Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

Page: 109
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1864a/0109
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Utidtlöergrr Ieilung.

N

Auf die „Heidelbttger
Zeitung" kanu man sich
noch für die Manate
Aliguji und Keptember niit 36 Kreuzern abon-
niren bei allcn Postanstalten, den Boten und
Trägern, jo wie der Expedition (Schiffgasse
Nr. 4).

* Politische Ninschau.

Der „Leipz. Ztg." berichtet man aus Karls-
bad nachfolgendes Wort des Königs, das er
einer ihm nahe stehenden fürstlichen Person auf
dcren Annexionsiuft znm Bescheide gegeben
haben soll: „Zch habe kcin Recht auf Schles-
wig-Holstein und ich werde während meiner
Regicrung nie eine Handlung uuternehmen, zu
der ich nicht glaudc das vollc Rccht zu habcn."

Die liberale „Nat.-Ztg." (die, beiläuftg er-
wahnt, in einem Leitartikel wiederholt hestigst
gcgen den Beschluß der würtcmbcrgischen Kam-
mer poleniisirt) änßert über de» Rcndsburger
Vorfall: Zn dein Schreiben des Prinzen Fried-
rich Karl an den Gencral v. Hake wuroe an-
gezeigt, daß dcm Prinzen vom Könige der Be-
fehl zngegangen sei, „sich in dcn Besitz von
RendSburg zu jetzen und zum Herren des
Platzes zu inachen"; es würden hicrnach KOOU
Mann einrülken und die Besetzung der Wachen
übernehmen. Das Verlangeu, datz dic Bundes-
truppen RcndSburg gänzlich zu räumcn hätten,
findet sich in dem Schreiben nicht, so daß diese
ganze Angelegenheit jetzt aus die Dimensioncn
eines Dtißvcrstandnisses zurückgesührt wird. —
Das „F. I." bemerk hierzu: Ganz recht; aber
wenn man sich zum „Herren eines Platzes"
erklärt, so involvirt doch das vor Allem den
Gedanken, daß die Nicht-„Herren" sich hinauS-
zuscheeren habcn. Auf cin Mißverständniß
mag darum woht die Sachc zurückgcsüyrt wer-
dcn könucn, aber nur aus einS der bcrühmten
preußischen.

Das eigenmächtige und gewaltthätige Ver-
fahrcn der beiden Großstaatcn in der schlcs-
wig - holsteinischcn Angelcgenhcit trigt scine
Frnchte. Die Unzufriedenheit in Dcutschland
wächft und nun kommen aus Frankrcich Aeu-
ßerungen, deren Bedeutung sich kaum miß-
kennen läßt. Das Schlimmste ift, daß Limayrac
Recht hat, wenn er in dem Constitutionelartikel
(s. Paris 30. Zuli) auSspricht, das jenc zwei
llliächte „daS weise und billige Princip nicht
rejpcctiren, daß eine Frage ohne Mitwirkung
der Belheiligten nicht gelöst werden könne;"
nnd daß er cbcnso Recht hät bcizusügen: „die
Cabinette von Wien und Berlin entfernlen sich

Dtnnstag, 2. August

immer weiter von den Bedingimgeii, wclche
allern im Stande sind, eine ernstliche Lösung
zu dewirkeiinnd ein dauerndcSWcrk zu schaffen."
Ansgeschlossen «on den Berhandlungen mit
Danemark sind die Bertretcr gxs jchleswig-
holfteinischen Volkes, auSgeschlossen ist eine
Vertretung des Bundes! Man hält daS Erste
seines RechteS der Lwlbftbestimmung beraudt,
und häuft gkgen den Letzten Gewaltthat und
Hohn. Und aus solche Weise soll ein dauern-
der Zustand hergestellt werden? (fragt die N.
F. Z.) Die Organe des Napoleonismus müssen
dies verkünden, damit cs beachtet werde ! —
Alle Erscheinungcn unjerer Zcit deweisen mit
nnwiderlegbarcr Logik, wie dringend Deutsch-
land der Herstellung eines mit gehöriger Macht
aNsgestatteten Parlatiientes bedarf. Man sträube
sich dagegen wie man wolle, die Natiön wird
eine solche Vertretung doch erlangen, weil sie
dieselbe haben muß.

