Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

Page: 149
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1925_1926/0197
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Aus einem Landgut in Borgfeld
Gartenarchitekt Fr. Gildemeister
Bremen

WERKSTOFF - TECHNIK - FORM

Gärten

In dem langjährigen Kampf um die Gartenge-
staltung hat sich die Idee des regelmäßigen, des
architektonischen Gartens gegen die Landschafls-
gartenkunst durchgesetzt. Aber wie konnLen die-
ser Idee unter den wahrhaften Naturfreunden
Anhänger gewonnen werden, wenn als Beispiele
Gärten gezeigt wurden, in denen die Pflanze
zwischen Holz- und Steinarchitektur fast keine
Rolle mehr spielte. Es fehlte den meisten der
damaligen Gärten infolge Vernachlässigung der
Pflanze der Zusammenhang mit der Natur und
damit die Seele, die Melodie. Und gerade die
ist es, die der Deutsche bei seiner Liebe zur
Natur zu finden wünscht und finden muß.
So wertvoll und wichtig es war, den Anschluß
an die große alte Tradition der wirklichen Gar-
tenkunst wieder hergcslellt zu haben, dieser Ge-
winn wäre erneut verloren gegangen, wäre nicht
im Laufe der Entwicklung die Pflanze wieder
in den Mittelpunkt des Gartens gestellt und wie-
der zum eigentlichen Baustoff der Gartenge-
staltung gemacht worden.

Der Lahdschaftsgarten kann heute eigentlich nur
theoretisch als überwunden gellen. In der Praxis

wird die naturalistische Naturnachahmung im
Garten in einer Weise und in einem Umfang
noch weiter fortgesetzt, die im Vergleich zu den
Fortschritten auf andern Gebieten der ange-
wandten Kunst ebenso beschämend wie erstaun-
lich ist. Um so erstaunlicher, als in den letzten
zwanzig Jahren fast jede führende Kunst- und
Fachzeitschrift sich in modernem Sinne mit
Gartonfragen beschäftigt und die regelmäßige
Gartenform mehr oder weniger entschieden pro-
pagiert hat. Zweifellos hat diese Propaganda
große technische Hindernisse zu überwinden ge-
habt. Die zeichnerische Darstellung in Grundriß
und perspektivischer Ansicht, auf die man zu-
nächst angewiesen war, da in Natur noch keine
vollontwiekellen Beispiele neuer regelmäßiger
Gärten vorhanden waren, litt in den Augen des
garteninleressiertcn Laien an einer gewissen
Nüchternheit und Kälte, da sie aus Gründen der
Übersichtlichkeit und Sachlichkeit auf malerische
und Slimmungsel'f'ckte verzichtete. Eine überzeu-
gende photographische Wiedergabe war aber erst
viele Jahre nach der Ncuanlage möglich. Zu-
dem haben Garten- und Parkphotographien den
Nachteil, meist nur Ausschnitte und Teilbilder,
selten Gesainiansichten und Übersichten zu bieten.

149
loading ...