Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Httdtlbkrgrr Ititrmg.

N» 217. Donnerstag, 18. Lcptember


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* Politische Umschan.

Der allgcmeine Unwille. welcher sich über
die Paßplackereien in Friedrichshafen erhoben
hat, gibt dem Würtemb. Staatsanzciger hcute
Veranlassung, darauf hinzuweiscn, daß die be-
gründete Furcht vor polnischcn Meuchelmördern
den Behörden die Pflicht auferlegt habe, durch
geeignete Maßregeln den in Friedrichshafen an-
wesenden Mitgliedern der kaiserlich rnjsischen
Familic Schutz gegen den Mordstahl zu oer-
schaflenl

Dcr „Kreuzzeitung" zufolge wurde in Posen
cin Brief aufgefangen, worin polnischerseits dic
Znstruction erthcilt wird, bci etwaigen Ver-
hören auszusagen, Plan der Znsurgcntcn sci
die Herstellung Polens mit Galizien unter eincm
österreichischen Prinzcn gewesen. Der Adressat
wurde verhastet.

Die „Spen. Zlg." erfährt von beftunter-
richteter Seite, daß man in diesen Tagen schon
den Beitritt einiger jüddeutscheu Staaten zum
rcconstituirten Zollverein erwarte, u»d noch
vor dem 1. October den wahrscheinlichen Bei-
tritt allcr.

Dic Verhandlungen über den Anschluß Iias-
jau's an den reconstituirlen Zollverein siud
nach der „C. S." bereitS zum Abschluß ge-
diehen,

Der „Frkf. Postztg." wird telegraphijch aus
Wicn gcmcldet, daß heute einc Conserenzsitzung
statlfand, worin ein Vorschlag der deutschen
Großmächte zur Verhandlung kam, wonach
Dänemark zur Ansgleichung der Activforde-
rungen der Herzogthümer eine Aversionaljumme
übernehmcn soll.

Nach der „Provinzialcorrcspondenz" wird die
beabsichtigte Reise des Kaisers von Oesterreich
nach Berlin unterblcibcn.

Der „Mittclrh. Ztg." geht alS sichere Mit-
thcilung die Nachrichl zu, daß der Kaiser Na-
poleon im Lause dieser Woche in Wiesbadcn
eintrefscn wird, um scine Gemahlin in Bad
Schwalbach zu besuchen.

Dem Grafcn AndraSzh, cinem der von dcr
österreichijchen Regicrung eingesetzten höheren
Beamten i» Ungarn, joll die Bildung einer
ungarischen Vermittlungspartei gelungcn sein,
dic aus der conservativen Partei, in der sich
besonderS die hocharistokratischen Elemente be-
sinden, die au der Revolution von 1848 keinen
Anthcil genommeu haben uud aus einem Theile
der altliberalen Partei gebildet werden würde.
Rach dem mitgctheiltcn Programm würde diese
Partei bereit scin, sür dic gemeinsamen Ange-
legenheitcn den Reichsrath zu beschicken. Sic

vcrlangt dagegen die principielle Anerkennung
der alten Rechte des Landcs, also das Aufgcben
der Theorie des EroberungSrechtes, die nach
1848 aufgestellt wurde, erklärt sich aber sonst
zu TranSactionen bereit. Ferner verlangt sie
auch wieder die Vereinigung von Siebenbürgcn
und Croatien mit der ungarischen Krone und
für spccielle Angelegenheiten mit dcm ungari-
jchen Landtage, so daß also die Vcrtreter auf
dem Rcichsrathe aus der Gesammtvertretung
der drei Länder gewählt werden würden.

Die immcr wiederkehrendc Angabe, daß
Oesteri eich das Königreich Ztalien anerkennen
werde, ist ganz nnbegründet. May denkt heute
so wenig wie früher daran, das Königrcich au-
zuerkenncn, und wird sich hierzu wohl nicht so
bald enlschlicßen.

Das italienischc Ministerium schcint seiner
Auflösung entgegen zu gehcn. ES heißt, die
Minister Peruzzi, Manna und Amari hälten
ihre Entlassnng eingcreicht, nachdem sie in
Gegenwart des Königs mit ihrcn Collegen della
Rovere, Minghetti und Pisanclli in hcftigen
Zwiejpalt gerathen wären und darauf pom
Könige eine unliebsame Bemerkung bekommen
hätten. Die finanzielle Noth dürfte ein Haupt-
grund der herrschenden kineinigkeit im Miui-
stcrium sein.

