Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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glnal in jedem Falle zu garantieren scheint. Die
Gegner der farbigen Reproduktion sagen, die
Schwarz-Weiß-Reduktion eines Bildes täuscht
uns erst gar nicht darüber hinweg, daß sie ein
primitiver Notbehelf ist; die Färb-Wiedergabe
aber macht den Laien glauben, sie sei dem Ori-
ginal identisch und führt dadurch oft auf eine
falsche Spur, d. h. sie läßt die bei allen Wieder-
gaben notwendige Vorsicht und Kritik erlahmen.
Nun, sicherlich gibt es schlechte Farb-Wieder-
gaben, die dem Original ferner bleiben als eine
gute farblose Wiedergabe. Aber davon kann man
unmöglich ein allgemeines Urteil ableiten. Als
Grundsatz scheint mir nur dies möglich: eine gute
Farb-Wiedergabe ist besser, aufschlußreicher, als
eine farblose Wiedergabe gleicher technischer
Qualität.

Daß die Entwicklung zur Farb-Wiedergabe
geht, ist fraglos. Es handelt sich bei der Lösung
dieses Problems um eine ganz außerordentlich
wichtige kulturelle Aufgabe. Und zu unserer
Freude haben wir uns bei keinem Künstler in
Deutschland, Frankreich, Italien, Holland, Ruß-
land einen Korb geholt. Sie alle zeigten das
größte Interesse und das größte Wohlwollen für
den Plan — selbst die erst skeptisch waren.
Schwierigkeiten, die gelegentlich ernste Hem-
mungen wurden, machten nur einige Sammler,
die päpstlicher erscheinen wollten als der Papst,
künstlerischer als der Künstler. Merkwürdig —
in ihren Büchern dulden so empfindliche Na-
turen Schwarz-Weiß-Abbildungen, die dem Ori-
ginal ferner bleiben als eine selbst nur mittel-
mäßige Farb-Wiedergabe.

Dreierlei hat sich der Sieg der Farbe zur
Pflicht gemacht: einmal die letztmögliche tech-
nische Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit. Es steht
mir nicht an, über das Resultat zu urteilen; doch
darf ich sagen, daß der Ehrgeiz des Verlages
höher ging als die Anwendung üblicher Methoden
fortzuführen, daß er vielmehr mit Freude und
Kühnheit an Aufgaben heranging, die nur durch
gewagte Experimente zu lösen waren. Den
Druckern der Firmen Frisch (Berlin), Kolbe und
Schlicht (Dresden) und der graphischen Klasse
des Bauhauses sind wir zu Dank verpflichtet.

Zweitens: die Wiedergaben sollten so groß wie
möglich sein, da starke Verkleinerungen tatsäch-
lich in der Farb-Reproduktion bedenklicher
sind als in der farblosen. Es wurde also ein
großes Format gewählt (/jo: 5o cm), das in vielen
Fällen erlaubte, das Original in voller Größe oder
mit nur geringfügiger Verkleinerung zu geben.
Freilich, nicht immer war dies möglich, nicht
einmal immer dort, wo es — möglich gewesen
wäre. Nicht immer ist ja das Bild, das man
bringen möchte und das das Beste wäre, zu be-

kommen. Wünsche des Künstlers, des Besitzers,
des Rechtsnachfolgers, des gewissenhaften Druckers
laufen nicht immer den eigenen parallel. Nicht
immer war der Grundsatz, ein Bild zu nehmen,
das gar nicht oder nur wenig verkleinert zu
werden brauchte, das noch wenig bekannt ist, das
eine tadellose Wiedergabe zuläßt, das als reprä-
sentative Leistung des Künstlers gelten darf, so
zu halten, daß allen Gesichtspunkten gleichmäßig
Rechnung getragen war. Solch Idealfall ist nicht
die Regel.

Drittens: die Auswahl der Bilder sollte aus
der europäischen Entwicklung der letzten fünfzig
bis sechzig Jahre jene Maler geben, die führend
und entscheidend waren. Für die ältere Zeit
diese Auswahl zu treffen, ist heute vielleicht
nicht mehr allzu schwer, aber für die Gegenwart
ist sie gewiß nicht leicht. Sollte man deshalb
nach berühmten Mustern die Verantwortung
scheuen? Das Werk bis in die unmittelbare
Gegenwart zu führen, war von vornherein der
Wille des Verlegers wie des Herausgebers. Es
sollte jener ängstliche, abwartende Strich hinter
den Arrivierten für diesmal und in diesem Werk
nicht gezogen werden. Es sollten die Schöpfer
unserer Zeit gezeigt werden, auch jene und ge-
rade jene, die in den offiziellen Museen der Le-
benden für die nächsten dreißig Jahre noch
nicht zu finden sein werden. Die Mondrian,
Rodzenko, Severini, Carrä, Leger, Morgner, Does-
burg-Eesteren sind ein Stolz der Kollektion.

Eine gewisse Erschwerung war es, daß infolge
besonderer Vorbereitungen in früherer Zeit das
historische Gleichgewicht etwas zugunsten der äl-
teren Franzosen verschoben war. Es ließ sich
das nur dadurch ausgleichen, daß die Vertretung
des französischen Impressionismus etwas knapp
gehalten wurde. Dies schien uns jedenfalls das
kleinere Übel gegenüber einer Einschränkung
bei den Modernen.

Ich glaube seihst nicht, daß die getroffene
Auswahl einen jeden sofort überzeugt. Ich ge-
stehe gern, daß wir ein wenig auch versuchten,
gegenüber allgemein gewordenen Überschätzun-
gen eine Korrektur zu bringen, Unterlassungs-
sünden gut zu machen. Zum Beispiel schien es
uns wichtiger, endlich einmal Karl Blechen wür-
dig zu reproduzieren, als zum soundsovielten
Male Corinth oder Slevogt. Ich denke, daß die
/io Blätter auch ein brauchbares Unterrichts-
material sein werden. Mit großer Freude sah
ich sie in Moskau in der Staatlichen Kunstschule
(Wchutemas) hängen, und ich hoffe, daß sie
einiges enthalten, an dem man sich freuen kann.
Die Zahl derjenigen, die Freude am Schaffen
auch der eigenen Zeit zu empfinden vermögen,
ist hoffentlich im Wachsen. Adolf Behne

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