Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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STADT, FORM, ARCHITEKT

VON ADOLF Ri

Städtebau" und „Landesplanung" haben
sich allmählich durch unsere Behand-
lung dieser Materie zu reichlich peinlichen
Schlagworten entwickelt. Unser Ansehen
im Urteil der kommenden Generation muß
darunter leiden. Hoffentlich nicht lang-
hin mehr wird man feststellen dürfen, wie
lächerliche Streitobjekte endloses Hin und
Her der Meinungen entfesselt haben, wie
klein unsere Auffassung, wie doktrinär und
kurzsichtig unsere Anschauung: „Zertrüm-
merung der Großstadt", „Dezentralisation",
„Trabantenstadt" und ihr Gegenpol „Zen-
tralisation", „gesunde Bodenwirtschaft"
und Ähnliches. Wie lange glaubt man im
Ernst wird das alles leben und — Ver-
zeihung — hat es je gelebt? Diese Sintflut
von Papier, diese Fülle von Gedankenar-
beit, was wird davon übrig bleiben? Heute
vielleicht wird vielfach noch ernsthaft ge-
glaubt durch Niederlegung von Plänen für
Idealstädte und Idealaufteilungen die Ent-
wicklung zu zwingen, aber was wird morgen
daraus werden?

*

Es ist so außerordentlich verwirrend und
es führt zu so sinnloser Kraftvergeudung zu
glauben, „Städtebau", „Landesplanung"
seien selbständige und eigenlebendige Bil-
dungen. Nur wer völlig klar ist, daß sie
nichts als Ergebnis von Kultur und Wirt-
schaft sein können, wird die Möglichkeit
haben, mit Erfolg an diesen Dingen zu ar-
beiten und sie zu lenken.

Was in Stein, Holz, Eisen und Asphalt
entsteht, kann nur aus dem Leben selbst,
dem Geschehen, dem Vorgang, dem Unsicht-
baren Gestalt werden. Das Sichtbare also
ergibt sich aus dem Unsichtbaren, der Zu-
stand aus dem Vorgang. Diese Bedingun-
gen für Sichtbares und Zustand, nicht diese
selbst, sind das eigentlich Wichtige und
Lebendige, das körperlich Sichtbare muß
sich ändern, sobald Unsichtbares und Vor-
gang sich ändern.

Vorgang, Änderung des Lebens, muß
zwangsläufig mit Zustand, formerstarrtem

DING, BRESLAU

alten Leben zusammenstoßen, zwangsläufig
müssen die alten Formen schließlich unter
dem Ansturm der neuen Lebensanschauung
zerbrechen, zwangsläufig müssen die Stu-
fen menschlicher Entwicklung mit Kon-
fliktszeiten verbunden sein.

*

Selbst stumpfen Geistern dürfte klar
sein, daß wir heute im Beginn solcher
Zeit stehen. Wieder, wie so oft schon und
überall in der Welt kämpft eine so-
zial-kommunistische Weltanschauung gegen
eine persönlich-kapitalistische, die das ge-
genwärtige Leben und seine Formen er-
füllt. Es ist fraglich, ob man berechtigt
ist, jemals ein Ende dieses Kampfes anzu-
nehmen, der seit Jahrtausenden immer wie-
der irgendwo aufflammt, aber selbst wenn
man, mit kurzen Zeilräumen rechnend, ein
Ende unterstellt, das zu einer Formbildung
führt, wird es doch äußerst schwierig sein
zu sagen, wie schließlich beide aussehen
werden. Was vielleicht wichtiger sein würde,
als über Stadtbauformen und Maßregeln zu
diskutieren und diesen oder jenen kleinen
Erfolg zu buchen, wäre, einmal den Ge-
setzen nachzugehen, nach denen unser Le-
ben sich vollzieht.

Der deutschen Mentalität würde nahe-
liegen, dem Städtebauer zwei Wege vorzu-
schreiben. Entweder als Realist, heutiges
Leben und heutige Wirtschaft als gegeben
voraussetzend, die feste Form für beide,
weitestgehend ihnen entsprechend, so ver-
nünftig wie möglich zu machen oder als
Idealist, unter Hintansetzung des Menschen
als Einzelpersönlichkeit, die Form für ein
neues Gemeinschaftsleben zu suchen. Diese
deutsche Einstellung des Entweder-Oder
verspricht Gefolgschaft nur für das Be-
schreiten des Weges hier oder dort. Der
Erfolg der Arbeit wird damit außerordent-
lich eingeschränkt, denn das wirkliche Le-
bens- und Kampfergebnis wird auf diesen
beiden Wegen nicht erreicht werden. Es
wird schwer möglich sein, unsere alte Le-
bensform von heute auf morgen zu zer-
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