Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

Page: 315
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1863a/0315
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
M 23«


Donnerstag, 1. Oetober

. ZnsertionSgebubren für^die gspalüge Petit-

18«3.

* Politische Umschau.

Die „Berl. Ällg. Zkg/- sagt: Die Vorun-
tersuchung gegcn den verantworllichen Nedac-
teur unseres Blattes wegen Verösfentlichung
der Proclamation der polnischer. „Nattonalre-
gierung" begründet stch auf §. 65 des Stras-
gesetzbuchs, welcher Auffv'l'verungen zum Hoch-
verrath mit zweijährsger Zuchlhausstrase be-
droht.

Der Tert eines geheimen Abkommens zwi-
schen Oesterreich und seinen nächsten Freunden,
welcher in der vorigen Wvche von einem Ham-
burger Blatt veröffentlicht wurde, ist zwar in
Abrede gestellt, daß aber ein geheimes Ab«
kommen bei Gelegenheit des Franksurter Fürften-
tages wirklich abgeschloffen sei, wird jetzt von
österieichischer Seitc Lcnnoch bcstätigt. Dem-
selben stnd nicht sämmtlichc Unterzeichncr des
Collectivschreibens, doch die meisten derselben
beigetreten. Ueber den Jnhalt dcS Tractats
erfährt man so vicl, daß rie Ällürten sich vcr-
bindlich machen, diekünftige Berfaffung Deutsch-
lanbs auf Grund dcr Reformacte ins Leben
zu rufen und stch zu bemühen, Preußen zu
einem Beitritt zu derselben zu vermögen.

Dic vfficiöse Wiencr Generalcorrespöndenz
erklärt, die Nachrichien der Blätter übcr cng-
lische und französische Vorschläze bezüglich
eines weitcren Bvrgehens in der polnischen
Frage seien lediglich Bermuthungen, beruhend
auf Bermuthungen der franzvstschen Blätter.

„Unita Jtal." veröffentlicht eine Proclama-
tion des venetianischen Revolutivnscomite's,
worin die Jtaliener aufgefordert werden, sich
zur Abschültelung der Fremdherrschaft mit
Waffen zu versehen, damit dic Vcrsöhnung
permanent bleihe und, wenn das Signal er-
folge, zur That geschritten werden könne.

Nach der „France" haben die Gcrüchte der
Ernennnng des Grafen Walewski zum Ge-
.sanbten des Kaiserö am englischen Hofe in
London die günstigste Ausnahme gesunden.

„Mem. bipl." bringt einen Bries des Bi-
schofs von Puebla vom 20. Januar 1862,
ivorin derselbe über eine Unterredunff mil dem
Erzherzvg berichtet, er habe in einer Unter-
haltung von einer Stnnde cineu wahren mo-
ralischen Schatz entdeckt, den Jtalien zu seiner
Strafe verloren habe; der Prinz habe ge-
äußert, weun er nach Merico gehe, werde er
stch sür immer vvn Europa trenneii, er werde
aber nichts Halbes ihun und so handeln, als
wenn er als Mericaner geboren wäre.

Deutschland

München. Dem Vcrnehmen nach hat,
zur Vereinigung der Privatansprüche des Kö-
nigs Otto, die dänische Negierung hier die
folgenden Vorschläge machen laffen: Die per-
sönliche Correspondenz des KönigS Otto so-
wohl alS ber Königin Amalie wird unweiger-
lich ausgeliefert und daS Gut .Lioffa als das
Privateigenthum dcr baperischen Dpnastie an-
erkannt. Dagegen ist das königl. Schloß in
Athen, weil auö dem Marmor der National«
steinbrüche gebaut, Eigenthum der griechischen
Krone, und wird cine vom König Georg nie-
derzusetzende Commisston nur zu erwägen
haben, in wie weit etwa König Otto Verwen-
dungen aus dcn Bau gemacht, für welche einc
Entschädigung zu leisten sein würde.

