Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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weise zwischen dem griechischen Tempel und dem warten sie die neue Lebenskraft. Funklionalis-
gotischen Dome liegt. mus und Konstruktivismus sind die Schlagworte,
Diese drei Eigentümlichkeiten scheinen mir die dic z«'ei Tendenzen der Zeil verdeutlichen. Und
Gewähr dafür zu geben, daß die Ergebnisse der nun kommt ein Buch, das zeigt, wie in der Yer-
Mösselschen Forschungen nicht nur historisch in- gangenheit die Herrschaft von Prinzipien bestand,
teressant, sondern für unsere Erkenntnis vom cne jenseits von Zweck und Technik die Forde-
Wesen des Künstlerischen bedeutsam sind. rangen eines unbeweisbaren menschlichen Bedürf-

. , ■ , nisses nach Gesetzmäßigkeiten erfüllen, Forderun-
Es würde verfrüht sein, zu untersuchen, in wef- .. . _ ° ' _

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chern Verhältnis die ivlosselschen (jedanken zu den ° . ...
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Bestrebungen und Zielsetzungen stehen, die un- T . , . . . . »■._■■,.,

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sere Zeit erfüllen. D . , . , . ... . ° .,. ° °.

alles, was uns heute wichtig dünkte Mir scheint

Schon der Unterschied zwischen dem einräumigen n;cht nötig, das zu folgern. Ich sehe darin nur
Bau früherer Zeiten, der den Untersuchungen zu- d;e Mahnung, nicht zu vergessen, daß jedes bau-
grande liegt, und dem vielzelligen Bau, der für Hche Kunstwerk sich mit drei Mächten auseinan-
unsere Tage bezeichnend ist, führt zu einer Beihe derzusetzen hat, den Forderungen seiner Funk-
bedeutungsvoller Fragen. Aber es braucht k aum tionen, den Forderungen seiner Konstruktionen
gesagt zu sein, daß es sich bei der Wertung dieser und den Forderungen seiner Proportionen. Die
Arbeit nicht um Bezepte handelt, sondern um die ersten entspringen aus der Aufgabe, die erfüllt
Beleuchtung von Wesensfragen architektonischer werden soll, die zweiten aus den Mitteln zu ihrer
Wirkung. Erfüllung, die dritten aus dem Wesen des Erfül-
Nur eines mag hervorgehoben werden, weil es lenden. Nur wenn es gelingt, alle drei so zu ver-
einen Eindruck betrifft, dem man sich nach den schmelzen, daß jede einzelne im, Dienst der beiden
vorangehenden Ausführungen nicht verschließen anderen ihre Ziele erreicht, ist ein vollwertiges
kann. Wir suchen gegenwärtig das leitende und Kunstwerk entstanden. Es gibt immer Zeiten, wo
befruchtende künstlerische Prinzip unseres archi- eine dieser drei Kräftegruppen vernachlässigt war
tektonischen Tuns auf zwei verschiedenen Wegen. und deshalb durch ein reinigendes Betonen seine
Die einen sehen es in der Herrschaft des Zwecks, Ansprüche sich zur zeitgemäßen Bedeutung durch-
dem das Bauwerk dienen soll. Aus dem restlosen ringen muß, das erklärt die Kampfeinstellungen
Herausarbeiten der Forderungen seiner Funktion einer bestimmten Epoche. Es sind Kämpfe, die
erwarten sie die neue Lebenskraft. Die anderen nicht das Wesen der Baukunst berühren, sondern
sehen es in der Herrschaft der Technik, die dem nur die Kräfteverteilung und die Äußerungsfor-
Bauwerk dienen soll. Aus dem restlosen Heraus- men dieses Wesens, das in Wahrheit unwandelbar
arbeiten der Forderungen seiner Konstruktion er- über allen Regungen der Zeiten schwebt.

Prof. Heinrich Tessenow, Zeichnung

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