Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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gekommen, weil der schwedische Rei'chsrath keine
Vortheile, wohl aber große Nachtheile für den
Abschluß der ebcn genehmigtcn Eisenbahn-An-
leihe von 35 Millivnen Riks-Thaler davon zn
erwarten erklärte. — Der rusfische und fran-
zöfischc Gesandte in Kopenhagev haben die
dänische Regierung nachdrücklich zum Frieden
ermahnt.

Deutschland

Karlsruhe, 9. Oct. Heute ist durch das
Justizministerium die Ernennung einer Anzahl
von Anwälten crfolgk.

Karlsruhe, 9. Ott. DaS Justizministe-
rium hatte, wie man sagt, die Absicht, die
Justizorganisation schon im Frühjahre einzu-
fnhren. Da aber die VerwaltungSorganisa-
tion gleichzcitig mit der Justizreform inS Le-
ben tretcn soll, in der Vorbereitung jedoch noch
zurücksteht, so erwartet man die gemeinschaft-
liche Einführung etwa zum Juli. Jm Justiz-
ministerium wenigstens herrscht jetzt eine leb-
hafte organisatorische Thätigkeit, nachdem der
Staatsmi'ni'ster der Zustiz wieder in die Ge-
schäfte eingetrcten und die verschiedenen Som-
merbeurlaubungen der Räthe beendigt sind.
Von einer Verschicbung der Organisation auf
den Herbst, wie ein Nachbarblatt meldet, ist
nach dem „Fr. I." in unterrichleten Kreisen
nichts bekannt.

Aus Baden bcrichtet der «Schw. M.":
Mehr als die Wahlen zum Landtag rufen die
Schulfrage und der Katechismusstreit in unse-
rem Lande dermalen Bewegungen hervor, jenc
namentlich bei der ultramontanen Geistlichkeit,
die der Herrschaft über die Schule nicht ent-
sagen will und letztcii Mittwoch in einer Ver-
sammluug zu Appenweier ihren Bannstrahl
gegen die Knics'schen Thesen geschleudert hat,
— die KatechiSmussrage bei den pictistischen
Geistlichen/ welche in der vielbesprochenen Ver-
vrdnung dcs evang. Oberkirchenraths de» er-
sten Schritt zur gänzlichen Beseitigung eines
kirchlichen Lehrbuches erblicken, bas den Bil-
dnngsverhältniffen und den religiösen Bedürf-
niffen unserer Zeit auch nicht im cntfcrntesten
mehr entspricht uNd der öffentlichen Meinung
längst verfallcn ist. Ncbenbei' bietet diese
Krage der Partei des kirchli'chen Rückschritts
erwünschten Anlaß zu cinem Auftreten gegen
die ihr verhaßte oberste Kirchenbehörde, das
bereits ein so alles Maß überschreitrndes ge-
worden, daß die große Langmulh des Ober-
kirchenraths als eine wirklich unbegreifliche er-
scheint. Den Hauptschlag gegen denselben ge-
denkt diese Partei in einer größern Versamm-
lung zu führen, die am 28. d. M. in Karls-
ruhe stattfinden soll, und zu der die Haupt-
wortführer dersclben,Dekan Mann in Eppingen,
Pfarrer Rein in Nonnenweier, Dekan Riehm
in Pforzheim, Seminardirector Stern in Karls-
ruhe und Pfarrer Specht in Zspringcn ihre
Gefinnungsgenoffen eingeladen haben.

