Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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Erscheiat. MontagS auSgeaommea, taglich.
PretS vierttljährlich 54- kr.

Donnerstag, i«. Decemver



» Auf die „Heivelbergck
Zeiiung" kann nian flch
noch sür den Monat
Arrember mit 18 Kreuzern abonniren bci allett
Postanstalten, den Boten und Trägern, sowie
der Erpedition (Schiffgaffc Nr. 4).

— Zur Schleswig-Holsteinifchen
Sache.

Durch die drohende Haltung Deutschlands
eingcschüchtert und, wie es scheint, auch durch
die Ermahnungen Englanbs und Frankreichs
bewogcn, hat, dcn so eben cingelausenew Nach-
richien zusolge, ver König von Dänemark Chri-
stian IX. durch Palent vom 4. d. die unterm
30. März d. I. erlaffene Bekanntmachuug in
Betreff der Versaffungsverhältniffe deS Her-
zvgthums Holstein wieder außer Krast gesctzt.
Die Drohungen von Anßen haben also stärker
aus ihn gewirkt, als die Drohnngeit vsn Jn-
ncn, die ihn, wie man hört, hauptsächlich zur
Annahme und Verkündung jeiies Äersassnngs-
gesetzeö bestimmt haben. Was haben wir uns
von diescr Maßregel zu versprecheri? Haden
wir eiwas' davon zu yoffen odcr zu sürchteu
sür die Sache der Herzogihümer/ die uns jetzt
so lebhaft beschästigl? Das ist die erste Frage,
die jetzt an uus herantritt; unv eS ist wahr-
lich eine so ernste unv wichtige Frage, daß
wir, bevor nvch eine gründliche Eiörlerung
derselbcn versucht wird, wenigstens' einige
Streifiichter aus ste saüen laffen müssen. Zu
hofsen haben wir wvhl nichts von der be-
zeichnelcn Maßregel; denn einerseits ist fie,
wic gesagt, nur eine durch die Verhältniffe
erzwungcne, Pie unter vcräiiderten Verhält-
niffen unb günstigeren Consteüationen wicder
zurückgenommen werden wird, insosern man
dies uberhaupt nur sür nothwendig finden und
den zur Zeit der Nolh gelhaiien Schritt nicht
einfach zu ignoriren fich begnügen wird. An-
dcrseiis hat das bisherige constante Versahren
Dänemarks in der schleswig - holsteinischen
Sache uns zur Genüge gelehrt, baß es die
Rechie ber Herzogthümer niemals sreiwillig
anzucrkennen unv ihnen gerecht zu werden ge-
neigt sein, sondern nur ber Gewalt der Um-
stände vorübergehend nachgeben wird. Die
Außerkrastsctzung der Bekannimachung vom
30. März d. I. ist sogar selbft nur ein Be-
weis, daß Christian IX- gerade so, wie sein
Vorsahr, die Personalunion der Herzogthüuier
mit Dänemark beansprucht und weber den
wohlbegründeten Erbansprüchen des HerzogS
Friedrich noch den verbrieften Nechten Schles-

wig-Holsteins und seines deulschen Mutter-
lankes Rechnung tragen will.

Habep wir aber von dem Patente vom 4. d.
nichtS zu hoffen, so haben wir dagegen Alles
davoy zu sürchten. Wir haben nämlich zu
fürchten, daß Preußen und Ocsterreich, welche
ohnehin nur einc Zurücknahme jener vcrtrags-
und versaffungswidrigen Bestlmmung vom 30.
März durch Erecution zu erzwingen beabstch-
tigten, jetzt keinen Grund mehr zur Ausfüh-
rung devselben finden wcrden; ^) wir haben zu
besürchtcn, daß die schlaue Diplomatie der
europäischen Großmächte stch wieder ins Mittel
legen iiiid den ohnedieS nicht wachsamen dcut-
schen Bund voüends cinschläscrn wird; und
wir haben endlich zu besürchten, daß unter
ber au fich schon trägen und hier noch absicht-
lich zögernden biplomatischen Verhandlung auch
die Begeisterung deS deuischen Volkes ver-
ranchen, und daffelbe — abcrmals getäuscht
unb um eine Hoffnung ärmer, weil es bei
seinen Fürsten, statt bei flch selber, Hilse und
Rettung suchte — mit den Rechten des Her-
zogS Friebrich auch die der Herzogthümer und
seine eigenen preisgeben wcrbe.

