Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

Page: 434
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1863a/0434
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Mittwsch, 4 November


18«3.

N; 23S


Auf die „Hekdelberger
Zeitung" kanii man sich
noch für die Monäte
Nooember u»d Aecember m,t 36 Kreuzern abon-
niren bei allen Postanstalten, den Boten und
Trägern, so wie der Erpedition (Schiffgaffe
Nr. 4).

* Pvlttische Nmschau.

Nach dem Staatsanzciger ist der preußische
Landtag auf den 9. d. einberufen.

Die Angabe des Wiener „Vaterland", daß
„der Austritt des Herzogs von Coburg-Gotha
aus dem Vereine der Reformfürsten wahr-
scheinlich sei", wird von der „Cob. Ztg." für
völlig unbegründkt erklärt.

Aus Paris schreibt die österr. Gen.-Corresp.:
„Der Kaiser zeigt stch in letzter Zeit — ich
hebe es hervor, weil andere Correspondenten
baS Gegcntheil gemeldet habe» — sehr heiter
und gesprächig. Man rühmt seinen Gesund-
heilszustand als ungemein befriebigend.^

Auf San Domingo habcn die Schwarzen
die Nkpublik wieder proelamirt und bieß den
Konsuln Frankreichs und Englands iu Haiti
mitgetheilt.

D eu t sch l a « d

— Aus Baden, 3k. Octobcr. Zn der
Schrifc von Gustav Struve „DiesseitS uud
Jcnjeits des Oceans," die ich gcraoc vor mir
liegcn habe, bin ich neben manchem Wahren
und Guten, welches jetzt mehr Anklang fiiiben
dürfte, als vvr 15 biS 20 Zahren, doch auch
wieder manchem Uebertriebcnen und Crcen-
trischen begcgnet, wie wir dies an unscrem
ehemaligen Landsmanne gewöhnt sind. Dahin
rechne ich vvr Allem die an daS Lächcrliche
streifende Behauptung, daß bie badische Rcac-
tion in den 15 Jahren von 1848—1863 min-
destens eine halbe Millivn Eiuwvhner aus dem
Lande vertrieben habe; denn in keineiii Lanbe
seien verhältnißmaßig so viele Opfer am Al-
tare der Neaction geschlachtet, uirgends so
viele pvlitische Prozeffe anhängig geinacht und
so lange Zeil mit „saianischer Folgerichtigkeit"
fortgcsetzt worden. Das sagr er aber nichl
etwa in einem Ausbruch von Aerger über das
Schieksal, welcheS auch ihn betroffen, sondern
mit ruhigem unb berechncndkm Crnste, unb
sucht die Richtigkeit seiner Aussage durch ein
Nechnuiigserempel nachzuweiseu. Baven habe
uämlich, sagl er, im Zahre 1818 eine Bevöl-
kerung von einer Miüion, im Zahre 1848 eine

-iachtrag zu dem Uufall im zoalogijchen Gartcn
zu Köln.

Ueber den bereitS mitgethkilrcn Unfall im zoo-
logischen Garten zu Köln theilt oer Dircctor dcs
dortigen Gartcns noch Folgendes mit: „Dic grvßcn
ruMchen Bären unscreS GartenS, rin Geschcnk des
Kürftcn von Wittgenstcin, gelangten alS ganz kl-ine
Thiere hierher und machten dcm Puvlikum viel
Vergnügen durch ihre Balgereien unter cinander,
wie durch den vcrtraulichcn Verkchr mit dcm Wär-
ter. Als dicselbcn größer und stärker wurden, un-
tersagte ich dcin letzteren solche Untcrhaltung, und
alS dicS ntcht bcachtet, im Gcgcnthcil jum Ergötzen
Schaulnstigcr sortgesctzt wurdc, bedrohtc ich den-
selbcn im Wtcdcrholungsfallc mit Entlassung.
Nichts dcsto wentger «ünschtc dcr unglückliche
Mann, wie schon öfter hi»tcr mcinem Rückcn,
auch gcstcrn Mvrgcn in der Frühstunde scincn Ge-
noffcn im Garten eine Vorstellung zu gebcn, vb-
wohl diesclben ihn dringend batcn, htcrvon abzu-
ftchen. Tic um thn gcänßcrtc Sorgc war. erst rccht
cin Beweggrund, seinen Muth zu zeigcn; er wollte,

solche von 1«/, Millionen gchabt. Jn gleicher
Progression müßte jetzt die Einwohnerzahl in

