Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Tomitag, S. October

18«L.

Bestellungen auf die „Heidelberger
Ieirung" nebst Beilage „Heidelber-
ger Fainilienblätter" für das mit 1.
Lctober 18tt4 begonnene 4. Quartal
werden fortwährend angenommen.

Die Erpedition.

* Politische Umschau.

Die „Generalcorresp." macht bezüglich der
Mittheilungen von Wiener Blättern üder die
letzte Confcrenzsitzung darans ausmcrksam, daß
jolche ungenaue und häuftg ersundene Mit-
th-ilungen mit der größtcn Rcserve auszuneh-
me» scie».

Berliner Briese behaupten, Preußen habe
erklärt, cs habe niemalS daran geoacht, Oestcr-
reich jeine nicht zum dcutschen Buude gchören-
den Besitzungcn zu gewährleisten.

Einer Mittheilung des Wiencr Correspon-
denten des „F. I." zusolgc will Rom in De-
lrefs der Convention die Hülse dcr katholischcu
Mächle aurusen, und cs wrrd Ocstcrrcich dicsem
Änruf nicht entsprcchen. GenanntcS Blalt
sragt, wer dann noch zum Schutze üdrig ist,
da Frankreich die Convcntion adgcschlossen hat,
Spanieu im Begriss ijt, das Äönigreich Ztalicn
anzuerkennen, und das Köuigreich Bayern
ebensowenig für Rom ein Heer ausstcllen und
den Landtag einberusen niird, wie cS das jür
Schleöwig-Holstcin gethan hat, da es obeu-
drei» das Köuigrcich Ztalicn anerkenneu will?
Belgie» und Mexico haben auch bereits die
Anerkennung anSgesprochcn, und so bliebe ctwa
noch Brasilien oder der „katholische" Verei» in
Deutschland in Bctracht zu zichen.

Der „Mouitcur" bringt noch eine Listc neu-
ernauntcr Scnaloren. Derselde ncnnt die HH.
v. Monlebello, Adolph Barrot, de» Erzbischof
von PariS, Brinvillicrs - Godellc, Salignac-
Fcnelon, Chabrier, Nicuwekerke.

Jn Pariser Regicrungskreisen gilt als zuver-
lässig, dah Kaiser lliapoleon mit dem Kaiser
Alcxander in Lhon zusammenkommen wird,
wclch' letzterer bekannllich seine Gemahlin nach
Nizza bcgleitet.

Aus England vernimmt man, daß die Ar-
beitScinstellungen noch immcr, und zwar in
bedenklicher Ausdehnung fortdaucrn, namenUich
in de» Eisen- und Kohlenbczirken.

Die schwcizcrische BnndcSregierung hat im
Lauf der letztcn Wochen wicderholt vor jcder
AnSwanderung »ach Nordamcrika gcwarnt, in-
dcm sie amtlich Folgendes publicirt: Vo» com-
pctcntester unb zuvcrlässigstcr Seite wird neucr-

dings nnd aus daS entschiedenste gewarnt, unter
leiner Bedingung uach Nordamerika auszu-
wandern, es wäre denn, daß Einer dic seste
Absicht hätte, dort jogleich in dcn Militärdicnst
zu treten.

Ziir Schleswtg-Holsteiii'sche»
Soche.

Berlin, 6. Oct. Die „N.A.Z." berichtct:
Man schrcibl uus auS Kiel von gul unterrich-
teter Seitc: „Anch hier sind wir in vollcr
Ministerkrisis I Wenigstens bin ich in der Lage,
allen abweichenden Mittheilnngen gcgenübcr die
Äerjicherung zu geben, daß die bisherigen Rälhe
des Herzogs, die Herren Samwer nnd Francke,
den Wunsch anSgcdrückt habcn, von ihren dor-
tigen Functionen cntbunden zu werdcn, und
daß bcr Hcrzog emjchlossen se>, diesem Demis-
sionsgcsuch Foige zu geveu, cinem DemissionS-
gesuch, welchcs nach andcrn Versioncn weniger
ein Gesuch der betrcssenden Hcrren gcwesen
wärc, alS vielmehr eine Osserte, die man ihnen
gemacht. Der Herzog soll den dringenden
Wunsch anSgcdrückt haben, zu seiner Bcrathung
sich Männer aus dcr Zahl derer zu wählen,
welche, wie man weiß, einem Anschlusse der
Herzogthümer an Preußcn zugcthan jind. Da-
hin gchört vor Allen der Landrath v. Ahlcseldt,
welcher bekannllich bei der Adresse der Prälale»
uud Ritlerschast gegen oaS Jntcrimisticum, aber
für eincn Anschluß au Preußen gestimmt
hat." — Eine gnl untcrrichlele Kicler Cor-
respoildcilz cnthält dagcgc» abweichende Mit-
thcilungen gegenübcr der Nachricht, daß die
Räthc des AngustenbnrgerS, Samwcr nnd
Fraucke wüuschtcn, von ihrcn Funclion-Il eul-
hobcn zu werden, und daß der Herzog cnt-
schlossen sei, diesem Wunschc Folge zu gebcn
uud Beralhcr zu wählen, die dem Auschlusse
der Herzogthümer an Preußcn zugethan sind.

