Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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R UNDSCHAU

Konstruieren — Bauen

Daß unsere besten Ingenieure Bauwerke geschaf-
fen haben, vor denen mancher Architekt ein-
packen kann, ist eine oft bemerkte Tatsache.
Die Künstler zogen aus, um die Erzeugnisse der
Technik formal zu veredeln. Sie wurden besten-
falls zu Lernenden im technischen, d. h. im
zweckhaft sachlichen Denken, und waren ge-
zwungen, sich alle „Künstlichkeiten" abzuge-
wöhnen. Sie erfuhren an sich die Disziplin der
Eigengesetzlichkeil, der Selbstverständlichkeit, die
das Wesen des guten, nicht nur des technischen
Dinges ausmacht. Es ist auch die Selbstverständ-
lichkeit der neuen Aufgabe, die ihre formale Be-
stimmung vor allem in Bichtung auf das Nütz-
liche, der gesteigerten Leistung und der damit
sich verändernden Gestaltungsmethoden erfahren
wird, — bei nur sachlicher Behandlung nicht
dem -unmaßgeblichen Geschmack eines Einzelnen
ausgeliefert, wenn auch der gute Konstrukteur
neben der Mathematik, neben der Beobachtung
der sich aus Zweck und Material ergebenden Not-
wendigkeit durchaus ein feines Formempfinden
im Sinne der zu lösenden Aufgabe, im Sinne
einer mathemalischen Disziplin — das ist hier:
das Beobachten des beziehungsvollen Verhaltens
der Teile innerhalb eines zu schaffenden Gan-
zen — walten lassen wird.

So bewahrt die Mathematik vor unsachlichem
Ausgleiten und bildet zugleich das Band, wel-
ches menschliches Gestalten mit dem Gestalteten
der Natur verbindet, „denn alles kosmische Ge-
schehen beruht auf denselben Gesetzen wie alles
irdische Experimentieren (Haas, Neue Physik)".
Mathematisches Denken und schöpferische, zweck-
hafte Tätigkeit der plasmatischen Substanz sind
die Äußerungen einer Einheit, die wir im
Grunde nicht zu durchschauen vermögen.

Menschliche Überheblichkeit hat das Wort von
der Naturbeherrschung geprägt, während wir bei
unserer Arbeit durch Naturbeobachtung und durch
das Erkennen des gesetzmäßigen Verhallens immer
wieder — bewußt oder unbewußt — zum An-
wenden bestimmt werden sollten.
Wie können wir uns — soll etwas ganz ge-
lingen — anders betätigen als innerhalb des
Natur-Geschehens, mit dem wir schicksalhaft ver-
knüpft sind, innerhalb dessen das menschliche
Denken die Funktion der Orientierung zu er-
füllen hat, —■ nach der uns innewohnenden
Tendenz zur Vereinheitlichung und Zusammen-
fassung der uns umgebenden Vielfältigkeit der
Natur in ihrem Sein und Geschehen — so auch
die Orientierung innerhalb unserer menschlichen
Angelegenheiten in Richtung auf die immer
mehr gesteigerte „gemeinschaftliche Zusammen-
fassung", die vernünftige und darum unaus-
weichliche Anwendung auch des Natur-Erken-

nens, nach welchem die sozialen Qualitäten der
menschlichen Psyche als die primären, bewußt
faßbaren und lebensfördernden die wesentlich
schöpferische Funktion zu erfüllen haben, deren
Vollzug wohl durch die Abwegigkeil des nur Ge-
fühlsmäßigen gehemmt werden kann, deren end-
gültiger Erfolg aber dadurch bestimmt wird, daß
sich die lebenswichtigen Interessen einer Vielheit
mit dem ethischen Fordern von allgemeiner und
unwiderleglicher Geltung zu einer Einheit ver-
binden.

Aus diesem Anschauen wie aus der Beobach-
tungs- und Airwendungstätigkeit, wo immer es
sich um Gestaltung eines Einheitlichen handeln
mag, ergibt sich für uns ein sachliches und ethi-
sches Fundament, nicht nur für das Zueinander
der Dinge, die wir brauchen, sondern auch für
das Zueinander unseres menschlichen Verhaltens,
dessen immer neue Vergegenwärtigung neben
dem abstrakten Erkennen uns durch Anschau-
ung möglich gemacht ist, denn wie im mikro-
skopisch kleinen Kalkticrchen sich ein verzwei-
feltes Bemühen abspielt, trotz Neubildungen der
Substanz immer wieder das optimale Verhältnis
herzustellen, das konstruktive, lebensnotwendige
Gerüst nicht zu schädigen, störende „Verzierun-
gen" am unrechten Fleck nicht überwuchern
zu lassen, so sind auch wir gehalten, unsachliche,
uns am Leben hindernde „Verzierungen" in be-
wußtem Voraussehen über Bord zu werfen.
So weitet sich unser Thema zu einer umfassen-
den Aufgabe; unser Wissen von den Dingen und
von uns aus seiner Abseitigkeit hineinzutragen
in unsere Arbeit, in unser Handeln mit dem
Willen zur Einheit, die große und verantwor-
tungsvolle Aufgabe einer kommenden Er-
ziehung, beginnend am innersten Punkt der
kleinsten Volksschule bis zum Abschluß der in
engster Verbindung mit dem Leben stehenden
Fach-Schulung. Auf künstlerischem Gebiet hat
unsere Zeit dem Baumeister und Konstrukteur
— bestimmt durch die Neuartigkeit besonderer,
wie durch die allgemeinen Erfordernisse sozialer
Probleme, die der Lösung harren, die wesent-
lichen großen Aufgaben zu stellen.
Oberflächliche Historie und letzte formalistische
Neuheiten sind belanglos, — mit dem Willen
zur natürlichen Sachlichkeil — ohne vorgefaßte
Formtendenz — sind wir in bester historischer
Gesellschaft und können in Goelheschcm Sinne
beweisen, daß Bauen heißt — Gesinnung haben.
Damit knüpfen wir neu das zerrissene Band zum
Vergangenen und zur Natur und betreten den
einzigen Weg, mit dem uns zugänglichen Nalur-
Wissen als formende, allgemeine Grundlage aus
dem nur individuell bestimmten Wust im Den-
ken und Schaffen herauszukommen, zugunsten
einer allgemein recht nützlichen intellektuellen
Sauberkeit. Walter Herricht, Dortmund

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