Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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N» 236 Samstag. 31. October 1863.

* Politische Nnischa«.

Das Wl'eaer „Vaterland" versichert, daß
auf den Nürnberger Cvnferenzen auch Hr. v.
Seebach (Coburg-Gotha) Oesterreich opponirt
tzabe und daß der AuStritt deS Herzogs von
Coburg»Gotha auS dem „Verein der Resorm-
sürsien" wahrjcheinlich sei. .

Wie „Opinion nationale" und „Paps" mel-
den, ist die englische Erpedition io Japan ge-
scheitert und die Japanesen verweigern sede
Gknugthuung. — Dieselben Zouknale schilder»
die Lage Syriens als bedenklich; 20M0Ara-
ber deS Haran hätten revoltirt.

„Nation" meldet mit Avrbehalt, daß 10,iX>0
Spanier das französische OccupationScorpS in
Roni ersetzen werden.

„Daily News'- sagt, es seien wegen Ab-
tretung der Jonischea Jnseln neue Schwierig-
keiten entstanden.

Die Zkcde -es Berliner Oberbürger-
meisters Seydel bei der 18. Octsber-
Feier in Leipzig.

Wir haben heute cine Psticht ersüllt. Wir
haben zu einem Werke der Dankbarkeit und
deS Patriotlsmus den Grundstein feierlich ein-
gesenkt in den Boden, der tief getränkt ist von
dem Blute, das dort für die natioiialc Unab«
hängigkeit des Vaterlaüdes in Strömen ver-
gossen ist. Das Denkmal wird — so Gokt
will — sich erheben in einfacher, schmuckloser
Größe und dauern so lange, als der Himmel
den Werken der Menschen es vcrgönnt zu
daueru, ein würdiges Zeugniß beides, der
Thaten, zu deren Gedächtniß es errichtel ward,
und derDankbarkeit derer, die eS errichtet haben.

Wir haben eine Pflicht erfüllt, indem wir
an diesem Tage die Männer alS Ehrengästc
um unS versammelt haben, die der Kampf u.
die Zeit von den Tausenden übrig gelaffcn
habcn, welche vor einem halbe» Zahrdundert
ihr Leben einsetzten für die crste Bebingung
nnserer nationalkn Eristenz, für die Besreiung
des Vaterlandes von sremdem Joch. „Wie
die Blätter im Walbe, so stnd die Geschlechtet
der Mcnschen." Ein Blatt nach dem andern,
rrst einzeln, dann dichter gedrängt, löft fich
leisc von bcm Baum dcs Lebens, und klein
nur und auserlesen ist die Schaar, der viei-
leicht es vergönnt scin wird, zuglcich die Ans-
saat zu schauen und die volle reifende Frucht.

Nach einem halben Jahrhundert, daS schwer
wiegt auch in dem Lebe» ber Völker, ist von
der blutigen Saat, die hicr ausgesät ward,

die volle ErNte noch nicht eingebracht, ist der
Gedanke, der die besten Männer, die Blüthe
unserer Zugend in Kampf und Tod trieb,
noch nicht erfüllt, ist Deutschland noch nicht
groß und mächtig, noch nicht eiuig und eineS,
noch oicht frki.

Zch rede nicht zu der Jugend, der hoff-
nungsreichen — ich rede zu deutschen Männern,
die eS nicht licben, zwischen Fürchken m Hoffen
träumerisch zu schwanken, zu Männern ge-
schickt und berufe« zu ernstem, eingreifendem
Hanbeln und die sich mit verantwortlich wiffen
sür die Gegenwart und Zukunft unsereS Va-
terlandes.

Und zu Jhnen sage ich es mit gutem Be-
dacht. Wenn auch immer noch auf das Hoffen
gesteüt, wcnn uns selbst die Gegenwart noch
schwer und drückend geuug auf unserem Gc-
müthe lastet, dennoch dürfen wir nicht ver-
zweifeln, dürfen selbst nicht schelten das Ge-
schick, das uns und unserem Vatcrlande zu
Theil geworden ist. Eine schöne große Zu«
kunft ist unS stcher, ist unS nahe.

ES ist nicht genug, daß einem Vvlkc scine
Aiele gesetzt und vorgezeichnet werbcn von ir-
gend wem, sei eS von Wenigen oder von Vie-
len. „Mit ihm spielen Wölken und Winde,
nirgends haften dic unsicheren Sohlen", wenn
eS diese Ziele nicht aus stch felbst, aus seinem
eigensten besten Leben herausarbeitet, wenn sie
nicht ein Theil seines Lebens, eine tiefgehende
Ueberzeuguug geworden stnd, die jeden Ent»
schluß des Mannes bestimmt und durchdringt.

