Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Utidelbrrgrr Ieitung.

N» 222. Mittwoch, SL. September


18«1.

* Politische Uiiischau.

Eine zahlreich bcsuchte Vcrsammlung der
Zndustriellen des Großherzogchmns Hefsen hat
in cincr am Thron niederzulcgcndcn Adresfe
die Noth deS Landcs »orzustellcn beschlossen.
und Se. Kgl. Hoheit den Grotzhcrzog zu er-
suchen, den Beitritt seiner Rezierung zu dem
erneuerten Zollvercin noch vor dcm 1. Oktober
an geeigneler Stelle erklärcn zu wollen.

Zu Koblenz hat die Provinzialregicrung die
Bestätigung des zum Bürgermeister in Nemvied
gewählten lliegierungSassessorS Richtcr wegen
' politischer GcsinnungSuntüchtigkcit vcrweigert.
Ncuerding« sollen nun auch nach einer Mini-
sterialverfügung in den Gcschivorcncnlisten von
Seiten der Bürgermeister die geeigneten An-
merkungen ivegen eines etwaigen moralischcn
oder politischen Makels gcmacht wcrden l

Die Ministerkrisis in Spanicn ist durch die
Bildung eineS Ministcriuuis Narvacz beendigt.
Es ist cin Ministeriuin der rcinsten und jchross-
stcn Reaction, und man wird stch aus lebhafte
Kämpfe gesaßt machcn dürsen. Bcreits rüstet
sich die FortschrittSxartei. Zhre HLupter, Espar-
tero, Prim und Olozaga, bisher uneinig, sollen
sich vcrjtandigt haben, um fich dcr Gcwalt zu
bemächtigcn, seldst mittelst einer Erhebung.
Dies geht in Spanien um so leichter, alS
immcr auch die Armee an dcn politijchcn
Kämpsen stch bethciligt. Ein großer Theil
derselben joll sür die Bewegungspartei ge-
wonncn sein. Die nächste Folgc des bbm-
schwungs wird die Rückkehr der Kvnigin-
Mutter Christine sein.

Die „Pescvcranza" meldct aus Rom, daß
die Familie Coen, um den von dcn päpstlichcn
Behörden gegen sie gerichtetcn Versolgungen zu
entgehen, Rom vcrlassen hat. Trotz der Schritte,
welche der sranzöstsche Gesandte gethan, ist der
jungc Cocn seiner Familie nicht zurückgegeben
worden.

Znr SchleSwig-Holsteiii'scheu
Sache.

Hamburg, 18. Sept. Die Flensburger
Stadtcollegien haben beschlossen, die in den
KriegSjahren von 1848 bis 1850 von der
Stadt contrahirtcn Anlehen zur Berichtigung
der Kriegskosten als Communalschuldcn anzu-
erkennen.

Kopenhagcn, 18. Scptbr. „Beriingske
Tidende" sagt in ihrer sranzösijch geschriebenen
Rcvue, die BeschUldigung, daß DLncmark dic
Friedensuiiterhandlungen in die Länge ziehe,

sei unbcgründet; Dänemark sei nicht so thöricht,
jetzt uoch äuf die frühcr auSgebliebene Hilfe
zu rechnen. Aber die schwierigen Finanzbe-
rechnungrn und das unerwartete Auftauchen
der durch dic Frikdcnspräliininarien „auSge-
schlossenen" Activfrage feien Dinge, welchc eben
nicht in Einem Tage zeordnct werden könnten.

D e rr t s ch l a n d.

Karlsruhe, 17. Scpt. Seine Königliche
Hoheit der Großherzog haben Sich unter dem
31. August d. I. guädigst bewogen gefunden:
dem Geheimenrath Professor Dr. Bunfen in
Heidelberg die unterthänigft nachgesuchte Er-
laubniß zu ertheilen, den ihm von Seiner
Majestät dem König von Preußen verliehenen
Orden poui- !e mvrite für Wissenschast und
Künfte anzunehmen und zu tragen.

