Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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daß er dieser Unabhängiqkeit nach allen Seiten
Geltung zu verschaffen wekß.

Endlich richket fich die Sorgfalt di'eser Corre-
spondentcn auf die Gemeiude, in welcher der
Bezeichnete seinea Wirkungskrei« hat, und
findet man natürlich, daß der seitherige Ab-
geordnele nicht mehr zu lange seinem Berufe
enlzogen sein möchte.

Der seitherige Deputirte keunt den Umfang
sei'ner Pflichten allzugenau, um fich dem Rufe
sciner Mitbürger zu entziehen, ist aber zu sehr
Mann von Ehre, um von irgend Iemanden
zu verlangen, anders zu wählen, als ihn seine
Ueberzeugung lehrt; unter den Wahlmännern
aber weiß ohne Zweifel die überwiegende
Äehrzahl zu würdigen, daß derselbe in mehr
als Einer der hochwichtigen Fragen, welche
bei den nächsten Kammerverhandlungen zum
Austrage kommen sollen, ein durch eine lange
Reihe von Erfahrungen geprüftes Urtheil ab-
zugeben vermag, daher in bevorstehenden wich»
ligen Verhandlungen kanm ersetzt werden könnte.

München, 22. Oct. Die N. F. Z. will
wifsen, die zu Nürnberg abzuhaltende Mim'ster-
Conferenz habe allerdings zunächst den Zweck
eincr Verständigung OcstcrreichS und der Mit-
telstaaten nber die »ach Berlin zu ertheilcnde
Antwort; es würden sodann aber noch weiter
gehende Verständigungen beabfichtigt, insbe-
sonderc nber die Art der Verwirklichung deS
Reformprofccis; ja es liege nicht außer dem
Bereiche der Möglichkeit, daß noch vor Ab-
lauf des gegenwärtigen Jahres die ohnehin
demnächst zu berufenden würtcmbergischen und
außerdem die neu zu versammelnden baperi-
schen Kammern über Annahmc oder Ablehiiung
des Reformprojects fich zu entscheiden haben
würden.

Berlin, 22. Oct. Das Kammergericht hat
den von der Staatsanwaltschaft gestellten An-
trag aus Einleitung derDisciplinaruntersuchung
gegen den Stadtgerichtsrath Twesten als be-
gründet anerkannt und die Einleitung der Un-
kersuLung beschloffen.

Düfseldorf, 19. Oct. Diese Nacht zwi-
schen cinS und zwei Uhr wurde die Stadi
dnrch einen enormen Feuerlärm in Schrecken.
vcrsetzt. Das königliche Proviantamt in der
Nenstadk, unweit der Cavallerie-Caserne, erst
vor einem Jahr neu gebaut, ist mit einem an-
sehnlichen Vorrath Fourage niedergebrannt.
Nur die Umfassungsmauern stehen noch. DaS
Feuer glimmt im Jnnern in diesem Augen-
blicke noch heftig fort. Die Entstehung des
Feuers ist noch unbekannt.

Aus Preußen, 19. Octbr. Was wird
die preußische Regierung durch ihre Erlasse
gegen die Wahlfreiheit der Beamten erreichen?
Die Zeit wird's lehren, der Wahltag steht
vor der Thüre. Einstweilrn hat fie in den
Gemüthern auch der Gemäßigtsten eine Er-
bitterung erzeugl, die Unheilvolles verheißt.
Sic hat die Beamten, die stch bisher in
Preußen im Großen und Ganzen des Rufes
großcr Ehrenhaftigkeit erfreuten, in die Noth-
wendigkeit versetzt, stch vor fich sclbst und den
Mitbürgern durch Stimmen gegen ihre Ueber-
zeugnng verächtlich zu machen vder dieeigene

