Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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geordnrten warntey, die reactkonäre Poliük
des MinisteriumS gefährde die Machtstellung
Preußens, wurde ihnen jede Auskunft verwei-
gert. Die Sußere Lage des kandes, sagten
dir Minister, gehe sie nichtS au, die auswär-
tige Politik sci des Königs Domäne, jede
Nachfrage nach derselben ein uabefugter Ein»
griff „in die verfaffnngsmäßigen Rechte der
Krone." AlS dann die Forderung wieder und
wieder laut wurde, daß Preußen einen Schritt
für die Einigung Deutschlonts thne, da sprach
BiSmarck jene famosen Worte, nur mit BIut
und Eiseu sei Deutschland zu einigen, nicht
auf dem Wege des Friedcns, der Eintracht.

Mit Blut und Eisen!

Mit dem Blut deulschcr Brüder sollen deS
Vaterlandes gesegnete Fluren besudelt werden,
ein dcukscher Mann soll dem andern daS Eisen
in die Brust stoßen ....

Wenn wir nicht mehr in einer Zeit leben,
wo EfneS Gewaltigen Uebermuih hinreicht um
einen-Bürgerkrieg zu entzünden, wenn die
Tborheit wcniger Leute nichi Deutschlands beste
Hvffnungen zerstören soll, dann wird eS nicht
zur Aussührung der Blut- uud Eisenpvlitik
kommen und Bismarcks neuester Appell an
daS preußische Bolk wird nur das Ende der
Junkerherrschast in Preußen einleiten, nicht
den deulschcn Bürgerkrieg.

Das preußische Volk wird nun wählen, und
es Wird so einig sein bei dcr Wahl, als später
seiiie Vertreter. Aber riese Eiliigkcir werden
sie nicht in der Unterstiitzliiig der Bisinarck-
schen Politik bewähren, sondern beim Angriff
auf das Reglkrlingsspstcin nnd die Personen,
welche daffelbc stiitzeu.

Jetzt, nachdem Preußkiis Ansehen in Deutsch-
land so gesuiiken ist, daß ski« Gegner ihm
keinen böheren Rang zugestehen, als einrm
der Kölilgreiche die man in einer Slunde durch-
reisi, jetzt ruft Hr. v. Biemarck die Volks-
vertretung zu Hülfe. Sie soll ihm, der ihr
fast jrdes Recht abgestritten hat, helfen, um
„die Unabhängigkeit und Würde Preußens"
zu schützen.

Also reicht zum Schutz für dieselbe doch
nicht die Machtfülle der Krvne von GvtteS-
gnaden, die Herrlichkeit der reorganisirten Ar-
mee, die Erbweisheit drr Junker hin....

Zur Lkisiiing von Staaisausgaben gehört
ja, nach des Hrn. v. Bismarcks Thevrie, keine
Bewilligung durch das Abgeordnetenhaus, jede
Einwirknng auf dic diplomalische Aciion soll
ja ker Thätigkeit der Kammern entzogen blei-
ben, über Krieg und Frieden hat allein der
Köiiig zu entschkiden....

Oder hat vielleicht doch noch der Wille des
Volkes eine Bedeutung, geht vielleicht die Macht
noch nicht ganz übcr das Recht? Fragt die
N. Fr. Zkg.

Stuttgart, 2. Sept. Der König läßt
auf dem Schlvßplatze ein Standbild errichten,
„in welchcm Se. Maj. die Söhnc Württem-
bergs in den Bestrebnngen für die Zielc so»
wohl deS engeren, als des weitern Vater-
landes verei'iiigt zu sehen wünschen." Seine
Majestät, bemerki die „N. Fr. Ztg." könnten
diese Einigkeit nvch beffer als durch ein Stand»
bild Ladurch fördern, daß Sie endlich ein wirk-
iich freisinnigeS Ministerium beriefen. So
lange dies nicht gkschehen, brauchtc sich Se.
Maj. nicht zu wundern, wenn darüber, ob
Jhre eigene Freisiiinlgkeit und Jhr deutscher
Patriotismus ganz ehrlich gemeint seien, durch-
aus noch keine Einigkeit unter den Söhnen
Würtkembergs herrscht.

München, 3. Scpt. Die „Baper. Ztg."
beginnt einen Artikel „Zur.Bierfrage" mit
den Worten: „Jcder Baper, der langc gelcbt
und getrunken hat, wird dic betrüdende Be-
merkung machen müssen: daß unser weiland
berühmtes baperisches Bier mehr in der Er»
innerung, als in der Wirklichkeit eristirt. ES
wird nach und nach ein Absub diverser Dro-
guerieen werden, der, außcr Farbe und Na-
men, wenig mehr mit dcm alten Labctrunk
geuikin hat, und der wahrhaft mehr aus Durst
und der Tradiiion zu Lirbc getrunken wird,
als dks Wohlgeschmacks und der Erheiteruug
willen." (Geschieht andcrwärts schon langk.)

