
ist tatsächlich ein Symbol der mächtigen
und erstaunlichen Energie der Natur; aber
die gleiche Eruption von Stahl und Stein
auf der Manhattan-Insel ist das Sinnbild
von Kräften,' die keinen inneren Zusam-
menhang mit dem Menschen haben und nur
wie durch Zufall einen Triumph mensch-
licher Einbildungskraft über das in seiner
Wesenheit Leblose und Ungeformte dar-
stellen.

Welches Moment ist nun verantwortlich
für diese chaotischen Wolkenkratzer, für

diese trübseligen städtischen Wüsteneien,
für all diese verzweifelten Anstrengungen,
bleibende und bedeutsame Formen in un-
seren Gebäuden und ländlichen Anlagen zu
erzielen? Eine erschöpfende Antwort auf
diese Frage finden wir in der Geschichte
unseres Landes; und wenn man für das
zögernde Tempo unserer Erfolge, zu einer
gültigen Form zu gelangen, eine Erklärung
finden will, muß man sich von den Schwie-
rigkeiten und den unglücklichen Zufällen
Rechenschaft ablegen, die die Begleiter-
scheinung der Besiedlung des amerika-
nischen Kontinents waren — Schwierigkei-
ten, so enorm und ungeheuerlich, daß
man sogar in der Anlage der jämmerlichen
kleinen Städte im mittleren Westen, die
zeitgenössischen Schriftstellern wie Sher-
wood, Anderson und Sinclair Lewis Stoff
zu ihren scharfen Beschreibungen oder Sa-
tiren geben, in Wirklichkeit einen Triumph
sehen muß!

Die maritime Zivilisation Amerikas, die
zwischen 1620 und 1860 entstand und
blühte, war von einer vollendeten und
feinen Kultur durchtränkt, die für jeden
Bezirk des täglichen Lebens die angemessene
Form erschuf. Die Formen dieser frühen
Zivilisation gründeten sich auf einer vollen
Ausnutzung der zuständigen Bodenschätze,
die vom Handwerk in kunstgerechter Art
bearbeitet wurden und ihre Gestalt von der
Lebens- und Kunst-Anschauung empfin-
gen, die für die letzten Ausläufer der Re-
naissance maßgebend waren. Mit dem acht-
zehnten Jahrhundert hatte sich der große
geistige Impuls der Renaissance müde ge-
laufen, und die schöpferischen Ideen ihrer
Kultur wurden etwas blutleer und konven-
tionell. Aber für einen Zeitraum von we-
nigstens hundert Jahren griffen sie in jede
Lebenssphäre ein und verliehen den Häu-
sern, den Fabriken, den Parks, den Gärten,
den Möbeln, dem Silberzeug, den Töpfer-
waren und dem Glas den letzten Schliff
ein und desselben Stils. Man nehme ein

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