-i- Bom Neckar, 12. Oct. Von schlim-
mer Vorbedeutung in der schleswig-holsteini-
schen Angelcgenheit war nach unserer Meinung
daS gänzlich taktlose und charakterlose Ver-

tes Zeugniß gaben. Dic Einc sagt z. B., daß Sie
zu keck waren? — Angckl.: No, mein Gott! die
hats nöthig. — Präs.: Eine anderc sagt, daß Sie
sehr gefallsüchtig find; die dritte, namlich dte Frau i
Tuvora, daß Sic ihr drci Battisttücher gestohlcn
haben. — AngcN. (ausspringend): Na, der hab'
ich gar nir gestohlcn; ich hab nur cin Tüchel ein-
gesteckt, wte ich ins Theater an der Wien auf'n
Sperrsitz gangen bin. (Heiterkeit.) — Präs.: Aber
man hat doch allc drei Tüchel bei Jhncn gefun-
den? — Angekl. (heftig): Aa; aber «enn ich schon
sag', ich hab nir gestohlen ü — Präs. (nachdrück-
lich): Vcrgeffen Sie nicht, daß Sie vor Gericht
stehcn und daß Sie fich hier mit Anstand zu be-
nehmen haben. — Angekl. (weinend): Ja, aber
das muß Eineiz doch giften, wenn man solche Aus-
sagen hören muß. — Präs.: Aber wie kommt es,
daß Sie bei der Jnventur mehr Ligarren aufge-
bracht haben, als wirklich da warcn? — Angekl.ü
Das «ar ei» reiner Jrrthum. — Präs: Ein son-
derbarer Jrrthum. (H-itcrkeit.)

Der Vertheidiger Dr. Gunesch: Ach erlaube mir,
Lem Gerichtshofe die Mittheilung zu machen, daß
ich bemüht war, auf dem Wege der privaten Kor-

I halten der mit der Jnspection des holstein-
lauenburgr'schen Contingents neuerlich beauf-
tragte» Buudesgenerale. Nur auf deutschem
Bundesgebiete durste und mußte diese Jn«
spection vorgenommen werden. Die gefälligen
Generale aber, dies nicht so genau nehmend,
begaben sich zur iiicht gen'ngen höbnischen
Schadenfreude der Danebrogsritter aiif däni-
scheS Territorium und nahmen nach ihrer glor-
reichen Musterung überdies noch dänifche Orden
an von einem Monarchen, deffen feindselige
Gcfinnung gegen Deutschland offenkundig ist:
Däs war nach unserem Dafürhalten von deut-
schen Befehlshabern ei'ne fchwächliche Charakter-
lvsigkeit. Jn dieser Sache, welche wahrhaft
patriotischen Deutschen schon so viel Kummer
und Herzeleid gemacht hat, könnten wir übri-
gens alle Drohungen des Auslandes sehr ge-
laffen aufnehmen, wenn wir nur ficher wären,
haß, svbald fle einmal in Angriff genommen
ist, auch die gesammte Kraft Deutschlands mit
Nachdruck und ei'nheitlichem Willen hinter ihr
ständen. Abcr wir eri'nnern uns mit Schmerz,
daß schon einmal an dem Scheitern der deut-
schen Frage auch die schleswig-holsteinische
gcscheitert ist und der jetzigc Moment ist ficher
wem'g ermuthigend, auf eine heilsame ge-
meinschaftliche Action unserer beiden Groß«
mächte große Stücke zu haltcn. Ein Glück,
daß wenigstens dic Jnteressen beider Mächte
an der Eider, deren Flußgebiet einft Otto
der Große mit Deutschland vereinigt hatte,
ni'cht auseinander gehen, — daß überhaupt
weder die eine noch die andere ein unmittel-
bares Jntereffe daselbst hat. Austria und Bo-
russta! Für eurcn Wettlauf und Wetteifcr in
deutsch-nationalcn Bestrebungen wäre hier
wahrlich das geeignetste Feld!

Vom Bodensee, 8. Oct. Aus unsercm
Nachbarlande Hohenzollern geht uns so eben
die Mittheilung zu, daß man daselbst mit der
Gründnng eines Kapuzinerklosters in dem nahe
der badischen Grenze gelcgencn Orte Kloster-
wald umgehe. Es würden also dann 3 seit
der preußischen Uebernahme ncu gegründetc
Klöster in Hvhenzollern sich befindkii, daS für
Jcsuitcn in Gorheim bci Sigmaringen, das
für Benedikliner in Beuron und schließlich daS
sür Kapuziner in Klosterwald. (B. L.)

