Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Aber es ist von der Druckerei, die die Gesamt-
energie auf die wirtschaftliehen Anpassungen
verwenden muß, nicht zu verlangen, daß sie
auch noch die ganze Durchdringungsarbeit lei-
stet, also die Formanpassung der gesamten tech-
nischen und Funktionsvorgänge an das wach-
sende Lebenstempo und die entsprechend gänz-
lich veränderte Zeitpsyche, die die neue Form-
gestalt der Drucksachen notwendig fordert.
Bei der Erziehung des Druckers und der Ent-
wicklung der Druckindustrie soll noch etwas
verweilt werden, um die Anpassungskrise zu
erkennen, die diese Berufe zweifellos durchzu-
machen haben. Denn es ist für unser Gebiet
von großer Wichtigkeit, die Grenzen der Lei-
stungsfähigkeit des Druckers festzustellen. Die
Erziehung derselben wurzelt noch allzu sehr
in der Kultur des Mittelalters, der Schriflkullur
der Mönche, einer sehr alten Tradition der
Handgestalt, z. B. wird auch heute noch der
Tvpensatz handwerklich geübt, nur teilweise
konnte die Setzmaschine die Handfunklion ver-
drängen, allerdings ohne zugleich damit die
Maschinensatzform zu entwickeln, diese auf dem
Maschinenvorgang aufbauende absolute Form;
vielleicht wird hier die pholographische Selzma-
schine und deren Funktionseigentümlichkeiten
die neue Form erzwingen. Auf der anderen Seite,
dem eigentlichen Druck dagegen sehen wir äußer-
ste Mechanisierung und Rationalisierung in den
hochwertigen Druckmaschinen; Hand- und Ma-
schinenwerk stehen sich unmittelbar gegenüber
und daher der große Zwiespalt eines modernen
Druckereibelriebes, der auf der einen Seite die
Schriften der Mönche in Typenguß gezüchtet
hat und noch heute verwendet und auf der
anderen Seite diese in Massenauflagen durch
eine moderne Rotalionsmaschine jagt. Die Satz-
gestalt erinnert daher noch in irgend einer
Weise an die ersten Formen der Kraftwagen,
die dem Vorspannwagen abgeleitet waren; ich
erinnere nur an die übliche Form des Geschäfts-
formulars symmetrischen Mitleaufhaues, so wie
er von der übergroßen Mehrzahl der Drucke-
reien noch heute geliefert wird, obwohl dieser
Aufbau in keiner Weise mit der sachlichen Ge-

bundenheit der Maschinenbeschiiftung rechnet,
aber auch das Ablesen der verschiedenen Ver-
kehrsnummern und Texte erschwert.
Die Industrie hat die Mängel der Drucksachen-
gestalt sehr wohl erkannt. Sie hat sich in dem
^.Normenausschuß der deutschen Industrie" eine
Organisation geschaffen, die außer der Normung
der Papierformate, auch die wichtigsten Ge-
schäftsformulare, in Hinsicht der Raumanord-
nung von Satzteilen, auf einen neuen Nenner
gebracht hat. Diese Arbeit kommt dem wirt-
schaftlichen Interesse insofern entgegen, als nun
wichtige Angaben: FernruC, Banken usw. immer
an der gleichen Stelle und mit dem geringsten
Aufwand an Zeit abgetastet werden können.
Es ist bezeichnend, daß noch fast gar keine
Druckerei diesen Gedanken aufgegriffen und ge-
pflegt hat, aber auch ein weiteres Zeichen, daß
die Druckereien nicht die geeigneten Pioniere
sind, die Zeitform der Drucksache zu fördern.
Wenn auch die Initiative der Industrie bei der
Neugestalt weiterhin nicht zu entbehren sein
wird, so kann sie allein die formale Konsequenz,
die ihr aus der Gebundenheit der Zeitpsyche er-
wächst, nicht durchführen; sie wird der Mitarbeit
von Künstlern sachlich-konstruktiver Einstellung
nicht entralen können, denn diese sind in her-
vorragender Weise Gestalter des Zeitproblems
innerhalb der optisch-psychischen Komplexe und
der Ökonomie der Mittel.

Immer mehr müssen Prodaktions- und Handels-
kreise auch den Aufbau der Propagandamittel
nach den gleichen Grundsätzen der Wirtschaft-
lichkeit fordern, die für den gesamten Indu-
strie- und Wirtschaftsvorgang Geltung haben:
mit dem geringsten Aufwand energetischer and
materieller Mittel größte Wirkung zu erreichen.*)

*) Diese Ausführungen sollen nicht beschlossen werden, ohne an
den Ausgang die Empfehlung einer Literatur zu stellen, die auch
die Aufbauelemente der Drucksache und des Geschäftsverkehrs in
hervorragender Weise durchdringt und lebendig macht, im Sinne
einer konsequenten Auffassung der Zeit und Psyche. „Warum ■».
Zeichen für einen Laut?'1, die Schreibmaschine der Zukunft in
konstruktiver Vereinfachung, nur mit Minuskeln ist billiger in der
Anschaffung und im Betrieb, denn dieselbe Zeit, die heute einen
Brief mit Großstaben-Umschaltung produziert, kann mit dieser ohne
Umschaltung und nur Minuskeln 2 Briefe und noch mehr sehreihen.
..Sprache und Schrift-' von Dr. W. Porstmann, Verlag des Vereins
Deutscher Ingenieure, Berlin NW 7.

JOH. MOLZAHN fcv, -jy DIENSTSIEGEL DER

MAGDEBURG *V © © STADT MAGDEBURG

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