Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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M 251


Sonntag, 2S. October

ZnsertionSgebährerr 3spalttge Prtit-

18«3.

* Politische Nmschau.

Auf derNürnberg» Coiifereuz wrrden Oester-
reich, Bapern, Sachjen, Hannoper, Wnrttem-
bcrg, die beiden Heffen, Naffau,, Melningen n.
Koburg vertreten sein, die anderen kleinen
Stqgten, inSbesondere die viet sreien Städte
werden fehlen.

Die neuerdings eingegangene» Nachrichten
übcr die Wahlergebniffe in Preußen laffen den
Sieg der liberalen Fraclionen, namentlich so-
wohl der Fortschrittspartei als des linken
Centrums nvch gläuzender erjcheinen, als dies
schon gestern der FaÜ war. Die Dinge liegen
so, daß es fraglich ist, ob daS nächste Abge-
ordnetenhaus auch nur 11 feudale Mitglieder
wieder haben werde, die noch im aufgelösten
Hause saßen. Jm hintersten Theil von Hinter-
pommern, im Stolper Kreise, haben die Con-
servativen gesiegt; sie sind außerdem in ver-
einzelten schlestschen Bezirken vielleicht stark
genug, um zwei oder drei Abgeordnete durch-
zubringcn. Jm Großen und Ganzen aber
waren die Chancen für die feudal-ministkriklle
Partei nie ungünftiger, alS gerade diesmal,
weil glücklicherwcise die Betheiligung am Wahl-
act eine ziemlich rege war. Zn sedem andern
Lande würdc nach einer solche» niederschmet-
ternden Catastrophe das Beharren der besieg-
ten Partei in der Herrschaft unmöglich er-
scheinen. Die Verfassung besteht aber in Preu-
ßen vorerst auf dem Papiex und die Regie-
rungspraris bewegt sich neben ihr, ohne davon
berührt zu werden.

Die „Morningpost" veröffentlicht die Rtde,
welche Fürst Czartorpski in einem gestern in
Lvndon von dem Comite der nationalen i!igue
sür die Unabhängigkeit Polens veraustalteten
Meeting gehalten. Fürst Czartorpski schildert
das libcrale Prvgramm der polnischen Natio-
nal-Regierung; er stellt die ultramontanen Ten-
denzen, welche man derselben zuschreibt, in
Abrede; er behauptet, daß die Baucrn mit der
Rationalregierung nicht unzusriedeii seien, da
der Ausstand von ihnen unterstützt worden.
Fürst Czartorpski äußerte endlich: Pvlen ver-
langt von England nichts weiter, als daß es
Rußland jedes Besitzrecht über Polen abspreche
und die Jnsurgenten als Kriegführende aner-
kennc. Das Meeting beschloß, eine Adreffe
an die sranzösischen Arbeiter zu erlaffen, um
sie einzuladen, gemeinsame Sache mi! den eng-
lischen Freunden Polens bei dem Werke der
Befreiung dieses Landes zu mschen.

Das neueste Petersburger Zourual sagt,
daß die Gerüchte der auslänbischen Preffe über

ein auf die Polenfrage bezügliches Gespräch
drohenden Jnhalts, welches der russische Ge-
schäftsträger in Konstantinvpel mit Ali Pascha
geführt haben soü, dnrchaus unbegründet seien.

„Dailp News" sagt: Da England dic von
ihm verlangten Garanlien svrmlich verweigert,
so ist cs zweiselhast, vb der Erzherzvg Mar
nach Merico gehen wird.

Deu t sch la nd

Karlsruhe, 23. Oct. Durch aüerhöchste
Ordre vom 20. b. M. wird dem Generalmajor
v. Rinck, Commandant der 2. Znsantcricbri-
gade, und dem Oberstlieiitenaiit v. Boecklin,
Recrutirungsofficier des Bezirks Mannheim,
die Dienstauszeichnung 1. Klaffe für Ofsiciere,
ferner dem Lehrer Dammert beim Kadetten-
corps die Siaatsdienercigcnschast und der Cha-
rakler als Profeffor verliehen.