Derlin, 6. Oct., AbendS. Die „Kreuz-
Zeilung" theilt als znvcrlässlg mil, daß Hcrr
v. Bala» erst gestern Abend abgcrcist ist. Die
„Nordd. Allgcm. Zeitung" sagt, eS dürstc »oth-
wendig werden, Seitens dcr deutschen Regic-
rungcn in ojficiellcr Weije den Bestrebungen
der Däncnsreundc entgcgenzutreten, die sich noch
iiiimer abmühen, dic Verzögerung des FrichenS-
werkes den deutschen Großmächlcn und speciell
Preußen zuzuschicben.

D e « t s ch l a n d.

Baden-Baden, Ende Sept. Unter den
Bcsuchern von Distinclion, welche die letzlen

Tage uns brachten, hat der Geh.-Rath von
Scanzoni für uns eine spcciclle locale Bedeu-
tung. Sein Erscheinen bestätigt das Gerücht,
daß er von Würzburg hieher kberfiedeln werde;
man rechnet auf jeinen blcibcndcn Ausenthalt
schon in der nächsten Saijon. Der „Würzb.
Anzeiger" dagcgen meldet, daß Scanzoni sein
allerdings bcreilS gesaßlcS Vorhaben, uach
Baden überzusiedeln, nun dcfinitiv zu Gunsteu
Würzburgs gcändert habe. Je näher das
Ende des Spiclpacht« herankommts daS trotz
aller Gegenversichcrungen, wie ein Damokles-
schwert übcr unserer Stadt schwebt, dcstomehr
sühlt man daS Bedürfniß Baden-Baden zu dem
zu machen, w.as eS noininell freilich «on jeher
war, sactisch aber immer weniger gcworden ist
— ein Curort.

Kassel, 4. Octbr. Heute Vormittag um
10 Uhr fand die erste össentlichc Sitzung der
nach dreimonatlicher Vcrtagnng wicder zusam-
mengetretcnen Sländevcrsammlung stalt.

Derlin, 0. Oclbr. Der „Slaatsanzeiger"
mcldet die Verleihung dcs Großkreuzes deS
Rolhen Adler-Ordens mit den Schwerlcrn an
denF.-M.-L. Baron Gablenz und des Rolhcn
Adler - OrdenS erster Ciasse an dcn F.-M.-L.
Grafeu Festelics de Tolna.

Die Zcidler'sche Correspondenz jchreibt: Der
Reise dcs Miinisterpräjibenten v. Bismarck nach
Frankrcich licgt kein poiitijcheS Moliv zu
Grunde. U-der die Znstructioncn dcs Hrn. v.
Balan verlautet nach dcrjclbe» Correspondenz,
daß dicsclden dahi» gchcn, unler Ausrechlhak-
tung dcr Rücksicht anf die Lcbensbcdingungen
des KönigreichS Dänemark, dcn Wille» dieseS
.lctzteren, eincn de» Prätiminarien gemäßcn
Frieden abznschließcn, mit aller Enlschiedcnheit
auf die Probe zu stellen.

Derlin, 6. Octbr., AbendS. Der König
wkrd anf den 14. aus Badcn-Baden zurücker-
wartet. Dcr Kronprinz, die Kronprinzcssin
und deren Kinder gchen nach der am 18.
stattfiNdendcn Täufe aus zwei Monakc nach
Nizza. Der Kaiser vvn Rußland koinmt nicht
zur Tausc.

Nudolstadt, 2. Oct. Gestern ist im Für-
stenlhume daö neue Gewerbegesetz und dic Ge-
werbcsrciheit in Äraft getketen.

