Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Bc-stellangen auf die „Heideiberger
Zeitung" nebst Beilnge „Heidelber-
ger Aamilienblätter" für das mit I.
Qctober I8iiL bego inene Ä. Kuartal
werden fortwährend angenommen.

Dic Expedition

* Politische Nmscha».

AuS Berlin wird nachträglich gemeldet: die
Unterhandlungen zwischen dem Augustenburgcr
und Preichen seien in vollem Gauge und wird
sich dcrselbe wohl zu den Fordcrniigen dcs Hrn.
v. Bismarck verstehen, nm auf den Thron zu
gelangen. Die Herzvgthümcr, die dabei jeden-
fallS zu kurz koiiimeii, mögen dann sehen, wie
unklug Völker handcln, iveiin sie ihre Geschicke
an Pcrsonen binden.

Dcr „Presse" zufolge ist die Stiminung der
dänischen Bevollmächtigteii rcsigniit, und man
erwarlet in competenten Kreiscn den baldigcn
Abschlich deS FriedenS.

Ausiallender Weise spricht sich daö Haupt-
organ der clcricalen Partei in Oesterrcich, der
„VolkSsrcund", für die Anerkennniig JtalicnS
dnrch Oestcrreich ans. Er sagt, eS ist nun
einmal dcr einzig sichcre AuSweg, den inan mit
dem Gedanken bctrcten inich, daß unter gc-
wisseu Umständen znm böscn Spiel cine gute
Micne geniacht werden müjse.

Nach der „Stainpa" erklärt die italienische
Regieruug in einem der Conventivn beigelcgten
Prvtvkolle, daß daS Parlament ungchindert sci,
seiner Zcil den Beschluß, Roin zur Hauptstadt
Jtalicns zu inacheu, zu cincuern. Die Nach-
richt von dein Projekt ciner neueii Anlcihe von
500 Mill. und dcr Abdankung deS KönigS ist
erdichtct.

Die Gcrüchte über ilalicnische Gebietsablre-
tniigen an Frankreich erhalten sich und mißt
inan der Aufstcllnng der Broschire „birvince
e Itoms viele Wahrjcheinlichkeit bei. Diesclbe
jagt: „ES gehen init großer Nachhaltigkeit die
Gcrüchte von neuen GebietSabtrctungeu, welche
der Kaijcr Napoleon von nnS verlangt. 'Na-
incntlich bezeichnet man daS Herzogthum Aosta
aus dcm bekannten Grund der Grenzberichti-
gung. Ebcnso spricht man von Suja uud Pi-
nerolo, weil dieselbcn lauge Zcit ein Besitzthum
dcr Kvnige von Frankreich gewcsen."

Daily Tclegraph, ein Blatt im Sinne der
Sclavenstaaten, bekennt gauz offen, die Nicdcr-
lage Earlh's schädige die Sache dcr Südjtaatcn
vielleicht mehr alS der Fall von Atlanta. Da»
Blatt sügt dei: der Kampf am zweiten Schtacht-

» Ein hartnäckiger Eläubigcr.

Etn durch Unglllcköiälle und Krankheit zurück-
gekomincncr jungcr Bcrlrncr Kaufmann war zu
Anfang d. Z. au« ktnem Wechscl vcrklagt und
gcgcn ihn, va die Erccution fruchtlos ansgefaUkn
war, Pcrsonalaircst vcrfügt worden. Scin Gläu-
bigcr, cin armcr Gcwcrbtrcibcndcr, begab s,ch dahcr
eines Morgcns in allrr Frühe in Bcglcitnng eincö
Ercrutors zu ihm, nm bcn säumigcn Zahlcr zur
Hast zn bringcn. Er traf anch widrr Erwartcn
dcn langc gisuchtcn Schuldncr an. Dcr Beamtc
mußtc jcdoch von dcr Vcrhaftung Abstand nchmcn,
da dcr junge Mann als Rcscrvist Marschordrr rr-
haltrn und am nächstcn Tage bcreiis zu sctncm
Regimint nach Schliswlg auSrückcn solltc. Bc-
trübtcn Herzins mußtc dcr Gläublgcr seincn Schuld-
nrr jirhen lasscn. Er gab jeboch die Hoffnung nicht
ans, wcnn auch nicht augcnbticklich, so doch snätcr
zu sclncm G-lde zu komnicn. Mit dcm gröhtcn
Jntcriffc vcrfolgtc ,r von jctzt ab dcn Kii-gsmann
aiis allen scincn MSrschcn, täglich stubirtc cr di-
eiiitrcffcndcn Astcn dcr Todtrn uno Vcrwundetcn,
jcten Augenblick bcsürchtcnd, daß scin Schuldncr

nannte Kausmanii A. Dreßler in Mannheim
alö solchcr bestätigt.

