Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Heidellitrgtr Ieilimg.

Nl: 268. Sonntag, »3. November


Auf die „Heidelberger
Zeitung" kann man sich
noch sür die Monatc
Nooembcr und December mit 38 Kreuzern
abonnircn bei allen Poslanstaltcn, den Boten
und Trägern, sowie der Expedition (Schiffgasse
Nr. 4).

* Politische Nmscha».

Jn Nassau trifft der famose Regierungs-
dircctor Werren seine Vorbereitungcn zu den
Neuwahlen in den Landtag. Zn WieSbaden
kamen 800 sl. von unbckannter Scite ein, um
die Straßenpflasternng in dcm neuen Stadt-
»icrtel zu fördern. Da auf einnial hieß eS, der
Hcrzog habe dieselben gcspendet. Es jollte dies
einen guten Eindruck anf die Bewohner deS
Stadtoiertels, fast lauter Wähler der dritten
Classe, machcn; da wird unglücklicherweise be-
kannt, daß der Herzog dazu nicht einen Kreuzer
gegeben, — sondern daß das Geld auS der
Spielcasse kommt. Dann hat die Rcgierung
die Chcf» der Behörden angcwiesen, mit dcn
Geschästsleuten ünd Taglöhnern wegen der
Wahlen Rücksprache zu nehmen nnd natürlich
dieselben zu beeinflusfen. Ferner hat der Herr
RegierungSdirector für die Gasthöfe eine gcheime
Polizei organisirt, nm die Stimmung dcr Bc-
»ölkerung kennen zu lernen und die Wahler zu
schützcn vor den Gewaltthaten der Fortschrittler.

Für dcn Bürgermeister Fuchs in Caub hat
die Redaction der „Nass. Landcsz." dcn schul-
digen Betrag an den Calligraphen bezahlt, der
dic Herzogs-Adresss dcr Bürgermeister gcschrie-
ben hat, und wurde dadurch die Ktagsache er-
ledigt.

Die skandinavische Partei in Dänemark ist
im Zunehmen begriffen, und namentlich ein
groher Theil der Jugend dcr gcbildeten Stänbe'
zahlt dazu. Sie zählt im Heere nnd in allen
Kreisen ihre Vertreter und geht von der Hoff-
nung auS, daß Däuemark nur iu eincr Ver-
einigung mit Schwcden und Norwcgen wieder
zu dem alten Glanze konimen und eine tüch-
tige Länd- und Scemachl wcrden köunc.

Die feierliche Erösjnung des österr. Reichs-
raths findet durch Se. Maj. den Käiser mit
der Thronrede Montag, 14. d. statt.

„Constitutionncl" detrachtet die Depejche La
Marmora'S als einen neuen Beweis dcr Uebcr-
einstimmung der Regierungen von Frankreich
und Jtalicn,

Aus Mitielitalicn kommcn Nachrichten vön
furchtbaren Ueberschwemmungen, iiisbesoildere
auS Florenz. Furchtbare Regcngüsse sind «or-

angegangen. Nicht nur sieht man die Felder
aus weite Strecken uuter Wasser gesctzt, son-
dcrn auch die niederen Straßen der küustigen
Hauptstadt. Die Flußdäinme sind durchbrochen,
Eiscnbahn- und Telegraphenlinien im Betriebe
durchau« gestört, Hiuser zum Einsturz gebracht.
Florentincr Briese vom 6., welche erjt gcstern
uach Turin gelangtcn, brachten erschreckende
Schiidcrungen. Am 9. hatte sich das Wctter
noch nicht gebesfert. Zu Florcnz herrschte Ver-
wirrung.

Ziir Schlesivig-Holsteiii'schen
Sache.

Hamburg, 10. Nov. Kopenhagener und
jütländische Btätter sagen, die dänijche Rcgie-
rung beabsichtige, sobald Jütland von den deut-
schen Truppen geräuint sei, die südliche Grenze
Jütlands stark zu besetzen, dcn Ortschaften an
der Westküstc Fühnens feste Garnisonen zu
gebcn und iu Südjütland außer Kolding und
Riepen zunächst Vcile und Friedericia mit Be-
satzung zu versehen.

Kopenhagen, 10. Nov. Exminister Hall
sägte in dcm gestrigcn VolkSthing: durch dcn
Friedensschlnß sei daS Schicksal der Herzog-
thümcr nicht entschicden, denn die Volksströ-
mung in Europa und Napolcon erkennen daS
Natioualitätsprincip an.