Vom Neckar, 24. October. Bei der
Wiederanreguug der Reformacte dürch die
Nürnberger Conserenzen bürften folgende Be-
merkungen am Platzc sein: Dic österreichischen
Staatsmänncr haben wohl selbst gefühlt, wie
ungleichinäßig und uiangclhaft die Bertretung
der eiiizeluen Staaten im Direclorium ist, und
sind deshalb auf den Gedanken vcrfallen, die-
sen Mangel durch cin ausgleichcndes Gegen-
gcwicht wicder gut zu machen, und ber obcr-
sten Bundesbehörde einen Bundesrath zur
Seilc z» stellen, in welchem sämmtliche Sou-
veräne und zwar mit geringer Abweichung
nach Maßgabe ihrer Stimmberechtigung im
gegeuwürtigen eugeren Ralh der Bundesver-
sammlung/ Sitz und Stimme haben sollen.
Dieses Correctiv scheint übrigens nicht sehr
glücklich gewählt zu sein: Zm Gegenthcite
dürste nur dem ersten Fehler ein zwciter bci-
gefügt und ein Organ geschaffen s«in, welches
nicht andcrs als ein erschwerendcr Ballast
wirken kann. Untcr allen Umständen bleibt
eine Hauplbedingung jedcs Mcchanismus dic
Einfachheit, und es ist nicht sachgemäß, für
eine Arbeit, die ein Rad verrichten kann, zwei
in Bewegung zu setzen. Dem Directorium
soll die voüzichcndc Gewalt, »ach dem österr.
Vorschlage, allein zustehen, dagegen soll es in
allcn andern Angelrgenheiten mehr odcr weni-
ger an die Zustimmung des BOidesrathes ge-
bundeii sein. Will man hierdurch aber etwa
ein Ueberwuchern des einseitigen Particularis-
mus verhindern, so kann diesem ja durch die
Errichtung des Bundesparlaments schon am
sicherste» begegnet werdcn; sür ein solchcs aber
will Oesterreich nach wie vor das Princip

der Delegirung durch die Landtage der Einzel.
staaten festhalten! Dabei mag anerkannt blci-
ben, daß in den ersten Kammern nur */z
zu delegirenden Abgeordnetenzahl zugestanden,
und die übrigen ^/z den zweiten Kammern zu-
getheilt sind. Das zu Grunde liegende Prin-
cip ist jedoch immer zu bekämpfen. Jst für
Deutschland unter dcn gegebenen Verhältniffen
eine einheitliche Erecutive nicht mvglich, wie
wir nämlich gezeigt haben, so erheischt die
Sicherung der Einheit um so dringender ein
Parlament auf breitester nationaler Basis.
Statt deffen bictet das Delegtrtenproject ein
Parlament, welches ebenfalls nur wieder die
Sonderuug deS deutschen Staatslebens ver«
tritt, und einer Gruppirung nach Landsmann-
schaften Thor und Riegel öffnen würde. Rur
cinem fest im Vertrauen dcr Nation wurzeln-
den und unmittelbar aus dieser hervorgegan-
gencn Parlamente kann die Kraft zur seitc
stehen, dcren eS ebenso sehr den dpnastischen
wie den laiidömannschaftlicheii oder particu«
laren Jntcreffen gegenüber bedarf, und ein
solcheö Parlament kann die Garantie geben,
ohue welche jede Bundesreform den wesent-
lichen Theil ihres Werthes verliert.

? Von der Bergstraße, 21. Oct. Es
ist merkwürbig, in welcher Weise dic bevor-
stehende Deputirtenwahl des Landamtsbezirks
Heidelberg in der Preffe bearbeitet wird, und
welch' verschiedene Mittel und Wege versucht
werden, um die Wiedererwähliing des seit-
hcrigen Abgeordneten zu hintcrtreiben.

Zuerst wurde demselben als Gegcncandidat
»cin Mann gegcnübergcstellt, welcher den bureau-
kratischcN Kreisen angehört, und in der Wahl
zum Abgeordneten eine Genugthuung zn er-
halten hoffte. Einige Bürgermeifter wurden
zur Bctreibung ausersehcn, mit welchem Er-
folg, wird dic Zeit lehren. Um die Sache
annehmbarcr zu machcn, wurde ausqesagt, der
seitherige Abgeordnete werdc die Wahl nicht
wieder annehuien.

Später erfolgten in verschiedenen Blättcrn
Angriffe auf die Person deS seitherigen Abge-
vrdneten. Diese waren aber um so unglück«
licher gewählt, weis derselbe um seines geraden,
offenen, ehreuhaften CharakterS willen allge-
mein und auch von denjenigeii Feinden geschätzt
wird, welche die Parteileidenschaft nicht völlig
geblendet hat.