II. Todesfälle. Gcstorben stnd: Am 13. v. M.
der pensionirte Postmcister Bcrger dahier. Am
18. v. M. der penjioilirtc Hvfrath Dr. Harsch
dahier.

rX Bom Reckiir, 8. Octbr. Gleichzeitig
mlt dcm Beginne der Wahlen zu dem Orts-
schulralhe hat dte clertcale Partei die katholi-
schcn Grmetiidcu des LaudeS mit einer grvßen
Zahl von Petitionen gegen die Vchntreform
Merfluthet. Doch anch diese Manipulation
wurde alsbald von den schlichten Lürgern er-
kannt nnd ihr der Rücken gekehrt. Nnr in
cinzelnen sPemcinden fanden stch Lcute, die
falsch bclehrt, unterzeichneten; auch Frauen,
fromme Zungfrauen und selbst Kinder stiid bei
solchen Petitiouen, ivie bekannt, mit Unter-
schriften wtllkoinmen geheißcn. Jn manchen
Gcmeinden der Pfalz hat nian sich die größte
Mühe gegeben, um auch Männer aus besseren
Ständen znr Unterschrift zn gewinnen; allein
daS Ergebniß solcher Versuche HLtten die Eifercr,
die Wcrkzeuge der Freiburger Camarilla, vor-
auSsehen können und besscr unterlasicn. Doch
ein blinder Eifercr wagt und versucht AllcS;
nachdem jolche Vcrjuche am gesunden Sinne
gnter Bürger geschcitert, dann mnßten andere
Mittel angcwendet iverden, die gleichsalls nichts
sruchteten. Jn der Gemcinde Schr. an der
Bergstraße haben sich diese Leute nberzeugen
können, daß blinder Eijer nur schadet. Die
Wahlen in den OrtSschnlrath sandcn mit um
so größerer Betheiligung statt. Ausjallcnd ist
eS immcrhin, daß die katholischen Bewoh-
ner eiiizelner Orte der „aufgeklärten Pfalz"
fich durch das fanatifche Treiben herrschsüchiiger
Schulreforingegner abhalten ließen, sich an
den OrtsschulrathSwahlen zu bcthciligen; wäh-
rend in anderen Orten, namcntlich in solchen
mit ganz katholischer Bevvtkcrung die Bcthctti-
gnng eine gegcn Erwarten gnnstige war. Ein
politischer Fehler war cs iinmerhin, daß man
die schtichtcn Bürger aus dcm Lande, nachvem
man daS ueue Gesetz jo unvcrjchämt verdachtigt
haltc, nicht darübcr gchörig ausklärte, denn
Viele bckamen nichtS davon zu hören, als waS
ihnen die Frcibnrger Camarilla durch ihrc
Werkzeuge vortrompeten ließen; denn in Ge-
meinden, wo man noch rechtzeitig belehrte, war
das Ergebniß der Wahl günstig. Üebrigcns
muß auch dcm Umstande Rechnung gctragen
werden, daß die Wahlhandlung vielsättig auf
eine Zeit fiet, wo Jung und Alt, alle Hände
von MorgenS biö spät in die Nacht anf dem
Felde in Ansprnch genommen waren. Wir

werblretbciide scme Bncftasche bcraus, nahm den
Wcchsel zur Hand und zcrriß ihn vor dcn Augen
dcS Jnvalidcn. Gleichzcitig drücktc -r ihm aber
anch cincn Fünfnndzwanzigthalcrschcin in dic vcr-
stümmelte, thm noch geblicbene Hand. Ohne den
Dank dcs Ueberraschten abzuwarten, war dcr hartc
Gläubigcr in dcr VolkSmengc vcrschwundcn.

Dic Lrploston tiei Erith.

Die surchtbare Erplosion, welche am Samstag,
1. Octobcr srüh, von ihrem Ccntrum Erith an
der Themft aus dle Umgcgcnd tn elnem Radius
von mchr als achtzig cngllschcn Mcllcn crschülterte,
jst in ihren Folgcn wcit verdcrblichcr gcwcftn, al«
man währcnd dcr crstcn Slunvcn nach dcm Ein-
tritte des unhcitvollen EreignisscS abzumcsscn ver-
mochte. Die Zahl dcr Vcrwundctcn und Vcitctztcn
läßt sich noch nicht angcdcn; d-r Lcichcn hat man
drei aufgefundcn, st-ben Pcrsoncn, wclchc vcrmißt
werden, find, ohnc daß die Möglichkcit cinrs Zwet-
scls nock obwallctc, gtclchsalls der Katastroph, INM
Opscr gifall-n; zwci Berwnndcic stnd lm Hospttatc
vcrschiedcn, und mihrirc Lebcn schwcben noch in

Dteiistag, lo Oetober

taae sei noch nachtheiligcr gewcsen als dcr am
erstcn; die wiederholte Niederlage müsse Earlh's
KorpS in einc hilflose und verzwcifelte Lage
gebracht haben.

