Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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nehmen ihre Plätze eln. Rach Eröffiiiing der
Sitzung legt Staatsrath vr. Lamey die aüer-
höchste Entschließung vor, welche von den drei
vorgeschlagenen Candidaten den AbgcordNeten
Hofgerichtsrath Hildebrandt zum Präfiden-
ten der II. Kainmer ernennt. Derselbe über>
nimmt den Borfitz mit folgender Ansprache:
Hochgeehrtc Herren! Znm zweiteumal wnrde
ich durch Jhre Wahl und durch die Gnade
Sr. K. Hoh. deS Großherzogs berufen diesen
Ehrenfitz einzunchmen, um die Geschäfte dieses
Hauses zu leitcn. Mein Dank dafür ist um
so inniger, je mehr mir Jhre Einstimmigkeit
in der Wahl ein Zeugniß Jhres Zutrauens
ifi. Seien Sie verstchert, daß ich mit allen
meinen Kräftcn die Geschäfte dieses Hauses
zu fördern trachten, daß ich gewiffenhaft die
Rechtc der Kammer achten und wahren und
die Pflichten meines Amtes niiparteiisch er-
füllen werde. Jhrer freundlichen Untcrstützung
bin ich verstchert dnrch Jhre freundliche Ge-
stnnung. Was immer dic Aufgabcn dicses
Landtages sein werden, wir werden fie, er-
füllt mit treuer Liebe zum Vaterland, voll-
führen. Nicht vergeblich wird die gr. Regie-
rung Jhre Zustimmung beanspruchen für die-
jenigen Gesetze, welche die weitcre Entwicklung
der inneren Angelegenheiten unseres Landes
bezwecken, wir werden insbesondere für den
Ausbau unserer Rechtspflege thätig sein. Wer<
fen wir unsern Blick üder die Grenzen un-
seres Vaterlandes hinaus, so bangt unser Herz
darüber, daß nicht allc deutsche Regierungen
darin übereinstimmin, thatkräftig voranzugehen
in der jetzt wichtigsten Frage; aber cs erwärmt
fich unser Herz an der allgemeinen Kundgebung
des deutschen Volkes und vor Allem an dem
Verhalten unserer eigenen Regierung. Jn allen
Gauen erschallt der Ruf nach muthvollem Ein-
treten der Regierungen für das gute Nccht
und die Ehre des deutschen Vaterlandes. Wir
wollen sehnlich wünschen, daß dcr Nothruf des
Rechts bei keiner Regierung, die sich eine
deutsche nennt, ungehört verhalle, sondern daß
Alle dafür eintreten werden. Möge der Him-
mel alle dahin wirkendcn Bestrebungcn segnen
und verhüten, daß cincS grvßen Stanimes
Recht sich eine Vergewaltigung gefallcn laffen
muß. Laffen Sie uns mit den Gefühlen und
Vorsätzen der Liebe zu unserem Vaterlande an
die Geschäfte gehen und eingcdenk sctn, daß
wir, den Gehässigkeiten der Parteien fremd, un-
sere Aufgabe zu lösen haben. Der neugewählte
Sccretär Wahrcr dankt in seinem und seiner
Amtsgenoffen Namen für das Zutrauen der
Kammer. Kirsner spricht dem Altcrsprä-
sibenteu Schaaff für deffen bishcrige um-
stchtigc Geschäftsleitung den Dank aus, wel-
chem sämmtliche Mitglieder durch Erheben von
den Sitzen beitreten. Das Sekretariat legt
eine Straßenbau-Petitivn aus dem Amte Neu-
stadt vor.