München, 4. Sept. DerKönig hielt bei
seiner Ankunft einen svforiigen Umzng durch
die festlich geschmücklen Straßen. Er wurde

von den großcn Menschenmaffen mit unge-
heurem Jubel empfangen. So eben wurde der
Fackelzug mit Serenade beendet. Der Empfang
war großartig in jeder Beziehung. (Allg. Z.)

Berli«, 3. Scptbr. Der statistiiche Con-
greß wird unter der Aegide des Hrn. v. Bis-
marck so auSschließlich international werden,
daß die Theilnahme aller preußischen Stati»
stiker von Bedeutung, welche das Unglück ha-
ben, nicht so ministerieü gesinnt zu sein als
Hr. Geh. Rath Engel, fehlen wird. Es hat
der dri'Ue Theil der bestcllten Referenten seine
Theilnahme abgelehnt, Lette, Schulze-Delitzsch,
Virchow, Fabrikant Delbrück, Bensemann,
Mommsen, Otto Hübner, O. MichaeliS, Dr.
Neumann, Steinert, Friedberg u. A. Ober-
bürgermeistcr Sepdel und Stadtvervrdneten-
vorsteher Kochhann sind schon früher ausge-
schieden und jctzt hat, um das Ende mit dem
Komischen zu paaren, auch der Krvnprinz
abgelehnt, ben Protcctor deS Congreffes zu
spielen.

Braunschweig, 1. Septbr. Die dies-
jährige Brriammluiig der deutschen Geschichts-
und Altcrthuinssoricher findet in den Tagen
Vvm 2l. bis 24. Scpt. dahier statt.

Wie«, 2. Sept. Die „Ostdeutschc Post"
schreibt: „Der Fürstentag ist vorüber, und
während die Souveräne heimkehren, werden
die Völker sich kaum verbergen können, baß
von den Hoffnungkli, mit denen sie vor 14
Tagen die Eiöffnung des Cvngreffes begrüßen,
gar viele uub nicht die schlechtesten durch die
rauhe Hand der Wirklichkeil unbarmherzig ver-
nichlet worden sinb. Ein Urtheil über die
Gksammiheit drr revidirten Bunbesacte ver-
schieben wir beffer bis dahin, wv ihr Wort-
laut bekannt sein wird. Das glauben wir
jedoch schon heute besürchten zu müffen, daß
alle jene Bolksvertrctlingen in Deutschlanb,
die nur irqend einen Grund haben, sich in
ihrer Slelliing zu fühlen, die Erbschaft dcs
Füestentages kaum anderS als sud beueüvio
inventsrii und nach genauester Prüsung an-
treten werden. Einer reinen Delcgirtenver-
sammlung, die nur jedcs dritte Jahr zusam-
meniritt und von der cin volleS Drittel dcn
Standesherren Deutschlanbs angehört, wird
kein wirkliches Parlament große Opser be-
züglich seiner eigcnen Competcnz zu bringen
bereit sein, um so wenigcr, wenn das damit
erlgngte Maß deutscher Einheit rin so beschei-
denes ist, daß an der Ernennnng deS Sechfer-
dircctoriumS sämmtliche Staaten participiren,
und nur die Hälste dessclben aus festen Mit-
gliedern besteht; daß einc Abänderung dieser
so äußerst mangelhasten Bundesverfaffnng drci
Viertel Stimmcn im Abgevrdnetenhause und
Eilistimmigkeit aüer 21 Voten im Bundes-
rathc crfordert. Ja, als geradezu unannehm-
bar für jede freisinnige VolkSverlretung be-
zeichneu wir rund herauS den zu Art. 14 be-
liebten Znsatz: „„kommt übcr das Bundes-
budget eine Vereinbaruiig mit der Abgeord-
netenversammlung nicht zu Stande, so gilt bis
zur Verständigung der Voranschlag der vor»
angehenden Periode.""'Dieser Paragraph muß
ausgemerzt werden, denn scinc Annahme hießc
nichts Anderes, als die Bismarck'sche Theorie,
daß es ganz gleichgültig ist, ob die Kammer
cin Budget bewilligt oder »icht, zunächst für
ganz Deutschland saiictioniren. Kaun cin ver-
ständiger Mcnsch zweifeln, daß dieselbe dann
auch schnell genug den Einzellandtagen gegen-
über durch die Regierungkn , die ein solches
Präccdens besitzcn, siegreich geltend gemacht
und damit bem gesammten constitutionellen
Leben Deutschlands der unheilbare Keim siecher
Hinsälligkeit eingeiwpst werden würde?!"

