Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Schriften und die vielen Drucksachen der
Industrie, der Behörden usw. Suchen wir
diesen Dingen die beste Form! Ohne Rück-
sicht auf Tradition, ohne Liebäugeln mit
Kunst, ohne Schielen nach dem Vorbild.
Fangen wir einmal von vorn, vom Werkbe-
stand an. Denken wir mit der Unvoreinge-
nommenheit des ersten Schöpfungstages die
Aufgabe durch! Prüfen wir alle Mittel, die
uns zu ihrer Lösung zur Verfügung stehen!
Prüfen wir sie kritisch! Kein tausendjähri-
ger Gebrauch soll uns eine Form rechtfer-
tigen, die wir nicht verstehen! Aber auch
der Freude am Neuen, am noch nicht Dage-
wesenen wollen wir keine Sinnlosigkeit,
keine unverstandene Form konzedieren.
Wenn wir so, mit größter Gewissenhaftig-
keit, mit heiligstem Ernst die Form aus der
Vertiefung in die Aufgabe gewinnen, wer-
den wir den lange gesuchten Stil unserer
Zeil finden.

Das wird dann aber nicht eine Kunst der
Künstler sein, sondern, wie in allen großen
Kulturzeiten, eine Kunst des ganzen produ-
zierenden Volkes. Das werktätige Volk auf
diese Aufgabe vorzubereiten, das ist die Ar-
beit, in der wir stehen. Gelingt es, so ist
weitaus mehr gerettet als was man heute
Kunst nennt. Denn der kulturelle Nieder-
gang der letzten Jahrhunderte hat noch eine
andere, tiefere Ursache. Seit dem Mittel-
alter haben wir immer mehr und mehr ver-
lernt, eine Sache um ihrer selbst willen zu
tun. /Vlies wurde Mittel zum Zweck. Aber
wie die spezifische sittliche Würde des Men-
schen darin besteht, „Selbstzweck" zu sein,
so verliert auch jede Tätigkeit, jede Arbeit
ihren Adel, ihre Würde, wenn sie ohne In-
teressiertheit an ihr selbst, nur als Mittel
zu einem anderen Zweck ausgeübt wird.
Nur aus dieser Verkennung des spezifischen

Eigenwertes aller Dinge und jeglicher Ar-
beit konnte der Kapitalismus entstehen.
Aber die Gegenwehr des Arbeiters darf
nicht nur eine Lohnbewegung sein, so not-
wendig diese im Augenblick sein mag.
Wenn wir in unserer Arbeit auch mir et-
was sehen, was wir um Geld verkaufen, so
leiden wir ja an demselben Übel. Menschen-
würdig ist nur die Tätigkeit, mit der wir
innerlich verbunden sind; ist nur die Ar-
beit, deren spezifische Würde wir achten.
Menschenwürdig zu arbeiten, das hängt also
ganz von unserm freien Entschluß ab.
Kämpfen wir um unsern Lohn! Das ist
unser gutes Recht, unsere Pflicht gegen die
Kameraden. Aber arbeiten wir nicht des
Lohnes wegen, sondern arbeiten wir aus in-
nerstem Interesse an der Arbeit selbst! Das
ist die Sachlichkeit, die zur neuen Kunst,
einer wahren Kunst für alle führt. Das ist
der Sinn der vom Werkbund gef Order ton
Qualitätsarbeit.

So manche Volksbildungsbemühungen
haben nur das Ziel, einer sterbenden bür-
gerlichen Kunst aus der Arbeiterschaft ein
kleinbürgerliches Stehplatzpublikum zuzu-
führen. Das ergibt dann so oft schlimme
Halbbildung. Halbgebildet ist nicht der auf
halbem Wege zur Bildung Stehengeblie-
bene, sondern der hoffnungslos Verirrte.
Halbbildung ist Vorbildung! Aber die Bil-
dung selbst ist ja seit der Renaissance in
einer Krise. Auch der sogenannte Gebildete
ist heute nur allzuoft verbildet! Darum
Vorsicht vor dem Herumnaschen und Her-
umdilettieren auf allen möglichen Gebieten!
In unserm kurzen Menschenleben ist die uns
am besten bekömmliche, im tiefsten Sinne
förderliche, am leichtesten zugängliche,
echte Bildung die intensive Durchgeistigung
und Beseelung unserer Berufstätigkeit.
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