Staatsrath Dr. Lamey legt das Verzeichniß
der Petitivncn vor, welche auf letztem Land-
tage dem Staatsministerinui überwiesen wur-
den, soweit solche das Ministerium kes Jnnern
betreffen. Staatsrath Vogelmann legt vor:
1) die vergleichende Darstellung der Budget-
periode 1860/61; Rkgikrungscommiffär Finanz-
ralh Eijenlohr. 2/ Die Rechnungsnachweisun-
gen pro 1861 und 62. 3) Den Gesetzesentwurf
über die Erhebung der Steuern in den näch-
sten 6 Monaten in seitheriger Wcise; Regie-
rungscommiffär: Minisicrialrath Regenauer,
und 4) das Verzeichniß der Pctitionen, wclche
auf letztem Landtagc an das Finanziniiiistcrium
zur Erledigung übergebkii wurden. Das ordcnt-
lichc Bndget für 1864 und 1865 kann erst
gegen Ende Januar zur Vorlage kommen. Zu
Vorlage 1 und 2 gibt der Negierungscommiffär
Erläuterungen in rnnden Zahlen, dic wir nach-
tragen werden. Geh. Reserendär Cron legt
die Ak'ten über die Wahl des Abg. Staatsrath
Dr. Lamey sür Lörrach vor. Die Sitzung wird
wegen Prüfung dieser Wahl durch dic 1. Ab-
theilung unterbrochen.

Nach Wiedereröffnung derselben berichtet der
Abg. Achenbach über die Wahl, welche vhnc
Bcsprechung für unbeanstandet erklärt wird,
woraus das Prästdium den Abg. Lamey beeidigt.

Schaaff widmet den verstorbenen ehemaligen
Abg. Gch. Rath Dahmen in Heidelberg und
NltbürgeriNkister Vetter von Villiugen ehrende

. Nachrufe. Die Kammer stimmt diesen zu, in-
' de« sämmtliche Mitglieder sich erheben. Walli
! erhält wegcn Krankheit 14 Tagc Urlaub. Bei
der hierauf erfolgtcn Wahl der zwei Viceprä-
l sidenlen werden Kirsner mit 41 und Häuffcr
! mit 34 Stimmen gewählt. Beide danken für
! das geschcnktc Zutrauen. Es werdcn hierauf
s dic definitiven Abthcilungen gebildet, worauf
> die Verhandlung zum Vollzuge von Commis-
stonswahlen abcrmals unterbrochen wurde.
Nach Wiedereröffnung der Sitzung macht der
Prästdcnt folgende Abtheilungswahlen bekannt.
I. Abtheilung: Vorstand: Kirsner, Secretär:
Poppen: II. Abth.: Vorstand: Muth, Secr.:
Kimmig; III. Abth.: Vorstand: Achenbach,
Secr.: Wundt; IV. Ablh.: Vorstand: Pagcn-
stecher, Secr.: v. Feder; V. Abth.: Borstand:
Hildebrandt, Secr.: Friedrich. Petitivnscom-
mission: Lamcy (Prof.), Fauler, Ziegler, Ob-
kircher, Fingado. Budgetcommisstou: Moll,
Poppen, Krausmann, Paravicini, Muth, Rödcr,
Gcrwig, Seitz, Buhl, Friedcrich. Adreßcom-
mission: Häuffer, Kusel, Achenbach, Pagen-
stecher, Hildebrandt. Auf Antrag Häuffers
wird die Adreßcommisston um 6 und auf An-
trag Friedrichs um 7 Mitgliedcr verstärkt wer-
Die Sitzung wird nochmals uuterbrochen, um
dann sofort diese Vcrstärkungswahlen vorzu-
nchmen. Jn die Adreßcommisston werden als-
dann gewählt: Kirsner mit 42, Prestinari mit
41, Knies mit 38, Obkircher mit 37, Para-
vicini mit 35 und Kopfer mit 33 Stimmen;
und in die Budgetcommisstvn: Schubert mit
47, Prestinari mit 45, Kusel 43, Kirsner 41,
Heidenreich 37, Lenz 36 und Fallcr 34 Stim-
men. Schluß der Sitzung. (B. B.)

Stuttgart, 3. Dec. Die zweite Kammer
hat den Kvmmissionsantrag auf Gestattung
von Eheu zwischen Chrisien und Jsraelitcn
mit 49 gcgen 34 Stimmcn angenommen. —
Gcstcru ist der Hosmarschall dcs Kronprinzen,
Gras Zkpp'klin, unerwartet schnell am TyphuS
gestorben.

