Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Hkidelbergkr Zeitung.


Dienstag» 20 Leptember


* Politische Umschau.

Bei Geleginheit der ZubiläiimSfeier richtete
der Eigenthümer der Mittelrheinischen Zeitung
ein Jmmediatgesuch an den Hirzog von Nassau
um Aufhebung der aus seinem Blatte lastenden
zwei Verwariiuugen. aus welcheS Gesuch jedoch
ein abjchlägiger Bescheid erfolgt ist.

Nach Mittheilungen auS Fraukfurt haben
die meisten Bundestagsgesandten fich auf Er-
holungSreisen begcben und der Bundestag seinc
Sitzungen auf 3 Wochen unterbrochen, «enn
uicht inzwischen cine Mitthcilung iiber die Frie-

denSunterhandlmigen bcim Bunde einläuft_

waS durchauS unwahrscheinlich ist.

Jn Königsberg hat der Vertreter des
Staatsanwaltes bei Verhandlung eines Pro-
cesscs den Satz aufgestellt: „Da dic Verfassung
dem Könige das Recht einräumt, Krieg zn er-
klären und Frieden zu jchließen, so darf cr auch
LaS zur Kriegführung ersorderliche Geld ohne
vorherige Genehmigung deS AbgeordnctcnhauscS
nehmen."

Vom deutschen Zuristentag wird gemeldet,
daß sich der ständige AuSschuß constituirt hat
und zum gcjchäftSsührenden Präjidenten den
ObergerichtSpräsidcnteii Trieps zu Wolfen-
büttel, zu dessen Stellvertreter dcn Oberbürger-
meister CaSpari zu Braunschweig und zum
Schristführer den Stadtrichtcr Hiersemenzel
zu Berlin erwählte.

Die „VolkSzeitung" schreibt zum Polenpro-
ceß: „Wir dürsen die Wahrscheiniichkeit aus-
sprechen, daß dic Verhandlungeu, fallS nicht
ncuc uncrwartete Momentc noch hiiizutretcn,
zu keiner Verurtheilung der Angcklagten führcn
werden."

Die Ernennung von Narvaez zum Minister
in Spanien ist ein der öfsentlichen Meinung
zugesügter Schlag in's Gcsicht. Die Königin
mit ihrer Camarilla verkennt die Bedürfnisse
und Wünschc deS Bolkcs »ollständig, und spielt
ein gesährliches Spiel. UebrigcnS will man
wissen, O'Donnell und seinc Genossen würdcn
das neue Cabinel unterstützcn.

Nach Berichten aus Alepandria vom 10. hat
die ägyptische Regierung mit dem Hause Op-
pcnheim ein Anlehen im Betrage von 125
Mill. FrS. abgeschlosscn, rückzahlbar in 15 An-
nuitätcn.

Zur Schleswig-Holsteiii'sche»
Sache.

Der am 15. Sept. zuHeide stattgefundene
Bauerntag Dithmarschens war von 152 Bauer-

schasten durch 310 Abgeordnete vertreten. Die
Resolutionen wurden einftimmig angenomnicn.
Der 4. Abschnitt lautct: „Wir erkenncn daS
Bedürfniß eines Anschlusses der vereinigten
Herzogthümer an Dentschland an, überlassen
aber die Entscheidung darüber, in wie fern ein
unsere Sclbjtständigkeit anfhebcnder Anschluß
an Preußen als Vormacht Deutschlands für
letztereS und unsere Herzogthümer ersprießlich
ist, dem LandeSherrn und dcr Landesvertre-
tung."

Wien, 15. Sept. Die „Konst. Oest. Z."
bringt von „competenter Seite" folgende Mit-
thcilungen: „Die Chancen deS HerzogS Fried-
rich habcn sich in neuester Zeil bcdeutend gün-
stiger gestaltet. Die Anncrioiisbestrcbungen
Preußens erregen keine Besorgnissc mchr. Was
daS künftige Verhältniß der Herzogthümer zu
Preußen betrifft, so dürfte Folgendes bereits
als gewiß anzunehmen sein: Die Herzvgthümer
treten dcm Zollvereinc bci; RendSburg wird
zur Bundesfeftung mit preußischer Bcsatzung
erklärt; endlich wird cine engere Verbindung
der Armee deS neuen StaateS mit der preußi-
scheu und eine analoge Marineconventiou ver-
tragSmäßig hergcstellt. Ueber das Schicksal der
Scptcmberverfafsung aber scheincn die Acten
uoch nicht geschlossen zu scin."