1.875.000 bestehen; statt deffen seien abcr nur

1.308.000 vorhanben. Mithin bekrage der
Ausfall mehr alS eine halbe Miüion. — Die
Rechnung ist richtig; aber sehr willkürlich ist
die Voraussetzung, daß die Progression vo»
1848 bis jetzt eine ganz gleiche, wie jene von
1818 bis 1848 sein müffe; und ebcnso will-
kürlich ist die Annahme, baß ber Ausfall vvn
den Opfern der Reaction herrühre. Zu diesem
Ausfalle, wie zu jener ungewöhnlichen Pro-
gressiou können ganz andere und eigenthüm«
liche Ursachen mitgewirkl haben, und jene
Sleigerung in 30 Zahren war offcnbar eine
ganz «rtraordinäre, deren Ursachen unsere
Sraatsmänner und Statistiker auch werden
nachweiscn können. Es ist daher nichts alS
eine rhetorische Floskel, wenn Struve sagt:
„Augustus ries einst aus: Varus, gib mir
meine Lcgioiien wreber! Der Genius Deutsch-
lands wird einst rufen: Standrecht, gib mir
meine halbe Million Badeuer wicder!" —
Ebenso ercentrisch und allen geschichtlichen
Zeiigliiffen widersprechend ist bie fernere Be-
hauptung; „Seit ben Zeiten der Aufhebung
des Evictes vou Nantes habe eine svlche Ka-
tastrophe nicht stattgefunden, und selbst diese
furchtbare Maßregel yabe aus dcm großen
Frankreich nicht mehr fleißige Hände vertrie-
ben, alS dic Rcaclion in den Jahren 1848
bis 1862 aus dem kleinen Ländchen Baden."
Durch solche maßtvsen Uebertreibungen hat sich
der Vcrfaffer selder geschadet und auch den-
jenigen Darsteüungen seiner Schrift, welche
Beherzigung verdienen, den Zugang zu den
Herzcn, weliigstens bei einem großen Theile
der Leser, verschloffen. — Daß Slruve auch
sehr besonnene Urtheile hat, geht unter An-
derem aus seiner Bemerkung zur Arbeiterfrage
hervor: „Jch wüusche bem Arbcitcrstanbe keine
Siaatshilse, welche immer Staatöbevor-
mundung in ihrem Gefolge haben muß.
Jch wünsche nur, vaß der Staal diejenigen
Hcmmiiisse, welche rr künstlich für den Ar-
beiter erschaffen hat, diesem abnehme. Ab-
schaffung der vrückenden Gesetze in Betreff deS
Erwerbs des Bürgerrechks, der Niederlassung,
dcr polizeilichcn Aufsicht, des Versammlungs-
rechis der Arbeiter u. s. w. in Verdiiibuug
mit ähnlichen Bestimmungen, wie sie in Amerika
bestehen, würden dem Ardeiterstanbe mehr auf-
helfen, als aüe Vereiiie der Wclt."

Ueberlingen, 30. Oktober. Dic an den
Kaifer von Oesterreich gerichtete Adreffe Ueber-
liiigenS licgt vor uns. Nach einigen einlei-

tenden Worten und nach freudigcr Begrüßung
der Reformacte als „Meisterwerk staatsmänni-
scher Schöpfung" sagcn dic Unterzeichneten,
daß sie schmerzlich betroffen waren vom Ber-
halten ihres Landesfürsten in dieser hochwich-
tigen Angelegenheit, daß sie erwartet, Se. K.
Hoheit werde nicht umhin können, den Ent-
wurf der Reformakte mit Freuden entgegen zu
nehmen. Dann fährt bic Avreffe wörtlich fort:
„Statt deffen verhielten sich Se. Kgl. Hoheit
zum ganzen mit so viel Sinsicht und Hiugebung
in Angriff genommenen Reformwerkc einfach
ablehnend und überraschlen nachher das Bolk
mit der bekannken Schlußerklärung, von welcher
wir mit tiefem Bedauern sagen müffcn, baß
sie uns nicht befriedigt. War es weise, war
es patriotisch oder staatsmännisch?" rc.

(B. L.-Z.)

Darmstadt, 31. Oktbr. Heute hat die
erstc Kammer das Kirchengesetz mit Abäude-
rungen und Zusäßen als Ganzes mit allen
Stimmen gegen bie des Domkapitular Mou-
fang und bes Fürsten von Löwenstein ange-
nvmmen. (Sildd. Z.)

