Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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M; 238.

Srscheint» MontagS auSgenommen, taglich.
PreiS vierteljährlich 54 tr.

Samstag, LO. Oetober


L8S3.

Bestelluugen auf -ie „Heidelberger
Zeirung" nebst Beilage „Heidelber-
ger Fawilienblätter" für -as mit 1.
October 1863 begonnene 4. Luartal
werden fortwährend angenommen.

Die Expedition.

* Politische Uutschau.

Zn Frankfurt a. M. geht, nach der „Bad.
Lztg.", das Gerüchi um, daß Preußen noch
inuerhalb 3 Monaien dieses Zahres die ZoU-
vereinsverträge kündigen werde.

Die „Heff. Ldsztg." bestäligi, daß den Zvg-
lingen des Friedberger Äeminars das Lesen
dcr „Garienlaube" verbvten sei.

- Der Knrfürst von Heffen-Kassel hat das
Uiiglaubliche gelhan uud alle Civilstaatsdiener
unv das gesammte Miliiär zur Theilnahme
an der von der Bürgerschast beabstchtigtcn
Feier des 18. OctoberS ausgefordert; das
Miliiär wird sich an einem großen Zuge bc«
theiligen; schwarz-roih-goldene Fahnen werden
denselben schmücken.

Der „Südd. Ztg." wird auS Baden-Baben
über große Vorsichtsmaßregeln geschriebcn,
welche die preußische Polizei für die Person
des Königs von Preußen ergriffen habc.

Die Fcier der Leipziger Schlacht ist in
Rcndsbnrg von der bänischen Polizei ver-
boten wordcn.

„Dailp-Tcl." bemerkt über die Rede des
Erzherzogs, er jowvhl wie bie merikanische
Deputation hätten gesühli, daß fie nur eine
uniergeordnete Rollc bei der Komöoie spielten
und in den Tuilerien, nicht in Miramar über
das Loos Msrikos entschieden werde.

Dic päpstiiche Regierung hal dcn Dchutz
ihrer Angehörigen in Ztalieii den spanischen
Consuln übertragen, und somil die Schutz-
machl, welche ihre Eristenz fristet, übergangen.

Die polnische Naüonalregierung hai bem
Bischof von MarseiUe ein Daukschreiben zu<
gehcn laffen sür die Znilialive, welche dicscr
Prälat ergriffcn hat, iiwem er Gebe.te zu Gun-
ste» Polens anordnele.

Die Richmond Dispalch versicher» zu wis-
sen, daß die RebeUenregierung gegen Hppv-
thekirung der im Süden gegenwärtig aufge-
stapelten Baumwolle ein Anlehen von
100,000,000 Franken in Frankreich abge-
schloffen habe.

D e « t s ch l a n d

Appenweier, 7. Oct. Zu der heuic da-
hier abgehallenen freien Couferenz deS kälh.

Ckerus des Großherzogthums Baden, bei wel-
chem ctwa 300 Geistliche erschienen waren,
uebst einer größeren Änzahl Laien, wurden
die hierbei solgenden, einer „Denkschrift bes
kalholischen Curatclerus ' im Großherzogthum
Baden" beigegebenen Resolutionen angenom«
men. 1) Ler Seaat har kein ausschließliches
Recht aus die Schulen — vielmehr sinv neben
dem Staate die Kirche, die Gemeinde unb dic
Familien berechtigr. 2) Die Schulen müffen
als confessioneUe erhalien bleiben. 3) Das
hiezu bestimmte Vermpgen ist als conscssio-
nelleS der Rechtsvertrelung, Verwaltung und
Verwendung der Confesffonsangehörigen, d. h.
der Kirchenbehörde, als deren Vertreter, zu
unterstellen. Aus Obigem folgl: 4) Jeder
Confessivnslheil, vertreien durch die Kirchen-
behörde, soll den gebührenden Anlheil an der
Leilung seüier Schulen haben. — Diese Mit-
betheiligung umfaßt svwohl die Organisation
als d>e Führung ber Geschäfie des Schulwe-
sens: inöbesondere muß der Kirchenbehörde bei
der Erziehung, Berufsbilduiig, Prüfung, Dis-
ciplin unv Ernennung der Lehrer, bei der Bc-
stimmuug des Lehrplaneö, namentlich bei der
Bestimmung der Zahl der Religioiisunlerrichts--
stunden, der Schulbücher, bei Einrichtung des
Volksschulwesens uiid daraus stch beziehenden
Vervrdnungen, bei den Schulvistlationen und
den Schulprüfungen die gebührende Miiwl'rkung
eingeräumt werden. 5) Die Schulbehörden
haben als ungemischt confessionelle zu bestehen.
— DkMgemüß wäre der großh. Oberschulrath
enlweder burch getrcnnle, confessivnelle Ober-
schulbehörden zu'ersetzen, oder jedenfalls doch
anders mit gebührender Bürgschaft für rie
Wahrung oer kirchlichen confesstonellen Rechte
neu zu organisiren. 6) Die Kirche soll —
wie bei den unleren und mittleren Schulbe-
hördcn, so quch bei Ler Oberschulbehörbe durch
ständige, berufene Mitglieder vertreten sein,
7) Der Ortöpfarrer ist als berufener, stän-
biger Vorstand der Orisschulbehörde, sowie
eiu Geistlichcr au/ dem Bezirk als Vorstand
ber iiiiitleren Schulbehörde zu belaffen. 8)
Die bisherigen Lehrgegenstände der Volksschule
stnd weder der Zahl, noch der Ausdehnung
nach zu erweiteru; woh! aber ist dahin zu
wirken, daß das bisher bcr Volksschule gesetzte
Ziel sicherer erreicht werde. — Der Religions-
unterricht darf nicht blos als obiigatorischer,
sonbern muß als wichtigster, die übrigen Uu-
tkrrichtSgegcnstände diirchdringender Lthrgegeu-
stand beibchallen werden. — Die Feststellung
der Zahl dcr Religionsunterrichtsstunden kann
nur im Einverständniß der Älrchen- u. Schul-

