Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Das andere erledigt sich von selbst. Wenn
ein Gegenstand seinem Zweck vollständig
entspricht, auf dem schnellsten Wege aus
dem besten Material rationell hergestellt
worden ist, so ist seine aus Zweck, Material
und Technik gewonnene Form „richtig".
Den Begriff „schön", der aus irgendwel-
chen ganz anderen Gebieten stammt, gibt
es für die Industrie nicht, er ist ein Hirn-
gespinst, das auch heute noch intelligente
Fabrikanten auf ihrem Wege unsicher
macht. Die Industrien, für die das Ge-

spenst der Schönheit längst zerflattert ist,
haben, ohne es zu wissen, am meisten ge-
tan für die Schöpfung der neuen Schön-
heit, die für uns heule noch gleichbedeu-
tend ist mit Technik und Zweck, die aber
für einen späteren Betrachter ebenbürtig
neben den Schönheiten anderer Jahrhun-
derte stehen wird. Er wird in ihnen allen
die Äußerungen einer formenden Urkraft
sehen, die in Stein, Pflanze, Tier und
Mensch lebendig aller Rechnungen und
Zwecke spottet.

DER KLUBSESSEL

VON R. SACKUR, BERLIN

Wir waren es gewohnt, mit dem Be-
griff des Klubsessels ein Gefühl zu
verbinden, das über die Begnügsamkeit an
einer einfachen Wohnungseinrichtung hin-
ausgeht, wie etwa der Genuß von Austern
über die Bedürfnisse einer gewöhnlichen
Mahlzeit. Wir stellen uns einen eleganten
Snob vor, wie sein Leib im Lederpolster
ertrinkt, und in knappster Silhouette der
Kopf mit der unvermeidlichen Zigarette
und die Beine sichtbar werden. Dieses
Möbel schien für das faule Wohlbehagen,
für die körperliche Abspannung gebaut zu
sein, und der Mensch geriet in den Zu-
stand der Abendphantasie: „0 wie so schön
dah ingegossen."

Das „Wonnebett", das der ehrliche Gott-
fried Aug. Bürger nicht gekannt hat, ist
also hier in Erfüllung gegangen.

Die meistenMenschen betrachten dieKlub-
sessel-Herstellung als eine Luxus-Industrie,
deren Gegenstände nur für einen bestimm-
ten Zweck, im Grunde als eine fremde Sache,
bei uns eingeführt sind. Dennoch ist es
ßiit diesem Sessel, als einem Produkt bester
Handwerks-Leistung, anders. Auch er er-
füllt in der Geschichte der Kunst eine
Mission. Er beschließt Vergangenes und
leitet eine neue Zeit ein, und in dieser
Eigenschaft wird er nirgends nach seinem
Verdienst hervorgehoben.

In dem Lexikon der technischen Künste
steht nichts über den Klubsessel. So trivial

es klingen mag, eine Epoche auf ihn zu be-
ziehen, so hat er doch eine ebenso selbstän-
dige Bedeutung wie ein antikes Typenmöbel
und er unterscheidet sich von den Stühlen,
die eine gesteigerte, rein formale Entwick-
lung haben, durch seine Ursprünglichkeit,
worüber wir noch hören werden.

Wie das antike Ruhebett, die Kline, als
ein allgemeiner Gebrauchsgegenstand an
der Tafel, im Schlafgemach oder im Zelt-
lager des Soldaten aufgestellt wurde, und
ähnlich dem Klappsitz, dem Diphros, ein
Kolleklivmöbel darstellte, so hat der Klub-
sessel eine unserer Zeit entsprechende all-
gemeine Anwendung gefunden. Nicht etwa
der gepolsterte Stuhl, sondern das tape-
zierte Polster mit seinem ingeniösen Un-
terbau hat das Sitzfeld menschlichen Be-
hagens heute erobert. Vom Standpunkt
der Lebenssitte führt der Vergleich zwi-
schen Einst und Jetzt zur Gegenüberstellung
der verschiedenen Betriebsamkeit. Der ner-
vöse und ermüdete Mensch sitzt gewiß auf
irgend einem Stuhl, weil er kein Geld hat,
einen Sessel zu kaufen, und die hohen
Herstellungskosten sind der Grund, daß
man ihn nicht wie den Standard eines
Warenhaustyps in jedes Haus hineintragen
kann. Dennoch ist er „der Stuhl", eine
Entsprechung unserer Zeit. In proteischer
Gestalt begegnet er uns im Auto, im The-
ater, in knapp bemessenen Festräumen.
Wo in der Raumgestaltung eine zweck-

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