Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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vertretung, bei der Festffellung deS Staats-
haushaltSetats witznwirken, wird zwar aner-
kannt, der Umfang und die Grenzen dieses
RechteS sollen indeß erst sestgestellt werden.
An Stelle der Preßverordnung soll ein Gesetz
treten, welches Bestimmungen bes PreßgesetzeS
und des Strafgesetzbuches ändert. Di'e Heeres-
organisation darf nicht mehr in Frage'gestellt
werben; nur ein solcher Staatshaushalt ist
annehmbar, durch welchen die Erhaltung der
bestchenden Heereseinrichtungen sicher gestellt
wird u. s. w. Das Ministerium hat also den
Conflict nicht vermeiden wollen; eS ruft ihn
hervor, um das „königliche Regiment, daS für
Prcußen unentbehrlich ist", zu wahren.

Berlin, 9. Nov. Nach der Eröffnung des
Landtags haben beide Häuscr kurze Sitzungen
gehalten, um sich zu constituiren. Das Herren-
haus wählte wieberum sast einstimmig den
ultrareactionären Grafen Stvlberg zum Präsi.
denten. Die Wahl des Präsidenten des Ab-
geordnetenhauscs findet Mittwoch statt; als
Ältcrspräsidcnt fungirte heute der 77jährige
Geh. Justizrath Tadvel.

Jn Betreff der Zollvereinsangelegcnheit soll
am 2. d. Oesterreich eine Depesche an die
VercinSregierungen erlaffcn haben. Die Wiener
„Preffe" theilt darübcr mit, daß die österrei-
chische Regierung darin crklärt, Oestcrreich be-
harre aus seinen ursprünglichen Propofltionen
(vom 10. Juli 1862), den Februarvertrag zu
verlängern und das Zollband mit dem Zoll-
verein noch enger zu knüpscn. Anßerdem
spreche dic Regierung Lie Bcreitwilligkeit aus,
mit bem Zvllverein in eine Specialverhand-
lung einzutreten. „Diese neueste Note", fährt
das Wiener Blatt sort, „dürfte auch eine Ver-
wahrung gegen den definitiven Abschluß des
preußisch - französischen Handelsvertrages vor
der Entscheidung über den Februarvertrag ent-
halten. Man versichert anch, daß Bayern es
übernommen hat, auf der Berliner Zollconfc-
renz die österreichischen Propositionen speciell
zur Debatte zu bringen, und dieselben Punkt
für Punkt als Gegkiiantrag gegen jede preu-
ßische Propositiou aufzustellen. Man kann an-
nehmen, daß bic bei der Münchner Zvllconfe-
renz vertrkteiien Staaten sich hieriu dem Ver-
treter der bayerischen Negierung anfchlicßcn
werden.

Altona, 5. Nov. Die „A. N." melven:
„Am Miltwoch svllten in Harburg für Rech-
nung der hannover'schen Regierung Remonte-
pferde angekauft wcrdcn und hatten auch
Händler aus unserer Nähe Pferde dazu hin-
übergesandt. Auf telegraphische Ordre aus
Hannover unterblieb jcdoch der Aukauf. Dcß-
gleichen wird dem „A. M." aus Rcndsburg
vom 3. Novbr. geschrieben: Dem Vernehmen
nach ist gestern hier an das Militärgouverne-
ment ein Telegramm aus Kopenhagen einge-
troffen, mit der Ordrc, den Ankauf von Pfer-
den zu sistiren. Man ist geneigt, an diese
Nachricht allerlei Vermuthungen zu knüpfen.

Krankretch.

Paris, 7. Nov. Nichts ist bezeichnender
für die kaiserliche Rede, als die verschiedenen

Rhythmcn fast überall scharf in diesem Werke ge-
zeichnet find und überhaupt das rhythmische Ele-
ment, neben dem melodischen, skark vertrcten ist,
so hat dieS R. Wagncr zu dcr Erklärung oeran-
laßt, fie (diese Symphonic) sci „dle Apotheose dcS
Tanzes sclbst, der in Tönen idealisch vcrkörpcrten
Lcibesbewcgung". Noch Andcrc bchauptcn, eS wäre
die s>-älli-Symphonie ganz mit Tanzrhythmen aus-
gcstattct. Allein ist denn der fcharfmarkirtc Rhyth-
rnuL nur der Tanzform eigen ? und sind dic eben
sv scharf markirtcn Rhythmcn cincS Triumph- oder
MilitärinarscheS vder die naiivnalen sentimcntalen,
heitcrcn oder traurigcn Charaktere unserer an-

