Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Undtllmgrr Ztilung.

9!» 231. Iamstag, I.» DctoUer 1881»

Bestellungen auf die „Heidelberger
Zeitung" nebst Beilage „Heidelber-
ger Familienblätter" für das mit 1.
Lctober 1884 begomiene 4. Quartal
werden fortwäbrend angenommen.

Die Expedition

* Politische llmschau.

Dic Regierungen vou Bayern und Würtem-
berg haben nunmehr ihrcn Beitritt zu deu Zoll-
verciusverträgen vom 28. Juni und 11. Zuli
in Berlin angezcigt. (Vcrgl. Münchcn 28. Sept.)

Zn Parie spricht man von eincr neuen
500 Mill. beanlragcndcn Anleihe. Der Finauz-
nünister Fould soll nicht damit etuverstandcn
sein und wieder cinmal scine Entlassung ge-
sordert haben. Behic. der Dtinister der vssent.
lichcn Bautcn, soll ihn ersetzen.

Es wird versichcrt, Garibaldi billige den ita-
lieuijch-sranzösischen Vertrag, ohnc jedoch dcr
Verlegung der Residenz znzustimmen. Ucbcr-
haupt bildet diesc Frage den.Angetpunkt in den
Parteibestrebungen; doch stcht zu hoffcn, daß
mau darüber hinauSkommen wird nnd das ita-
lirnische Parlament den Vcrtrag gcnehmigt.

Die „Eazzctta nffiziale del Rcguo" lündigt
an, daß die ParlameulSerösfuung auf deu 24.
Oktober «crtagt ist, um Zeil zur Bildung des
neucn Cabinets zu gewinuen.

Dcr Sieg dcS unionistischcn GcncralS She-
ridan übcr Early wird bestätigt. Dcr Kampf
sand am 18. Sept. im Shcnandoathale statl;
dic Südstaatlichen verlorcn 2500 Gefangcue,
5 Kanonen und 5000 Todle und Vcrwundete,
woruntcr die Gencrale Gordon uud Shalder.
Auch die Föderirteu hattcn starke Verluste, na-
mentlich ist Gcneral Noussell gcsallen. Shcri-
dan oecupirt Winchester.

Zirr GchleSivig-Holsteiii'sche«
Sache.

Rendsbura, 26. Sept. Jn der hcutigeu
Dclegirtcn-Vcrsammluiig dcr schleswig-holsteiui-
scheu Vcreine wareu vertreten 81 Vcreine mit
167 Mitglicdcrn, dazu 16 Ausschußmitgliedcr.
Nach Ablchnung ciner molivirten TageSordnung
wurdc einstiminig die vom AuSjchuß vorgcschla-
gcne Erklärung über daS StaatSgrundgcsetz
angenommen. Die motivirte TageSordnung
wollte die Ansicht der Versaminlung übcr das
Staatsgrundgesctz noch dadurch »crstärken, daß
sie eine wcitere Erklärung als unuöthig bezeich-
nete. Nach jencr eiustiminigen Aiiuahme wurde

ein donnerndes Hoch auf das Staatsgruudgesetz
ausgebracht.

Brrlin, 27. Scpt. Prcußcn und Oester-
rcich haben nach glaiibwürdigcn Mittheilungen
an daS Kopcnhagencr Cabinet daS Ersuchen
gerichtet, die Bcrhandlungen in Wien möglichst
zu beschleunigen und nicht unnöthiger Weise die
Conferenz in dic Länge ziehen. Die Grenzre-
gulirung ist so gut wie abgemacht, und nur die
Finanzfrage steht noch in Rede. Ltzelchen und
ob überhaupt einen Eindruck auf Dänemark
das Monitorium von deutscher Seite macheu
wird, jst um so weniger zu bestimmcn, alS die
Däncn europäische Vrrwicklungcii heraufziehen
fehcn, aus dencn sie möglichst großen Vortheil
zu ziehen bcmüht sein werden.

Dentschland.

Freiburg, 28. Septbr. Gestcrn und vor-
gestern fand die viertc Jahresversammlung der
Lehrer der badischen Gelehrten- und höheren
Bnrgerschulen in der Aula des hicsigen Uni-
versiläts-Gebäudcs statt. Director Furtwäng-
ler von hier wurde zum Präsidenten und Di-
rector Jntlekofer von Offenburg zum Viceprä-
sidenten gewählt. Von zehn zur Verhandlung
bestimmten Thesen kamen sechs zur Discussion.
Ueber die Verhandlungen soll ein summarischer
Bericht ausgefertigt und dem großh. Oberschul-
rath zur Kenntnißnahme vorgelegt werden. Äls
Versammlungsort für das nächste Jahr wurde
Constanz gewählt, und festgesetzt, daß die Zu-
sammenkunst im Ansang der Ferien stattsinden
soll. (Oberr. C.)