Berlin, 27. Sept. Bei den bkvorstehen-
den Wahlen wird die altliberale Partei, wie
ihr hiesiges Organ sagt, falls sie keine Aus-
sicht hat, ihre Candidaten durchzubringen, den-
jenigen Candidaten ihre Stimme zuwenden,
welche ihr am nächsten stehen. Die ältliberale
Partei erkennt in der Militärfrage die Forken-
beck'schen Anträge äls die äußerste Mrenze an,
bsS zu welcher sie gehen kann. Die Candida-
ten der linken Seite der Fortschrittspartei,
wclche sür Preußen die Einführung des Miliz-
Spstems erstreben, wird sie entschieden be-
kämpfen. Jn den Fragen des Bubgetrechts u.
der Preßfreiheit ist sie vollständig mit der
Fortschrittspartei einverstanden. Znzwischen
scheint diese Partei Terrain fiir die Wahlen
zu verlieren.

Gumbinnen, 26. Sept. Der im hiesigen
Kreise angeseffene Rittergutsbesitzer Reitenbach
hat beu Ansang mit der Steuerverweigerung
gemacht. Jn Folge der stattgesundenen Pfän-
dung hat er folgendes Circular an seine Be-
kannten erlaffen:

„Wegen Staatsabgaben heute zum ersten
Male ercquirt, theile ich Freunden und Ge-
schästssreunden mit, um mir nachtheiligen Ge-
rüchten über meine Bermögenöverhältniffe zu
begegnen, daß ich der königl. Regicrung zu
Gumbinnen erklärt habe: daß ich es mit mei-
ner Pflicht als Bürger für, unvereinlich halte,
dem gegenwärtigen bubgetlosen und insosern
verfaffungswidrigen Regimente meinerseits ir-
gcnd einen Beistand zu leisten, und daß ich
sortan, biS zur Wiedrrherstellung der ver-
faffiingsmäßlgen Ordnung, sreiwillig keine
Steuern zu zahien entschloffen bin. säl. klivlrvn,
den 21. Sept. 1863. Zohn Reitenbach."

Lübeck, 24. Sepibr. Der senat hat es

abgelehnt, sich an der Leipziger Feier zu be-
theiligen, da eö ihm nichl paffend erschcine,
alS Träger der Souvcränität unter bloßen
Unterthanen zu tagen, zumal eines seiner Mit-
glieder eben erst pom Fürstentage zurüükomcke.
Dhch will er, wenn der Bürgerausschuß eine
Abordnung beschließt, dem Leipziger Magistrat
anzeigen, baß er darin die Vertretung Lübecks
erblicke. Der BürgerauSschuß hat demzufolge
vier Männer für den 18. und 19. Octvber
nach Leipzig Leputirt. (Hamb. Nachr.)

Wien, 25. Szptbr. Die deutsche Frage
war in den jüngsten Tagen abermals Gegen-
stand der Besprechung von österreichischen Ab-
geordnkten. Gemäß dem Versprechen, welches
Dr. Berger und Dr^ Rechbauer bei ihrer An-
ivesenheit in Mainz gegeben, wirkten diesel-
ben für eine Förderuug ber-deutschen Reform-
sache unter den österreichischen Abgeordneten.
Demnach wurbe vor einigen Tagen eine Ver-
sammlung von Abgeordneten in der Wohnung
des Abg. Kuranda gehalten, welcher nebst den
bisher genannten auch die Abg. Brinz, Giskra,
Mühlseld, Herbst rc. beiwohnten. Berger,
Nechbauer, Kuranda unb Brinz vertraten im
Allgemeinen die Anstcht, daß man in die Dis-
cussion der deutschen Frage eintreten müffe u.
sich von der Bewegung nicht theilnahmlos
sern halten dürse. Berger sprach für den
Beitritt zu dem deutschen AbgeorLnetentage,
welchem Schritte jedoch Lie Einigung über ein
Collectivprogramm vorhergehen müffe. Dieses
könne am zweckmäßigften durch cine Vereini-
gung beutsch-österreichischer Abgcordyeter, also
durch einen deutsch-österrcichischen Abgeordne-
tentag bewerkstelligt werden. Rechbauer sprach
sich in gleicher Richtung aus. Doch fano dcr
Vorschlag nicht den nölhigen Anklang. Herbft
war zwar auch für kie Beschickung des Ab-
geordnetentages, meinte aber, daß nur der auf
demselben erscheinen könne, der mit sich im
Klaren sei über das Verhältniß, Oesterreichs
zu Deutschland, die Beziehung der Februar-
versaffung zur Resormsrage. Auf dem Abge-
ördnetentage werde man die österreichischen
Abgeordneten hierüber befragen, und da sei
esne klare Antwvrt uöthig. Jn dieser Rich-
tung bestehen aber sehr verschiedene Meinun-
gen, unb eö sei schwierig, ein Programm auf-
zustellen. Aüch sei eine Uebercinstimmung
mit den süddeutschen Abgeordneten uothwendig.
Brinz hob hervor, daß die Mitwirkung von
unabhängigen Abgeordneten, welche sonst der
Regierung Opposition machen, der Reform-
sache nur förderlich sein könnc. Giskra er-
klärte die Parität zwischen Oesterreich und