D e u t s ch l a n d.

Karlsruhe, 11. Nov. Durch Allcrhöchste
Ordre vom 9. d. M. wird der Feldmebel Ernst
von HenningS im Jägerbataillon zum Porte-
peefähnrich befördert.

-j- Aus dem Badifchen, 8. Nov. Der
streng hierarchisch gesinnte Berichterstatter der
von Bachem verlegten „Cölnischen Blätter" will
wieder witzig sein, indein er die Schulreform in
Baden mit dcm diesjährigcn sauern Wein ver-
gleicht. Während der heurige Rebensaft als
ganz gutes Gewächs ausposaunt und theuer
angeboten wird, stellt es stch nachlräglich heraus,
daß er ziemlich sauer und gcistlos zu sein be-
liebt. Darob kann sich Niemand wundern, dcr
an die regnerische Biüthezeit, Mangel an Son-
nenschein und an die nnerquicklichen Maifröste
denkt, welche wir erlebt haben. Und nun fährt
der Mann GotteS nnd Bachem's in Köln fol-
gendermaßen forl: „Aehnlich wie den Rcbbauern
mit dem Wein, ergeht es gar manchem Bolks-
schullehrer mit der Schulreform. Vom Pfar-
rer ist cr glücklich erlöst, da dieser lediglich
seinen Neligionsnnterricht ertheilt; beschaul er

sich aber etwas näher die neuen Vorgesetzten
im Ortsschulrathe, dann kratzt er einfach hin-
ter den Ohren, und denkl er gar an die in
weitere Ferne als je gerückte BesoldungS-
erhöhung, alsdann kratzt er mit beiden Hän-
den. Leicht möglich wird um Ostern 1865
herum das Kopfschülteln und Ohrenkratzen selbst
unter den reformsüchtigsten VolkSbildnern cpi-
demisch. Verflossene Woche traten die Herren
Bezirksschulräthe ihr saures Amt an, doch vor-
läuftg stalt elf nur zehn, da gutem Vernehinen
nach der einzige Geistliche, welcher zum Bezirks-
.schulrath ernannt wurde, sich für die Ehre be-
dankt hat." Wir erlauben uns, dem clericalen
Berichterstatter der „Cölnischen Blälter" die
beruhigende Erklärung zu geben, daß unsere
wackeren Volksschullehrer weder um Weihnach-
ten noch um Ostern herum hinter den Ohren
kratzen werden, weder einsach noch mit beiden
Händen, indem das Kratzen, eine Eigenschaft
der salschen Katzen, an und für sich etwaS
unästhetisch ist. Es werden auch unsere hu-
mane und civilisirte „Volksbildner" nicht so
grausam sein, dem Hrn. Correspondenten, falls
sie dessen Schlupfwinkel entdecken sollten, aus
Rache wegen seines kratzenden Referats die
Augen auszukratzen. Zum Schlusse erzählt
das vortrefsliche Männlein, der für die neue
Schulorganisation in die Schranken tretende
Correspondent der Augsb. Allgem. Zeitung sei
kein anderer, als der geh. Hofrath Beck, Prie-
ster außer Dienst, dessen Verheirathung nnd
die aus Grund derselben ersolgte kirchliche Aus-
schließung (Excommunication) unlangst berichtet
worden sei. Manchem communen Menjchen
machte dieses clericale Strafgericht viel Plaisir
oder auf deutsch Vergiiügen.

Aus Baden, 6. Nov. wird der National-
zeitung gcfchrieben: Die innere Politik Lamey'S
hat einen ungeheuren Zug jenes populären
LibcraliSmus, der den Slaat ohne allx anf-
regende Sprünge einem vorbestimmten politi-
schen Ziele zuführt. Nicmals hat sich die Ve-
rechtigung dieses liberalen MittelstandpuukteS
glänzender gezeigt, als geraoe in der Schulfrage.
Mit vollem Nechte wirft die demokratische
Thcorie dein hier eingehaltenen System vor,
es parlamentire auf Kosten des logischen Prin-
cips mit den bestehenden Verhältnissen.-Allcr-
dings thut eö das mit voüstem Bewußtsein.
Der Erfolg dieses GrundgedankenS wird nicht
unterschätzl wcrden, wenn man sieht, daß heutc
die Schulbehörden (Ortsschulrath, Kreisschul-
räthe, Oberschulrath) sämmtlich gegründet sind,
ohne daß der Friede des Landes, zu dcssen
Schädigung die Curie sämmtliche ihr zu Ge-