Wien, 2. Sept. Dem „Schw. M." wird
von hier geschrieben: Dic Haltung des Groß-
herzogs von Baden auf dem Fürstentagc war
keineswegs nach dem Gcschmacke unserer Offi-
ciösen, und die Mißstimmung ist durch di'e von
der Karlsruher Zeitung veröffentlichte Erklä-
Oung nicht wenig erhöht worden, da man über-
zeugt ist, daß ,'n derselben die Ansichten dcs
Großherzogs ausgedrückt sind. Wenn der
Großherzog eine Bundesrcform verwirklicht
zu sehen wünscht, welche in der vollen Aner-
kennung der nativnalen Jdce und der consti-
tittionellen R.chte des Volkes eine Garantie
dajür bietet, daß au; der sicher» Rechtsgrund- !

lage einer Vereinbarung mit el'ner deutschen
VolkSvertretung ein der Weiterkiiyvicklung
fähi'geS Werk errichtet werde, so ist dies sicher-
lich nicht nur durchaus praktisch, sondern auch
eines volksthümlichcn deutschcn Fürsten würdig,
sowie denn auch vom Ständpunkte der VvlkS-
wünschc diesem Programme nichts beizüfügen
ist. Zu bedauern bleibt es jedoch, daß Baden
auf dcm Fürstentagc nicht positive Vorschläge
zur Amendirnng der Reformacte aufgestellt hat.

sr i e d e r l a n d e

Utrecht, 30. Aug. Gestern AbeNd wurde
in Herzogenbusch dcr Vcrbrecher, welcher den
bekannten ruchlosen Angriff auf daS Leben deS
Erzbischofs gemacht, ins Gefängniß abgelie-
fert. Es ist einer der Dienstboten des Erp
bischofs. Dic Wahrnehmung, daß aüs der
Wohnung des Angegriffenen seit dem Attentate
6000 Gulden entwendet waren, hat die Iustiz
darauf gesührt, den Thäter zu entbccken. Die
bewaffnetc Begleitung hatte Mühe, die erregte
Menschenmenge, welche dem Wagen solgte, zu-
rückzuhalten.

Zta lie n

Laut eincm Bcrichte des Präfecten SkgiS-
mondi hat die Bande Schiavonc's während
des Monaks Juli 93 Menschen geködtet, 22
Gihöfle verbrannt und 5000 Stück Bieh um-
gebracht.

R 1» ß l a n d

Petersburg, 3. Sept. Das „Journal
de St. Pkierodourg" meldek: Ein kai,erlicher
UkaS vom 12. Angust verordnet, daß die
Bauern der Ukraine vom 13. Sept. an Eigen-
thümer weiden und die Loskaufsumme «n den
Staat zu zahlcn haben.

Türket

Konstantinopel, 27. Aug. Die Stadt
Monastir ist ;ast ganz abgebrannt; 2800 Häu-
ser liegen in Asche und auf 18 Millionen
Piaster wirb dcr Verlust durch ben ISrand
deS Bazars uud des Quarticrs von Chio-
porto geschätzt. Auch cin Walb in Anakolien,
der guteS Bauholz li'efcrte, ist abgebranut.
Man schreibt dicse Brände dem Volksun-
willen zu.

A M e r i k a

New-Aork, 26. Augnst. Wilder hak am

22. den Tenneffee überschritten und die Ver-
bindung zwischen dem rechten und linken Flü.
gel der Secessionistcn abgeschnitte». — Quan-
trell hat Lawrence (Arkansas) .angrgriffen und
zerstört. — Es heißt, Lee habe bedeutende
Verstärkungen erhalten und bereite einen Ein-
fall in Marpland por. . Er steht mit 60,000
Mann bei Culpepper Csurt-House. — Roscn-
kranz hat Chattanooga bvmbardirt. Bragg
steht mit 30,000 Mann bei Chattanooga und
Bolton. — Das Fort Sumker liegt in Ruk«
nen. — New-Iork ist ruhig. — Goldagko

23, Wechsel auf London 136.

A s i e n.

Alexandrin, 2. Sept. Die anamitl'schen
Gesanrren sinb mit dem „Labrabor" abgcrel'st,
der sie nach Frankreich führt. — Däs Waffer
des NilS sährt fort, beunruhigend zu sein.
Man hat Maßregeln getroffen, um UnglückS-
fällen vsrzubeugen. — Die Viehseuche nimnlt
sichtlich ab.

Neueste Nachrichten

Netv-Hork, 28. Aug. Das Fort Sumter
ist gänzlich zerstört und, einem Gerücht zu-
folgc, bereits von den ilnionstrupxen besetzt.

— Die couscriptionspflichtigen Deutschcn wosten
die Conscriptioiisfragc bei den Bkhördeii an-
hängig machen; es ist ein Comite ernannt,
um mit der Rcgierung in Verbindung zu tre-
ten und die Gesktzlichkeit des ActeS zn prüfen.

— Am 24. wurde das Bombardement auf die
Stadt Charlcston cröffnet. — Die südstaat»
lichen Blätter rufen die Hülfe Frankrcichs an.

— Zn New-Iork daucrt die Loosziehung fort.
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