Dresden, 5. Dec. Eiu Frankfurter Telc-
j grainin dcs Dresdciier Journals vom Heutigcn
^ sagt: Die heutige Bunbcstagssitzung ist aus
i Montag verschoben, iu Folge eines angekün-
! digtcn gcmeinschaftlichkn Auirags Ocsterreichs
! und Preußcns, der voraussichilich gegen die
s Ansicht der bisherigen Ausschußmajvrilät auf
! einfache Erecntion gerichtet ist.

! Saarbrücken, 4. Dec. Die Mitglieder
^ der Feuerwehr, Brandmeister Werner und Gas-
director Bomet, welche bei der Ankunst Vir-
! chow's die Feuerwchr Spalier bilden und Hoch!
i rusen licßen, wurdcn zu je 5 Thaler und in
' die Kosteu verurtheilt.

Wie«, 2. Dccbr. Wie die beabsichtigte
i Volksversammlung, so hat die Polizeidirektion
! jetzt auch eine Bcsprechung dcr schleswig-hvl-
! steinischen Sache vvn Seitcn des Wiener Turn-
. vereinS, die nächsten Sonntag stattfinden sollte,

' verbolen.

! Wie«, 4. Decbr. Unterhausdebatte iiber
! dic Antwvrt des Grafen Rechberg auf Rcch-
i baner's ZntcrpeUativn. Der Jnterpellant cr-
s klärt, di'ese Antwvrt befriedige ihn und seine
' Gesinnungsgenoffen nicht; das Zusammengehen
mit Preußcn sci lobcnswerth, »i'cht aber das
Zusainmengehen mit Herrn v. Bismarck; er
! (Rcdner) behalie sich weitere Anträge vor.

Schindler nnterwirft die auswärtige Politik
i Oesierreichs ciner Kritik und spricht den
! Wunsch aus, es möge ein Blaubuch vorgelegt
werden. Graf Rechberg replicirt und be-
merkt, hier sei nicht der Ort, Angelegenheitk»
des Auslandes zu verhandeln. (Widerspruch;
Rechberg fährt fort:) Für das, was seit 1859
geschehen, übernehme er die Verantwortlich-
! keit. Die Jdee cines Congreffes sei eine er-
! habcne und schöne, die Ausführung aber un<
ficher; um den Krieg zu vermeiden, sei es
! daher nvthwendig, zur Vorbcreitung des Con-
! greffes sich über deffen Gegenstand, Zweck u.
i Ziel zu vereinbaren. Dic Rcgierung müsse
l sich bei allcn ihren Handlungen die Wahruug
, des Friedens, aber auch der Jntegrität des
' Reiches gegenwärtig halteu. (Beifall.) Gro-
! cholski spricht für die Politik der Nationalität,
i tadelt die Rechberg'sche Politik in der polni-
! schen Frage und sagt, er wünsche nicht, daß
! die Herzvgthümerfragc aus gleichem Wege ge-
löst werde. Zm Fall? eines Krieges wiirde