Dieses Alles haben wir von dem Patent
vom 4. d. zu fürchten. Darum auf, Jhr
Deulschen vom Rhcin bis an die Oder, von
der Elbe bis an Vie Donau, auf und laffet
Euch nicht einlullen durch Dänemarks heuch-
lerische Nachgiebigkeii! Erkcnnet die Gcfahr,
die wie ein verbeckter Abgrund vor Euch liegt!
Laßt Euch nicht irre machen durch die locken-
ben Versprechungen Eurer Feinde, auch nicht
durch die trügerischen Friedensstimmen falscher
Freunde! Erhebt Euch wie Ein Mann und
zieht, im Bunde mit ben einsichtsvvllen und
patriotisch gesinnten Fürsten, hiu nach Schles-
wig-Holftein, nicht um die Brosamen auszu-
lesen, bic von deö DänenkönigS Tische sallen,
sondern um Platz zu nchmen an ber Tafel-
runde und zuzugreisen nach Dem, was Euer
ist. Der rechte Augenblrck ist gekommen; laßt
ihn nicht zaudernd vorübergehen, er kommt
vieüeicht niemals mehr wieber!

* Poiitische Ulnschau.

Der „Nürnb. Anz." schreibti Bei ber Vcr-
sammlung dentscher Abgeorvneter tral alö be-
fonders erhebend hervor die Einmüthigkeit u.
Versöhnlichkeii. Hr. v. Bennigsen saß ncben
Hrn. v. Lerchenfeld, die Oesterreicher saßen
neben den Preußen und Alle beseelte nur der

") Soll uach dem neuesten Bundesbeschlnß dennoch ge-
schehen.

Eine Gedanke: die Wohlfahrk des gefährdcten
beutschen Vaterlandes. Als Mittags eine
klrine Pause in den Berathungen gemacht
wurde, flogen die Tclegramme nach allen Rich-
tungen ins deuksche Land hinaus; alle Tele-
graurme aber wiederholten daS erhabkne EiNe:
Wir sind Ein Herz und Eine Seele. Jn der
Abcndstunde, (wohin daS Diner verlegt wurde)
konnte ver Präsident der Versamnilung, Hr.
Höldcr aus Stuttgart, den beiden Herren
v. Bennigsen und v. Lerchenfeld gemeinsam
einen Toast ausbringen und ein anderer Red-
ner in gleicher Weise einen Tosst aus Preu-
ßen uitd Oesterreich, als den Kopf und das
Herz, die zusammengehören. Die Berathungen
dauerten von früh 9 Uhr, mit kurzen Unler-
drechungen, bis Abends gegen 10 Uhr. Wolle
ihnen recht viel Segen und Heil fürs deuische
Vaterland ersprießen!

«Memorial diplomatique" enthält die Ant-
wort des Papstes auf die Einladung zum
Congreß, Der Statthalter Zesu Chrisii sagt
darin: cr verspreche dem Congreß seine ganjc
moralische Mitwirkung, sowohl um überall
das Recht wiederherznstellen, als auch insbe-
sonbere um in den kaiholischen Ländern aufs
Neue für die kaiholische Religivn- die über-
wiegende Stellung zu erlangen, welche ihr als
der allein wahreu selbstverständlich gebührt.
Ueberhaupt sci der, katholische Glaube -und
deffen Uebung das wirksamste Mittel die Völ-
ker sittlich zu machen. Was die Rechte des
heiligen Stuhles betreffe, s» seien diese nicht
nur an sich degründet, sondern Napoleoii III.
habe auch dem Papst so viele Pfänder der
Theilnahme und des Schußes ertheilt, daß es
eine Belelbigung wäre, an der Aufrichtigkeit
dieser aus frcien Stücken gegebenen Belheu-
rungen zu zwcifeln.

Zn einem inspirirten Artikel über die schles-
wig-holstcinischc Angelegenheit vertheivigt das
„Memor. diplom." die strenge Neuiralität
Frankreichs in dieser Frage gegen die AuS»
laffungeii der eitglischen Blätter.

Die „Kreuzzeitung" wendet jetzt die äußerste
Mühe an, um nachzuwcisen, daß die Sache
der Herzogthümer die Sache der Revvlulion
sei, die ein König, der seiüe Kronc vom Tische
deS Herrn nahm, nicht fördern, sondern unter-
drückcn müffe. Heute sagt sie: „Wer in aller
Welt kann sich dem Glauben hingeben, daß die
Leiter des National - Vereins und der Fort-
schrittspartei vvn Spmpathie für die Herzog-
thümer Schleswig und Holstein getrieben wer-
den? daß sie lediglich das Bestreben haben,
den Erbprinzen vvn Augustenburg als legi-

Dir Wirthin von Fischbach.