mor den Bau. Ze zwei derftlben halten den !
zwtschen ihnen auf eincm ntedercn Marmorschafte
ruhenden Bronceschild, «ährend fic Lie freie Hand
den benachbartcn bieten. Die zunachst des Portals
aufgestellten Mctorien tragen je in der eincn Hand
cincn Palmenzweig. Links vom Portal bcgtnnend, l
liest man erhabcn in römischcr Lapidarschrift auf
dem vergoldeten Bronccschildc: „Treffen bei Da-
ntgkow 5. April 1813. Schlacht bei Großbeercn ^
23. August 1813. Schlacht an der Katzbach 26. Au- ^
gust 1813. Schlacht bei Kulm 30. August 1813. j
Schlacht bei Dennewitz 6. Scptembcr 1813. Treffen >
bei Wartcnburg 3. Octobcr 1813. Schlacht bci
Leipzig 16.-19. October 1813. Schlacht bei
Bricnnne 1. Februar 1814. Treffen bei Bar sur
,Aube 27. Februar 1814. Treffen bei La Guillo-
tiere 3. März 1814. Schlacht bei Laon 10. März ,
1814. Treffen bei Limouest 20. März 1814. Schlacht j
bci Arcis sur Aube 20. und 21. März 1814. Tref- !
fen bet La Fere Champenoise 25. März 1814. !
Schlacht von Paris 30. MLrz 1814. Schlacht von !
Waterloo 18. Juni 1815. Trcffen bet Straßburg !
28. Zuni 1815." Auf der Rückseite der oben er- !
wähnten Schilde ist die Bemerkung kingravirt, '

j und der Familien Eristenz aufS Spi'el zu
setzen, wen» die Regi'erung anderS den Mnth
hat, ihren Drohungen die That folgen zn laffen.
Sie erzeugt schwere Gewiffrnsconflicte, und
i'ndem fie die Macht mißbraucht, nm da» Recht
zn beugen, erzieht und oelohnt fie die Cha-
rakterlofigkeit und macht harmlose ruhige Bür»
ger, die nur ihre Gewiffenspflicht erfüllen, zu
Märtprern, und alles dieses, um zu beweisen,
daß die Sympathien für daS Ministerium sich
mehren. Und daS geschieht in Preußen, dem
Staate der Jntelligenz! Nicht nur zu stimmen,
wie die Beämten wollen, ist denselben verbv-
ten, nicht einmal nicht zu stimmen ist ihnen
gestattet. Jeder ehrliche Mann unter den Be-
amten, der nicht mit Herrn v. Bismarck-
«chönhausen und seiner Wcise, den preußi-
schen Staat zu beglücken, einverstanden ist —
und solche Männer zählen nach Tausenden
nnter den Beamten — rnuß ein unehrlicher
werden oder fich und seine Fawilie dcr Noth
preisgeben. Jst das nicht moralischer Zwang?
Wer ihm unterliegt, gehorcht knirschend und
mnrmelt dabei zwischen den Zähnen: Kommen
wird einst der Tag. . . (S. M.)

Hamburg, 20. Octbr. Graf Baudissin,
der am Abend des 17. die Einwohner der
Vorstadt St. Pauli zum Aufstand in Holstein
beredet haben soll, ist wieder freigelaffen. Auf-
klärnng der Sache ist abzuwarten.

Oesterretchische Monarchte.

Aus Krakau wird berichtet: Die Krakauer
Polizeidirection hat in dem Schopfcn eines
Hauses der Johannisgasse hi'erselbst ein Mu-
ni'kionsdepot entdeckt nnd 4 Centuer Pulver
und 26,500 Stück scharfe Patronen mit Be-
schlag belegt.

Krankretch.

Marseille, 22. Oct. Ans Konstantinopel
vom 15. d. wird gemeldet, es hätten die Be-
dui'nen die Stadt Saint-Jean d'Acre ange-
griffen, um sie zu plündern. Die Garnison
hat fie zurückgeschlagen und bis Nazareth ver-
folgt. Neuc Waffentransporte find durch die
Dardanellen in's Schwarze Meer gelangt. Die
russische Gesandtschast hat es durchgesetzt, daß
die vcrdächtigcn Schiffe von den türkischcn
Behörden durchsucht werden. Es haben meh-
rcre solche Durchsnchungen stattgefunden, doch
hat man keine Waffen gefnnden.