Wohl ist auch unserem Vaterlande manche
Gunst der Zeit zu Hülse gekommen, aber einer
schweren, unablässigen geistigen Arbeit des
Volkcs hat eS bednrft und dedarf es noch
heute, um unS wieverzugewinnen, was Zahr-
hunderte der Schmach und Unfreiheit, der Tren-
nung und deS Zerfaüs uns geraubt haben,
wiederzugewinnkn vor Allem das lebcndige,
Willen und That beherrschende Gefühl ber
uatioualen Einheit und Zujammengehörigkeit
und die siltliche Stiinmung und Festigkeit bes
Charakters, die die erste Bedingung aller bür-
gerlichen Freiheit ist.

Diese schwere ernste Arbeit hat daS deutsche
Volk an stch vollzogen, und das ist der viel-
leicht nicht zu theuer erkaufte Gewinn der
harten Schulc eines halben Zahrhunderls, das
ist es, was uns eine schöne große Zukunft
verbürgt: DaS Volk ist endlich cine Macht,
eine frei sich setbst bcstlinmende Macht gewor-
den. Das Schicksal unsercS deutschen Vater-
landes, es steht fortan bei uns, bei dem Volke.
Mit dem Volkc muß rechnen, wer in Deutsch-

land Festes, DauerndeS, Großes gründen will,
vor Allem wer das Reich deutscher Nation
anferbauen will.

Nicht will ich eS untcrnehmen, Sic einzu-
führcn in die Werkstätte deS geheimnißvollen,
sichtbar«unsichtbaren LcbcnS, der ernsten, rast-
losen und doch freudigen Arbeit der Nation

— Sie, die Mitlebenden, die Mitarbeitenden.

Es geht ein frischeS, kräftiges Regen und

Bewegen durch unser Volk; es tst ein reicheS
lebendiges Gcben und Empfangen, herüber u.
hinüber, zwischen alle'n Landen und Gauen
deS Vaterlandes. Dic Freiheit des VerkehrS
auf dcm ihr bi'Sher gewonnenen Gebtete ist
ein Recht deS VolkeS gewordeN, daS es ent-
schloffen tst, stch nicht einfach wieder nehmen
zu laffen, aus irgend welchem politischen oder
dynastischen Gelüste. Die Freiheit der Arbeit
macht täglich neue Eroberungen und ist selbst
wieder rüstig am Werke, auch die Schranken
zu beseitigen, die — nicht in Mauern, Grä-
ben und Schlagbäumen — sondern in dem
engen Sinne eines Theilcs des VvlkS und
seiner Gemcinden, selbst dcr frcien Bewegung
der Arbeit von Staat zu Staat, von Ort zu
Ort in unserem Vaterlande noch immer sich
cntgegenftellen. Die deutschcn Städte, der
Stolz und der Schmuck nnseres überall schönen
DeutschlandS, wic dehncn sie sich, wie blühen
sie auf, nachdem die Enge der Landschaften
stch geöffnet hat und sie frei und üngehindert,
eine jedc nach der ihr inwohnenden Kraft und
Bildung die Wurzeln ihres Gedeihens über
den ganzen weiten vaterländischen Boden aus«
breiten können! Rascher unv kräftiger pulsirt
in ihnen bas Leben der Nation. Zmmer mehr
drängen sie auS ihrer VereiuzclUng, aus der
alten Abgeschlosscnheit herauS, begtnncn sie
sich als ein Ganzes zu fühlen und bereiten ste
sich, wieder einmal in den Vordergrund der
nationalen Bewegung zu treten, wiederum
einmal und mit größerem Gewicht alS ein be-
deutendes Moment in daS grvßc Geschehen
der vaterländischen Dinge bestimmtnb kinzu-
greifett.

Der Gedanke der nationale» Einheit und
der im Schutzc derselben begründeten bürger-
lichen Freiheit trcibt seinc Wurzcln immer
tiefer, gewinnt immer mehr eine bestimmte
feste Gestalt in dcn Geistern deS VolkeS, im-
mer Mchr und immer entschiedener verdichtet
sich daS Sehnen, Wünschcn und Hoffen des
Volks zu bewußtem klarem und begeistertem
Wollcti. Fortan Ein Wahrzeichcn nur gilt!

— Die deutsche Regierung, die heute noch es
versuchen wvllte, die Ergänzung einer mangel-

Nachträgliches zu Nadar's zweiter Luftreise.

