Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

Page: 55
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1925_1926/0083
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
terschiedliches Ausstellungs - Publikations- oben her" mit der Zeit zum Ziele führen,
und Vorlagenmaterial bis in den kleinsten Die Sinnfälligkeit des kommenden, ge-
Gegenstand täglichen Gebrauchs auswir- schlossenen Straßenzugs in der neuen Stadt,
ken und die ihr gut Teil zur Herausstel- um nur eines der jetzt sich häufenden Bei-
lung des einseitigen Begriffs „Kunstge- spiele herauszugreifen, wird mitreißend
werbe" beigetragen haben. Die einfache wirken, das Kleinliche und Individuali-
Ueberlegung der Frage, wie sich die Un- stische ausschalten helfen. Wie im Rah-
zahl der uns umgebenden Dinge „drinnen men großer, weltbewegender Geistes- und
und draußen", z. B. zu den allbekannten Glaubensrichtungen, die über Basse und
Spitzenleistungen technischer und künstle- Grenze hinweg verlaufen, braucht deswe-
risch-formaler Art (Ozeanriese, Z. B. III, gen die Persönlichkeit keineswegs in der
Fahrzeugtypen, Industriebaulen, neue Gemeinschaft unterzugehen, vielmehr wird
Druckschriften, Schnitt der Männerklei- sie durch den freien Entschluß der Bin-
dung usw.) stilistisch verhalten, mag auch und Unterordnung zu desto reinerer Ent-
dem noch ungeschulten Auge die Dishar- faltung gelangen, die in der Harmonie alles
monie bei ununlerbrochener, planmäßiger Seins und Gestaltens wurzelt. In welchem
Gegenüberstellung auf die Dauer klar- Sinne sich die ungeahnt breite und weite
machen. Man wird nur so einsehen 1er- erzieherische Aufgabe der nächsten Jahr-
nen, daß die gelöste, an sich große Form zehnte uns entgegenstellt, wird aus dem
und deren konstruktive Methode richlung- Gesagten ohne weiteres zu entnehmen sein;
gebende Faktoren sein müssen, daß ferner über die konstruktiven Methoden geben
die Dinge unserer Umgebung eher mit- Berufene in diesen Blättern stets geson-
schwingende Unterteilungen der großen derten Aufschluß. Die Form selbst jedoch
Form, als deren ohne ordnendes Prinzip „gleicht — ein Wort Paul Benners —- der
vorgenommene Anfüllungen zu sein haben. Seele des Menschen, die nach einem schö-
Damit wird die Aufsaugung und Verbin- nen indischen Glauben das Ziel ihrer Wan-
dung des für sich allein doch zur Un- derungen, das zeitlose Nirwana, erreicht
fruchtbarkeit verurteilten „Kunstgewerbes" hat, sobald ihr Karma ganz rein und heilig
organisch vollzogen, genau so wie auf an- geworden ist". Ohne die eingehende Ge-
dere Weise die verhängnisvolle Isolierung wissenserforschung und die daraus erfol-
des Kunstakademikers, die die Grundlage gende Beinigung werden wir in dem Fin-
der kulturellen Einheit erschütterte und zelnen stecken bleiben müssen und weder
die Verbindung von Kunst und Leben zer- den Sinn des von uns als Ganzheit zu fpr-
riß, durch den neuen Typ der Peter Beb- menden Jahrhunderts noch dessen Ein-
rens u. a. schon wettzumachen versucht reihung in den Gesamtverlauf der Zeiten
ist. So wird nur eine Bestauration „von verstehen lernen.

A^i

Paul Speck, Karlsruhe Fliesenbilder
;. ', Großherzogl. Majolika-Manufaktur, Karlsruhe i. B.

55
loading ...