Leipzig, 26. Sept. An den Ausschuß des
Comite's für das Beust'sche „nationale Ehren-
geschenk" ist folgendcs Schreiben gelangt: Von
Dresden wird mir heute Jhr Umlaufschreiben
nebst Ausruf vom Juli d. I. zugesandt. Für
diese Aufmerksamkeit ergebenst dankend, habe
ich zu erwidcrn, daß ich mich bei dieser Ange-
legenheit nicht bctheiligen werde, und schließe ich
mich bezüglich der mich hiebei leitenden Motive
dem Jhnen zugekommenen Ablehnungsschreiben
der Herrn Böhler und Sohn in Plauen, mit
alleiniger Ausnahme dcs Schlußsatzes desselben,
an, da ich keinen Anlaß habe — bei meinem
geringen Einfluß auch schwerlich einen Ersolg
erzielcn würde — Jhrcm Unternehmen hinder-
lich in den Weg zu treten. Jm Gegenthcil
würde ich Jhrem sog. nationalen Unternehmen
gern den besten Ausgang wünschen, wenn viel-
leicht dadurch zu erwarten stünde, daß sich Hr.
Staatsminister Frhr. v. Beust von seinen Ge-
schäftcn in die Muße des Landlebens zurück-

ziehen und seinen jetzigen Platz einem Andern
überlassen würde, welcher bereit wäre, das
schreiende Unrecht wieder gut zu machen, mit
welchem sich Hr. v. Beust am 3. Juni 1850
am Nechtsgefühl des sächsischen Volks versündigt
hat. Da ich mich während der jüngsten Land-
tagsverhandlungen in ganz ähnlicher Weise
Auge in Auge gegen Hrn. v. Beust öffentlich
ausgesprochen habe, so habe ich auch keine Ver-
anlassung, Sie in Betreff meiner gegcnwärtigen
Auslassungen um Discretion zu bitten, und
verharre ich rc. Moritz Lorenz. (Volksz.)

Dresden, 24. L>ept. Die „Constitulionelle
Zeitung" sagt: „Ein posener Blatt berichtet,
daß die Lage der Polen in Sachsen eine sehr
unerfreuliche sei und daß die russische Gesandt-
schaft allhicr es offen ausgesprochen, wie sie
keinen polnischen Flüchtling in Sachsen dulden
werde. Wir wissen nichts anderes, als daß
die Polizei gegen die Polen, in so weit sie nur
Subsistenzmittel haben, mit großer Nücksicht
verfährt, und zweiseln, daß Hr. v. Beust sich
durch die russische Gesandtschaft werde in's
Bockshorn jagen lassen." — Die sächsische Ne-
gierung soll übrigens in Loschwitz bei DreSden
eine geheime polnische Druckerei von ziemlichem
Umfange entdeckt, dabei einige Polen verhaftet
und viele wichtige Schriftstücke mit Beschlag
belegt haben. Unter letzteren ist auch eine
ziemllche Anzahl solcher, welche in der letzten
Zeit im Königreich eingcschmuggelt worden sind,
und welche die russijche Regierung aus die
Mcinung gebracht hatten, daß in Polen selbst
noch solche geheime Druckcreien beständen.

München, 28. Septbr. Der Artikel der
„Bayer. Ztg." über den Beitritt Bayerns zum
Zollvcrein lautet: Da dic in Prag wieder auf-
genommenen Verhandlungen zwischen Ocster-
reich und Prenßen einen lanqsamercn Verlauf
zu nchmcn scheinen, alS früher vorausgesetzt
worden war, hat die bayerische Regierung sich
entschlossen, im Einverständnisse mit der könig-
lich würtembergischen Negierung und gemein-
schaftlich mit derselben sofort in Verhandlungcn
über ihren Beitritt zu dem erneuerten Zoll-
vereine einzutreten. Es ist demnach entspre-
chende Weisung an die kgl. Gesandlschaft in
Berlin erlassen und dcr bayerische Commissär
zu den fraglichen Verhandlungen bcreits er-
nannt und mit Jnstruction versehen worden.
Jndem die bayerische Negierung die bisher für
ihren Beitritt aufgestellte Vorbcdingung, näm-
lich die Erzielung eines förmlichen Einver-
ständnisses zwischen Oesterreich und Preußen
über die Erncuerung, beziehungsweise Erwei-
terung des Vertrages vom 19. FsLruar 1853

Ein Slick in Äie Polenprozeß-Verhandlung
zu Serlin.