Span i e n

Mabrib, 21. Oct. Gestern empfing dic
Kaiserin der Franzosen die Personen dcs Hofes
in dem Saale Carlos Tercere. Der Empfang
daucrte 3 Stunden. Graf Altermira und Mar-
quis Villasranca waren befonders beauftragt,
Jhrer Majcstät die Minister, die hohen Pallast-
beamten, die Stadtbehörden vvn Madrid, die
Körperschasten und Notabili'täteii rc. vorzu-
stellcn. Die Kaiserin ist sehr befriedigt von
dem ihr zu Theil gewordencn Empfang. Um
5 Uhr bcgab sie stch in dem konigl. Wagen
nach dem franz. Gesandtschaftshotel, wo ffie
das diplomakische CorpS empfing.

daß allc aus croberten Geschützen gegoffen find.
licber den Scgmcnten bcr arkadenartigen Nischen, ^
in wclchen die Victorien stehcn , prangen auf wciß- .
marmorncn, länglich viereckigen Tafeln mit erha- .
bcnenen Gvldbuchstaben dte Namen von 18 deut-
-schcn Hecrführern und auf einem Bande des Gc- '
fimses unterhalb dcr Säulcnrcihe die Namcn von '
jencn 18Fcstungen, welche in den BcfreiungSkrie- ^
gen etnc bedeutcnde Rollc spieltcn oder dcn Fran- j
zosen abgenomincn «urdcn. Dic 18 Hecrführer !
sind: Schwarzcnberg, Blüchcr, Wrede, Radetzky, >
Scharnhorst, Gneisenau, Wilhelm, Kronprinz von
Württcmberg, Wilhclm, Herzog von Braunschweig, ^
Frtedrich,- Erbprinz von Hcffen-Homburg, Aork,
Klenau, Bülow, Gqulai, Kleist, Lolloredo, Tauen- ^
zicn, Zicthen, Bubna. Die Nanien der Fcstungen ^
lauten: Thora, Spandau, Dresden, Arnheim, Stet- '
tin, Torgau. Danzig, Wittenberg, Hcrzvgenbusch, ^
Küstrin, Befort, Maubeuge, Marienburg, Philippe- ^
ville, Hüningen, Auronnc, MeziereS, Longwy. Dem
Portale gcgenüber gcleitet eine etserne Schneckcnsticgc
mit 85 Stufen zu der inneren und etliche Stufen weitcr
zu der äußeren Säulcngallerie. Das Gefimse, auf
welchem die Namen der oben rrwLhnten festen Plätze

Dänemark

Kopenhagen, 22. Octbr. „Dagbladet"
und „Fädrelandet" schreiben: In einer Erwie-
derung an Hrn. v. Bliren-Finecke bczeichnet
Hr. v. Bismarck die Beseitigung der März-
Ordonnanz, die Zurücknahme des dem ReichS-
rath vorliegenden Verfaffungsentwurfs und
Concesfionen an Schleswig als Ausgleichungs«
mittel. Separatvcrhaiitlungen mit Preußen
finden nicht statt. England stellte keinen be-
stiminten Vermitilungsvorschlag.

Rachrichten über Pole»

Kalisch, 12. Oct. Heute fanden 3,Hin-
richtungen politisch compromittirter Personen
statt.