Durch Allerhöchste Ordre vom 15. d. Mts.
werden nachstehende Cadetten 1. Classe und
Unteroffiziere zu Portepecfähnrichen in den bei-
gesetzten Abtheilungen des großhcrzoglichen Ar-
meecorps ernannt: 1) Cadet Max Sommer
im (1.) Leib-Grenadierregiment, 2) Cadet Karl
Hofsmann im 4. Jnfanterieregiment, 3). Cadet
Ernst Beck im 3. Jnsanterieregiment, 4) Cadet
Karl Ruff im 3. Jnfanterieregiment, 5) Cadet
August Anheuser im (1.) Leib-Dragoucrregi-
ment, 6) Cadet Otto Kuenzer im 2. Drago-
nerregiment, 7) Cadet Konstantin von Hennin
im (1.) Leib-Dragoncrregiment, 8) Cadet Max
Sido im 2. Füsilierbataillon, 9) Cadet CLsar
Heusch im 5. Jnsanterieregimcnt, 10) Cadet
Her'mann Waag im 1. Füsilierbataillon, 11)
Corporal von Vangerow im 2. Dragonerrcgi-
ment, 12) Feldwebel Christensen im Zägerba-
taillon; Portepeefähnrich von Davans wird
vom 4. Jnfanterieregiment zum 2. Füsilier-
bataillon, und Portepeefähnrich von Rinck vom
2. Füsilierbataillon zum 3. Jnfanterieregiment
versetzt. Nachstehende Offiziere werden zum
Besuch der höhern Offiziersschule auf die Dauer
von 2 Jahren besehligt: 1) Lieutenant Katz
vom (1.) Lcib-Grenadierregiment, 2) Lieutcnant
und Bataillonsadjutant Eichrodt vom 2. Jnsan-
terieregiment, 3) Lieutenant von Kleiser vom
2. Jnsanterieregiment, 4) Lieutenant Walter
vom 3. Jnfanterieregiment, 5) Oberlieutenant
Mai und 6) Lieutenant Lendorff vom 4. Jn-
santerieregiment, 7) die Lieutenants Greiner
und 8) Spörin vom 5. Jnsanterieregiment,

9) Lieutenant Löffler im 1. Füsilierbataillon,

10) Lieutenant Volk im 2. Füsilierbataillon,

11) die Lieutenants Löhlein und 12) Louis im
Jägerbataillon.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog ha-
ben mittclst höchster Entschließung vom 1. ds.
gnädigst geruht, den Expeditor Ludwig Dah-
linger bei der Jntendanz der Großh. Hofdo-
mänen zum Secretär zu ernennen.

Karlsruhe, 19. Septbr. Das heute er-
schienene Regbl. Nr. 47 enthält (außer Per-
sonalnachrichten):

I. Verfügungen und Bekanntmachungen der
Ministerien. 1) Bekanntmachungen des großh.
Justizministerlums. Die Anstcllung dcs No-
tars Kieffcr für den District NothenfelS und
des Assistenten Seitz in Gengenbach als Notar
für den dortigen District. 2) Bekanntmachun-
gen des großherz. Ministeriums des Jnnern.
n) Vollzugsverordnung: Die Verkündung der
bezirks- und ortspolizeilichen Vorschriften betr.
d) Verordnung: Das Versahren chei gewalt-
samen Todesfällen betreffend. e) Die Vor-
nahme der medicinischen Vor- und Hauptprü-
fung im Spätjahr d. I. betr. (Diejenigen,
welche an der einen oder andern Theil nehmen
wollen, haben sich längstens bis 30. Sept. bei
großh. Sanitätscommission zu melden.)

Karlsruhe, 18. Sept. Nach eben einge-
troffener Nachricht haben sich Jhre Königlichen
Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin
Samstag 17. d. M., Vormittags 11 Uhr, zu
einem kurzen Besuch bei Jhren Majestätcn dem
Kaiser und der Kaiserin von Nußland nach
Friedrichshafen begcben. Nach zweistündigem
Ausenthalt daselbst kehrten Höchftdieselden- wie-
der aus die Mainau zurück.

Heute Nachmittag trafen Jhre Majestäten
der Kaiser und die Kaiscrin von Rußland, der
König und die Königin von Württemberg, so-
wie Zhre Kaiserlichen Hoheiten der Großfürst-
Thronfolger und die Großfürsten Alexander,
Wladimir und Alexis auf fcstlich beflaggtem
Boote zum Gegenbesuch auf der Mainau nebst
hoher Umgebnng ein. Die Allerhöchstcn und
Höchsten Herrschaften verweilten mehrere Stun-
den im Kreise der Großherzoglichen Famile,
und traten mit einbrechender Dunkclheit die
Rückfahrt nach Friedrichshafen wieder an, nach-
dem Jhre Königlichen Hoheiten der Großhcrzog
und die Großherzogin Allerhöchst- und Höchst-
denselben bis auf das Boot bas Geleite gege-
ben hatten.