Wiederholt wird in dersclben Richtung auf
einen unabhängig gestellten Mann hingewiesen,
während doch Jedermann weiß, daß der seit-
heriae Abgeordnete vollkommen unabhänaig ist,

Die Besreiungshalle in Kelheim.

(Aus der „Bayr. Ztg.")

Der Grundstein zur Befreiungshallc wurde am
19, Octvber 1842 gelegt. Erster Architekt der-
selhen u>ar Gärtncr; nach dcffen Tod (1847) er-
hielt L. v. Klenze den Auftrag der Vollcndung dcö
Baucs und andertc bensclben derart, daß dic KUP-
pel, «elchc den Bau überwölbt, von außcn nicht
fichtbar «ird. Auch ficlen bie Arkaden dcr Außen-
sctt« weg, und an deren Stkllc traten masfive
Strebepseiler, «elchc germanische Jungfrauen mit
Tafeln in den Händen tragen. Jm griechischen
Style gehalten, btldet das Ganze cinen Rundbau,
welcher durch vben einsallendcs Licht glänzend be-
leuchtet wird. Ein Untcrbau von drci mächtigen
Stufen, welchc zusammcn 24 Fuß hoch sinb, trägt
die Rotunde. Die auf 8 Fuß dicken Strebepfeilcrn
aufgestellten germanifchen Zungfraucn tragen dichte
Etchenkränze um das Haupt, deffen reichgelockte
Haare über Brust, Schultern und Rücken fiießen.
Sic halten längiiche Tafeln, auf denen die Namen

bcutscher Volksstämme verzeichnet sind, und werden
dcßhalb »uch Provinzen genannt. Dic Nameu sind:
„Ocsterreichcr, Baycrn, Tyrvler, Böhmen, Fran-
ken, Schwaben, Rheinländcr, Thüringer, Heffen,
Westfalen, Mecklenburger, Pommern, Branden-
burger, Schlcfier, Sachsen, Mähren, Hannvveraner,»
Preußcn." Die Anschriftcn „Oesterretcher" und
„Prenßen" stehen zur rechten und linken Settc deS
Portals. Zcde der Kiguren ist 20 Fuß hoch. Ucber
dicscn „Provinzen" gestattet eine SLulengallerie
kine großartige und cntzückcnde Rnndficht auf daS
Donau- und Altmühlthal. Uebcr Ler aus 54 Säu-
len vo» jc 16 Fuß Höhe gebildetcn Galerie schließt
ein zierltch durchbrvchenes Steingcbäude- den Bau,
und das mit Kupfrr gcdcckte Dach endct oberhalb
des einsallenden Lichtes mit eincr stumpfcn Spitze.
Die Höhe deS BaueS beträgt nach Hinwegrcchnung
der drei Stufcn, die dcn Unterbau bilden, 180,
der Gesammt-Durchmeffcr, die drct Stufen mit
eingerechnet, 236, die Sprengwcitc der Kuppel
100, dte Höhe der Kuppcl 66, der Durchmeffer
deS KuppelfcnsterS 25, dle Dicke der Hauptmauern
8, die Breite dcs äußerc» GangeS, «o die Can-
drlaber stehcn, 19, jene deS inneren Ganges 12,

der Durchmeffer deS MarmorfußbodcnS 96, die
Höhr deS PvrtalS 23 und desscn Becite 10 Schuhe.
Ueber dem Portale liest man die folgende Wid-
mung:

Den Teutschen

BefretungSkämpfern
Ludwig I.

! König von Bayern.

^ iuoooc:i.xüi.

DaS Matenal dcS BaueS besteht setner Haupt-
maffe nach auS Ziegrlstein; die Thüren ausgenom-
men, ist im ganzen Gebäudc kein Holz verwandt.
Dic Kalkbruchsteine licfertcn dte Steinbrüche von
Kclheim und EbcnwieS, den Marmor, di« Brüche
von Schlanders (Tyrol), Tcgernsee, Bayreuth,
Siena, Salzburg und Serravezza. Den Grantt,
die Brüchc von Hauzenberg bei Paffau, vom Fich-
tclgebirge und von Rosenheim. Das Znncre des
BaueS, von einer sogenannten Laterne crhellt,
bietet durch scinc Marmorwände allein schon etnen
feenhaften Anblick. Auf einem nngcfähr 6 Fuß
hohen und entsprechend breiten Fußgestellc um-
schließen als die Symbole ber 34 deutschen Staa-
ten «ben sv viele Victorien auS carranschem Mar-
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