Humoristische Erzählung »on Ch. v. Graveiireuth.

(Fortsetzung.)

Lachend stieg der König auS dem Wagen, klopftc
dcm Wirthe auf die Schultcr, kneipte daS hübsche
Mädchen auf die Wange und erschrack bcinahc vdr
drm cntsetzüchcn Stoßseufzer, welchen dcr in die Ecke
gedrangte HanS aus seinem Jnnersten heroorpreßte,
als die Herrcn so nahe bei ihm voriibergingcn und
ihn hinderten, dic Ankiliift des Königs zu schcn,
der wie er meinte, im zwcitcn Wagen fitzßn müffe,
weil im crsten nur ganz gewöhnlichc Mcnschenkinder,
ohne Krone uud Rcichsapfel, zu sehen gcwesen waren.
Dcr rcich bebortetc Lcibjäger des Königs galt ihm,
des Goldks «egen, wclchcs er an sich trug, endlich
für den König, der auf der Reisc, wie Hans meinte,
«ahrscheinlich die Krone und sonstigen Utcnfilicn
königlicher Würde abgelegt hattc.

Dic Herren warcn in dte Stube getreten.

Jn fieberhafter Aufregung machtc Midei ctnen
Knir um dcn andern, und konnte sich nicht genug
wundern, daß der Monarch ihreS Landes cin so
einfacher, leutscliger Mann war und so gar kein

königlicheS, sondern ein ganz harmtoses, frcund- ,
liches Gesicht mache, wie jedcr andere Mensch. i

Gencral.Haller und der Adjutant, welch'letzterer >
in chrfurchtsoollcr Rücksicht für deu König sich> mit i
crnster Zurückhaltung benahm, schtenen ihr viel eher !
der-Köntg sein zu können, als der lachende, dicke !
Mann mit dcm blaucn Fracke und blankcn Knöpfen
und der wcißen Halsbinde.

Nun laß Er cinmai sein Bekomplimcntiren, sprach
dcr König, zum Wirth gewendet, ich licbe das nicht. !
Wo sind die Vestcllten Fische?

Sie «erden sogleich ihrc untcrthänigstc Aufwar-
tung machen, stammeltc der ganz verwirrt gcwor-
denc Mann, dem dcr Gedanke, mit feinem Lan-
deSherrn sprechen zu sollcn, bcn Athem und oas
klare Bewußtsein nahm. Ein volles Gelächtcr, von
General Haller kommcnd, machte dcn llngliicklichcn !
vollends ganz vcrwirrt.

Bm begierig, dte Fische aufwarten zu schen,
sagtc dcr General lachend.

Mtdci hatte stch schncller von ihrcm Schrcckeu ^
erholt, als der Vatcr, und es kränkte fie, dicsen !
zum Gelächtcr werdrn zu s-hen. Mit anmuthtgem !
Knire trat fie jetzt vor und sprach: i

Mein Vatcr weiß wvhl, daß gebratenc Fischc
keine Aufwartung machen können, nicht etnmal
unsere lebendigcn stnd so gut abgerichtct, cr mcinte
nur, wir würdcn dem Herrn König sogleich damit
aufwartcn.

Sapperlot, Mädel! ricf der General, Du hast
Courage, wie ich bemerke; schadc, daß Du kcin
Aungc bist, gäbest einen hübschen Soldalen.

Muß gchorsamst danken, erwiderte das Mädchen,
ist mir schon so lieber, wie's der licbc Gott etnmal
clngerichtet hat; aber wär' ich cin Bube, so dcnk
tch wohl, daß ich auch ein tüchtigcr Soldat werden
könnte; denn cs muß gerade nichts gar schweres
sctn um den Svldatenstand.

Bravv, mein Kind, sprach Lcr Köntg, Du brst
etn wackcr-S Mädchen, und willst Du tn dic Stadt
so —

O ich dankc, Herr König! ich bleibe schon hter
be! Vater nno Mutter, bei mcinen Kühen und
Geisen, bei unsern Bergen, nnd —

Nun, und? - was stockst Du denn? — denkst
wobl an Deinen Herzliebsten?

Nein, Herr König! eincn Herzliebsten hab' ich
nicht, abcr cinen Schatz — den Iäger-Toni oon
Nußdorf, und der wrrb mein Mann und Keiner
sonst auf Erden!

(Fortsetzung folgt.)
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