Die Eroberung von Atlanta durch Sherman
ist nach der Times zu Neuyork offtciell bekannt
gemacht wordcn. Die von Secesstonistcn aus-
gestreuten Zweifcl warcn also grundlos.

Einc Mittheilung aus Neuyork vom 3i Scpt.
besagt, die Hauptpunkte der Convention »on
Chicago seien: Wiederherstellung dcs Friedens
auf Grundlage der Union und Widerstand
gegen Einmischung dcs Militärs bei den be-
vorstchcndcn Wahlen.

Die lctztcn Nachrichten aus Vcracruz be-
sagen: Die Blokade aller mcxikaniichen Häfcn
ist aufgehoben. Der Kaiser Maximilian hat
die Hauptstadt verlafsen, um die Provinzcn zu
besuchen.

D e u t s ch l a n d.

-j- Vom Neckar, 12. Septbr. Die zum
deutschen Zollverein gehörenden Staaten stehen
unter sich auf dem Fuße der vollen Gleichbe-
rechtigung. Preußen mit ciner Bevölkerung
von über achtzehn Millionen hat kein Mehr
von Nechten als Würtemberg oder Baden mit
nur dem zehnten Theil von Einwohnern. Das
„Nein" des kleinsten Staates hat im Zollver-
ein dasselbi Gewicht, wie das von Prcußen,
dessen Bevölkerung diejenige aller übrigen Staa-

ten zusammen übersteigt. Wie kann da von
einer Hegemonie Preußens gcsprochen werden?
An diesem Verhältniß ändert der Handels-
vertrag mit Frankreich nicht das Geringste.
Ebenso wenig läßt sich behaupten, daß Preu-
ßen die Erneuerung des Zollvereins an Be-
dingungen zu knüpfen die Absicht habe, welche
ihm eine höchst bedenkliche Suprematie im
Zollverein verschaffen würden. Jm Gegentheil
schcint es die früher angeregten und seither
öfters besprochenen Reformen in der Verfas-
sung des Zollvereins aufgegeben zu haben, um
der Erneuerung desselben nicht neue Schwierig-
keiten zu bereiten. Welchen Sinn und Grund
hat also das ganze Gerede der Herren Moritz
Mohl und Ammermüller von den sogen. preu-
ßischen Hegemoniegelüstenin dieser Frage?
Oder soll der Wohlftand so mancher blühenden
Gebiete des südweftlichen Deutschlands, soll das
Gedeiben der Landwirthschaft, der Jndustrie
und des Handels, soll der Zollverein bis
jetzt die einzige mühevoll erlangte Errungen-
schaft auf dem Gebiete der nationalen Eini-
gung dem Fanatismus politischer und confes-
sioneller Antipathien gegen Preußen lcichthin
und leichtfertig zum Opfer gebracht werden?
Die das wollen, mögen die Verantwortlichkeit,
welchc sie damit aus sich laden, wohl erwägen.
Wir an unserem Theile werden nicht ablassen,
die Stimme der Warnung dagegen zu erheben.

Uebrigens zeigt das Beispiel der Schweiz,
welche in handelspolitischen Dingen ihren Vor-
theil versteht, und deren Staatsmännern gewiß
Niemand dcn Vorwurs der Gleichgültigkeit in
Wahrung der nationalen Ehre machen wird,
am besten, was von den immer wiederkehrenden
Declamationen der Gegner ves Handelsver-
trags über die angeblich mangelnde Gegcnseitig-
keit in demselben und die darin liegen sollende
Verlctzuiig der nationalen Würde zu halten ist.
Denn obgleich die Schweiz bekanntlich so viel
alö keine Schutzzölle hat und gegenüber von
Frankreich keine Zollermäßigung erlangen kann,
steht sie dermalen doch im Begriff, einen Han-
delsvertrag mit Frankreich abzuschließen und
sich den französischen Taris, der dem deutschen
gegenüber von manchen Leuten als ein unge-
rechter bezeichnet wird, gefallen zu lassen. Wenn
aber die längst entwickelte schweizerische Jn-
dustrie in dem Handelsvertrag mit den Galliern
keinen „Löw envertrag," keine svoieta^
lettvina einzugehen fürchtet, so hat der deutsche
Zollverein noch viel weniger Grund, dies zu
fürchten.