Deutungen, deren Gegenstand sie i» der hie-
sigen Preffe ist. Durchgängig wird ste sehr
günstig beurtheilt, sowvhl von denen, welche
Anzeichen des fortdauernden Friedens, als auch
von denen, welche einen unmittelbaren Vor-
läufcr des Krieges tzarin erblicken. Preffe und
DebatS überbieten sich in Beweisen der fricd-
fertigen Tendenz der Rede. Opinion nation.
nnd Siecle wittern den Krieg und freuen sich.
Alle diese Journale fallen aber, je in ihrer
Tonweise, in das Hallelujah ein, welches der
vereinigte Chor des Constitutionnel, des Pays,
der Patrie, der France rc. angestimmt haben.
Bezeichnend ist, daß selbst unter den inspirir-
ten Blättern die Patrie sich zu einer kriegeri-
schen Deutung bekennt, während die France
entschieden sich zum Frieden neigt. Der klcri-
kale Monde zweifelt stark an bem Frieden.
Ein Congreß würde, auch wenn er vollzählig
zu Stande käme, eher den Krieg beschleunigen
als verhüten. Man würde mit Kanonenkugeln
verschiedenen Kalibers, je nach der Größe der
einzelnen Congreßmächte, abstimmen und sie
schließlich nicht zählen, sondern abwägen.
Temps und Courier du Dimanche Icgen daS
Hauptgewicht auf die innere Politik, welche
ihrer Änsicht nach der Freiheit nur höchst un-
zurcichenbe Zugeständnisse macht. Noch ent-
schicdener spricht sich in dicsem Sinne der
Phare de la Loire von Nantes aus. Das Be-
merkenswertheste ist iiibcssen, daß in beiden
Lagern, im friedlichen wie im kriegerischen,
beinahe Einftimmiqkeit darüber herrscht, daß
dcr.Vorschlag dcs Congreffes wenig Aussichten
auf Erfolg habe.

G »I g l n tt d

Londvtt, 7. Novbr. Auch heute erklären
Times, Daily News, Post, Globe dcn Zu-
sammentritt eines CongreffeS für iinmöglich,
nnd selbst wenn er zusammentrete, könne man
sich kein Resultat von ihm veksprechen.

I t a l r e !?

Turin, 8. Novbr. Der Köuig ist heute
Nachmittag inmitten der Acclamation der Bc-
völkerung von Turin nach Foggia abgereist.

B «n e r i k a

New-Aork, 27. Oct. Mangel an Lebens-
uiittcln und Krieqsmatcrial vcrhindern General
Grant, den neuen Oberbefehlshaber der Ten-
neffee-Armee, die Offensive zn ergreifen. Prä-
sibent Davis hat in Alabama eine Rcde ge«
halten, worin er aufforderte, die durch die
Verstärkung Vragg's entstandcnen Lücken durch
Freiwillige ausziifüllen, damit Rosenkranz,
deffen Niederlage das Ende des Krieges sein
werdc, in Staub zeimalmt werdc.

Netv-Nork, 29. Octbr. Charleston, 27.
Oct. Die Bcschicßung der Forts Sumter u.
Johnstvn hat wiedcr begonncn; die Monitore
der Unionistcn greifen Fort Moultrie an.

Nachrichten über Polen

Warfchau, 6. November. Der amtlichc
„Dzieniiik" meldet, daß der Mörder Ammer
(welcher das Attentat auf General Trepow

Unbändigkcit von dannen, daß der dcr Leitung
nicht mehr mächtige Kutscher vom Bocke fiel und
das halbzertrümmcric Fuhrwerk, in dcm fich eine
Dame mit ihrcm Töchterchcn befand, steuerlvs
cinem gcwiffen Untergang cntgcgcngeführt wurdc.
Da kam ein wackercr, hier in Arbeit stehender
Metzgcrbursche, eln Schwabe, hlnzu, warf fich dcm
wüthenden Pfcrdc mit eigcner Lebcnsgcfahr ent-
gegen unb brachte daffclde zum Stillstchen, worauf
sein nächstes Auginmerk darauf gcrichtet war, die
Ansaffen des Wagens in Sicherhkit zu bringen.
Die mit ihrem Kinde der Lebensgefahr entronnene
Damc niachte ihrem braven Retter, der frühcr in
Amcrika als Artillcrist gedicnt hatte, vorerst ern

sprechenden, beliebten Liedcr auch mit Tanzrhyth-
mcn ausstaffiri? Becthovcn's schaffcnder Gcist hatte ,
fich die Aufgabe gestellt, eine von selncn früheren
Werken verschiedcne Tondichtung der Mufikwclt .
vorzulcgen, aber er wird nicht im mindesten gcahnt I
haben, daß man in dcr L-ckllk-Symphonic cine ^
„Tanzsymphonic" crblickeri «ürdc.

Frankfurt, 1. Nov. Diescr Tagc wurde auf
der Mainzer Landstraße das einer Equipage vor- ^
gesxanntk Pferd fcheu und ranntc i„ ciner solchcn

Geschenk, l»d ihn aber cin, sie am andcrn Tage
in ihrer Wohnung zu besuchen. Dres geschah und
hier fand dcr anspruchslose Mann, der nur sciuer
Menschcnpstichi genügt zu haben glaubte, sämmt-
liche Gliedcr der Familic versammelt, die ihm
ihren Dank für seine heldeninüthige That aus-
sprachcn und ihm reichlichc Anerkennung zu Theil
werdeü licßcn. Anßcrdcm wurde ihm vom Lhcf
des Hauses erklärt, daß er von nun an jährlich
75 fl. erhalten werde und daß, wenn er fich einmal

f verübt) seine Mitschuldiqen angeqebeN hat,
und zwar den Schmiedqesellen I. Dabrowski,
den Schloffergesellen H. Koqutowski (welchcr
sich glcich nach der Verhaftung im Gefäng-
niffe mittelst der Hosenträqer aufhänqte), dann
I. Holzendorf, Gerbergesell (welcher den Am-
mcr zur Polizci der „unterirdischen" Reqierung
anqeworben hatte).