Kvpenliagen, 1k. Sept. Nach „Berlingske
Lidcnde" ist »unmehr zwijchen Niiddclfahrt und
Snoghoi wie zwischen Fühnen und Alscn dirccte
Telegraphcnvcrbiiidung hergestellt.

Kopenhagcn, 17. Scpt. „Dagbladet"
bringt ein Schreiben dcs gewcseiien Conseil-
präsidciiteii Hall, in wclchem dieser erklärt, die
von der „Posttidning" veröffentlichtc Depeschc
dcs schwkdifchen Ministcrs dcS AuSwärtigen,
Grafen Manderströin, vom 5. October 1863
nicht gekaiint zu haben. Der schwedische Gc-
sandte Graf Hamilton, habe ihni, dem Herrn
Hall, gegenüber unterm 12. October 1883
zwar ausgesprochen, daß die schwedische Regie-
rung die Vorlage der Novembervcrfassung be-
denklich finde, derselbe habe jedoch glcichzeitig
cine andere Depesche, ebenfalls »om 5. Octbr.
datirt, verlesen, deren Schluß, von dem Herrn
Hall Abschrift gewordeu, laute: „Wir stehen
nicht an, in der bestimmtestcn Wcisc zu be-
stättgen, daß, im Fall Deutschland eineü An-
griff auf Schleswig machen würde, wir stcts
geneigt sein werden, Dänemark nach Maßgabc
unserer Kräfte und Mittsl die Hilfc zu ge-
währen, welche cs von uns verlangen könnte."

Altona, 17. Sept. Der „Mcrcur" meldet
auS Flensburg, 16. d.: „Zu drei um die
Bewillignng zur Gründung eiuer schleswig-

holsteinischcn Landesbank stch seit Längerem be-
werbenden Baukconsortien hat sich neuestens
ein vierter Concurrent, nämlich die königlich
preußische Bank in Berlin, gesellt, in deren
Plan es liegt, nach erfolgter civilcommissari-
cher Bewilligung eine Bankstliale hierselbst zu
ctabliren.

Apenradc, 17. Sept. Ein eben erschic-
nener Erlaß des ObercommandoS der alliirten
Truppen verbietet bei nach der Strenge der
KriegSgesetze zu bemessender Strafe die Ver-
breitung von Petitionen und das Sammeln
von llnterschriften dazu, indem er in Erinne-
rung bringt, daß der Kriegszustaud noch fort-
besteht.

Kicl, 18. Septbr. Dic zehn wegen Ent-
weichung aus der dänischen Armee zum Tode
verurtheilt und zu lebcnslänglicher ZuchthauS-
strafe begnadigt gewesenen Schleswiger stnd
gestern hier eingetroffen.

Flensburip, 18. Sept. Jm VerordnungS-
blatt erklaren die Civilcommissäre, daß nur dte
aus dem letzten Kriege oder auS den Vorbe-
reitungen zum Kriegc herrührenden Forderun-
gen an Dänemark bei den Friedensverhand-
lungen Rücksicht finden könnten.

Drutschland.

Karlsruhe, 14. Sept. Se. Kgl. Hoheit
der Großherzog haben gnadigst zu beschließen
geruht, daß das sür 1864 versügbare Zinsen-
ertragniß der Luisen - Stistung mit 640 fl. zu
gleichen Theilen als Aussteuergaben an nach-
benannte Brautpaare vergeben werde: 1. Aus
dem Seekreis an M. Ley von Neuhausen, Amts
Engen, und seine Berlobte Zulie Heß von
Engen; 2. aus dem Oberkheinkreis an G. Jak.
Breisacher von Bahlingen, Oberamts Emmen-
dingen, und seine Verlobte Salomea Kreutner
von da; 3. aus dem Mittclrheinkreis an Z. Mehl
von Sulzseld, Amts Eppingen, und seine Ver-
lobte I. Maier von da; 4. aus dem Unter-
rheinkreis an I. Dörzenbach von Neudendau
und seine Berlobte A. Marie Massung von
Stein, Amts Mosbach.