Leipzig» 9. Octbr. Die Vorberei'tnngen
zur fünfzigjährigen Gcdächtnißfeier der Bölker-
schlacht lreten nun allmählig mehr zu Tag.
An der Steüe, wo die Königsberger Landwehr
am 19. Octbr. 1813 das äußere Grimma'sche
Thor sturmte, erhebt stch cine mächtige Ehrcn-
pforte, welche bei der Grundsteinlcgung zu
dem daselbst dem Major Friccius zu weihen-
den Dcnkmal eine Rolle spielen wird. An
der alten Rennstädter Brücke vor dcm Nenn-
städter Thor, welche beim Rückzug Napoleons
auf deffcn Befchl gesprengt wurde, läßk der
hiefige „Verein zur Feicr des 18. October"
ein den classtschcn Punkt für alle Zeiten be-
zeichnendes Denkmal setzen, was um sv zweck-
mäßiger erscheint, als gerade in dortiger Ge-
gend durch die bevorstchende Wafserlaufsrc-
gulirung rc. die Umgestaltung des früheren
Terrains bis zur Unkenntlichkeit erfolgcn dürfte.

schung die Person jeneS Ruffen ausstndig zu machen,
und ich habe in Erfahrung gebracht, daß um dic
Zcit, «elche die Angeklagtc angibt, aus Nr. 52 des I
National-Hotels der russische Staatsrath Secltg, I
auf Nr. 54 ein Gutsbefitzer aus Volhynicn «ohnte, !
deffen Namen Weschensky tst. Jch präsentire hier !
ein Zcugniß des Hotelbcfitzers, «clches meine Be- !
hauptungcn b-statigt. — Präsident legt das Zeug- ^
niß den Acten bei: Ja, aber wie konnten Sie mit
dem Ruffen verkehren, da er doch nicht Dcutsch
versteht?.— Angekl.: Ach habe nur mit dem Agen-
tcn gesprochen, den cr bei fich g'habt hat, und der
immcr in die Trafik kommen ist. — Staatsanwalts:
Aber von dem Agcntcn haben Sie bisher kein Wort
gesprochcn. — Angekl.: Aa, wenn ich den Herrn !
getroffen HLtt', dcn hätt' ich gar nimmer ausge-
laffen, der HLtt' mitgchen müffen zikin Crtminal.
(Große Hcitcrkcit.) — Präs.: Sie würden besser !
thun, die Wahrhcit zu fprcchen. — Angekl.: Jch
«erde mir doch so «as nicht aus dem Ftnger ziehen.

(Schluß folgt.)

DerBergmanns-Secretär Gehrmann, «clcher
der Breslauer Ober-BergamtScaffe 100,009 Thlr.

Rings um die i'nnere Stadk werden Trans-
parente angebracht, welche die Namen der
hervorragendsten Deutschen aus der Zeit der
Befreiungskri'ege cnthalten, ,'n den weiteren
Umgebungcu der Stadt werden am Abend des
18. vder 19. Oct. Vierzchn riesige Freuden-
fcuer aufflammcn, die Beleuchtung der Stadt
mit Einschluß der Kirchthürme dürfte jeden-
falls prächtiq werden. Sehr dankenswerth
ist der Beschluß unseres Stadtraths diechisto-
risch denkwürdigen Namen von Straßen,
Plätzen und Thoren, welche seit- 1813 einer
unverftändigen Modernisirungssucht zum Opfer
fallen mußtcn, in ihr altes Recht wieder cin-
zusetzen und sic bei Gelegenheit des Festes
wieder umzutaufen. Die Betheiligung der
fremden Stadtgemcinden an der hiesigen Feier
' wird unrer den obw.altenden Umständen immer-
hin nicht unbedeutend sein; die Zahl der ^tädte
die aus irgeiidwelchen Motiven die Betheili-
gung ablehnen ist nicht groß. (Allg. Z.)