Aus Baden, 16. Sept. Dem Schw. M.
wird geschrieben: Die Wahlen für die neu zu
bildenden Ortsschulräthe sind nnnmchr allent-
halben im Gang und werden überall ohne den
geringsten Anstand bald unter größerer, bald
unter geringerer Betheiligung vollzogen werdcn.
Daß die kathol. Geistlichkeit, der in Freiburg

Vleber das Cnde LassaUe's
enthält der„Oberrhein. Courrier" folgende Abschrtft
eines BrtefeS drr Frau Herwegh.

Zürich, 8. Sept.

T. T.

Sie wollen eine genaue Schilderung der Erleb-
nisse, welche der fürchterlichen Katastrophe voran-
gegaugen, ja sie provocirt haben; Sic sollen sie
haben, so treu und so gut ich sie zu geben vermag.
Auf rinige Fragen Jhres Briefes enthielt das
Telegramm, welches mein Mann diesen Morgrn
vorauSfchickte, schon die Antwort, ich will mit dem
Anfang der ganzen trostlosen Geschtchte beginnen,
Sckritt sür Schritt vorwärts gehen bis an die
Bahre unseres edlen Todten.

Es sind jetzt fünf Wocken, seit Lassalle bei uns
war, um TagrS darauf einen vierwöchentlichen
Aufenthalt auf Rtgi-Kaltbad zu nehmen, wohin
ihn zu begleiten er uns Beide dringend aufforderte.
Georg versprach ihn zu begleiten.

Er war an jenem Tage, den er mit unS ver-
lebte, so voll von Lebenskraft und Muth, so wenig
ahuend, was dte nächsten Tagc bringen würden,

daß unser Beisammensein ein vollständig befriedi-
gendcs, unser Abschied in der Voraussickt etneS
baldigen Wiedersehens zwischen ihm und Herwegh
ein lrickter war.

Zehn Tage darauf, während denen wir ohne
jedes Lebenszeichen geblteben waren, mein Mann
fich ansckickte, ihm zu folgen, kam eine kurze De-
pesche, in dcr er sich die an ihn kommenden Briefe
nach Bern erbat. Zch bat schriftlich um Aufklä-
rung über sein Schweigen, die plötzliche, gegen
alles Uebereinkommen scknelle Abreisc vom Rigi,
erhiclt jedoch kcine Antwort. Ackt Tage später
crhielt Rüstow etnen Brtef von Lassalle aus Genf,
in dem er ihn hin beschied, wetl es sich um Tod
und Leben handle, und mit den Worten schloß:
„Sage Frau Emma, daß fie sich im Fall einer
Depesche brrrit halte, sofort abzureisen, es tst sehr !
möglich, daß wir sie brauchen." Rützow hatte den ,
Brief um 6 Uhr Abends bekommen, um 8 Uhr !
ging der Zug nack Genf ab, um 7 Uhr theilte er j
mir die wenigen mich bctrrffenden Wortc schriftlich j
mit. AlS tch nach der Eisenbahn stürzte, um mir j
vor seiner Abreise die wrnigen mich betreffenden >
Aufschlüffe zu erbitten, wußte er wekter nichts zu

sagen, und so blteben wir Alle in drr Vermnthung,
daß es sich um ein Duell handle, ohne uns die
Ursacke desselben, noch den mich betreffenden Satz
erklären zu können, da Frauen bri Duellen doch
höchstens wegzubleiben haben. Und wieder ver-
stricken volle neun Tage ohne jegliches Lebens-
zeichen, weder von Lassalle, noch von R., noch
von der Gräfin, die nur einmal von Wildbad aus
eine Angstkepesche an mich gerichtet hatte, um zu
erfahren, wo Rüstow sei, der ihr auf wichtige
Fragen, die eine telegraphische Antwort beoingt
hätten, nicht einmal geschrieben babe. Ack tele-
graphirte kurz zurück, daß er auf Bttten LassalleS
am Samstag nach Genf abgereist sei und am Mon-
tag zurückzukehren versprochen habe. Er kam jedoch
nickt, aber acht Tage nack seiner Nbreise kam eine
Depesche von L. an Herwegh, welche ihn unwider-
ruflich auf Samstag Abend in die dret Königc in
Basel beschied, da weder Aufschub noch eine Orts-
veränderung möglich set. Wir waren sämmtltch am
Vorabend einer gemetnsamen Reise, üiii meine
Schwester zu treffen, die sich am Vierwaldstadter
See aufhielt und uns erwartete. Die Depesche war
jedoch so dringenv, daß von keinem Abschlagen dte
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