Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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* Politische Umschau.

Die „Bayerische Zeitung" stellt aus'S Be-
stimmteste in Abrede, daß das Gerücht begrün-
det sei, wonach die französische Regierung sich
mit Bayern wegen eines Kohlenbeckens in's
Benehmen gesetzt hätte. Es habcn kcinerlci
derartige Verhandlungen stattgesunden.

Nach dem „'Mainzer Äbendblatt" werden
sämmtliche conservativen Wahlmänner des Her-
zogthums Nassan Vertrauensadressen an Herrn
Rcgierungsdircctor Werren erlassen.

Nächstens wird in der Augsburgcr „Allgem.
Ztg." dcr Bewcis gesührt wcrdcn, daß bezüg-
lich der Elbherzogthümer auch pfälzisch - bayc-
rische Erdansprüche bcstchcn sollcn.

Die „Bayer. Ztg." erklärt wiederholt, daß
keine Einladung der Mittelstaatcn, und noch
vicl weniger die Wahl eines ConscrenzortcS
crsolgt jei, fügt al^cr die Bemcrkung dei, eine
Vcrständigung der Rcgierunge» könne übrigenS
auch ohnc vorhergängige Ministerconfereuzen
statlfinden.

Der „Köln. Z." wird aus Berlin gcschrie-
ben, daß man in unterrichtcten Krcisen von
einem am BnndeStag einzubringenden Antrag
der Agnaten deS kurs. hcssischcn Hauscs aus
Einsetzung eincr Regentschaft sprcche. Von
prcußijcher Seite dürfte in dicser dclicaten An-
gelegenheit eine sehr reservirte Haltung beob-
achtet werden.

Zn Holstein stnd sämintlichc Telegraphen-
stationen auf Bcfehl der neugeschaficucn „schles-
wig-holsteinischen" Telegraphcn-Jnspection mit
allem Zubehör an die preußischen Beamten
übertiesert und die blsherigen holstelnischen Be-
amteu außer Function gesetzt wordcn. Der
österreichische Commisjär war damit einver-
standen.

WaS die dem österreichischcn Civilcommissäre
in den Herzogthümcrn Frhrn. v. Lederer gege-
bcncn VerwaltungSbcfehle anbelangt, so lasseu
sie sich im Allgcmeinen in den Satz zujammen-
sassen, er habc nach Kräftcn daraus Bcdacht zu
nehmen, daß der provisorische Charakter dcr
gegenwärtigcn Verwaltung nicht alterirt werde,
und daß keine der zu ergreisenden Maßnahmen
geeignet sei, in der Bevölkerung die Hoffnung
auf cine in möglichster Bälde cintrctcnde solche
dcfinitivc Lösung, wclche mit den Rechten deS
LandeS, den Ucbcrzeugungen und Wünjchcn der
großen Mehrheit seiner Bewohner im Einklang
steht, zu crschüttcrn.

Ein officiöser Correspondent der „Karlsr.
Ztg." glaubt verstchcrn zu können, daß die
zwischcn Oesterreich und Prcußen respect. mit

Atois AnLcr.

Lin SSngrrh-rz ist g-brochen — And-r ist nicht
mehr. Jcne vüsterc Macht, die rinen -benbürtig-n
Gcnossen deS Verdlichcnen fich schon früher zum
Opf-r erlor, sie hat anch diefen Sänger nicht ge.
schont; cs lst eln unhelmlichcs, gralienerrcgenveS

umschattend.

Andcr gehörte der Zelt nach nicht zum „altcn
Wien", und doch fiihlt man fich nnwilllnrlich vcr-
anlaßt, die verpönte Phrase zu wiederbolen, daß
-s «in Stück j-neS wentger politlschen, aber weit
gemiithltcheren, wentger concertirenden, aber weit
sröhlicher singenden und klingenden „altcn Wiens"
war, daö nns ver Tod tn ihm cntriß. An scinen
Namcn, wle an die Namen der in'S JcnscltS vor-
angegangenen SSnger Staudlgl und Wlld knüpfen
sich dvch selbst sür dl, jüngeren Generationcn die
schönen Srinnerungen an die Jubeltagc der Wi-ner
Oper, mit denen eS freiltch fchon zl-mllch lange

Freitag, 23. December

den verschiedenen Erbpräteiid-nten einzuleiten-
dcn Verhandlungen sich kaum im ersten Sta-
dium der Vorbereitung befinden und somit keine
Nede von einem bereits am Buude eingebrachten
Antragc sein könne.

