Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Festlichkeitcu aus Anlaß der Proclamation deS
Kaiserreichs sollcn achl Ta,,c lang dauern. Der
Kaiser hattc eine allgemeine Amnestic decretirt.

A»r Lchlesimg-Holsteiii'schen
Lache.

Eine Correspondenz der „Hamb. Nachr." auS
Altona. 22. d., über die Soldatenschlagerei in
Rendsdnrg lantet: „Die erste Leranlassung zu
dem am 17. ans dem Tanzptatz „schntzenhos
vor dem Ncuthor" oorgekommenen Conflilt gab
ein prcußischer Unterosficier, indem er den säch-
sijchcn nnd hannöverischen Soldaten ein gegen-
seitiges Zutrinken ans das Woht ihrer Armcen
untersagte. Die dadurch cntstandene, schon et-
was gereizte Stimmung wnrde jedoch durch
das Zurcden der sächsischen und hannover'schen
Unterofficiere wieder beruhigt. Nach allseitig
fortgesctzter Theilnahme an den Bergnngungen
cntstand längere Zeit darauf, gegen 8 Uhr,
eine Schlägerci, dercn Ursache bis jetzt noch
nicht ermiltelt ist. Doch steht fest, daß hierbei
preußijche Soldaten dic Lnitengewehre gezogen
und gebrancht habcn. Die Schlägerei nahm
einen größeren Umsang in- und außerhalb bes
TanzsaaleS an, bis ste aus der Straße durch
das Dazwijchentrelen der verschiedcnen linter-
osficiere zu Ende gebracht wurde. Am 18.
wurden die Sachsen und Hannoverancr, UNI
allen Conflikten im VoranS vorznbeugen, durch
Blascn der Retraite zcitig in ihrcn Ouarticrcn
consignirl, so daß die Straßen.gegen 9 Uhr
sich ganz leertcn. Trotzdeni Lber wuroen ein-
zctne vor den Ouartieren ruhig sitzende Han-
noveraner bcdroht und angegrifsen; ja es wur-
den sogar von der Bisitation zurückkchrcnde
hannover'sche Corporale von Prcußen gemiß-
handelt und hierbei verwundet. Einer derjelben,
Corporal Oppennann, wurdc von cincr preu-
ßischen Patrouille von circa 1k Mann ange-
grisscn und von hinzngekommenen hannovcr-
schcn Osficieren, wie bie Prcußen mit Gewehreu
aus ihn cindrangen, am Boden licgend gefun-
den. Derselbe wurdc nur durch Ziehung der
Säbel Scitens dcr hannover'jchcn Ofstcicre srei-
gemacht, dennoch aber beim Nachhauscgchen
noch von Prcußen vcrwundel. Endlich ist noch
hinzuzufügen, daß am 19. nichl das Geringste
vorgekoinmen, und daß bercits an diesem Tage
eine Untersuchungscominission, bestehcnd aus
jichstschen und hannover'schrn Offtcieren, zu-
samincngetrcten ist. Bezeichnend bleibt es, baß
dic Beiorbnung eines preußischen OfficierS zu
bcsserer und schnellcrcr Ermittelung der Wahr-
heit nicht zu erlangeu gewesen ist. Am aus-
sälligstcn bteibt aber, daß sich der preußische
Couiuiandaiit durch daS von HauS aus ganz
unglaublich und völlig unbcgründete Gerücht,
cs werde ein Angrifs aus die Lazarethe beab-
sichtigt, zn ivteldnngcn veranlaßt finden konnte,
wclche jedenfalls ganz übcrtrieben und entftellt
gcwcscn scin müssen, wenn in solchen die Ver-
anlassung zu de» umfänglichen militärischen
Maßregcln — 6000 Mtann nnd zwei Batte-
rien — gefunden werdcn solll"