Der Oberpolizeimeister hat unterm 4. Nov.
mehrere Znsätze zu dem Tranerverbok und dem
spätern Reglcment vcröffentli'cht. Es wird
nämlich noch anqeordnet, daß die Frauen,
denen nur die Trauer nach den Eltern oder
dem Gatten gestattet ist, sich in einem solchen
Falle die Bewilligung zum Trauertragen ver-
schaffen und die Erlaubnißkarte stets bei sich
traqen. Derlei Karten werden in der Woh-
nunq deS Oberpolizeimeisters ausqefolgt. Nach
einer zweiten Erläuterung dürfen Männer un-
ter keinem Vorwande Trauer tragen.

Neueste Nachrichten

Mexico» 1. Oct. (Ueber San FranciSco.)
Es ist eine Verschwörunq qegcn die Franzosen
entdeckt worden, und es sollen viele Personcn
in den Gefängniffen oder verbannk sein. Es
wird vcrfichert, der Präsident Juarez habe
zwischen San LuiS de Potosi und Queretaro
27,000 Mann Truppen stehen.

Newyork, 31. Oct. Gencral Gilmore
fährt in der Beschießung Charlestons fort. —
Die Unionisten haben zwischen Chattanoga und
dcm Tennesseeflllß eine Eifenbahnverbindung
hergestellt. — General Lee hat 300,000 Mann
»ach Abinqdon in Virginia cntsandt, die stch
mit 16,000 unter Jones zu ihnen gestoßenen
Mann zum Marsch gegen Burnside's Vorhut
ünschicken.

Alexandria, 8. Nov. Sc. Erc. Nubar
Pascha, welcher vom Vicekönig in außeror-
dentlicher Mission nach Paris gesandt worden
ist, ist zum Minister ohne Portefeuille ernannt
worden; sein Schwagcr Eram-Bey wird seine
Stelle als Secretär übcrnehmen.

Man meldet aus Siam, daß Admiral La
Grandieres einen besondern Tractat mit dem
Vicekönig von Cambodje abqeschloffen hat,
der dem König von Siani tribntar ist. Man
hofft, lctzterer werde diesen Vertraq ratificircn.

Man zeiqt von Ceylon die Ankunft von
englischer Verstärkung an, welche für Neu-
Seeland bestimmt ist. Es sind drei anderc
Regimcnter von Ostindien sür dieselbe Be-
stiminung abqeqanqen.

Darmstadt, 10. Nov. Die 2. Kammer
hat heute jede fernere Vcrwilliqung für stan-
desherrliche Grundrentenablösung wegen auf-
gehobenen Steuerprivilegs unter Widerspruch
der Regierunq nach cinqehenver heftiqer Dis-
cussion mit überwiegenver Mehrheit abgclehnt.

Frankfurt, 10. November. Das Schrei-
ben des Kaisers Napoleon an den dcut-
schen Bund, mit welchem derselbe zur Theil-
nahme an den von ihm in seincr jüngsten
Thronrede angekündigten Pariser Conferenzeu
cinladet, ist vvn einer Denkschrift des Mini-
sters Drouyn de Lhuys begleitet, welche dcn

hier niederlasscn «ollc, ihm von Sciten der Fa-
milic, die, beiläufig bemerkt, sehr wohlhabcizp ist,
jedcr Beistand gcleistct werden sollte. Es ist dies
ein Borkommniß, daS beiden Bctheiligtcn Ehre
macht. _

Der Verein praktischer Acrztc in Prag hielt am
21. Oct. eine Versammlung, in welcher eine höchst
intereffante Mißbildung eineS männlichen KindeS
gezeigt wurde. Bei übrigenS normal und eben-
mäßig geformten Gliedmaßcn besitzt dieser cinc
Akörper zwei Gefichter, cins nach rechts, daS andcre
nach links gewendet, beiderseits zwei Augcn, eine
Nase und einen Mund, jedoch nur e!n Ohr an
jeder Seite, ein drittes Ohr befindet sich als Ru-
dlment in der Mitte dcr beiden Gefichter.

Kiel, 1. Nov. Die Kaiserin der Franzosen,
Eugenie, hat der hiesigen katholischcn Gemeinde
für Herstellung eines Thurms mit zwei Glocken auf
ihrer Kirche 2000 Franken geschenkt. In letzter Zcit
find auch von emigen protcstantischen Mitbürgern
dahier Beitrage zu gleichcm Zweck an die katholische
Gemeinde, die bekanntlich erst neucrdings größere
RkligionSfreiheit erlangt hat, cingegangen.
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