Rach dem „Wiener Bolschafter" habe der
König oon Sachsen in einem trefilichen Brief
an den König von Bayern „die lebhasteste An-
erkenuung sür die energische Haltung BayernS
in der gegenwärtigen CristS auSgesprochen und
namentlich für des Königs stets sreimüthig
»usgcsprocheiie nnd bethätigte nationale Ge-
sinnnng den wirmsteii Dank auSgedriickt."

Die württembergischen Stände siud auf den
28. Dcz. einberufen.

Die »olkswirthschastliche Commission der
Kammer der württemberg. Abgeordneteu hat
einstimmig beschlossen, der Kammer die Geneh-
migung des Vertrags mit Baden bczüglich der
drci Eisenbahnlinien Heilbronn-Zaxtfeld-Meckes-
heim, Jaxlfeld-Osterdurcken und Mergentheim-
Lauda zu empfchlen.

Die Regierungen von Krankreich und Ztalicn
sollen ein Ücbereinkommen gelroffen haben, daß
alle ilalienischen Flüchtlinge zu Rom, gegen
welche ein VerhaftSbefehl bestchl, durch dic
Fraiizosen aus dcr genannten Stadt auSgewie«
sen werden sollen. Der Kaiser, heißt es, werde
nicht länger duldeu, daß das Raubsystem vom
Gebiete des heil. Vaters aus geübt werde.

Dcr „Temps" -nthält eiii! Correspondenz,
in welcher Hr. Seinguerlel Preußens Zustände
uud Stimmungen einer bcachtenswerlhen Be-
trachtung uuterzieht. Er sagt, der partikula-
riftlsche Sinu dcs priußlicheu VvlkcS, bcr sich
während einiger Zahre unter deutsch-natioiialem
Schelne verborgen, brechc jetzt plötzlich aus
alleu Porcn heraus. Bci der ersten Gclegen-
heit sei der schwarz-roth - goldeiie Firniß abge-
gangen und der schwarz-weiße Egoismus in
jedem Prcußen zum Vorscheiu gekommen. Der
Nalionalverciu besouders wäre das Opfer dieser
Täuschung. Er schleppe cin traurigeS Dascin
hin und verende unter allgemeiner Gleichgiltig-
keit, weil er sein Programm nicht zu rechter
Zei! aufrichtig abzuänderii verstanden hadc uud
statt der Setbstbestimmuug deS deutscheu Vol-
keS, Alles der Znitiative eines Stammes über-
lassen habe, welcher, wie sich jctzt zeige, nicht
einmal sich selbst zu helfen, geschweige Dcutjchland
zu befreien wissc. — Unlcr dcu Umständen,
welche die Bismarck'sche Politik begüustigt haben,
führt Seinguerlet nainentlich den Tod de§ Kö-
nigs Max von Baycrn an. Seiidem an dessen
Stelle ein Nachfolger getreten, welchcr noch
nicht einmal die Univcrsitätsbildung hinler sich

vorbki ist. Alt imd jung in Wien liebte Ander;
waS Zofcph Wagner in selner Art den Bcsuche-
rinnen des Burgtheaters, das war Ander der

momentanen Effectc, der Gunst des Publiknms
nie auf Kosten dc« guten GeschmackeS, der Reinhcit
deS StyleS huldigtc; dic Kunstverstäiidigcn konn-
tcn cö nicht hoch gcnug anschlagcn, daß dicses
Zartgesühl, dteser auSgcsprochene SchönheitSsinn
lhn sogar vcrmochtcn, dort, wo itallenische Pinsel
dle Farben zu grellem Scharlachroth angehauft
hatten, mit «ersiändiger Hand zu mildern, zu be-
sänslige».

ES kann heutc nlcht der gecignete Momcnt sein,
um Andcr'S musikallsche Bcdeutung, srinc Vcr»
dlenstc wie seine Schwächen, scinen Einfluß auf !
einem ihm nächstgelegenen Glbietc kritisch abzu-
wägen. Wir haben nnr dcn Zweck, dem allgemci- i
ncn Schmerzr AuSdruck zu geben, den dte Nach- ,
rlcht «on seinem jihen Ableben erjkugt hat; muß


habe, welchc matz 'in Deutschlaüd von dem ge-
ringsten Beamten fordere, habe alle Thätigkeit
dcs entschcidcnden Mittelftaates Bayern amge-
hört. Nachdem Hr. v. d. Psordten eine keines-
wegs geschmeichclte Biographie erhalten, schließt
dcr Artikel mit dem Satze, es handle sich jetzt
um die Enlscheidung, ob in Deujschlaud das
Recht in der Person des Augustenbürgers, oder
die brutale Gewalt in der Person Bismarcks
siegcn werde.

