Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Italien um 1/130

licher Stilfragen. Entsprechend dem heutigen
Stand wissenschaftlicher Forschung sehen wir viel-
mehr in Kleidung, Tracht und Kostüm Doku-
mente menschlichen Ausdrucksvermögens, die zu
den wichtigsten Urkunden der Menschheit ge-
hören, die wir besitzen; sehen in der Kleidung
sowohl den sichtbarsten Ausdruck der Existenz des
einzelnen Menschen als den seiner Gesamtheit,
erkennen in der Geschichte der Kleidung die Ge-
schichte der Menschheit. Die Kleidung ist es, die
den Menschen durch alle Zeiten seines Daseins be-
gleitet hat, und von ihr haben wir Kenntnis, so-
lange wir überhaupt Kenntnis von Dokumenten
der Existenz des Menschen besitzen. Im übrigen
haben uns die Ethnologen gerade neuerdings die
Entstehung der Kleidung und ihre Bedeutung für
die künstlerische und zivilisatorische Betätigung
des Mensehen in ganz besonderem Maße begreifen
gelehrt. Durch ihre Forschungen wissen wir, daß
der Mensch in Urzeiten unbekleidet als Tier unter
Tieron lebte, nur der Befriedigung von Trieben
nachgehend, die er mit diesen gemeinsam hat, daß
er sich aber im Verlaufe der Zeiten in Gegensatz
zu rein tierischem Dasein zu stellen wußte durch
Bekleidung seines Körpers, seine ureigenste Er-

findung, die differenziertere Triebe zum Anlaß
haben mußte, als sie dem Tiere eigen sind, durch
die aber gerade sich der Mensch vom Tiere unter-
scheiden sollte. Es war die Empfindung der eige-
nen Existenz, das Erwachen der Persönlichkeit,
die sich damit anzeigte und auch sofort die Mittel
fand, sich dadurch auszuzeichnen, von anderen zu
unterscheiden und vor allem auch auf andere zu
wirken. Damit trat das zum Wesen des Menschen
gehörige Schmuckbedürfnis in Erscheinung, das
mit Bemalen und Tätowieren des eigenen Körpers
beginnend, sich unter Hinzufügung von Schmuck-
stücken erweitern, und dann, durch Anhäufung
und Ausbreitung auf dem Körper des Menschen,
sich bis zur „Bekleidung" ganzer Körperteile stei-
gern sollte. Aus diesem Urtrieb des Menschen, der
sich ebenso stark erweisen sollte als der Hunger
oder die Liebe, ist die Beklcidungskunst aller Zei-
len und aller Völker hervorgegangen, und wenn
auch der sie verursachende Trieb durch Gewohn-
heit und Sitte ersetzt werden konnte und wenn
auch die Grundformen der menschlichen Beklei-
dung schon in Urzeiten ein für allemal festgelegt
worden sind, Jacke und Hose für den Mann, Jacke
und Bock für die Frau, so besieht im Menschen
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