Karlsruhe, 16. Sept. Auch die Pariser
Presse widmet dem Schulstreite in Baden ihre
Ausmerksamkeit. Eine Correspondenz aus Karls-
ruhe bezeugt, „daß die Bevölkerung sichtbar auf
Seiten der Regierung stehe und deshalb diese
in der Lage sei, der maßlosen Hestigkeit ihrer
Gegner (nux emportement^ et aux violeuoe^
äe V68 9(1vei-83il-68) eine vollkommene Ruhe
und Maßigung entgegensetzen zu können. Das
Breve des Papstes, welches die Bürger zum

Aeber Äie Verhaftung des muthmaßlichen
Mörders Franz Müller
bringt dte Newyorker Staatsztg. folgenden Bericht
aus Newyork, 26. August: „Franz Müller, der
angebliche Morder des Mr. Briggs zu London,
wurde geftern Morgen von dem an der Quaran-
täne liegenden Schiffe Victoria nach hiesiger Stadt
abgeführt. Als am Mittwoch Abeud die Victoria
über die Barre segelte, telegraphirte der Operator
zu Sandy Hook, einer früher getroffenen Ueberein-
kunft gemäß, diese Thatsache hierher, und daS
Telegramm wurde unverzüglich nach Staten-Asland
befördert, wo die Londoner Poliezeiinspectoren Tan-
ner, Kerry und Llark sich mit den Sanitätsbeamten
in Verbinbung gesetzt und seit 14 Tagen oder länger
die Ankunft des Angeklagten abgewartet hatten.
Sofort nach Empfang bes Telegramms boardeten
dte Londoner Polizisten in Begleitung des hiesigen
Detective Tiemann daS Schiff, nachdem eS an der
Quarantäne Anker geworfen hatte. Sie wurden
von Eapitän Champton herzlich bewillkommnrt; rr
theilte ihnen mit, Müller sei während der ganzen
langen Ueberfahrt von 38 Tagen sehr aufgeräumt

gewesen und habe ntcht dte geringste Unruhe kund-
gegeben, bis vorgestern, da das Sckiff in ber Bai
einem Boote mit einer Ercurfions-Gesellschaft be-
gegnete und er Einen von dieser Gesellfchaft dem
Schiffe zurufen hörte: „Wie befindest du dich, Mör-
der Müller?" Da zum erstenmale ging ihm ein Licht
über seine Lage auf, unv er verrieth die Angst, die
von diesem Augenblicke an ihn niederdrückte. Daß
er einen Mörder unter seinen Passagieren habe,
erfuhr der Capttän zuerst, als er nahe dem Leucht-
schiff von einem Lootsen geboardet wurde. Von da
an bis zu dem Augenblicke, da er Müller den
Beamten auslieferte, fühlte der Capitän das Ge-
wicht einer großen Verantwortlichkeit auf sich lasten;
er fürchtete, der Angeklagte möchte über Bord sprin-
gen und nach einer der Anseln im Hafen und von
ba auf irgend etn in See gehendes Fahrzeug ent-
rinnen; doch legte sich diese Befürchtung, als er
erfuhr, daß MüUrr nickt schwimmen könne. Der
Capitän ließ dann rintge seiner Passagiere in die
Cajüte rufen, unter ihnen Müller, der fogleich von
den Detecttves als derjentge, welchen sie suchten,
erkannt wurde, wobei ihnen die von seiner Person
gegcbene Beschretbung, wie auch ein Daguerrcotyp

zu Statten kamen. Er wurve hierauf von Officier
Ttemann verhaftet und über die gegen ihn vor-
liegende Anklage unterrichtet. Er fchien durchaus
nicht außer Faffung gebracht und betheuerte hart-
näckig setne Unfchuld. Nachdem man ihn durchsucht
hatte, wurbe sein Koffer geöffnet, in welchem dte
Beamten den Hut, den Mr. BriggS am Tage des
Morbes trug, sowie seine Uhr fanden, welche tn
ein Stück Gemsleder eingewickelt war. Als man
Müller aufforberte, zu erklären, wie es komme, daß
er das Eigenthum des Mr. BriggS in seinem Befitz
habe, antwortete er: als er tm Begriffe gewesen
set, an Bord der Victoria zu gehen, habe er einen
Mann auf bem Pier getroffen und die Uhr und
den Hut ihm abgekauft. Die Beamten blteben die
Nacht über an Bord und bewachten thren Arrestan-
ten in der Cajüte, und gestern Morgen früh brach-
ten sie den Angeklagten in einem Schleppboot nach
der Stadt. Unterwegs versicherte er, er sei tm
Stande, ein Alibt nachzulckeisen. Er wurde nach
dem polizeilichen Hauptquartier gtführt und dort
mit dem Londoner Auwelier, bei welchem er die
Kette vertauschte, dic er dem Ermordeten abgenom-
men hatte, confrontirt; der Auwelier, — deffen
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