Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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Tamftag, I. August


L8S3.

» Auf die „Hndelberger
Zeitung" kann iiian stch
nvch fnr die Monate
August imd Icptember init 36 Kreuzerii abon-
niren bei allen Postanstalten, den Boten nnd
Lrägern, sowi'e der Erpedition (Schiffgaffc
Nr. 4).

Zur Jntervention Frankreichs in
Nordamerika.

Abcrmals stnd vor einiger Zeit die entzwci-
ten Staalen der nordamerikanischen Union vom
Kaiser der Franzosen mit cinem Jnterventions-
antragk angegangen worden. Derselbe wünscht
diese, wie es heißt, zur Eiiigehung eines
Waffenstillstandes zu bringen, andernfalls woüe
er aber, auch ohne England, die Südstaaten
anerkenncn. (Dies letztere ist inzwischen theil-
weise widerrusen wvrden.) Die Zurückhaltung
der englischen Politik im Gegeusatze zur sran-
zöstschen in dieser Sache ist nun leicht zn er-
klären. Die Erstere will, vbwohl die Fabrik»
bezirke in Großbritannien durch den fortwäh-
renden Abgang der Baumwollc Nvth leiden,
im amerikanischen Norden , schon wegen der
Nähe Canada's, keine offene Feindschaft gegcn
England aussäen. Auch würde stch der Nor-
den, welchcr bekanntlich den Schutzzöllen er-
geben ist, schwer am englischen Handel rächen
können; derselbe darf daher »icht vorcilig ge-
reizt werden. Anders verhält es sich mit dem
napolconischen Frankreich. Nicht genug, daß
es die eigcnen Landeskräfte centralistrt und
mit dcren gewaltsamer Zusammenfaffung die
Nachbarländcr bedroht, vermißt es sich, biS
in die entlegcnsten Weltgegenden seinen Ein-
ffuß zu tragen. Man wird nicht leicht fehl-
gehen, wenn man annimmt, daß zu dcr er-
neuerten Einmischung in Nordamerika das
durch dic Einnahme Puebla's dem sranzöstscheii
Adler günstige KriegSglnck den nächsten Jm-
puls gcgebe» hat, sowie der Uinstand, daß
auch in dcm gegenwärtigeit Feldzugc der An-
hänger der Union gegen den Süvcn, trotz einer
Anzahl neuer, unter großem Blutvergießcn ge-
schlagenen Schlachten, die Erstercn wieder
keinen erheblichen Erfolg aufzuweisen haben.
Die eigentlichen Plane des französischen Jm-
perators auf Merico stehen offenbar mit sei-
nen srcundschaftlichen Gcstnnungen für die
benachbarten Südstaaten der entzwciten Union
in nahcr Vcrbindung. Hiezu kommen frühere
geschichtliche Traditionen eincr Hinneigung
Frankreichs zu diescn Südstaatcn, die »theil-
weise von senem kande aus coloniflrt wurden.