Der Wicner „Botschafter" jchreibt: „Die Be-
setzung Rendsdurgs durch preußische Truppen

dcn Tauscndcn, welchc zufahcn; abcr der schlmic
Lüiistlcr hatte All-S woh! dcrcchnct, -r faßte fich
im Augcnblicke mit dcr rcchtin Hand und im Nn
stand er wiedcr fest auf dcm Scii. täin Gcbrüll
von Bcifall war f-in Lohn, tn das nur Lord
Shafskasc nicht cinftimmtc, dcr scin „Vock ckam"
drcimal zwischen den Zähnen murmclte. Aber
Blondin ist ntcht bloö ein Künstler, sondcrn auch
cin schlaucr Lops. Er proponirtc scincm -dlen
greunde cincn V-rtrag, auf wclchcn dtcscr auch
einging. Nach diescm erbt Lord Shasskase, wcnn
Blondin vom Seile stürzt, 5000 Vfund aus dcm
Vcrmögcn des Lünstlers, und wcnn dicser dcn
edlcn HanS Narr übcilcbt, so -rbt er von ihm
dieselbc Summe. Das Frcundschaftsvcrhältniß der
bciden sonberbaren Mcnschen wurde fcit dicfcr Zcit
wo möglich noch inniger. Abcnds vor'm Schlafcn-
g-h-n umarmcn fi- fich zärtlich nnd MorgcnS in
der Frühe schlckt Lord Shafökase scincn Bedienten,
um zu -rfahren, wic der von ihm d-m Verderbcn
G-w-ihkc g-schlafcn hat. Kcin Mensch kann järt-
lichrr für das Lkbcn eincr theuren Pcrfon besorgt
setn, als Lord Shafskase füt dcn Untcrgang vcS
Kreundks. Blondin ist cben in Wien und tanjt

ist ohne Wissen nnd daher selbftverständlich ohne
Zustimmnng der östcrreichijlhcn Regicrung er-
folgt, und wir glauben gnt unterrichtet zu sein,
wenn wir mittheilcn, daß die österreichische Re-
gierung ihrc völlige Nichlbetheiligung an dicsem
Acle auch bereits zu constaliren in der Lage
war." Nach demselben Blatt berciten isachjcn
und Hannovcr eincn Antrag beim Bundc vor,
wodurch ste Satissaclion und Restitution for-
oern wollen.

Eine Correjpondenz der „D. A. Z." jagt
übcr die Excessc in RcndSburg voni 19. noch:
„Die Osfiziere versuchten sich iu's Mittcl zu
legen, und als auch dicscs nichts nntzte, ent-
standcn — «ir bedaucrn die traurige Wahr-
h-it berichten zu müsscn — auch unler dcn
Offizieren Rcibereien, die damit endigtcn, daß
gegenseitig die Waffcn gezogen wnrden und nian
blindlings losschlug. Der größte Act der Roh-
heit ist aber der, daß man sogar die Lazarethe
nicht verschonte, oorl die Kranken und Vcrwun-
deten bclästigtc, ja jclbst lhaisächlichc Jnjulten
gegen sie nicht untcrließ." W

