Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Die künstlerische Gestaltung des Zeilungsbildes
kann nur innerhalb zweier Grenzflächen vor sieb
gelien. Einmal ist die Zeitung abhängig von ganz
bestimmten technischen Gegebenheiten, ohne die
ihre Herstellung innerhalb eines auf die Minute
festgelegten Zeitraumes unmöglich ist. Nicht so
wie beim Buch steht auch bei der Zeitung die
Wahl der Brotschrift frei, liier ist man auf die
maschinelle Leistungsfähigkeit der Zeilensetzma-
schinen angewiesen. Nicht so wie beim Buch läßt
sich Qualität und Format des Papiers frei be-
stimmen. Das typographische Schriften- und Zicr-
material, das zur Auszeichnung zur Verfügung

O OD

steht, muß aller preziösen Feinheiten entbehren,
weil es auf dem Wege über Kalander, Prägepresse,
Stereotypie bis zur Rotationsmaschine und dann
über eine Auflage von Hunderttausenden von
Exemplaren einer außerordentlich hohen tech-
nischen Inanspruchnahme ausgesetzt ist. Den
technischen und materiellen Gegebenheiten aber
sich anzupassen, würde schließlich zur künstleri-
schen Gestaltung jedes Gebrauchsgegenstandes ge-
hören. Sehr viel größere Schwierigkeiten ent-
stehen daraus, daß die Zeitung inhaltlich jeden
Tag aufs neue vor völlig andere Aufgaben ge-
stellt wird, daß sie vom redaktionellen Stoff ab-
hängt und in dessen Gliederung schließlich auf
gewisse Traditionen Rücksicht, nehmen muß.

Der Kopf

Das Zeitungsbild wird bestimmt durch den Titel
oder Kopf der Zeitung, über dessen würdige und
zweckmäßige Gestaltung manches zu sagen wäre.
Indessen ist die Lösung dieser Aufgabe eine reine
Angelegenheil des Graphikers, und über diese
Frage sollte man eigentlich nur zu Zeitungsleuten
sprechen, um sie zu ermahnen, auf eine unange-
bracht Pietät in der Beibehaltung des Kopfes
zu verzichten, weil die Zeitung ihrem Wesen nach,
wie kein anderer Gegenstand, modern sein muß,
woraus sich, rein praktisch, die Verpflichtung er-
gibt, ebenso wie an eine Erneuerung der Fassade
des Verlagshauses, an die, aus dem Gestaltungs-
willcn der Gegenwart quellende Erneuerung der
Form des täglich gleichbleibenden, also als Marke
wirkenden Kopfes der Zeitung zu denken. Es ist
bezeichnend, daß die hauptsächlich auf den Stra-
ßenverkauf abgestellten Großstadtblätter zuerst
erkannten, daß der Kopf der Zeitung ihr Plakat
ist, während die Blätter, die über einen festen Be-
zieherslamm verfügen, immer mit dem Wagnis
rechnen müssen, das Mißfallen des bekannten
allen Abonnenten" zu erregen, sobald sie auch
nur die geringste Neuerung einführen. Die Er-
fahrung hat jedoch gezeigt, daß Besorgnisse sol-
cher Art kaum am Platze sind.

Satzbild

Es ist jedoch nur die erste Seite der Zeitung, deren
Bild von der Gestallung des Kopfes beeinflußt
wird. Viel wichtiger und schwieriger ist das Pro-
blem, das Satzbild einer beliebigen Texlseile so zu

gliedern, daß eine zweckmäßige und zugleich
ästhetische Wirkung zustande kommt. Es gibt po-
litische Zeitungen in Deutschland, und zu ihnen
gehören die namhaftesten und angesehensten
Blätter, die es ablehnen, durch grobe Mittel ir-
gendwelche sensationelle Wirkungen zu erzielen.
Unter der Devise, daß das Satzbild des Textleils
einer Zeitung, je ernster und anspruchsvoller
sie im Inhalt ist, desto ruhiger bleiben muß, stei-
gert sich diese Ruhe bis zur Grabesruhe und töd-
lichen Langeweile. Wenn an den Zeitungsleser
die stillschweigende Forderung gestellt wird, sein
Blatt von A bis Z durchzulesen, so darf er billi-
gerweise eine solche Zumutung ablehnen und statt
dessen verlangen, daß ihm das Neueste und Wich-
tigste in einer übersichtlichen Form zugänglich
gemacht wird, die eine schnelle Orientierung zu-
läßt. Er darf erwarten, daß die sogenannten Ta-
gesereignisse durch die Überschrift, den Stärke-
grad der Brötschrift, und im Rahmen der tradi-
tionellen Einteilung der Zeilung nach den Haupt-
sparten durch die Placierung hervorgehoben
werden.

Der Gegensatz zu der ruhigen Zeitung ist das Sen-
sationsbialt, das jeden Tag aufs neue irgend ein
Ereignis als weltbewegend glaubt plakatieren zu
müssen und nicht ansteht, durch plumpe Ver-
wendung übermäßig großer Auszeichnungsschrif-
ten, unter Verzicht auf die Einhaltung einer spar-
tenmäßigen Gliederung, das Satzbild sinnlos zu
zerfetzen. Nur die mittlere Linie wird hier die
richtige sein.'

Die grundsätzliche Einteilung einer Zeitungsseite
in drei, vier und mehr Spalten, bestimmt zu-
nächst ihr Bild. Die zeilraubenden, technischen
Schwierigkeiten bei der Umstellung der Setzma-
schine auf eine andere Spaltenbreite bedingen es,
daß der kompresse Salz sich an dies eine be-
stimmte Ausmaß hält. Variationen sind nur mög-
lich durch Verwendung fetter Schriftgrade zur
Hervorhebung einzelner Zeilen (nicht aber ein-
zelner Wörter) oder auch ganzer Abschnitte. Die
Hervorhebung einzelner Wörter kann nur ge-
schehen durch Verwendung von Sperrsatz. Sper-
rung und Leitsatz werden vom Redakteur vorge-
schrieben, sind also allein bestimmt durch den
Inhalt des betreffenden Manuskripts. Die Ge-
wohnheil mancher Redakteure, einen längeren Ar-
tikel dadurch zu gliedern, daß einzelne charakte-
ristische Wörter durch Fellsatz in der Mitte einer
neuen Zeile herausgestellt werden, führt leicht zu
Übertreibungen. Sie mag aus der Erfahrung ge-
boren sein, daß lange Artikel von dem flüchtigen
Zeilungsleser nur seilen aufmerksam gelesen wer-
den und daß die auffällige Markierung einzelner
Schlagworte den Leser veranlassen könnte, durch
Überfliegen nur dieser sich einen Eindruck von
dem Inhalt des Gesagten zu verschaffen. Abge-
sehen davon, daß es aus pädagogischen und pu-
blizistischen Gründen nicht zweckmäßig ist, der
Bequemlichkeit des Lesers allzu bereitwillig Esels-
brücken zu bauen, wird das Satzbild des betref-

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