Die spanischen Cortes werdcn am 22. durch
die Königin in Person eröfinet werden.

Pie spanijche Regieruug schcint sich in
starker Gcldnvth zu bestnden, da durch ein
kgl. Decret für die bei dcr DepotScasse auf
4—8 Monate hinterlcgten Gelder 8 Procent,
und sür die der Cafse aus 8 —12 Monate
überlassenen Bcträge nicht weniger alS g Proi.
verjprochen wcrden.

. Zn Rom jind 200 flüchtige Mönche auS
Polen angekominen.

AuS Neapel koinmen Klagen über fürchter-
liche Stürme, «elche seit s Tagen herrschen
und große Verheerungen verursachten.

Ziir Lchiesivig-Hvlsteiu'sche»
Eache.

Altona, 19. Dec. Die „Schlesw.-Holst.
Ztg." mcldet: Baron Scheel-Plessen hal hier
eine Adresse in Amlauf setzen lafsen, welche den
engsten Anschluß an Preußen, vorbchaltlich der
Rechte Drittcr, beantragt. Diejelbe hat bis
jetzt in Attona jelbst an Stellen, wo man jich
einen Erjolg versprochen hatte, keinen Anklang
gesuiiden.

Derten, 21. Dez. Die „Provinzialcorresp."
sagt: Die Freunde deS AugusteNburgers dringen
auf eine Entschcidiing dezüglich bes künfligen
Besttzes der Herzogthümer, müssen stch aber
darein finden, daß dic schließliche Enischeidnng
in besonncncr Erwägung dcr ivirklichcn Znte-
ressen der Herzogthümer, Preußens und Deulsch-
landS vorbereitct werde. Die einstwcilige Regie-
rnng wird durch Gerechtigkeit und Milde das
Bcrlrauen und dic Liebe der Bcvölkerung ge-
winnen. Um so ruhiger kann. die Enlschließung
über die Zukunft der Herzogthümer gefaßt
werden. Eine Aenderuung des Besitzes gegen
den Willen der zeitweiligen Bcsitzer ist keines-
falls herbeizusühren. Preußen bewilligt keine
Aenderung, bei welcher nicht Preußens und
Deutschlands Znteresscn volle Bcfriedigung
findcn. Eine Prüfung der Erbansprüche aus
ausdrücklichen Anlaß eincs Staatcs hat bisher
noch nicht stattgefunden. Preußen wird zunächst

schon der reprddnctrende Tonkünstlcr -uf daS Ge°
bächtniß dcr Nachwett verzlchtcn, so darf ihm, der
für die Mitwelt gelebt, und mlt dem dicsc fich
gcfrenl hat, doch der Rosenschimmer, ven Llcbe
und Dankbarleit um scln Grab ergleßcn, nichl
geranbt, nvch durch Neid und Scheelsucht gcmin-
dert wcrden. Hat er doch dlkscs lctzle Aufleuchtcn
dcr Volksgunst theuer genug erkauft mit dem Rin°
gcn und Streben elnes Lebcns, elncS — und das
wiegt doppelt schwcr — Bühnenlcbens.

Und wenn alle Jenc, die s-tn Sang cntzückt,
Jene, dlc von seinem „Edgar" ties erschüttcrt,
seinem „Zohann von Leoden" mächtig hingcrissen,
seinem „Tamlno" edel gekrästlgt sich fiihltcn, wenn
allc Zenc, die setnem stetS hcreiten milde» Stnn
Hülft nnd Unterstütznng danktcn, dem Todten
auch nnr ein kleines Blümchcn machwürsen in das
Grab — dann müßtc dic dnnklc Tiefe sich ln ftnen
Blüthenhügel vrrwandeln, auf dessen Höhe Lrin-
nerung kein vcrgänglich Denkmal bilden sollte.

Alols Ander war einc jener mnsikalifchen Na-
tnren, di- ln unscrer heutigen vdn Kunftetfcr ge-
schwängeeten Atmosphärc nicht mehr gedrihen zu
können schelne». Ein armes Schnllehierktnd an«
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