Als der Ballon fich in dcr Rahe der hannover-
scheu Stadt Nienburg der Erde näherte, wurd«r
»on den Paffagieren zweiwal Aukcr ausgeworfen,
welche, nachdcm fie Zerstöruiigcn an Gartenhäu-
scrn und Zäunen angerichtct, abriffen. Zctzt nähertc
man fich vcr Eisenbahn, und «S bcmächtigte fich
der größtc Schrecken der berettö zuui Theil ver-
lctzten, und »crwirrtcn Jnsaffcn, denn ein Zug kam
daher gebraust. Traf thr Schiff mit dcm Zuge in
ungünstiger Wcise zusommcn, so sahcn sie thren
Untergang vor Augen, weßhalb sic sich Mühe gaben,
Lem Zuge bemerklich zu machen, daß cr anhalten
niöge. Sie wußlen nicht, oaß fie ftlbfi gleichen
Schrecken verursachtcn. Auf dem Bahnhofc Nicn-
burg war nämlich die Reftrvcmaschiue gerabe mit
Rangirarbeiten beschäftigt, als man den Ballon
bcmerktc. Natürlich mußtc das Unthtcr tn der
NLHe betrachtet «erdcn, und dic Maschine mit dem
gcrade dahinter befindltchcn Wagin fuhr nack der
etwa etnen Büchsenschuß entfernten Stelle, wo der

Ballon dic Bahn kreuzen mußte. Abcr als sie sich
dem Punkte näherscn, nahm denn doch das Unge-
thüm solch gewaltige Dimenfivnen an, daß sie bange
wurden und «nhalten wollten. Da kommt aber der
Riesc gerade heran: die Gondrl schlägt gcgen den
Bahndamm und reißt eltt Stück hcraus, der Bal-
lon hebt fich, reißt dic ganze Maffe mit und ist im
Begriff, übcr den Bahndamm mit eincm Sprunge
«egzufttzcn, als durch bic Verbintungstaue zwischcn
Gvndet und Ballvn dte Telegraptzendrähte gefaßt
wurden; einige Telcgraphcnpfähle weichen und mit
einem Ruck «crdcn 4 nahezu >/, Zoll starkc Eiftn-
drähtc, zu deren Zerreißen eine Kraft von 101)
Ecntncr erfvrderlich ift, abgkriffen; da dückt sich
instinktmäßig AllcS auf dem Zuge ntedcr und bc-
koinmt Furcht und Respcct vor dem Rscftn. Der
Ballon setzt indcffen ftineii Weg fort, xeißt Zäune
um, psiügt streckenweift die Erde; die Ansaffen
verlieren bci den fürchterlichcn Stößen und iiidcm
sic umheigeschlcudert wcrden, Hütc, Mützen und
Sprachrohr, sogar rinen Paletot; Eiscntheile reißen
lvS, Bankbiüette im Gesammtwcrthe vvn ctwa 500
Franken fliegrn über Bord, AlleS wird beschädigt
und ist in dkr grSßicn Verwirrung. Rachdem fich

aber der Ballon eineS ThcileS stincr Lasi cntledlgt
hat und durch Ballastauswerfen noch mehk entlastet
ist, bckommt er dic Herrschaft wieder; er hebt fich
nach und nach, dte Stöße hören aus und dcr mu-
thige JuleS Godard übcrnimmt eS, nachbcm dte
Ordnung einigermaßen hergestellt ist, mit Lebens-
gefahr an deii Stricken deS BallonS in dic Höhe
zu klettern, um dtc Lustklappe zu öffnen. Das
kühne Wagstück gelingt, die Klappe wird geöffnet
und der Ballon fällt jetzt gänzlich. Lcidcr fteibt
dcr Wind ihn aber iloch in bas ctiva eine Stunde
von Rethem gelegene Frankenfelder Holz, «o er
in dcn BLllmen, dte er zum Theil noch beschädigt,
hängen bleibt, um schließlich als todtes Ungcheuer
von dcn Baucrn der llmgcgcnd angestärrt zu werden.

Sobäld daS Schiff sich der Erde nähert, fpringcn
die noch balbwegs Gesundcn herauS und verlctzen
sich dabci noch zum Theil. Fraü Rädar, dte un-
begreisiicher Wetft die Fahrt tn Fraüenkletdern
mitgemacht hat, bleibt beim Aussieigcn HLngen,
der Rieft macht noK eine letzte TodeSzuckung, reißt
daS Schiff um und über die bedaüernSwerthc Frau,
rvelche davon bedeckt wird und hälb zerquetscht aufs
Gräßlichstr um Hilfe rust. Da dte Rrisenden ftotz
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