Von-er preußisch-polnischen Grenze,

16. Oct. Jn Warschan schcinl man jetzt all«
gemein eiiie Catastrophe zu besorgcn, denn wer
kann, verläßt die Stadt, ja, wenn cr es mög-
Ilch zu machen im Stand ist, sogar das Land.
Seit mehreren Tagen strömen Flüchtlinge über
dic Grenze, die in den benachbarten Provin-
zen eine vorläufig sichere Frcistatt suchen. Die
Ruffen gehen mit so scharf auSgeprägten Ge-
waltmaßregeln vor, daß man deutlich erkennt,
es sei ihre Abstcht, nicht nur den Aufstand
schleunigst niederzuwerfen, sondern auch in
dem ganzen Organismus des Landes wesent-
liche Veränderungen vorzunehuien. Allgemein
glaubt man jetzt daher, daß bas Königretch
in vicr rusfische Gouvernements umgewandelt
werdcn soll, und es werden bereits die Per-
sonen bezeichuet, welche mit der Ausführung
des Theilungsplanes deschäftigt siud. Uud wer
wird ste daran hindern? Sie habtn bereitS sv
viel Truppen ins Land gezogen — und täg-
lich folgen noch neuc nach —, daß der Aus-
fiand, aller Tapfcrkeit unb Anstrcnguiig un-
geachtet, binnen wenigcn Wochen völlig nic-
dergeworfen sein wird. Die Schaaren der
Zysurgknlen mögcn sich bereits wieder auf 10
biS 12,000 Mann verstärkt haben; aber was
kann eine solche Anzahl gegen eine Armee von
mehr als 100,000 Mann, dic das ganze Land
überschwemmt und die kleinen Schaaren. von
Aufstäiidischen wie wilde Thierc von einem
Punkt zum andern heßt, bis sie hier ein Dutzend
und dort ein Dutzend. erreicht und vernichtct
hat? Dic neuesten Nachrichten melden daher
durchweg nur von klcine» Gefcchlen, in denen
6 bis 10 Mann geblieben und ebenso vielc
Gefangene gemacht worden sind. Die Ruffen
scheinen einen Krieg mit dem Westen durchaus
nicht zu besorgen, und fie gehen daher in ihren
Maßregeln rücksichtslos vvr. Alle hochstehen-
den und einflußreichen Polen werden, sowie
sie nur im geringsten compromitiirt stnd, ein-
gezogen und ohne weitercs nach-Rußland trans-
porti'rt; ebeiibahin schafft man jetzt alle gc-
fangencn Jnsurgcnten in großen Maffen und,
was das ärgstc ist, im ganzen BeamtencorpS
wird ein vollständiger Wechsel vorgenommen.

Warfcha«, 19. Octobcr. Das prächtl'ge
RathhauS Warschaus, dem Theater gegenüber
gelegen, i'st gestcrn ein Ranb der Flammen ge-

prangcn, trägt cine offcnc Gaüerie von 72 Granit-
säulen, welche je zwei und zwet hinter einander
stehcn. Die Kuppcl selbst tst caffetirt und enthält
252 Felder mit Goldgrund. Am Fußbodcn um-
ziehe» concentrisch gehalicne MarmordcssinS cine
Kreisfläche, «clche dic Znschrrft cnthält: „Möchtcn
dte Deutschen nie vergeffen, «as den BefreiungS-
kampf nothwendig machte, und wodurch fie gcfiegt."

Zn den Vorstädtcn Athcn'h hat man mrhrere
Gräber bloßgrlegt. Jn etncm bestndct fich ein
Basrelief, dic Darstellung cineS KampfeS zwischen
cincm Reitcr und einem Kricger zu Fuß, mit Ver-
tiefung zur Einfügung bronzcner Ornamente. Eine
Znschrift mrldet, daß das Grab in dcr Zeit de«
Archonten Eubukitos (394 v. Lhr.) zu Ehren eincs
Atheners rrrichtct wurde, der in der Schlacht vo»
Kvrinth, 20 Jahre nach Pcrikle's Tod, fiel. Zwei
andcrc Gräber in der Naos-Form cnthalten llcber-
rejte von gemaltcn Ftgurcn und architcktonischen
Ornamenten. Unter den Letztcren errcgt dasjenige
das metste Antercffe, welchcS das Gewölbc eines
andercn GrabeS in Perspectivr darstellt.
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