Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Was die Mode, kapriziös und immer auf Verände-
rung bedacht, schon alles aus den Köpfen der Men-
schen semachl hat. ist unbeschreiblich. Sie hat
die Perücke, eine Nachbildung des natürlichen
Haarwuchses, geschaffen, um den Menschen zu
schmücken und zu verschönern und, im 18. Jahr-
hundert, die Himalaja-Frisuren, die zur Zeit Marie
Antoinettes in Mode waren, aber doch schon eine
Wiederholung der Frisuren der eleganten Damen
des alten Rom darstellten, die Juvenal als „Ge-
bäude mit mehreren Stockwerken" beschrieb. Die
Mode hat aber auch die kurzgeschnittenen Haare
geschaffen, die schon 1809 in einer Streitschrift:
„Anli-Titus ou la critique de la mode des cheveux
coupes pour les dames'' mit all den Gründen be-
kämpft worden sind, die auch heute der mißver-
gnügte Kritiker gegen diese Wiederholung einer
Mode anführt.

Gerade aber die Mode der kurzen Haare ist ein
typisches Beispiel für die Erkenntnis des Wesens
der Mode. Eine bestimmte Form modischer Ge-
staltung kann jahrhundertelang vergessen bleiben,
um plötzlich wieder zu erscheinen. Da der modi-
sche Ausdruck aber immer in Verbindung steht
mit „Lebensanschauungen" des Menschen, deren
äußeren Reflex er darstellt, so können wir auch
eben jetzt, da die Mode der allzu kurzen Haare
wenigstens schon „passe" ist, feststellen, daß der
in unserer Zeit so plötzlich aufgetretene Hang
der Frauen, ihre Haare zu „opfern", nur 'der
Ausdruck sein kann einer exaltierten Zeit, der
auch in der Mode jede Veränderung recht ist, um
die innere Verwirrung zum Ausdruck zu bringen.
Eine sich anbahnende Zeit ruhiger und steligcr
Lebensverhältnisse wird wieder andere Gesell-
schaftsformen und mit ihnen andere modische Ge-
staltungen finden. Im übrigen aber hat die Mode
der kurzen Haare, deren Berechtigung durch so
viele angebliche Forderungen der Nützlichkeit usw.
(Forderungen, die bei der Mode noch niemals die
geringste Rolle gespielt haben, außer daß eben
auch einmal „Nützlichkeit" Mode werden kann)
bewiesen worden ist, in den bildenden Künsten
unserer Zeit entsprechend radikale Erscheinungen
gezeitigt, wie solche ja stets Hand in Hand mit
der Mode auftreten.

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M. H.

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