Auch scheint Napoleon IH. offeiibar großartige
Entwürfc in Bezug auf die Machtstellung
Frankreichs auch in andern Erdtheilen zu he-
gen, Entwürfc, die apf nichts Geringercs hin-
zielen, als aus Frankreich eine gewaltige See-
macht zu bilden, und demselben mik der Zeit
de» Welthandel auf Unkosten Englands in die
Hand zu spielen. Seinc wohlbekannte Ten»
denz, das Mittelmecr zu einer französischen
See zu machen, die Abflchten auf den Oricnt,
bie Durchflcchung der Landenge von Suez,
die Erpeditionefl nach China, Cochinchina,
Madagaskar, Guinea nnd so auch nvch
Merico stehen hiemit im nächstcn Zusammen-
hange. Allenthalben gilt cs, zu dem Ende
Stapelplätze nnd festc Punkte zur Niedcrlaffung
unb Colonisation zu erwerben. Einem solchen
weitaussehenden Unternehmen steht jedoch —
abgesehen davon, daß zu dcffen Verwirklichung
mehr als ei» Menschenalter gehört — Fol-
gendcs noch hindernd im Wege: Ein großes
Hcer und der erzwungene Gehorsam eines
Volkes können wohl zu Erobcrungen in der
Nähe dienen, so lange das Volk gehorsam
bleibt; aber Ausbreitung über die Meere und
fremde Erdtheile ist cin Vorrecht freier Völ-
ker. Dic Gnmdlage aller Seemacht ist dcr
Handel, zu dicsem aber gehört der selbststän-
dige Unternehinungsgeist des Schiffers und des
Kaufmanns. Kann aber wohl eine Regierung,
und sei sie noch so stark, Handel treiben, kann
sic aus stch heraus de» Geist frischer Thätig-
keit ersetzcn, den sie im Volke erstickt hat?
Dic Franzosen waren ohnehin nie großc See-
fahrer und geschickte Ansiedler, und bei ihren
jetzigen staatlichen Verhältniffen werden sie
sich wahrlich üicht freier rcgen, und in neuen
Verhällniffen nnd Umgebungen besscr zurecht
finden lernen. Sie haben untcr Napoleon III.
eine große Kriegsffotte bekommen, welche der
englischen ebenbürtig werden soll; allein das
französische Handelsvolk, in dcffen Beschützung
die Flvtte doch erst ihrcn Zweck unb eine ver-
bürgte Dauer erhalten könntc, ist noch uicht
vorhanben, um dem englischen den Rang ab.
zulaufen. Wie diese neue Flotte blos eine
militärische Regierungsschöpfung ist, so ist
auch der Zug nach Mcrico willkürlich von dcr
Rcgierung unternommen worden, und folgt
nicht den Bahnen des Handels, wie dies bei
den englischen Kriegszügen zur See gewöhn-
lich der Fall war. Statt mit dem Anfang zu
beginnen, wie dics nach Lage der Dinge über-
all der Fall sein muß, unb namentlich in ein-
zelnen Fällen auch bei den Briten und an-
dern See- uiw Handels-Bölkern stets geschah,

scheint man von Seiten Frankreichs, zur Ab-
wechslung, cinmal sofort mit dem Ende an-
zufangen. — Was cndlich die nordamerikani-
schen Freistaäten betrifft, so ist es möglich u.
sogar wahrscheinlich, daß ber Hadcr, der sich
untcr den beiden Hälften dieses Bundes ent-
wickelte, seine Auflösung bewirken wird; darf
aber europäische Einmischung sich vermeffe»,
eine neue Ordnung besscr und leichter her-
stellen zu können, als es die Völker dieses
Bundes selbst vermögcn? Es ist jedenfalls
eine unendlich schwierige Aufgabe, Nordamerika
neu einzurichten; es ist auch dieses eiNk Auf-
gabe für lange Zeit, indem daS Richtige sich
schwerlich mit einem Sprunge erreichen lassen
wirb. *)

*) Dieser Sluffatz war vor dem BekannNverden dcr
neuesten Erfolge des amerikanischen Nordens geschrieben.
Daß hierdnrch Napoleons Abstchten wesentlich alterirt
worden sind, bedars keiner weitern Anssührung.

* Politische Unischau.

Wie man der „Baper. Ztg." auS Gastein
mittheilt, wcrden für den Enipsang deS Kai-
sers von Oefterrcich ganz außerordentlichc
Vorbereiliingen gemacht, namentlich wird eine
Triumphpforte crbaut, coloffal wie die Berge
selbft. Der Kaiser wird keincn Minister iu
seinem Gefolge haben. Der König von Preu-
ßen lebt sehr zurückgezogen. Man sieht ihn
nicht in der Wandelbahn, er beschränkt sich
auf scin Zimmer, sieht aber sehr gut aus und
arbeitet viel mit Hrn. v. Bismarck. Die Wit-
terung war seit der Ankunft des hohen Gastes
nicht günstig.

Der Marquis von Normanby -ist gestorbcn,
67 Jahr alt. Unter dem Namen Graf Mul-
grave war er Mitglied dcs ersten Ministeriums
Melbpurne, ward 1835 Lord-Lieutenant (Stätt-
haltcr) von Jrland, 1838 zum Marquis von
Normanbp erhoben; von 1846 biS 1852 war
cr Botschafter in Paris, und von 1854 bis
1858 Gesandter in Florenz. Er war im Par-
lament fast der einzige Verfechter der gefalle-
nen r'talicnischen Fürsten.