Konsianz, 11. Sept. Heute Morgen um
10 Uhr begannen die Sitzungen der allgemeinen

Karlsruhe, 11. Sept. Bei dem am 8. d. im
Museum stattgehabten Festmahl hielt Hr. Staats-
rath Lamey folgende Tischrede, deren Jnhalt wir
nach der „Karlsr. Ztg." im Wesentlichen mitthet-
len: „Die große Famtlie dieses herrlichen und ge-
liebten Landes feiert heute das Geburtsfest ihres
erhabenen Fiusten. Jn frommem Kirchgange hat
fie zuerst ihre Gebete um Segen auf sein Haupt
zum Himmel gesendet. Mit tausendstimmigem Ju-
bel, in Hütte und Palast, in geselligen Vereinen
und Genosscnschaften aller Art, bringt sie in die-
sen Stunden dem theuern Großherzog ihre Huldi-
gung dar.

Es tst ein natürlicher Zug der monarchischrn
Staatsordnung', den Tag zu feicrn, der dem Lan-
desherrn das Leben gegeben. Die Sprache selbst,
wo fie dem gemüthlichen Zug des Volkslebens sich
hingibt, nennt den Negenten gern und mit tiefem
Sinn den Landesvater, das fürstliche Haupt des
Staats, drssen Angehörige durch ein der Familien-
rinigung vergleichbares, thr nahe verwandtrs Band
umschlossen sind, und die sich deßhalb als Lands-
leute auch unter Fremden und in der Fremde leicht
vrrtraut und verbunden fühlen. Darum ist diese

Feier auch nirgends eln nichtiges Fest der Schmei-
chelei. Es ist ein auS sittlichcn, religiöftn und
staatlichen Wurzeln hervorwachsendes natürliches
Fest, in weichem die vaterländlsche, den Staat und
setne Ordnung begreifende Gesinnung durch die
dem Landesherrn bethätigte Ehrfurcht sich selbst,
das Vatcrland und seine Geschichte ehrt' unb threr
Trene gegen seine Person AuSdruck gibt. Iu jedem
Staate wird abcr das Herz dieser Feier eine be-
sttmmte Färbung geben. Dort wird sie kälter, mehr
als der bloßen StaatSidee und historischen Erinne-
rungen entsprungen gefeiert werden; hier wird sie
vvn vollen, glühcnden Empfindungen getragen setn,
weil sie nicht bloS der Idee, sondern der ganzen
lebensvollen, geliebten Persönlichkeit des Fürsten gilt.

Und wo soüte dieseS Fest inniger und aus treue-
rcm Herzen gefeiert werben können, als in unserm
theuern Baden, dessen Bewohner ntcht blos die
Trene gegen ihren angestammten Fürsten in ihrer
Brust tragen, sondern auch volle, ungeheuchelte,
retne Liebe, jene Liebe, welche die höchste Achtung
vor drr fittltchcn Tugend unb geistigrn Begabung
zur Grundlage hat, und welche geboren wird, wo
sie selbst Ltebe und Treue findet!

liche Fürstenpaar im Kreise fttner lieblichen, froh
heranwachftnden Kinder, tn seltener Liebe und
Treue verbunden, so warm zeichnen, als Ihr leben-
diges Gefühl den Zauber bieftr Erscheinung wieber-
gibt?

Wollte ich den Fürsten schildern, der voll relt-
giösen Gefühls, jeber edlen Kunst, jeder befruch-
tenden Wiffenschaft die sorgsamste Aufmerksamkeit
und Pflege zuwendet, der für den Geringsten ein
offenes Ohr, für die Armuth eine offene Hand,
für das Leiden Trost und inniges Mitgefühl, für
Alle ein offenes Auge hat, dem Wahrheit und
Gerechtigkeit und, wo es sein kann, die Gnade
zur Uebung des Lebens geworden sind, — würde
ich nicht weit hinter dem Bild zurückbleiben müssen,
das in Ihrem Herzen lebt?

Wollte ich sagen, daß dieftr erlauchte Herrscher
dte höchste Liebe und Treue für das Land setneS
fürsllichen Erbeö in der treuen Liebe zum gryßen
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