Frankfurt, 29. Okt. Die „B. L.-Zkg."
schreibr vvn hier: Die Versammlung des Re-
formvereins hat hier fast gar keinc Beachtung
gefuiiden, wie man denn auch hier von solchen
Versammlungen übersäitigt ist und sich wenig
mehr darum kümmert, weil überall nichls da-
bei herauskommt. Es zweifelt Niemand mehr
daran, daß die österreichische Bundesreformakte
lediglich schätzbares Material geworden ist und
unter den vorliegcnden Verhältniffen überhaupt
ein Resvrmwerk keinc Aussicht auf Berwirk-
lichuug hat. Preußcn wird und kann sich dem
österreichischkn Vorschlagc »ichl anschließen, und
auf der andern Seitc will man auch Preußen
nichts gcwähren, weil Oesterreich nach ber
faktischen Obermacht strebt und seinc politi-
schen Absichtcn allein im Auge hat. Unter
diesen Umständen kann aber nur das Vater-
lanb selbst leiben, benn die Aktionspartei nimmt
täglich zu und bearbeitet den Boven. Zn
Koburg und hier ist ihr Hauptfltz, und sic
entfaltet eine energische Thätigkeit, ba sie sich
nun von ber Nationalvereinspartei cmanzipirt.
Die Versammlung für religiöse Reform, mit
Ronge, Ducat, G. Struve' an der Bpitze, hat
hier das Terrain probirt; am Rhein arbeitet
Laffaüc, und es wird nicht blvs durch Flug-
schrifren unb Broschüren das Volk und be-
sonders dic Arbeiter bearbeitet, sondern die
Partei witl auch vier rabikale Blättcr, wovon
eineS in Mannheim, gründen. Hier droht
unS einc weit größere Gefahr, als durch die

«ie er denselben sagtc, mit dm BLrcn gemetn-
schaftlich frühstückcn, Er nahm ein Stück Brod in
den Mund, der große männliche Bär richtctc fich
vor ihm auf, daS Brod fiel unglücklichcr'Weife zu
Boden, dcr Bär wtll cs nchmen, tn verhängniß-
vollcr Vcrblendung verwcigcrte ihm daS dcr WLr-
tcr, bückte fich dann sclbst nach dcm Brode, und
vsrloren war cr. DaS Thicr, wuthrnd, daß ihm
dcr Bissen cntrisscn wird, stürzt fich im Nu auf
den UnglüüSmann, jeder Widerstand ist vergebenS.
Zm Gcnick gcpackt, wird dcrsclbe nicdergedrückt,
umgedreht und dann ihm sofort dcr Leib aufge-
riffen. Dic zuschauenden Leute waren in Ver-
zweiftung; keine Hülfc, kcine Rettung sehcnd, ließen
fie mich rufrn. Jch eilte herbei und fand die ra-
sende Bestie wuthschäumcnd über dem halbzerriffe-
nen Manne stehend — ein Anbltck, geeignet, dtc
etsenfeftesten Ncrven zu erschüttern! Ein Blick ge-
nügtr, um zu erkennen, daß, obwohl der Unglück-
liche noch letsc zuckte, cine Rettung dcS LebenS nicht
mehr mögltch war; rS konnte sich nur noch darum
handeln» dcm Lhierc sein Opfer zu entreißcn und
wenigstenS die Leiche zu retten. Die surchtbarstcn
Hiebe uud Stöße auf defi Bären mittelst dtcker

Stangen warcn ohne Wirkung; ich sah bald, daß
sic nur dazu dienten, dic Wuth desselben zu cr»
höhen, sie zerstoben überdieS in tausend Splitter,
sobald si« von seinem Gcbiß gepackt wurdcn, und
reiztc» ihn nur zu neucn Zerftcischungen seineS
Opfcrs. Zch ließ eiligst Gewehre herbeiholen und
unserc Feuerspritze heranfahren, während «elcher
Zrit daö Thier den Körper deS Unglücklichen im
Zwingcr umherschleppte. Wirderholte Schüffc und
dcr scharfc Waffcrstrahl dcr Brandspritze vertrieben
daffclbe von der Leiche und geftattcten, dicselbe zu
cntfernen. Dcr unglücklichc Mann hat seinen Un-
tergang lcdiglich sich selber zuzuschreiben; «ie feine
Anstruction ihm befahl, hattc cr vvr der Reini-
gung des ZwingerS dic Bären einfach in ihren
Käfig zu lockrn, das Gitter deffclben niederziilaffen
unv dann in aller Ruhc und Sicherheit sein Ge-
schäft zu betrcibcn. Sein tollkühncS, und man
darf wohl sagen, wahnsinniges Eintreten zu den
Bärcn in den Zwinger ist noch weniger zu cntschul-
digen und zu begreifen, wenn man hört, daß der
Ȋmliche BLr schvn etnnial eincn Angriff auf thn
gemacht hat. Er hat seine Uniolgfamkeit auf ent-
setzliche Wcise gebüßt!"
loading ...