Berlin! 10. Oktbr. Am 8. d. M. fand in
Danzig cine Conferenz der Mehrzahl der
Gläubiger der Firma Th. Behrend u. Comp.
statt, in welcher der nunmehr festgestellte Sta-
tus vorgelegt wurde. Nach der „Danz. Ztg."
haben zwei Drittel der Gläubiger den Accord
unter den vorgeschlagenen Bedingungen am
Schluß der Confercnz acceptirt. Die Einwilli-
gung auch der übrigen nicht anwesenden Gläu-
biger steht i'n Aussicht. Wie wir erfahren,
flroponirt das Curatorium, aus der vorhan-
dcnen Activmaffe die kleineren Schuldposten
ganz, die größeren zunächst in Höhe von 25
pCt. zu deckeg, und den verbleibcnden Rest
demnächst weiter zu vertheilen. Mit der Be-
friedigung der klcineren Gläubiger ist auch
bisher schon theilweise vorgegangen.

Berlin, 12. Octbr. Für die Treue der
höheren Beamten in Preußen für Verfaffung
und Gesetz ist die Aeußerung des Regierungs-
präfidcnten von Schleinitz i» Bromberg sehr
charakteristisch, welcher übrigens einer der
liberalsten Prästdenten ist. Zn einer „conser-
vativen" Wahlversammlung entgegnele der-
selbe auf cine Aeußerung eincs Feudalen, wel-
cher von der Verfaffung gar nichts wiffen
woüte, der Schwerpunkt unseres Sdaates läge
allerdings in der Monarchie; cr (der Präfi-
dent) habe aber auch die Verfaffung beschwo-
ren. Sollte cs indeß einmal znm Bruche
kommen, so stche er auf Seiten des Königs.
Mit Beamten von solchem Liberalismns kann
Biömarck natürlich getrost den Umsturz der
Verfaffung unternehmen.

Jnnsbruck, 8. Oct. - Der Andrang zum
Fe,i,chießen sst so gcwaltig, daß auch dic
kühnsten Erwartungcn übertroffen flnd. Wäh-
rend beim vorjährigen Frankfurtcr Feste von
den 10,000 Theilnehmern des Schützenzuges'
nur 2300 die Einlage machten und wirklich
mitschoffen, stand bei uns die Zahl der auf
die Hauptscheiben cingeladenen Schützen schon
gestern auf 4200, und ist heutc mehc als aüf
5300 angewachscn. Es licf nämlich heute
um 11 Uhr Vormittags der Einlagetermin'
ab; da wuchs das Gedränge der stch melden-
den Ankömmlinge so stark, vaß daö Schieße»

! entnomiycn und alsdann das Weite gesucht hat,
soll der „BrcSl. Ztg." zufolge in PeSchiera (am
Gardasee) verhaftet setn. Derselbe rst indeß nicht
in PeSchiera, sondern in Venedtg verhaftct. Jm
Coupe auf der Südbahn, welche Gehrmann mit
seiner Gefährtin benutzte, schreibt die „Br. M.-Z.",
lernte er etnen Herrn kennen, wclcher durch stin
Benehmen ihn sehr ansprach. Dic Unterhaltung
wurde sehr lebhaft und im Laufc dcrselben erfuhr
G., daß sctn Reisegefährte auck die Absicht habe,
nach Venedig zu reisen. G. stellte sich ihm als
einen Kanfmann Walter vor, sich freuend, einen
Mann gefunden zu haben, der Venedig genau kenne.
Der Fremde hatte sich auch als Kaufmann gcrirt,
«ar tn der Tbat jedoch Beamter der Crtminal-
polizct in Wien u»d in einer ganz besonderen An-
gelegenheit nach Jtaltcn gcsandt. An Graz stieg
jedoch dcr Beamte aus und sah auf dem dortigen
Polizciamt den Steckbrief und die Photographie
Gchrmann's, mas ihn veranlaßte, nach Venedig
zu telcgraphiren, wo auch alsbald bei der Ankunft
das saubere Paar in Haft genommen wurde.
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