-s-s UnräthselhafieS Räthsel.

Äls Gottes allmächtigcs Werdc
Bcoölkcrte Himmel und Erde,
Entwuchscn dcn schöpfcrifchcn Saaten
Alsbald auch dcs Thierretches Staaten.
Da herrschtc deS Stärkern Gewalt
Jn der ihm genehmen Gestalt.

Doch Keiner zog weitere Kreisc
Im aristokratischen Gcleise,

Wie Er auf dem luftigeu Throne
Mit seiner gefiederten Krone.

Drum hat auch die menschliche Macht
Zu ihrem Symbol ihn gemacht.

Selbst Jupiter ehrt ihn vor Allen
In stinen olympischen Hallen,

Und Kö-iig und Kaiscr ernannten
Wit Stolz ihn zu ihrem Trabanten.
So dient er im prunkenden Saal
Den Hohen und Höchsten zumal.

Doch dunkte dcm Kaiscr zu wenig,

Was einfach genügte dem König:

Dcr Großmacht ausschließliches Zeichen —
Es durfte stch stlber nur gleichen;

Drum lcgt sie sich doppclt ihn bei,
Verwandelnd den Einer tn Zwei.

Seit diesem Verwandelungswunder
Ihn zogen zu sich auch hcrunter
Die Wirthc mit klugcm Verlangen.

Doch isi's wie bci-Hofe gegangen:

Man nützte das stolze Symbol
Vor Allem zum eigenen Wohl.

Nur Einer der «irthlichen Holden
Hält schwarz ihn und etwas roth-golden:
Da werden Minister gcnoffen
Und blutrothe Ströme vcrgoffcn
Auf jeglicher Völkerschaft Wohl
Vom Nord- bis zum südlichen Pol.

Und während in Krankfurt sie tagen,

Jn Jhm wir nur Eines beklagcn:

„Zu Viele »ersalzen die Suppen
Jm Krieg, «ic im Frieden, den Truppen;
Bci herrschenden stctigcn Zwei'n
Kann nimmer die Einhcit gedeih'n."
Heidelberg, im Fürstencongreßmonat 1863.

W.

X Zur Gründung eincr HSHeren Tötzterschule
in Heidelberg.

(Fortfttzung und Schluß.j

Vcrwaltung.

Die Anstalt bildet hiermtt vörerst eine Privat-
anstalt. Dic Pater der Schülerinnen zusammen
mit den Actionären hildcn die Generalvcrsainm-
lung. Dieft Versammlung ersucht den löblichcn
G'emeinderath um Nebernahme des Protectorats,
das er dadurch ausübt, daß er aus seincr Mitte
cincn Ehrcnpräsidenten bezcichnet. Dic Gcueral-
versammlung gibt diesem letztern einen Derwal-
tuugsrath aus Iff-Mitgliedern zur Srtte, welcher
loading ...