Das britische Mnseum, 1752 gegründet, hat
in diesen hundert zehn Jahren 3,339,177 Pfb.
(beinahe 40 Millionen Guldcn) gekostet, wo«
von nur 87,868 Pfd. durch Privatpersonen
geschenkt wurden. Den größten Theil dieser
Summe haben die Berwendungcn sür Bauten
und Gehalte gekostet; die Gehalte allein
879,023 Pfd., während für die Sammlungcn
nur 640,129 Pfb. verwandt wurde». Der
Besuch des MuseumS hdt in den letzten Jah-

* Icr Geist der Rcactiön.

Durch die triibstcn Nebclregionen
zieht der Geist dcr Rcaction dahtn!

Ewig nur dcm Lichte «iderstrebend,
rechnct Dunkelheit er alS Gcwinn. —

Jst er denn als Wcrkzcug ganz gedungen,
der dem Nachtgeist nur ist unterthan, —

Hat ihn nie cin Himmelsstrahl durchdrungen,

Der ihn leite durch dte Sonnenbahn?

We Tage uns zurückbcschwötend
aus feudaler Klosterherrlichkeit,

Um «ie damals wieder schön zu hauscn,
wo der Blödfinn wteder rccht gcdeiht, —

Steht er taub ünd blind vor allcm gcist'gen Strcben,
tn des Starrsinns stolzem knecht'schen Wahn; -
Und dem svllen wir uns neu ergeben?
zn gehorchen junkcrltcher Fahn'!

Dreimal «eh! ruft er dcn Eisenbahnen,
könnte man sie bannen allsoglctch.

Diese rigenmächt'gen Untertyancn,
ste sind wahrlich »icht aus BiSmarcks Rcich.

Krüh und spät hört man sie jubiliren,
und der Fortschritt herrlich hier regiert.

's ist vergebcns allcs Protestiren,
wo ein Herrfchcr solchen Scepter führt.

Preußen selbst zum Fortschritt hat gcschworen
trvtz der Junker vielgetreuer Wacht; —
Denen es nach Maßen schon gepfiffen / -

mit gewaltig dcmokrat'scher Macht; —
Doch auch sie der Fortschritt übcrflügclt,
daß fie ihm nicht länger «tderstehn,

Dcr den Starrsinn thnen doch entriegelt,
fie zu Dcmokraten zu crhöhn.

Heidelberg, 13. Juli 1883.

Die Offertburger Versammlung

Wegcn der etwas gedrängten Kürze unscrer
frühercn Mitthetlung über dtc Offenburgcr Vcr-
sammlung laffen wtr hier noch einen ausführlichc-
ren Bericht folgcn.

Off-nburg, 28. Jnli.. Die auf heute durch
eine Anzahl von Mitgliedern der zweiten badischen
Kammer vcranlaßte grvßerc politischc Vcr-

sammlu ng «ar sehr zahlrcich besucht, und zwar
aus allen vier Kretsen deS Landes. Der Bürger-
mcister von Offenburg bcgrüßtc die Versammlung
j mit ctner Ansprache, in wclchcr er-auf die Wirk-
samkeit der zweiten Kammer hingewtescn hat. Hier-
auf wurde der Abgeordnetc Kirsner auö Donau-
cschingen zum Vorfitzenden ernannt. DirS Programm,
j wclches von den Abgeordnetcn zur Tagesvrdnung
vorgelegt «urdc, ist solgendes: 1) Dtc politische
! Lagc des badischen Landes tm Allgemeinenp 2) die
Aufgaben des bevorstehenden Landtages vön'1863
I auf 64; 3) die Organisation der liberalcn Partei
und ihr Verhältniß zu den nächsten Ergänzungs-
- wahlen. Dagegen wurde »on Vertretern ansMaun-
heim cin umfaffendes und bcstimmtes Programin
in der Versammlung vertheilt; der Präsident er-
klärte dicseö Programm als nicht von dem Eomitc
ausgehend und er müffe die DiScussion hierübcr
ablehnen, weil über daffclbe keine speciellen Anträge
und Untcrstütziing vorliegcn. Zur TageSordnung
übcrgehend, stattete Abgeordneter Häuffrr Berickt
zu Frage 1 ab. Zn einem glänzcnden Bortragk
! schilderte et die Lage deS Landes und die Stellung
^ dcr Kainmcr zwischen Bolk und Fürst, betonte ins-
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