Von Seitc des Fabrik- und Handelsrathes
der Stadt Fnrt h wurde am 2K. Zuli eine
Adresse an den König beschlossen, welche mit
der Bitte schließt: „Es gefalle Eurer k. Maje-
stät, den Abschlnß der neuen Zollvereinsver-
träge unter Annahme des Handelsvertrags mit
Frankreich mil thunlichster Bcschlennigüng be-
werkstelligen zu lassen u»d uns hierdurch dcn
Zollvcrein, dicscs unschätzbare nalionale Gut,
ungeschädigt zu erhalten.

Nach dem „Pays" gehen die Negiernngen
Oesterreichs und Preußcns mit dem Plane um,
die Dvminialgüter in SchleSwig zu verkausen,
uin aus dem Ertrage den Jnvaliden dcr alliirten
Armee Pensionen zu vcrlcihen. EinTheil der dän.
Staatsjchuld würde bei dcrTheilung aufSH fallen.

Die Nachrichten aus Meriko bezcichnen keine
hcrvorragende Thalsache. Die Zuaristen schei-
ncn weiiig anfgel-gt zu sein, die Operalioiien
gegen die Franzoscn wieder zu begiuiieii. 1500
Mann kaiscrl. Trnppen begcbcu sich von Mepiko
nach Acapuico. — Jn Dcmerara (cngl. Guyana)
ist eine große Feuersbrunst anSgebrochcn; dcr
Schadcn wird auf 1«/z Mill. DollarS geschätzt.

Timcs und Herald versichern, Herr Grecly
Huy,.Vertrcter des Präsidenkcn Lincoln, habe
mehrerc Besprechungen über FriedenSmiterhand-
lungen mit der südstaatllcheu Diplvmatie in
Canada gchabt. Auch enthalten sie dic Angabe,
der Finanzminifter Fessenden beabsichtige -ine
Nationalanleihe auSzuschreiben.

Z»r Lchleölvig-Holsteiit'schen
Snche.

Wicn, 29. Juli. Die „Gen.-Corr." mel-
det, daß die aus gestern angesagte Sitzung der


Conferenz auf heute vertagt wurde, wie die
„Cvrrespondenz" vernimmt, aus OpportuniälS-
gründen. — Hr. v. Bismarck wird sich nächster
Tagc nach Gastein begcben.

Wie«, 28. Juli. H-ute fand die vorletzte
Conferenzsitzung statt, und morgen wird die
Schlnßrcdakllon d-S FriedenspräliminarS für
die Basis dcs ferneren Waffenstillftands gefer-
tigt werden. Den Znstruklionen gemäß wurdc
die Trennilng AlsenS und der Herzogthümer
vvn Dänemark zugestanden.

Wien, 30. Znli. Durch Schwierigkcit des
Telegraphenverkchrs mit Kopenhagen sind die
dänijchen Bevollmächtiglcn ungenügend instruirt;
daher Ausfall der Freitagssitzung wegen Mangel
eincr Vorlage.

Wien, 31. Zuli. Zn der gestern ftattge-
habten Confercnzsitzung wurde die Waffenruhe
bis 3 Angust verlängert.

Beriin, 30. Jull. Der Spener'schen Zci-
tung wurde gestern aus Wien telegraphirt, daß
eine knrze Verlängcrung der Wassenruhe ivahr-
scheinlich, und daß bisher cine Verständigung
üder eine FriedensbasiS nicht erreicht sei.

Altona, 31. Zuli. Das Verordmmgsblatt
für Schleswig enlhilt eine Verfügung der Ci-
vilcommifsire, nach welcher der Ünterricht an
dcr Gelchrkcnschule in Hadersleben in deutscher
Sprache zu crthcilcn ist, die dänische Sprache
jedoch einer der wcsentlichsten Lehrgegenftände
bleiben svll.

Deutschland.

Karlsruhe, 25. Juli. E rst e K a nnne r.
Fortsetzung des vom Ministerialrath Dr. Jolly
erstatteten Commissionsberichts, die mil der
königl. ivürtembergischen, bezw. der großh. hes-
sischen' Regierung abgcschlossenen drei Staats-
verträge über den Bau und Betrieb mehrerer
Eisenbahnen betr.

^ Mcht minder wichlig ist die Route Neuiikirchcn-Heil-

Ludwigshafen 17,d Neustadt 13,5 Zweibrücken 3,2

Heidelberg 2.9 Winden 4,2 Landau 9,6

Heilbronn 9,0 Karlsrnhe 3,6 Karlsruhe 5,3

Bietigheim 9,0 Bietigheim 9,0

pariser Sittenbild.
(Schluß.)

