Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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ZnlertionSgebübren sär die Sspalttge Petit.
,eile werde« mit 3 kr. berrchnrt.

Sonntag. 2v. December

mehr zweiftlhaft, daß dft Einigung der Ca-
binetc von Wien und Berlm in Betreff der
schleswlg.holsteinischen Frage nur als der An-
fang zu einer neuen Gemeinsamkeit u. Gleich-
artigkeit der Politik beider auch in gndern
Nlchtuugen zu betrachten ist, zunächst i'n Be-
ziehung auf die Behandlung der gesammten
deutschen Verhältniffe. Daß wir eS kurz und
gerade heraussagen: man geht in Wien und
Berlin mit vem Gedanken einer neuen spste-
matischen Unterdrückung aller FreiheitS- und
Einheitsregungen in Deutschland, eincr zwei-
ten Auflage der Reactionsperiode von 1850
bis 1858 um!"

Vor einigen Tagcn war bei dem Abgeord-
neten Marie eine Versammlung der Oppo-
siiivnsmitglieder des franz. gesctzgebende» Kör-
perS. Thiers sprach, als dic polnische Fragc
aufs Tapet kam, über die Unmöglichkeit eines
Kriegs unter den jetzigen Verhältniffen. Auch
er zei'gte, wic Boissp im Senat, die Bildung
einer Coalition als nächste Folge eines Krie-
ges für Polen, in welchem Deutschland seden-
falls einen vcrsteckten Angriff auf den Rhein
sehen würde.

Es heißt wiedcrholt, dic französtsche Re-
gierung wölle Merieo kurzer Hand für sich
behalien , als Miliiärcolonie wie Algier und
Eochinchina. , Daö wäre sür den Frieden
EuropaS sv übel nicht. Denn so lange Frank-
reich die mericanischc Feffel am Arme hat,
wird es nicht so leicht in Europa freie Be-
wegung zum Unruhsiiften haben.

Die englische Regierung hat so eben den
Bau von 60 Kanoncnschaluppen mit je 1
Geschütze am Vorder- u. Hintertheil angeord-
»et. Die Geschütze, von sehr grvßem Kaliber,
werden nach einem ganz neuen Spsteme unter
der Aufsicht von PairhanS gegvffen und follcn
vvn einer furchtbaren Wirkung sei».

Nach dem „N. I. Herald" hat die Bot-
schaft des Prästdenreii so radicale Tendenzcu,
daß ste wahrscheiiilich zur Ernennung eines
republikanischen Prästdcnten führen werden.
Lincoln betrachte die Sclavenfrage als prak-
tisch gelöst, die Sclavcrei für immer abge-
schajft. Dcr Congreß wird sich am 7. ver-
fammel».

Ein UkaS des Kaisers von Rußland befiehlt,
die Garde - Cavallcrie und 28 Regimenter
Linien-Cavallerie auf ben Kriegsfuß zu setzen.

Jn Polen wird wahrscheinlich der Belage-
rungszustand mit Ende December aufgehoben
werden.

Jm Süden Nordamerikas ist eine vollstän-
dige Entwerthilng deS Papiergeldes einge-

treten. Der Papftrdvllar steht dort so, däß
dreißig drrsclbe» einen Dollar in Gold werth
sind, und geht es mit der Fabrikation s» wei-
ter wie bisher, so werden bald 200 Papier-
dollars nöthig sein, um einen in Gold zu be-
kommen.

Zur Schleswig-Holstein'schen
Sache.