Lord Wodehouse, btsher UnterstaatSsccrc-
tär dcr Colonien, ist zuin Vicelönig von Zr-
land crnannt.

Eine Anzahl der in Rio de Janciro ansäs-
sigen Dentschen hat eincn Geldbctrag von 1500
Mark Banco an daö Hamburger HauS Ncwman
eingescndet für dic Hiiiterblicbenen der bei Kol-
ding gefallcnen österretchischen Krieger.

Aur Echlesmig-Hoisteirt'schen
Sache.

Kiel, 6. October. Man telegraphirt der
Wener „Presse": Samwer's und F ranck e's
auf eigenen Wunsch erfolgter Rücktritt wird
bestätigt.

Wien, 8. Ottbr. Die heutige Conferenz«
sitzung war sehr stürmisch. Von den Dänen
wurde das Vorgehen der beiden Mächte in
Jütland als Brnch der Friedenspräliminarien
bezeichnet, Preußen dagegen beschuldigte Däne-
mark dcs Umgehens bereits gemachter Zuge-
ständnisse. Von den Dänen wurden schließlich
einige unwcsentliche Concessioncn in der Finanz-
srage gcmacht, die absolute Theilung der Staats-
activen jedoch verweigert.

D e u t s ch t a n d.

Karlsruhe, 8. Oct. Durch Allerhöchste
Ordre vom 6. d. M. werden zu Lehrern an
der höhern Ofsiciersschule bestimmt: Major
Kraus, Hauptmann Schneider, Hauptmann
Wentz vom Generalstab, Hauptmann v. Stetlen
vonOder Artillerie, Obcrlieulenant Kirchgeßner
vom (1.) Leibgrcnadierregiment.

Die Feldwebel Christian Eckhoff im (1.)
Leibgrcnadicrregiment, Gustav Petersen und
Karl Boysen im 5. Jnsanlerieregiment werden
zn Portepeefähnrichen befördert.

Karlsruhe, 8. Oct. Das heute erschie-
nenc Negbl. Nr. 64 enthält:

!. Versügungen und Bekanntmachungen der
Ministerien. Bekanntmachungen des großh.
Ministeriums des Jnnern: a) Die Staatsge>
nehmignng von Stiflungen im Mittelrheinkrcise
betreffend. b) Die Staatsgenehmigung von
Sliftungen im Unterrheinkreise betr. o) Die
Generalagentur für die Gtadbacher Feuerver-
sicherungsgesellschaft in Gladbach betr. Dar-
nach wnrde der von diescr Gesellschafl zu ihrem
Generalagenten für das Großherzogthum er-

ersckoffen und mit stinem Tode die angrklagte For-
derung im Betrage von 200 Thalern verlorcn sein
würde. Längere Zeit waren setne Befürchtungen
unbegründet. Grst nach dem Sturm und der Ein-
nahme von Alstn erhielt er die Nachrtcht von der
schweren Verwundung seines Schuldners. Schon
gab der Gläubigcr dte Hoffnung auf, jemals sein ,
Geld wieder zu erhalten, als thm vor etnigen j
Tagen unerwartrt dte Nachricht zuging, daß der !
junge Kaufmanv gkncsen sei und in kurzer Zeit, s
vom Mititär entlassen, als Invalide in Berlin ^
eintreffen werde. Dcr energische Gläubiger wartete
in Folge dcssen auf dem Hamburger Bahnhofe auf
die Eisenbahuzüge. Dtcser Lage traf nun unter !
andern Prrmittirtcn auch dcr junge Kaufmann ein. !
Beim Anblick dkffelben fühlte der Gläubiger cin
mrnschliches Rühren, er merkte, wie der Grvll
gcgen seinen Schuldner immer mehr und mehr ,
schwand. Letzterer sah krank und leidend aus, der !
rcchte Arm unv mehrere Finger der linkcn Hand
warcn ihm abgeschoffen, außerdem lahmte er auf !
dem rechten Bctn. Bei dem Anblicke deS Krüppcls, !
dessen einzlger Schmuck in einem Kranze bestand,
der ihm von zarter Hand geflochten, zog der Ge-
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