Wir umgehen daS ungefähr eine halbe Stunde
von Berlin entfernte Zellengefängniß zu Moabit,
bicgen gleich rechts ein und befinden uns vor einem
grünen Thore.. Mit einer Einlaßkarte versehen,
treten wir hier ein und passiren unter Vorzeigung
unseres Villets die hier befindliche Wache, so wir
die vielen andern, die auf der sich nun hinschlän-
gelnden Promenade von zehn zu zehn Schritten
postirt sind. Wir ersteigen die Treppe, an die wir
nun gelangen, geben dem Amtsdiencr daS Billet
ab, öffnen die Thüre und sind endlich am Ziele - -
auf der Galerie des zur Polenverhandlung eigens
erbautcn geräumigen Saales. Dte zu diesem Baue
verwendete Dachsteinpappe unb die frisch gelegten
GaSröhren verbrriten einen betäubend üblen Ge-
ruch, der unS zwingt, unsern Blick rasch hinab
zu werfen, um dieser dunstigen Atmosphäre so bald
als möglich zu entkommen.

An dem unS gegenüber licgenden Ende des Saa-
les bcfindet sich etn die ganzeKreite deffelben aug- !
füllender Tisch mit dem unvermciblichen grünen

Tuche. Der Tisch ist halbrund und biegt an scinen
beiden Enden nach rechts unb ltnks aus; an dem
halbrunden Theile sitzt der Gerichtshof, an dem
Ausbuge rechtS der Dollmetscher und scin Substi-
tut, an dem Ausbuge links der Oberstaatsanwalt
und sein Substitut. Der Gerichtshof besteht aus
dem Präsidrnten Büchtemann, der zugleich Vice-
prasident deS Berliner KammergerichteS ist, 9 Rä-
then und 5 Ergänzungsrichtern. Der Präsidcnt
Büchtemann ist ein Mann in den 50ger Jahren,

mischten Backenbarte und gutmüthtgem Aussehen;
sein Stanvpunkt scheint ein schwieriger zu sein, er
soll die Kluft zwischen dem aus jeder Zeugenaus-
sage, auS jedrm Actenstückc dcn Hochverrath her- ^
ausschüttelnden Oberstatsanwalte cinerseits und der >
mit beredten Worten und mit überzeugender Kraft
anderseits unwidrrstehlich vordringenden Verthei-
biger-Phalanr auSfüllen, die entstehenden Reibun- ^
gen verhüten oder in ihre Grrnzen zurückweisen,
und daS scheint viele Schwierigkeiten zu bereiten.
Eben haben wir Gelegenheit zu bemerken, wie er
einem Antrage des Vertheidigers Janecki zustimmt
und gleich darauf auch oie Gründe deS dagegen

protestirenden Oberstaatsanwalts billigt; da bat
der Hr. Präsident ein probates Mittel: Der Ge-
richtshof wird darüber beschließen, und die Ver-
legcnbeit ist zu Ende. Wirkltch entfernt sich der
Gerichtshof durch die Tapetenthüre links, und wir
benützen diesen Moment, um indessen tm Fluge
die Bekanntschaft dcr anderen an der Verhandlung
Betheiligten zu machen. Der Hr. Oberstaatsanwalt
Adlung ist eine interessante Persönlichkeit; klein
und untersetzt, bartloS, mit einer Brille versehen;

Bewegung des eben vernommenen Zeugen oder An-
geklagten verfolgend, mit seinem scharfen Blicke
scheint er im Jnnern desselben lefen zu wollen;
die auf diese Weise gewonnenen Erfahrungen wer-
den sofort in das vor ihm liegende große Buch
eingetragen, um das allem Anscheine nach berritS
reichhaltige Material noch zu vermehren. Die Ver-
theidigung scheint der Hr. Oberstaatsanwalt, auch
wenn sie ihm sehr hart zusetzt, ignoriren zu wollen,
er gerath in seinen Anträgen und Repliken nicht in
Affect und setzt dem Peletonfeuer ber Vertheidiger
immer eine eiserne unv eifige Ruhe entgegen.
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