Die „Ostd. Post" berichtet: Die nach Hol-
stein bestimmten österreichischtn Truppen sind
bereits in voller Marschbcwegung. Ueber die
Aufgabc der Erecutionsarmee vernehmen wir
folgende zuverlässtge Datenr Dke Truppen
haben den Befehl, Holstcin vollständig zu be-
setzeii, und zwar mit Einschluß der Festung
Rendsburg und dcs Brückenkopfes von Frie-
drichstadk. Es ist noch keineswegs Gcwißheit
vorhande», daß die Dänen auch die beidcn
letzigenanntkn Punkte räumen werden, da
dänischerseits behauptet wird, daß ohne die
genannten festen Plätze die Eiderlinie nicht zu
halten wäre. Es ist deshalb bereits der Be»
fehl ertheilt, bei etwaigem Widerstand der
Dänen mit Gewalt einzuschreitcn, und es sind
daher Vorbereitungen zur möglichst raschen
Nachsendung von Belagerungsgeschütz getroffen.
Sollte cine Belagcrung Rendsburgs und Frie-
drichSstadts nöthig werven, s» dürfte zui
Sicherung der Bevölkerung der beiden Städtc
wahrscheinlich derselbe völkerrechtliche mockus
vivencki vereinbart wcrden, der im Jahr 1832
bei der Belagerung der Citadelle von Ant-
werpen zwischen den Holländern und Fran-
zvsen dahin zu Stande kam, daß vou derder
Siadt ziigewandten Seiic der Citadelle kein
Feuer gegeben werden durfte. Uebrigens soüen
dic Bundestruppen so^lange in Holstein ver-
bleiben, bis alle Forderungen des BundeS,
auch die in Bezug auf die Sicherstellung
SchleSwigs, welche erst durch de» Lonvoner
Verirag vo» 1852 begründet wurden, erfüllt
und reelle Bürgschaften seitens DäncmarkS
! gegebcn seiu werden. Inzwischen soll die Suc-
! cesstonsfrage vom Bundc zur Lösung gebracht
werden. Dies hat jedvch seine Tchwierig-
: kciten. Die Anstcht gcwinnt nämlich immer
! mehr Raum, daß der Bnnd allein zur Lösung
^ dieser Frage nicht competcnt fti, daß dieselhe
vor eine europäische Specialcoiiftrenj gebracht
werden müsse. Auf diese Weise hätte der
Kaiser der Franzosen wohl AuSstcht, wenig«
stens ei'n Stück seineö Congrcßprojectes reali-
sirt zu sehen.

Die Times schrcibt: »Durch ganz Deutsch-

* Politische Umscha«.

Die „Karlsr. Zeitung" widerspricht dem in
verschiedenen Blättern enthaltcnen Gerüchte
von einer Drohnoie OesterreichS gegen Baden,
und bemerkt: Von Seiten der kais. Regierung
hat, so wie wir vernehme», nur dic Empfeh-
lung der Annahme des gemeinschaftlich mit
Preußen gcstellten Antrages aai Bunde iu der
holsteinischen Sache stattgefunden, wie ste an
aüe dcutschen Regierungen von beiden Cabi-
netten geri'chtet worden war. Die grvßherz.
Regicrung hat dieser Empfehlung ciner be-
freundeteu Regierung gegenüber einfach die
Gründe zu entwickeln gehabt, welchc ste ver-
anlaßten, gegen. den Erecutionsbeschluß zu
stimlnen. — Der Wi'ener „Preffe" wird be-
züglich dieser Angelegknheit aus Frankfurt ge-
schrieben: Wie stchs aber auch eintretendcn
Falls immer gestalten möge und selbst, wenn
die sog. deutschen Großmächte eine drohende
Steüung gegen unsere, deutsches Recht und
deuksche Ehre veriheidigende badische Regie-
rung belieben sollten, so hvffen wir, daß die-
selbe auf dem betrclenen Wege auöharrt unp
muthig vorwärts geht; denn nicht nur das
bavische, sondcrn das ganze deutsche Volk wird
hinter ihr stehen und ste stüßen.

Von Dresden wird dem „Nürnb. Corresp."
geschrieben: „Aus Berlin stnd hier Nachrich-
ten eingetroffen, wonach die Stellung des Hrn.
v. Bismarck stark erschüktert wäre. Er halte
zwar an seiner bisherigen Politik in der
schleSwig-holsteinischen Krage fest; aber bei
der persLiiIichen.Zuneigiing des Königs zu dcn
Augustenburgern, die in dicser Angelegenheit
mit der Richtung der Mehrheit deö Abgcord-
iietcnhauskS zusammentrifft, fti es nicht un-
möglich, daß Herr v. Bismarck vielleicht in
nächster Zeit den Plaß räiimen müffe, und
daß dann vielleicht ein vvllständiger Umfchwung
in der von Preußen bisher in dieser Frage
befolgten Politik eintretc. Vielleicht bringt
die auf den 18. d. Mts. anberaumte Sitzung
des Abgeordneten - Hauses schoii die Ent-
scheidung!"

Jn Bcrlin ,'st eine Turnerabtheilung, welche
i'n eincr Reitbahn zu ercicireli pflegte, aus
derselben vertriebeu worden. Rertor Tran-
delnburg hat dem Ausschuß der StudeNten für
S.-H. die Vornahme militärischer Uebungen
und die Beschaffung von Waffen untersagt.
Zn Frankfurt ist heute die Anheftung des Auf-
rufs des Cvmite's für S.-H. an den Stra-
ßenecken polizeilich verbvte».

