Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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BRIEFE AN DIE FORM

l:

Das Geleitwort der „Form", wie es im ersten
Heft gegeben wurde, enthält ein gutes und
produktives Programm. Dieses Programm weist
weit in die Zukunft und bietet die Möglichkeit
— die einzige! — die Aufgaben, die eine Zeit-
schrift wie „Die Form" zu behandeln hat, groß
in lebendigen Zusammenhängen zu sehen und
darzustellen. Entscheidend freilich isl nicht nur
diese Formulierung des Programms, sondern
auch der Umstand, wie weit es verwirklicht
werden kann, oh sich genügend Mitarbeiter fin-
den, die solcher Synthese fähig sind, ob die
äußeren Verhältnisse diese l nbedingtheil dau-
ernd zulassen, und ob die Leser willens sind,
zu so weit gesteckten Zielen zu folgen. Man
möchte der neuen Zeitschrift einen Erfolg vor-
aussagen, wenn man nicht wüßte, wie ängst-
lich die meisten Menschen ihrer eigenen Zu-
kunft, gegenüberstehen. Es wird auch eine Auf-
gabe der „Form" sein, ihren Lesern diese dunkle
Angst zu nehmen und Vertrauen zum Leben zu
wecken. Karl Scheffler

II.

In Ihrem Begleitwort zum ersten Heft geben
Sie uns deutlich zu \ erstehen, daß die Zeit
vorüber ist, wo man „allzuviel über Kunst ge-
sprochen hat .

Form isl der Ausdruck der Erkenntnis des inner-
lichsten, wesentlichsten Sinns aller Gegenstände,
und keine Kunst und kein Künstler kann und
darf dieser Innerlichkeit und Wesentlichkeil ir-
gend etwas andichten.

Reinheit isl der Zweck, vollkommenste Reinheit
der Form und man trifft diese nur in den Peri-
oden, wo man die Kunst als solche und den
Künstler ignoriert.

Hugo Hörings Erklärung, daß „wir falsch han-
delten, als wir die Forin zum Schauplatz histo-
rischer Demonstrationen machten, und ebenso
falsch als wir sie zum Gegenstand unserer indi-
viduellen Launen machten", stimme ich in voller
Übereinstimmung zu. Ebenso seiner Abneigung
gegen die sterile, calvinistische Mechanisierung
Corbusiers.

Ihr Begleitwort und der Aufsatz Hürnigs sind
ein glänzendes Programm.

Meine Kritik wird sich auf die Abbildungen
beschränken, und zwar auf die Tatsache, daß
es mehr Zeichnungen oder Abbildungen bedarf,
um sich in ein so interessantes Problem als das

des Viehstalles Garkau einzuleben. Hier niulf,
wisscnschafllicher vorgegangen werden. Weniger
verschiedene Abbildungen aber gründlichere Aus-
einandersetzung mit dein Problem jeder neuen
Form mittels Schnitte, Details usw. Das große
Publikum können Sic doch nicht heranholen.
Das Problem der Form gehört den Sachverstän-
digen und diese sind nun einmal anspruchs-
voller. Henrv van de Velde

III.

Zu dem Aufsalz von R. Doecker: Zum Bau-
problem der Zeil i ;)'>(i. I [eft \ :
Die wesentlichen Erkenntnisse und Gestaltungen
des Verfassers werden wohl jeder unbefangenen
Beurteilung stand hallen. Zu welchen Ivrampf-
haftigkcilen aber die hundertprozentige Verwirk-
lichung einer fixen Idee führen kann, sei z. B.
an der Stellung der Dachfenster und Erker
und der Giebel (Seile 63 und ()'|) nachge-
wiesen. Daß für Wohnräume die Sonnen-
lage anzustreben isl, steht fest. Blinder Eifer
aber muß genannt werden, wenn die Fenster-
flächen u. a. deshalb schief zur Gebäudeflucht
gestellt w erden, damit Punkt i ■> I br mittags
die Sonne senkrecht darauf scheinen kann, wobei
ilie Durchsonnung der Bäume selbst sogar ver-
mindert wird. Diese zweifelhaften Vorteile sind
alier durch die damit verknüpften Nachteile zu
teuer erkauft, als da sind: unwirtschaftliche Kon-
struktionen und Verdachungen, unfaßliche räum-
liche Beziehungen von Fensternischen und Aus-
tritten zu den entsprechenden Räumen, einge-
schränkte Nutzbarkeit und unbequeme Sauber-
haltung der im Grundriß dreieckigen Erweite-
rungen, insbesondere der ungedeckten Austritte.
Die Rücksichtnahme auf die „Aussicht" ist des-
halb unwesentlich, weil diese gerade so gut durch
eine kleine Drehung des Kopfes genossen werden
kann.

Die schiefe Stellung der Giebel zu Straße und
Aachbargrenze ergibt außerdem sehr unange-
nehme Dreiecksformen der Vor- und Seiten-
gärten, besonders bei geringen Abmessungen. Da
die Gartengestaltung auch zur Architektur ..im
weilen Sinn" gehört, darf nicht ein Sonderge-
biet das andere drangsalieren.

Sogenannte „künstlerische" Belange habe ich
bei meiner Kritik ausgeschieden: es handelt sich
zunächst um die Feststellung, welche „Zweck-
befi iedigung" die primäre isl.

Baurat Maas Neumann, Chemnitz

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