Flensbur»;, 20. Juli. Dem „Schw. M."
wird von hier 'ein Schreiden mitgetheilt, welches
Hr. Rudolph Schramm in Berlin, ein srüherer
hochrother Demokrat, der aber jetzt als thätiges
Werkzeng deS Bcrliner Prcßbureaus bekannt ist
und schon vor cinigen Monaten in den Herzog-
tyüinern im aniicxionistischen Sinne lhälig war,
an mehrere dänischgesinnte Notabeln von Klens-
burg adressirt hat. Wir entnehmen diejem an
Schamlosigkeit bishei noch durch keine ähnliche
Aeußerung der preußischen Annexionspartei
überlroffenen Schriftslück oie bezeichncndsten
Slellcn. Das Schreiben ist datirl auS „Ber-
lin, 9. Zuli 1864, Regentenstraße 1 und an
die Hcrren P. C. Christiausen, Z. H. Hoeck,
I. Z. Maack, P. Pclcrsen, C. K. Ohlsen, HanS
Zcnsen jun., F. Platncr, deputirte Bürger der
StadtFIensburg", gerichtct. „Aus denZcitun-
gen und durch Privatbriese erfahre ich, baß Sie
für sehr dänisch gellen. Zch bin preußifch unb
anti-augustenburgisch. So tange Sie noch Hoff-
nuiigen aus cine dänische Restitution unterhal-
tcn, habe ich mil Jyuen »ichls zn reden. —
Die gemeinsamen Jnteresscn PrcußenS und der
Hcrzogthümer beftehen darin, daß Schlcswig-
Holstein nichl dcnlscher Ktcin- oder Mittelstaat,
nicht augustenburgisch oder oldenburgisch, son-
dern daß es Großstaat wird. Nur alS Staats-
bürger deS preußischen Reiches entgchen Sie
einer langjährigen ReaKion, welche mit dcm
Augenblicke deS wirklichen RegierungsantritteS
des Betielherzogs Friedrich unfchlbar über Sie
einbrcchen wird. Sic können sich mit Recht
uicht cinmal beklagen, wenn Zhnen nun von
Kiel auS 14 Zahre gcschieht, was den Deutscheu
in den Herzoglhümcrn seit 1852 von Kopen-
hagen auS geschehen. Nur innerhalb des preu-
ßischcn Reiches eröffnct sich Zhnen und Jhren
Kindcrn Ruhe, Friede, Versöhnnng, eine glück-
liche Zuknnit. Zhren Kindern wird der preu-
ßische Civil- und MilitärstaatSdienst wie dcn
gcborenen Preußen offcn stehen. Jn dem wci-
ten Landc von den Usern der Saar, Mosel,
dcr Maas und des Rheines bis zur Weichsel
und zum Niemen werden Sie cine neue grö-

bci Schwcndcr. Loid Shafskase fitzt während jeder
Proouctioii in der crstcn Spcrrsitzreihe nnd wartct
anf scinen Sturz. Wo Lord Shafskase wohnt,
wissen wir nicht, aber cr fpcist, wic alle Englän-
der, täglich im „Erzherzog Karl" obrn lm ersten
Stock, wcil man dort da« brste Roastbeef und dcn
besten Hock (Rhctnivet») bckommi.

Aer Mord aus dcr Londoncr klordbahn.

Der Urhcber des bekannten grauenhasten Ber-
brechens, wclches kürzlich anf dcr L-ndoner Rord-
bahn begangrn wurdc, ist, Dank dcr Geschicklichkcit
dcr rnglischrn P-ltzel, ln dcr Pcrson etncS d-utschcn
ArbcitcrS, Franz Müllcr aus Köln, rntdeckt worden.
Dcrfeibc tst 25 Jahre alt und war sctt 18 Monaten
tn Londen als Hemdcnmacher in -inem b-dcuienden
Lingeriegeschäst thätig. Am II. d. M. machtc er
di- Krau rines ihm b-frcund-ten KutschcrS, Namens
Zonathan MathewS, auf eine goldene Uhrkcttc auf-
merksam, dte -r aus einem Etlli nahm und an setne
Uhr b-frstigte. DaS Etui schenkte -r dann dem

ßere Heimath finden, wo Keiner Sie fragen
wird, waS Sie früher gewejeu oder gewollt,
weun Sie nur von jetzt ab znm Preußenreiche
halten. Unler oem Betteiherzog griedrich da-
gegen wirb oaS bornirte hcltige Holstenthum
blüyen uad cinen abgeschinacklen Juristen- und
Psaffcuftaat erzeugeu, der Herzog und seine
Juristen uud Psaffcn werden sich auf dic Mast
des LandeS legen und jich tn ihrcm cigenen
Fett draten und beräuchern. Weder Staals-
sinn, noch Staatsehre, noch wirthschaftliche
Wohtsahrt, noch bürgertiche Freihcit werden
geoeihen. Es ist jedoch keine Spnr davon im
Lande, der neue Beamte machk es gcrade «ie
der alte, nur in umgckehrter politijcher Tendenz.
Das prenßijche Rcich mil jcinen 8 Provinzen
ist den übrigen Großftaaten gegenübcr in sei-
nem Jnncrn zu kiein. Würden Schleswig und
Holfteiu sich ihm jetzl anschließen, jo würbeu
Hamburg uud Meckienburg folgeu müffeu.
Den üdrigcu uorddeuljchen Staaleu bis zum
Mainfluß biiebe nichls übrig, ais Miiilärkon-
vcnlivn mit Preußen abzuschließen. Das neue
Deulsche Rcich wäre ferlig. Es würde eine
Union, ein ewiges Bündniß mit Däuemark
schließcn, kraft dessen Jüttand in den Zollver-
ein einlräte. Die übermülhigen elenden Holsten
wollen Dies nichl. Sie wolleu Schieswig als
ihre Dependeuz ausbeuten. Wollen Sie es,
meine Herren, so werden wir, die imperiai gc-
stnnteii Prcußeu, Sie, unscre bisherigen Feinde,
alS die Mitgründer uuseres Reichcs ehren und
hochhallen. Dann müffen ivir nnS vcrstänoi-
gen. Wirken wir zusammcn, so ift daS Gelin-
gen außcr Zweifei, nur muß hier und dort
entschloffen Hand an's Werk gckegt werden. Zch
bitte aus meine offene, ehrliche Krage um eine
offenc, ehrliche Antworl. Hochachiungsvoll
(gez.) Rudolph Schramm."