bchördc erfolgen. 9) Jede Kirche ist berech-
tigt, kirchliche Schulen unter kirchlicher Leitung
zu errichten. 10) Der Meßner-, Glöckner-
und Organistendl'enst ist von dem Schuldienst
zu trenneii und die Besetzung dieser 3 Kirchen-
ämter dcr Kirche zn überlaffen. — Die für
Besorgung des Organistendienstes in Anspruch
genommene Vergülung beruht auf der Ver-
eiribarung der Orlskirchenbehörde mit dem
Lehrer — vorbehaltlich der Entscheidung der
beiderseiiigen höheren Behördc. Schließlich
erklären wir: Wollte man diese wohlbegrün-
beten Ansprüche der Kirche an die Volksschulen
überhaupi nicht berücksichligen, so müßten wir
aus Grund des Princips ber Gewiffens- und
Ueberzeugiingsfreiheil mii allem Nachdruck volle
Unterrichisfreiheit verlangen, die Verwendung
der katholischen Miltel zur Gründung u. Er-
haltung kirchlicher Schulen beanspruchcn und
die Betheiligung der Geistlichen an der Leitung
der nicht confessionellcu, und dem kirchticheii
Einfluffe entzogeuen Schulen versagen. (B.B.)

Bom Main, 5. Oct. Die österreichischc
Regierung hai, wie schon erwähnt, und aus
aus zuverlässtger Quellc bestätigt wird, die
Zusammenziehnng eines Truppenkorps ange-
ordnet, welches die Bestimmung hat, falls Vie
in Holstein und Lauenbürg zum Vollzuge der
Bundeserecution einrückenben sächsischen und
hännover'schen Truppen auf eincn thatsäch-
lichen Widerstand vou Seiten Dänemarks
stoßen soüten, in Gemeinschaft mit enisprecheild
starke» preußischen Mannschaften sich in die
Clbeherzoglhumer zu begeben. Die verschie-
denen Theile jenes österreichischen Corps wer-
den in BLHmen der Art aufgestellt, daß ste
mittels der Eisenbahnen auf'S Schleunigste
nach Holstein würden befördert werden kpy-
nen. Diese Truppen erhalten Befehl zur
Marschbereitschasl und würden eintretenden
Falles aus das erste Zeichcn binnen wenigen
Stunbe» abzurücken haben. (N. C.)

Mainz, 6. Oct. Nach der hiesigcn Zei-
tung hai vorigen Sonntag hier eiue Zusammen«
kunf: vvn Männer» stattgesuiiden, welchc die
großdeuische, aber demokratische Richtung ver-
treten. Man habe beschloffen, bei der am
28. Octbr. statifindenden Geileralversammlung
der sogen. deutschen Reformvereine in Maffe
Thcil zu nehmen, um wo möglich einen Ein-
fluß aus die Beschlüffe zu gewinue».

Mainz» 7. Oct. Ueber den Tod des all-
uikin geschätzten Dr. Mertens bringen hiesigc
unb auswärtige Blätter forlwährend Andeu-
tungen, nach welchen der Unglückliche nicht
turch Selbstmvrd (sür den kein Grund vor-

Urjach' zum Schdreid.

