Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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doch nicht in höherem Maße als die besten
Beispiele jenes Jahrbuchs. Von dem erfolgreichen
Suchen und Ringen der Gegenwart nach neuer
Form wird man innerlich erst ergriffen, wenn
man die Entwicklung der Verkehrsbauten be-
trachtet. Jener unpersönlichen technischen Form
tritt auch in dem schlichtesten Bau doch immer
die persönliche Gestaltungskraft des Architekten
gegenüber, seelische Werte schwingen mit, künst-
lerischer Ausdruckswille erhebt das gestaltete
Werk über die rein ästhetische Erscheinungsform
der Konstruktion hinaus. Dazu kommt der ge-
staltende Einfluß der Landschaft, aus welcher
der Bau emporwächst.

Den stärksten Eindruck schöpferischer Gestal-
tungskraft vermittelt die Ausstellung der Deut-
schen Reichspost. Innerhalb einer Riesenaus-
stellung, die ein gutes Geschmacksniveau einhält
und Geschmacklosigkeiten durchweg zu vermeiden
wußte, treten die Räume der Post durch Aus-
stellungsform und Ausstellungsinhalt wirksam
hervor. Nirgends ist der Werkbundgedanke reiner
und entschiedener vertreten als hier. Wer den
Zusammenhängen nachgehen will, der verschaffe
sich das vor kurzem vom Reichspostministerium,
Abteilung München, bei F. Bruckmann heraus-
gegebene Werk: „Neuere Postbauten in Bayern".
Die Abbildungen lassen erkennen, daß ein künstle-
risches Agens von außergewöhnlicher Stärke dieses
ganze Ressort bis in seine Außenbezirke durch-
flutet. Poeverlein, ein künstlerisch befähigter,
weitblickender Verwaltungsbeamter, Vorhoelzer,
der anregende Chef des Bauwesens der Oberpost-
direktion München (dessen Amtsgenossen in
Würzburg und Nürnberg gleichen Zielen zu-
streben), haben sich innerhalb weniger Jahre
einen Stab von künstlerisch begabten Mitarbeitern
geschaffen, deren Tätigkeit in den verschiedensten
Bezirken des Landes heute schon zu spüren ist,
deren Einfluß auf die weitere Entwicklung des
Bauwesens und der für den Bau arbeitenden Ge-
werbe gar nicht hoch genug bewertet werden kann.

In der Postabteilung der Verkehrsausstellung
bewährten sich Werner als raumgestaltender Ar-
chitekt und Goerz und Grimm als Bearbeiter
zahlreicher Ausstellungsobjekte; Harbers hat sich
als bauleitender Architekt des Ausstellungsunter-
nehmens um die geschmackvolle Gesamtanlage
verdient gemacht. Von Norddeutschen Post-
bauten ragen besonders die Modelle des Neubaues
des telegraphentechnischen Reichsamtes Berlin und
des Selbstanschlußamtes Hamburg hervor. Von
derartigen öffentlichen Bauwerken kann in der
Gegenwart eine ebenso anregende, bildende und
erzieherische Einwirkung auf Bautätigkeit und
Gewerbe ausgehen, wie es nach den Befreiungs-
kriegen vielfach bei den Bauten der politischen
Behörden jener Zeit der Fall war. Sie tragen
den wirtschaftlichen Notwendigkeiten der Gegen-
wart Rechnung und sind zugleich Zeugnisse eines
lebendigen Formgefühls. „Das ist doch schließ-

lich das Köstlichste des künstlerischen Schaffens"
— heißt es in der Einleitung zu jenem Werk
über neuere Postbauten in Bayern — „daß es —
wie hier — ganz seiner Zeit lebt und ihr mit
Freuden dient." Solcher Dienst ist heute nicht
möglich, ohne daß er der Armut der Nation
Rechnung trägt, und nicht im Reichtum des
Schmuckes, sondern in der Raumgestaltung, in
den Verhältnissen und der Gliederung des Baues
um wahre Künstlerschaft ringt.

Will man die neuen Ausstellungsbauten nach
der Vereinigung von Sparsamkeit mit künst-
lerischer Wirkung bewerten, so wird man den
„Posthof", einen offenen Holzrundbau nach dem
Entwurf des Postbaurats Werner (München) an
erster Stelle nennen müssen, eine geistreiche Ar-
beit, für die man hoffentlich nach Schluß der
Ausstellung soviel Interesse bewahrt, um sie zu
erhalten. 0. 0. Kurz und Peter Danzer haben
mit Holzhallen, Harbers mit der hölzernen Bahn-
hofshalle interessante Beispiele von Zweckbauten
hingestellt. Riemerschmids große Halle, in der
jetzt die Flugzeugausstellung untergebracht ist,
hat den Charakter eines festlichen Baues. Den Ver-
gnügungspark hat Max Wiederanders neu gestal-
tet: eine Fülle guter Einfälle ist liier ausgeschüttet,
die bei nächtlicher Beleuchtung sich in bunter
Mannigfaltigkeit zu einer lustigen Einheit zu-
sammenschließen.

BAYERISCHES KUNSTHAND WERK
MUENCHEN

Leben und Sterben unseres Kunsthandwerks
hängt davon ab, daß die Erkenntnis und das Ge-
fühl für den wesentlichen Unterschied zwischen
dem maschinell erzeugten Massenartikel und dem
handgearbeiteten Einzelstück in weitere Ver-
braucherkreise dringt und dann der Sinn der
Verbraucher sich mehr als bisher dem wirklichen
Kunsthandwerk zuwendet. Auch die lebhafteste
Freude an dem formvollendeten Maschinenpro-
dukt, das wir auf vielen Lebensgebieten der Hand-
arbeit vorziehen, darf nicht darüber hinweg-
täuschen, daß künstlerische Werte nur durch die
handwerkliche Bearbeitung des Werkstoffes ge-
schaffen werden.

Es ist ein unbestreitbares Verdienst der Ver-
anstalter der Münchener Ausstellung im alten bo-
tanischen Garten, daß sie diese Unterscheidung
klar durchgeführt haben. Die Beschränkung der
Ausstellung auf kunslhandwerkliche Arbeiten gibt
ihr jene Einheit — über aller Verschiedenheit der
Mitarbeiter und Mannigfaltigkeit der Werke —,
die von dem Besucher als wohltuend und er-
freulich empfunden wird.

Die Betonung des Einzelstückcs, die Beschrän-
kung in der Menge gibt der Ausstellung eine ganz
eigene Note: die gewählte Darbietung, die jedem
Einzelding viel Platz und Luft gibt, die bis
heute nur den Vorzug einiger weniger Museen
bildete, ist bei einem auf Propaganda und Ver-
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