Die „D. Aiig. Z." schreidt: „Es ist kaum

Die Wirthin von Fischbach.

Hunioristische Erzähluug von Ch. v. Gravenreiith.
(Fortfetzung und Schlust.)

Nuii hattc Frau Lisel dcS alten Soldaten Herz
mit Sturm erobert, dcnn scin Schnurrbart war
seine schwache Seite. Kochlöffel und Opposition,
Corporal und die Flucht, in wclche er zum crsten
Male ,n seinem Leben gejagt wordcn war, ver-
stvgen in nichts, und die Wirthin crschien ihm
plötzlich alö eine angenchmc, vcrnünftigc Fran.

Anch der Abjutant saß bereitö, durch Midci
dazu bcwogen, am Tische, und das Mahl schmeckte
dcn drei Herrcn so aiißervrdcntlich, daß man dcr
reich beladenen Schiiffcl bald auf den Grund sah.

Mit uncrmüdlicher Aufinerksainkeit sorgten Mut-
ter und Tochter für ihre Gäfte, und der Vater
stand seitwärts und konnte sich nicht gcnug wun-
dern üder dic Art und Wcife, wie Frau und
Tochter mit den »ornehmen Herren umzugehca
verstanden, dcren Anwcftnhett fchon genügtc, thn
zu Allem unfähig ju machen.

Aber wo sind denn unsere Diencr? fragtc dcr
König; diesen solltc doch eine Erfrischung zu Theil
wcrden. Sorgt für ste, Wirth.

Ast allcö bcsvrgt, Majestät Herr König! nahm
die Frau daS Wort; stc sitzen drüben in dcr Gc-
sindcstube und haben cine zweimal größerc Schüffcl
vor sich als diesc, und Bter und Brod und Schin-
ken und waö eben das HauS vermag. Der Hans
sorgt für sie. Denkt denn der Herr Kvnig, ich
wäre umsonst so langc ausgeblieben? Aber zwan-
zig Fische, die «ollen geschuppt und zubcreitet sctn,
das gcht nicht im Handunidrchen.

Jch sehe wohl, ich werdc dic Frau noch um Ver-
zeihung bittcn müffcn, daß ich sv unvernünftig aus
threm Erscheinen bestand, sagte der König schcr-
zcnd und gab daS Zeichen zum Aufbruche. Dann
reichtc cr dcr Wirthin die Hand und sagtc: Adicn,
Frau, Eure Aische haben mir vorzüglich gcschmcckt,
und Eure derbe Aufrichtigkeit war eine ersreulichc
Zuthat.

Danke schönstrnS, Herr König, vcrsetztc dic Frau.
Jch wciß schon, daß man mich dte grobe Wtrthin
von Fischbach nennt und daß die Majestät jetzt
eigentlich auch meinten, meine Grobhcit sei eine

§ schmackhafte Zuthat gewesen, aber daS ist mir eincr-
lei. So wie ich bin, muß ich nun cinm-l verbraucht
wcrdcn, und wer mcinc Manier nicht vertragen
kann, der kann ja draußen bleibcn. — Wcnn's
aber dcm Herrn Kvnig einmal drum zu thun tst,
ein ehrlichcS, aufrichtigcS Wort zu hören, und dft
Wahrheit, wie's den Unterthane» umö Hcrz tst,
so komm doch dcr Herr König zu mir, ich sag's
thm offcn .und vhne Scheu, und ich denk' mir,
wenn sich ein König GottcS Gnaden ncnnen läßt,
so soll cr auch so handeln, daß er seinen Untcr-
thanen wic einc Gnadc vvn Gott erscheint. Ra!
b'hüt Gott, Herr König; Mcin schönstes Eompli-
ment an die Frau Liebste, soll gar stolz sein und
ein Biß'l hochmüthig, 'aber däbei wohlthätig und
gut, und so mag's schon gehn, 's kst ja eine Kö-
nigin, und da wird'S halt so sein miiffen. Und
dte Jnngfern Prinzefsinnen laß ich und mctn Midci
schön grüßen, und wenn's gute Fisch effen und gnte
Milch trinken wollcn, so sollen'S willkomme» sein.
Leben's wohl, Hcrr Gcneral, und Sic, Herr Ad-
. junkt! nir fiir ungut!

Und Allen ungcnirt die Hände drückcNd, getcitetk
sie die hohen Gäste zur THLre.
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