Hodd mid der Fraa der Mann moi Schdreid,
Wer drägd do Schuld bervuu?

Gewiß die Fraa! — Die loßt jo nie
Den arme Mann in Ruh.

Do kenn ich derr en Nagclschmidd
— En wirkiich guder Mann,

Der diend de Leit gcrn iwcrahl,

Wo er nprr diene kann.

Doch wanner auffem WerihShauS kummd,
ltnn die Fraa, bie fordcrb Geld,

Do werd der Mann fuchsdciweiwild,

Herr Godd I Do hvdders g'schclld!

„Do schmeiß ich jetzd mcin Schorzfell her,"
Sagd er, „do hcr, du Oos!

Un rihrschd'S norr mwdem Fingcr an,

Do iss der Dciwei los!

Unn wanndc merS so liche loschd,
llnn hebschd's merS nidd glei uff,

Do fli-gschde d° zuin Frnschder „auS
Und kumschd mer nik mchr ruff!

Wass denkschd jetzb? — do — do geh mol her,
Unn sag mers uff der Schdell;

Gcll, du dcnkschd haid, der Deiwei hoi
Den Keri glei in die Hell?

Ward! dir treiw ich die Boffc aus,

Du alti Schachdel du!

Du wtnsch'd dcim Mann die Hell an Hals,
Vor dir schaff ich merr Ruh!"

Biff! Basf! Kllpp! Klapp! do h-ud er hald
Die Fraa, so lang er kami;

Unns g'schiehd'r Rechd! Waas reizd se aa
Denn schdille sansde Mann!

» tNach Bietsch von Fricdrich Weber.)

(Mannh. Anz.)

Eine Exekntion in Warschan.

. . . Endlich gege» 9'/- Uhr kam der Zug a».
ein gewöhnlicher Bretterwagen, auf «clchem der
Veriirthciite saß, ihm gegenubcr cin Capuziiicr-
mönch, der eifrig mit ihm zu sprcchen schjen. Dcr
Wagen war von Gendarmerie und Ülanen bc-
gleitet. Schon als man vcn Wagen «on fcrne
crblickte, durchdrang ein cinstimmiger Angstrus die
versammeltc Mcnge. Kosinski, cin Aüngliiig von
19 Jahren, stieg mit Anstand ab und diicktc srennd-
lich nnd mit sichtiicher Gemülhsruhe nm sich. Nur
als sich lautes Weinen imd Schluchzen hören iieß,

schien sich das hciterc Antlitz deS Unglücklichen zu
verdüstern. Auf ein Zeicheu deS commandirendcii
Osfiziers fing d-s anwesendc MusikcorpS an zu
sptelen, und ein Audrteur, der ein Papier in der
Hand hielt, las mit lauker Stimmc etwas dor,
wahrschcinlich das Uriheil, das aber der Mustk
halber von Nicmandem verstandcn wurdc. Jndeffen
wurde es dreiviertel zchn. Der Capuziner, dee
auch abgesticgen war unb sich-dicht neben dc» De-
linquente» gestcllt hatte, zog cin klemes schwarzcs
Cructfir hervor und gab eö ihin. Dcr Delinqucnt
küßtc ehrfurchtsvoll das Crucifir und dann die Hand
des PatcrS. Nu» wurdc cr von zwci Profoßcn an
den vcrhängnißvollen Psahl gcführt, ihm dic bcideu
Armc leicht an demselbcn bescstigk und dlc Augen
verbundcn. Während diescr grausigen Vorbcrei-
tungen hatten sich 1»°»-« Gefichtszügc des
Jünalinas wieder vollstandig aufgehettert. Auf ein
Commandowort dcs Ofstziers lraten 12 Mann
Gardc-Grcnadiere «or. Ein Knall ertonte! Man
sah den Delinqncnten wankcn -- und sich wichcr
lanasam aufricht-n! E.itsctzlich! Die Grcnadiere
hatten sti's aus Ungeschicklichkcit oder aus kigener
Bcweaüng, schlccht geschoffcn und nur dtc Beme
des Unglückllchcn getroffcn — der Arme ledte noch!
— Da tratcn zwer Soldaten näher an ihn hcran
und feucrten aus Revolvers zwei oder orci Schüffc
auf il'ii ab, bte in dre Brust trafen; denn nun fiel
I,r Körper endlich um! — LautkS Weinen und
Wehklage» ersüllte dre Lust.
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