nur auf dem Schlachtfelde gegcn Rußland die
Einheit Oestcrreichs stch befcstigen. Brin;
spricht sich sür eine weniger ki'ihle Haltung
Ocsterreichs aus, deffen „deulschen Beruf" cc
hcrvorhebt. Waidele: Der Londoner Vcrtrag
sei schon kraft seines Znhaltes »ngültig, weil
er nur dic eventnelle Ancikennung eines Rechts-
zustandes euthalte, welcher wegen untcrbliebe-
ner Zustimmuug der Volksvertretuug nie ein-
getrcten sei. Kuranda und GiSkra sprache»
gleichsälls gege» die auSwärtr'ge Politik deS
Cabinets; Ersterer schließt: Oesterreich möge
abgehen von dem Grundsatze, stch durch den
Bund iil'cht majoristren zu laffen. Giskra be-
dauert bie Jsolirtheit Oesterreichs und ist für
Sequestration der Herzvgthümer. Comes
Schmidt meint, daS Haus habe zunächst die
Aufgabe, für den Ausbau des Jnuern zu sor-
gen. Berichterstatter Graf Kinsky spricht
cbcnfalls für Wahrung des „österreichischen
Standpunktes." Graf Rechberg erklärt:
Oestcrreichs Politik in Jtalien sei nicht jene
der Eroberung, sondcrn jene der Erhaltung des
Friedens; so lange aber die Turincr Regierung
nur auf die erste Gelegenheit wartc, um Be-
nedig an stch zu reißen, so lange werde kein
österreichischer Minister des Aeußern in der
Lage sein, mit Turin in gutem Einvernehmen
zu bleiben. — Damit wird der Gegenstand
verlaffen und zur Specialdebatte über daS
Budget des Ministcriums deS Aeußern über-
gegangen, wobei alle Ausschußanträge ange-
nommen werden.

Linz, 2. Dec. Eine Bürgerversammlung,
welchc für heutc Abend veranstaltet war, um
sich mit der Elbherzogthümer-Angelegenbeit zu
beschäftigcn, ist in Folge einer aus Wicn ein-
getroffeuen Weisung aufgelöst worde». (F.J.)

Triefi, 3. December. Man berichtel aus
Peking vvm 3. Ociober, daß der Oberbesehls-
habcr des kaiserlichen Heercs den angenehmen
Befehl erhalten hat, sich selbst zu erdroffeln.
Er war auch so bumm oder so schwach, dem
Gebote seines erhabenen Herrn Folgc zu
leisten.

! Oesterreichische Monarchie.

! Krakau, 4. Dec. Die Zcitung Czas l'st
! durch gerichtlichcs Urtheil wegen ihrer Haltung
in dcr polnischen Fcage auf drei Monate suS-
! pendirt worden.

Krankretch.

Paris, 5. Dec. Die Sitzung des'gesetz-
gebcnben KörpcrS vom 3. d. war, znm Schluß
! der Wahlprüfungen, cinc höchst interessantc,

! insofcr» zum ersten Male der Fall vorkäm,

! daß cine ministerielle Wahl gegen den Autrag
! des BerichtcrstatterS und trotz der Vertheidi-
! guug von Seiien der Negierung für nichtig
erklärt ward. Ler vkrungliickte Candidat war
obendrein kein Geringerer, als der Bruder
deS Polizeipräsecten Boittelle, Banquier zu
Camprai.

Marseille, 4. Dec. Jm Miktelmeer und
namentlich im Mcerbusen von Lyon herrsch'tc
in den letzten Tagcn ei'n so snrchtbarer Sturm,
daß die Postdampfer den Hafen nicht zu ver-
laffen wagen. Heute erst hat dcr Sturm
aufgehört. (Gleiches meldet man von Ostcnde.)

E n g la n d

Lvndon, 30. Nov. DaS deutsche Meeting
sür Schleswig-Holstein, daS vorgestern in der
Lonvon Tavcrn stattgesunden hat, war von
4 — 5000 Deulschen besucht. Von den Red-
nern stnd besonders Karl Blind, Heintzmann
und Kinkel zn erwähnen. Die Resolutionen,
welche gefäßt wnrden, weichen insoscrn vo»
dcn aüerwärtS gefaßte» Beschlüffen ab, als
sie ,'n höchst uiipraklischer Weisc ausdrücklick
erklären, daß es den Herzogthümern sclbst
überlaffen werde» solle, nach crriingener Selbst-
ständigkeit in sreigewählter Versammlung übcr
ihre künflige Versaffung zu entscheiden.

(S. M.)

Zta li « »

Tnrin» 5. Decbr. Die Nationalbank hat
den Disconlo auf 9 Procenl erhöht.

Das sranzösische Dampfboot Mozambiquc
ist von dem italienischeil Flavio Gioja in
Grund gebohrt worden; Reisende und Mann-
schaft wurden gerettet.
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