Präsidcnt (zu der Angeklagten): Was haben Ste
auf die Anklage zu erwidern?

Angeklagte: Hoher lIerichtshof, es gibt Hand-
lungen, welche sich selbst richten, welche strafwür-
diger erscheinen, wenn man fie beschöuigen will;
eine solche ist jene, deren ich beschuldigt bin. Jch
bin angeklagt, meine Mutter im Elend verlassen,
fie hülfloS ohnr jede Labung zu Grunde gehen ge-
lassen zu haben. Der Mund jenes unglücklicken
Weibes, das mich einst Tochter nannte, ist auf
ewig geschlossen, er kann nicht bestätigen, ob ich
die Wahrheit rede; die Lippen, die mich sterbend
vrrflucht haben, können nicht zu meiner Verthei-
digung sprechen, und doch würden fie es, bei Gott!
wenn meine Mutter noch lebte. Was mtr von der
Staatsbehörde zum Vorwurfe gemacht wird, ist
nur theilweise richtig; nicht ich versagte meiner
sterbenden Mutter j^de Hilfe, sondern fie war es,
die sie von mir zurückwies; nicht ich geizte mit
Sous, sondern fie war es, die meine Tausend-

frankbillets mir vor die Füße warf, als ich ihr
Hilfe bot; nicht ich verweigerte ihr einen Labctrunk,
sondern sie schleudrrte mir das Glas an ben Kopf,
alS tch ihre Lippen laben wollte. Als mein Vater
starb und das Elend in unserem Hause groß war,
stürzte ich mich in die Arme eines Fürsten, der mir
seine Schlösser, Equipagen, Dtamanten und Reich-
thümer zu Füßen legte. Meine Mutter nannte dies
Schmach, verfluchte mich und wollte lieber betteln
vor anderer Leute Lhür, ehe sie fich, wie sie sagte,
so erniedrigen wollte, um von der Schande ihrer
Tochter zu leben. So oft ich ihr einen Geldbrief
sendete, wurde er uneröffnet zurückgewiesen, uüd
ais einmal mein Diener ihr ein Packet Noten über-
brachte und sie ntcht zurücknehmen wollte, verbrannte
meine Muttcr dieselben vor seinen Augen, und doch
lag fic an diesem Tage krank im Bette und hatte
wahrscheinlich nichts zu effen! Als mein Bedienter
zurückkam und mir das Vorgefallene berichtete, eilte
ich trotzdem an das Krankenbett meiner Mntter.
Wie soll ich Jhnen den Empfang schildern, den sie
mir angedeihcn ließ? Er war entsetzlich; der Fluch
meiner Mutter hallt noch in meiner Seele wieder,
eS war ein gräßltcher Fluck, er trieb mich zur Ver-

zweiflung. Vergebens bat und beschwor ich fie, fich
meiner zu erbarmen, meine Hilfe nicht zurückzu-
weisen. „Nicht eher," rtef fie mtr zu, „als bis Du
als Lumpensammlerin Dein Brod Dir ehrlich er-
wirbst, bis Du der Schande auf immcr entsagst."
Obschon ich die Neigungen meiner Iugend nur
schwer unterdrücken konnte, wollte ich doch meiner
Mutter geloben, tn's Kloster zu gehen, wenn fie
mir verzethen würde. Meine Mutter verbarg thr
Antlitz und beschimpste mich mit einem Worte, das
ich nicht öffentlich wiederholen kann. Ich stürzte
hinaus, Verzweiflung im Herzen; ich beschloß, mich
zu tödten, aber man stirbt nicht gern, wenn man
18 Jahre alt tst und über eine rusfische Provtnz
gebtelet.

Der grenzenlose Jammer meiner Seele trieb mich
auf den Ball, woselbst ich als Debardeur mcine
Freunde entzückte. Dte Töne des OrchesterS zer-
fleischten metne Seele, ich hörte aus jeder Melodie
den Fluch meiner Mutter heraus, im Tänze glaubte
ich, daß die Erde unter mir dic Holle sei, und
jeder Tact erdröhnte mir wie ein Donner; ich ver-
suchte es, meine Seele im Champagner zu betäu-
ben, mein Blut kam in Wallung, ich schwang daö
loading ...