Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Wissen, sondern aus naiver Freude, schaffen zu
wollen und zu können. Vom Gesichtspunkt des
Könnens aus ist im allgemeinen festzustellen, daß
die Leistungen, selbst wo sie auf Kosten des
Formgewissens gehen, immer noch einen beach-
tenswerten Grad von keramischen Instinkt und
handwerklicher Freude darstellen, und daß gerade
die junge Generation wieder im Besitz der Magie
dieser Kunst ist, die fast ein Jahrhundert lang
verloren war. Als Boden solcher Ergebnisse
zeigt sich die einzelne Werkstätte des Keramikers,
der seiner Individualität frönt, weniger wertvoll
als etwa ein kollektives Arbeitszentrum, das viele
künstlerische Kräfte vereint und durch diese Zu-
sammenarbeit mit Hilfe der unbewußt korrigie-
renden Einwirkung eines technischen Großbetrie-
bes ein Niveau schafft, auf dem Wollen und
Können im Einklang steht. Bezogen auf die
grundsätzlichen Forderungen unserer Zeit und
ihren Formwillen liegen wieder bei dem tech-
nischen Porzellan der Berliner Manufaktur, das
scheinbar so isoliert dasteht, die besten Ergebnisse
vor, und es erscheint als ein erfreuliches Symbol
und ist kein Zufall, daß die Kanne von Bogler über
den Umweg der Bauhausarbeit dem Alt-Veltener
Krug so ähnlich ist. In diesem grundsätzlichen Zu-
sammenhang sind besonders die Werkstätten der
Steinguifabriken Velten-Vordamm zu nennen,
bei denen auch die Bedingungen einer anstän-
digen zeitgenössischen Massenproduktion in der
Strenge des formalen Aufbaus und der Zurück-
haltung vor individueller Planlosigkeit vorhanden
sind.

Diese Vorzüge fehlen aber erstaunlicherweise
ganz bei den ausgestellten Öfen, von denen man
als einem, unter jahrelangem Einfluß der Nor-
mung und der sparsamen Bauweise stehenden Bau-
teil eine gewisse Einheitlichkeit erwartete. Es ist
tatsächlich darunter kein einziges Stück, das sich
an formaler Bichligkeit mit dem einfachsten
Kanonenofen messen könnte. Der Mangel an
konstruktivem Können, ja eine anscheinend be-
absichtigte Flucht davor ist geradezu verblüffend,
man steht ratlos nicht nur vor irgendwelchen
Entgleisungen tollkühner Damen, sondern auch
vor den Produkten, für die ein Professor der staat-
lichen keramischen Fachschule in Bunzlau ver-
antwortlich zeichnet, und die wahrscheinlich man-
chen ehrenwerten Töpfermeister aus dem Gleich-
gewicht bringen werden.

Gerade an diesen Öfen wird das Fehlen eines
Merkmals, das für die künstlerische und hand-
werkliche Arbeit bewußter Kullurepochen immer
bedeutsam war, nämlich die Beziehung auf das
körperliche Grundmaß des Menschen, zur auf-
schlußreichen Erkenntnis. Das gesamte Material
dieser Ausstellung scheint, bis auf wenige Stücke,
nach dem Grundmaß von verschiedenen Möbeln
oder Räumen oder nach betriebstechnischen Vor-
aussetzungen immer ganz zufällig geschaffen zu
sein. Hier liegt vielleicht ein Kernproblem der

Disharmonie der künstlerischen Zeitproduktion,
das erst langsam durch das Ineinanderwach-
sen des vielfältigen Organismus unserer Zeit ge-
löst wird, wenn einmal der technische Geist seine
Sachlichkeit und Gesetzlichkeit gegenüber der aus
einem wirren Bildungsjahrhundert stammenden
Formlosigkeit durchgesetzt hat und das Zufällige
wieder durch eine neue Logik genormt hat. Wenn
auch einzelne Verbindungen dahin durchaus schon
bestehen, wie (um auf die Interessen des Baus
und der Architektur hinzuweisen) die Schadesche
Figur, die Hennint/schen Friesteile, die Versuche
von Mutz, so ist doch die Formensprache einer
Maschinenhalle, eines Motorpfluges, einer Ther-
mosflasche noch himmelweit entfernt von dieser
rückblickenden Gestaltungswelt. Denn schließ-
lich enthält die Holzschüssel eines finnischen
Bauern den ganzen Wald, eine römische Am-
phora das Kolosseum, die Kutsche des alten Fritz
das ganze Sanssouci; wo aber ist ein Rolls-Royce-
besitzer, über dessen Möbel, Teppiche, Teller,
Tassen usw. nicht sein Auto erröten müßte? Aber
es ist nicht zu leugnen, die junge Generation,
die nicht zuletzt aus der Volkskunst und aus
der Kraft der deutschen Jugendbewegung stammt,
hat die Magie der Hand wiedergefunden, sie wird
die Grundlage für das Grundsätzliche, für die
nicht zu erschreibende oder zu erlesende, sondern
aus ihren organischen Bestimmungen heraus zu
erarbeitende Synthesis bilden können.

Dr. Konrad Hahm

DER SIEG DER FARBE

Die Staatliche Bildstelle in Berlin veranstaltet
gegenwärtig ein Ausstellung farbiger Lichtdruck-
Nachbildungen im entscheidenden Wesen zeit-
genössischer Malerei, die in einem Sammelwerk
unter dem Titel Der Sieg der Farbe im Verlag
der Photographischen Gesellschaft Charlottenburg
erschienen sind. Der Herausgeber des Werkes,
Dr. Adolf Behne, stellt uns auf unsere Bitte
darüber folgenden Bericht zur Verfügung.

Wenn ich über den ,,Sieg der Farbe" als Her-
ausgeber an dieser Stelle etwas sagen darf, so
möchte ich zunächst die Farb-Reproduktion all-
gemein gegen gewisse Ästhelen unter ihren Ver-
ächtern rechtfertigen. Daß selbst die beste und
vollkommenste Farb-Reproduktion nicht zum Ori-
ginal wird, ist eine Binsenwahrheit. Trotzdem
hat sie, wie jede gewissenhafte und künstlerisch-
verständnisvolle Übersetzung, ihren Sinn und
Wert. Sie ist eine Übersetzung, genau so wie
der deutsche Dostojewski, der deutsche Flaubert,
der deutsche Ibsen. Jeder weiß, daß jede Über-
setzung einiges schuldig bleiben muß, aber eben-
sogut weiß jeder, daß Verzicht auf Übersetzun-
gen eine große Verarmung bedeuten würde. Al-
lerdings müssen wir an die Farb-Reproduktion
besonders hohe technische Anforderungen stellen,
gerade weil sie gegenüber der farblosen Wieder-
gabe eine weit größere Annäherung an das Ori-

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