Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

Page: al
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1925_1926/0148
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Berlin W 35. (Preis i M.) Diese Schrift des neuen
Direktors der Kölner Werkschulen darf als eine Art
Programm angesehen werden, wenn man unter die-
sem Wort mehr versteht, als ein systematisches
Zusammenstellen der Wege und Ziele, die bei
der Führung und Leitung einer neuzeitlichen
Kunstgewerbeschule beschritten werden sollen.
Sie ist ein Programm im tieferen Sinn, denn
sie ist ein ehrliches Bekenntnis zu einer freien
Gesinnung, besonders gegenüber den Wegen der
Kunsterziehung, die bisher beschritten worden
sind. Die Stellung des Verfassers zu den ein-
zelnen Fragen ist so friscli und gesund, daß
man seine Freude daran hat. So etwa, wenn
man liest, wie Riemerschmid gegenüber der
bisherigen Kunsterziehung, die im zeichnerischen
Darstellen eines Aktes gipfelt, feststellt, daß der
Schüler nicht durch einen systematischen Plan
bis zum Akt- und Entwurfsunterricht geführt
werden soll, sondern behutsam und seiner Eigen-
art entsprechend an die richtige Stelle, sei es
das Werkbreit, den Glasfensterkarton oder die
Töpferscheibe, gebracht werden soll. Demgemäß
kennt er auch kein Unter- und Überordnen der
verschiedenen Lehrkräfte, sondern ein Neben-
einanderstellen der verschiedenen Temperamente
der Lehrerpersönlichkeiten. Auch das Natur-
studium sieht er mit ganz anderen Augen an,
indem er nicht das Ziel in irgendeiner mehr
oder minder manierierten Nachahmung der Na-
tur sieht, sondern dem Glauben Ausdruck ver-
leiht, daß durch die Erregung des Naturein-
drucks und des Erlebens sich die Vorstellung
bildet, die dann in der Form ihren sichtbaren
Ausdruck gewinnt, nachdem sie zum Ausgleich
mit der Beherrschung des Werkstoffs in der
Technik durch Übung und Arbeit gekommen
ist. So soll eine Schule nicht neben dem Leben
stehen, sondern mitten in ihm, keine Art der
Gestaltung bevorzugen und vor allem als höch-
stes Gebot die Pflege einer reinen Gesinnung als
Ausdruck unbedingter Ehrlichkeit kennen. Wert-
volle Ausführungen wie die über die Art, wie
man das von der Natur dem Schüler verliehene
Erbe pflegt und an die rechte Stelle setzt,
gehören mit zu dem Interessantesten, was Rie-
merschmid in diesem Bekenntnis zu sagen hat.

£ E. W. L.

Als 8. Vortrag in der Vortragsreihe, die der
Verein für deutsches Kunstgewerbe Berlin zu-
sammen mit dem Deutschen \\ erkbund veran-
staltet, fand am Februar der Vortrag von
Dr. Theodor fleuß über „Staat, Wirtschaft und
Kunst'' statt.

Der Redner charakterisierte zunächst die mannig-
fachen freundlichen und gegensätzlichen Asso-
ziationen, die das Nebeneinander der Begriffe
weckt, um damit den Rahmen seiner Dar-
legungen zu umschreiben: er suchte kein ver-
einfachendes System der Zusammenhänge, son-
dern die Analyse der Berechnungen zu geben.
Zwischen einem Staatstypus und der Kunst sind
Wechselwirkungen vorhanden wie zu ischen Wirt-

schaf tsslruktur und Formenwelt, etwas feudaler,
kapitalistischer — aber die Frage der Slaats-
form im engeren Sinne wird davon nicht be-
rührt und ist gewiß ohne alle aktuelle Beweis-
kraft, so sehr Monarchisten, Republikaner, Re-
volutionäre die ihnen gerade willkommenen Un-
gleichsbeispiele benutzen. In einer Abfolge mar-
kant gewählter historischer Beispiele wird dies
veranschaulicht. Die Monarchie enthält wohl
eine Chance für positive Kunstpflege, sofern sie
auf geschlossene .Entscheidung gestellt; aber es
ist eine gefährliche Chance zum Guten oder
Schlimmen (Ludwig I und Ludwig II von Bay-
ern). Die Demokratie mit der Technik von
Mehrheilsfindunsr ist in der öffentlichen Kunst-

o

pflege nun auch ein Risiko, wenn sie nicht der
Einzelverantwortung Raum gewährt.
Dr. fleuß entwirft nun ein Bild des werdenden
„nationalisierten" Staates mit bewußter Kunst-
pflege, Schulgründung, Museumspolitik, um
dann darzustellen, welche tiefe Wandlungen in
Gesellschaft und Wirtschaft sich in dieser Pe-
riode vorbereiten: Die vom Staat oder Korpora-
tion gelenkte Wirtschaft wird frei, Maschine,
Teilarbeit. Kapitalismus, Freizügigkeit, Binnen-
wanderung, eine anonyme Masse des Publikums
in Produktion und Konsum eine radikale Än-
derung, die Künstler spalten sich; in der sog.
„hohen" Kunst ist die Entfallung des eigenwilli-
gen Individuums die höchste Leistung, die in
der gefährlichen Luft der „Freiheit" möglich
wird: in die angewandten Künste brechen Ka-
pitalismus und Historismus ein, mit dem selt-
samen Kampf, Form zu finden und Form zu
entwerten. Beide Gebiete treten unter die Wir-
kung von Literarisierung, Spekulation, Kunst-
„Politik". Die Gegenwehr, der Folgen bewußt,
setzt ein, auch literarisch, doch zugleich mit
schöpferischen Ansätzen; sie scheint noch recht
gute Kunst, aber ermöglicht reinlichere Tren-
nung der Sphären. Was der Staat oder die
Gemeinde in diesen Bezirken nun leislel, ist
weniger in Programmsälzen zu beschreiben; es
ist im lelzten immer eine Personalfrage.
Die Schlußbelrachlungen widmet Dr. Heuß den
konkreten Fragen der Handels- und derr Steuer-
politik, wobei er die nalionalwirlschaftliche Be-
deutung der feineren Gewerbe und deren Zu-
sammenhang zwischen Innen-Markt und Export
gerade auf diesem Gebiete herausarbeitete. Ge-
rade an den Schicksalen der sog. „Luxusstcuer",
die niedergekämpft zu haben ein parlamentari-
sches Verdienst des Redners ist, konnte er die
schlimmen Auswirkungen falsch orientierter
Staatspolitik beschreiben.

Den 9. Vortrag am 10. März bestreitet Herr
Dr. Hans v. Ankwicz-Kleehoven über „Wege und
Ziele des modernen österreichischen Kunslhand-
werks". \in :>.">. März spricht Herr Geheimrat
Dr. h. c. Peter Bruckmann aus Heilbronn über
„Neuzeitliche Silberarbeiten". Die beiden letzt-
genannten Vorträge finden mit Lichtbildern
statt.
loading ...