Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Mit Erlaubnis der Kunstausstellung Der Sturm, Berlin W o,

STAHLZEITLICHEN THEATERGESTALT

VON JOHANNES MOLZAHN, MAGDEBURG

^)as Theater der Gegenwart hat sich von dem
besten Sinn gelöst und ist nicht viel mehr als
ein Rendezvousplatz der Gesellschaft geblieben.
Der Sinn steht wahrhaft in den Pausen.
Wenn das hier ausgesprochen wird, so geschieht
es nicht, die Träger und Organisaloren der
Einzelbühne anzugreifen, denn diese sind selbst
bei bestem Willen machtlos und den Situationen
eingeordnet; aber es muß gesagt werden, damit
endlich die Erkenntnis reifen kann: diese Kul-
tur, die der Staat und die Städte, als beinahe
ausschließliche Besitzer der Theater, auf den
Bühnen propagieren, ist eine Scheinkultur, die
eines Tages katastrophale Rückwirkungen haben
muß auf einen Staat, der es dauernd versäumt,
dieses hochwertige Aufbaumittel einer Gemein-
schaft zur vollen Funktion zu entwickeln.
Ein Publikum verantwortlich zu machen, das
den jetzigen Spielplan verlangt, wäre wirklich

eine traurige und schwächliche Begründung; ab-
gesehen davon, daß dieses Publikum offenbar
von den eigenen Wünschen und Vorstellungen
gelangweilt ist und die Erfüllung der Wünsche
schlecht und mit Fernbleiben belohnt, gar nicht
daran denkt, die zur Stützung und Erhaltung
dieser angeblichen Kultur notwendigen Opfer
zu bringen. Dennoch hält man den unvermeid-
lichen äußeren Bankrott, der nur ein Zeichen
des inneren ist, immer wieder mittels der be-
rühmten Zuschüsse auf, ohne damit zugleich
neue Mittel zu entwickeln, einem Aufbau zu
dienen. In dieser Hinsicht ist allerdings das
Theaterproblcm symptomatisch für unser allge-
meines Verhalten, auch auf jedem anderen Ge-
biet.

Die Bühnenfrage ist ein lebendiges Problem vor
allem und bedarf einer lebendigen Erfassung
und Durchdringung der Massenpsyche. Welche
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