* Heidelberg, 11. Nov. Unscr Bericht über daS
Concert der genialcn Marie Trautmann hat
in Nr. 267 des Heidelb. I. in einem „Eingesandt"
eine Erwiederung gefunden, die wir füglich mit

barin der Vorwurf genracht worden wäre, die ju-
genbliche KünstleriN auf Kosten der berühmten
Llara Sckumann in ein besonderS helleS Licht
gestellt zu haben.. Die genannte Virtuosin nimmt
schon so lange eine der ersten Stellen als Meisterin
des PianoS ein, daß eS weder unserer noch des
Verfassers jenes „Eingesandt" bedarf, um solches
zu constatiren, unb es ist uns auch nicht entfernt
in den Sinn gekommen, an dem großen Talent
von Frau Schumann auch nur daS Geringste ab-
zumäkeln, wie eS der Artikel im H. I. bei der
jugendlichen Virtuosiu Marie Trautmann zu thun
versncht. Wenn der ästhetische Kritiker im H. I.
bemerkt: „Wer auf der Höhe der Kunst steht,
darf innereS Vcrständniß nur von Wenigen in
vollem Umfange erwarten" ü. s. w., so hat dersclbe
ganz Recht, wir bemerken nur, daß eine musika-
lische Größe wie Frau Llara Schumann natürlich

zu hoch steht über jedem Splitterrichter, der sich
mindestenS läckerlich machen könnte, wollte er
versuchen, das Talent derselben herabzufttzen. Die
Eigenschaft eineS fcinen Aesthetikcrs ist deshalb zur
Würdigung desselben jetzt nicht mehr erforderlich,
abcr eben weil eS wenige gibt, die berufen sind,

Virtuoscnthum zu unterscheiden, eben darum, weil
Vielen diescr feine ästhetiscke Siun zu mangeln
scheint, hattc unsere jugendliche Künstlerin hier
mit versckiedenen Schwierigkeiten bei dem Arrange-
ment ihreS LoncerteS zu kämpfen, dessen Erfolg,
wie schon berichtet, so glänzend ausfiel. Wenn
die ersten Mrister der Kunst tn der anerkennendsten
Weise über Marie Trautmann sich ausgesprochen,
wenn dieselbe gelegentlich einer PreiSbewerbung
im Lonservatorium der Musik tn Paris unter 24
Künstlern den erstcn Preis bei dem 22sten Vortrag
eincS und deS nämlichenLlavierconcertes errungen —
der so vollkommen war, daß dieigesammte Zuhörer»
schaft, worunter musikalische Größen ersten Rangs,
zur allgemeinen Bewunderung hingertssen wurden,
und daS damals 16jährige Mädchen bei diesem

künstlerischen Wettstreit noch eine besondere AuS-
zeichnung gefunden, so glauben wir ketn großes
Gewicht auf das „Eingesandt" tm H. I. legen zu
sollen, den Ursprung deffelben vielmehr einfach auf
vier Buchstaben drs beutschen AlphabetS zurück-
führen zu können.

Proceß Demme-Trümpy.
(Fortfttzung.)

Iaeggi, Massencurator, schlägt die Activen Trüm-
py's auf 426,554 Fr., die Passiven auf 570.000 Kr.
an. DaS Deficit von ca. 147,000 Kr. werde sich
jedoch heben laffen und sogar noch etwaS Vermögen
übrig bletbei^ ES wäre eine gütliche Liquidation
zu Stande gebracht worden, wonach die Gläubigrr
75 pLt. crhielten.

Prof. Studer gibt ein LeumundSzeugniß, be-
trrffend Demme, dahtn ab, daß er erklärt, es gabe
wohl wenige Familien, welcke so große Sorgfalt auf
die Erziehung ihrer Ktnder legten, wie die Familie
Demme. Dcr Angeklagte habe fich alS Gymnafiast,
alS Student und ftlbst alS Arzt stets durch seine
Kenntniffe, seine Liebe zur Wiffenschaft, sowie
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