vtendsburg, 21. Juli. Seit gesteru weiit
hier der preußische General Göben, auch stnd
hier mehrerc Generalauditeure uud ein hvherer
hanuover'scher Osficier eiugetrvffen, um über
die lraurigen Straßenconflicte zwischen den
Preußen und Hannovcrancrn kriegsgerichtliche
Untcrjuchung anzustellen. Leidcr stnd viele
Vcrwnndungcn vorgekommen, eiir Soldat ift
dereits geslorben. Die lctzteu Avende verlie-
sen, Dank drn gceigneten Maßregetn, ruhig.

(H. N.)

Reitzeburj;, 22. Juii. Morgen wird die
Einführnng des neuernannteu Rcgiernngsxrä-
sidenten für das Herzogthum Lauenburg, Graseu
Kielmannsegge, durch dic Herren Bundescom-
miffäre statlfindeu.

Hamburg, 23. Zuli. Heute frnh wnrde
mit dem crsten Personenzuge der Hamburg-
Berliner Bahn der Capitän Hammer nevst
8 Osficiercu, sowie circa 180 Marinejoldateu
und Bkatroseu, welche gcstcru Mittag unter
preußischer Bcdcckung über Aitona hier ange-
koinmcn waren, nach der Keftung Torgau be-
sörbcrl. (H. C.)

Wien, 24. Juli. Präsnmtiver Nachfoiger
des abberusenen Generals v. Hake ist der nach
Rendsdurg gereisle jächsijche Kriegsminister v.
Rabenhorst. Ocsterreich empfiehlt dem Präst-
dialgesandten VermittlungSversuchc.

6jährigen Kinbe der Frau. DaS Kind zeigtr das
UkUgkwonnrne Spirlwcrk voller Frcude seinem nach
dcm Weggrhen MüllcrS in die Stube tretenden
Vater, welchcr da» Etui genau betrachtete und
dartn den Ramen dcs Mannes bemcrkte, bet wel-
chcm Müll-r dir Uhrkctte drs Ermordeten umgc-
tauscht hatte. Er schöpftr sosvrt Vrrdacht, abcr
ein, nnbegreifltche Nachläifigkeit li-ß thn b-inahe
acht Tage wartcn, ehc er von dcm Vorfall Anzrigr
machtc. Die Polizcl lteß das Etui und clnc Pho-
tographic Müllcrs, welche Mathcws besaß, dem
Goldarbeiter, bei welchem der Mördcr dte Kette
umgctauscht hatte, vorlcgen. Dleser erkanntr daS

Müller dte Person, wrlche Briggs Keltc beseffcn
hatlc. Der Hut, wclchcr am Abend bcs Vcrbrc-
chcns fich in dem Eonpö vorgefnnden haltc, war
nach MatbewS AuSsagc von ihm sclbst für Müller
besorgt, wir dleS rinzelnr Kennzeichen crwiesen.

(Schluß solgt.)
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