Fr a nkr e i ch

Paris, 6. Octbr., AbendS. Der heutige
Wochenausweis der sranzösischen Bank zeigt
eiue Abnahme des Baarvorraths um 11^/,
Mill., des Porteseuilles um 2 Mill., des Gul-
habenS des Staalö um 31^/g Mill., dagegen
eine Zunnahme des Notenumlauss um 12Vs

Die Fcier drs 1. Vctober in Sarlsruhc.
(Schluß.)

LedenSvoll, kräftig und ohne Rückhalt hatte
schon zuvor der LandeScommissär mit dem Wohn.
fitze KarlSruhe, Ministerialrath Wjnter, den
schöpferischen Geist der neuen Einrichtungen dar-
gelegt. Aber sie vermögrn nicht durch sich allein
zu leben, fie zählen auf bie Thatkraft und auf die
OpferwiUigkeit dcs BürgerstandrS. Mit Worten ist
eS nicht gethan im dürgerlichen Kreise, nicht mit
Rcdenhaltrn, nicht mit Betheuerungen: Bethä-
ligung deS BürgrrfinneS im Geiste der neuen,
freieren Einrtchtungen erwartet daS Gesetz; wenn
eS zum Segen deS LandeS sich entwickeln soll. Dte
prächtige, von gesunder RechtS- und StaatSan-
schauung erfüllte Ansprache fand den lautesten
Wiederhall; es wak ein kernigrS, mannhaftrS
Wort, mtt dem hier drr erste'Berwaltungsbeamte
der Kreise Offenburg, Baden und KarlSruhk sich
an den Bürgerstand wandte, ein Wort, würdig
dtS trcffiichen Daters unsrrrs Redners, dcr, als

etner der muthigsten Derfassungskämpfer Badens,
den Boven mit rrstreiten half, auf bein der Wir-
kungskreis drS Sohnes jetzt begründet ist. Selten
hat fich wohl ein Bramter tn ähnlich vertrauen-
erweckender Weisc schon am ersten Tagc seiner
Wirksamkcit selbst mittrn in bie Znteressen seiner
neuen St^üung ringeführt. Der Director deS Ver-
waltungsgerichtShofö, Herr Schwarzmann, an
Stelle des vrrhinderten Präsidenten, Staatsrath
Weizel, brachte sein Hoch dem Schöpfer dteser
durchaus neuen Bchörde, dem Präsidenten des
MinisteriumS deS Znnern, Staatsrath Lamey.
Hirr gerade hat die Regierung die völltg freiwiUig
entsagrnbe Gerechtigkeitsliebe bekundet, dte das
Recht nur seiner selbst Willen sucht. Das Gebiet
der DerwaltungSrekdtsprechung war bisher
ein ZuwachS der RegierungSgewalt. Eine und die-
srlbe Behörde, daö Ministerium des Znnern, hatte
dir Gegenständc der reinen Verwaltung und die
Zügel der Rechtsprechung tn Streitigkeiten drS öf-
fentltchen RechtS in Händen. Natürlich mußten
dabei Znteresscn der RegtcrungSthätigkeit ihren
Einfluß äußern, da, wo eS eigentlich nur auf
Entscheidung streitiger Punkte nach ben Satzungen

deS öffentlichen RechtS ankam. Dirser Einfluß aber
widerspricht den Forberungen strenger Gerechtigkeit
und darum schuf die Gesetzgebung den Verwal-
tungSgerichtöhof alS eine unadhängige, drn
Gerichtshöfcn völlig gletchsteheme Behörde sür dte
Entscheidung von Streitigkeiten * des öffentlichen
RechtS. Die Regierung hat sich also einrs nicht
unwesentlichen Theilcs der Macht entkleidet zu
Gunsten der Gcrechtigkeit. Aus der Reihe des
Anwaltstandcs, deS bisheri^en „SticfkmdeS der
Zustiz", hrachte zunächst Herr Nechtsanwalt Z.
Gutman einen Trinkspruch aus. Der Anwalt-
stand habe freudig eingestimmt in die verschirdenen
der neuen GcrichtSorganisation und dercn Trägern
geltenden Toaste, ja sogar in das Lob der „Ein-
tracht", obwohl sein sruchtbarstcr Boden eigentlich
die Zwietracht sei. Noch habe man dem Stande
kein „Hoch" dargebracht und ihm alS Mitgltrd
deffelben zieme eS nicht, damit zu beginnen. Wohl
aber dürfe er deS Mannes gedrnken, der, etnst
selbst rine Zierde deS Anwaltstandes, jetzt zur
Blüthe und Kraft deffelben neuen Bodcn gelegt,
indem er der Schöpfer der Gestnltungen auf dem
Gebietr der Rechtspfiege geworden. Setn Hoch
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