Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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auSgetheiltm Parolc blind gehorchend, von
ihrcm Recht dcs Eintrittes in genanntcs Col-
lcgium keinen Gebrauch machen wird, ist nun-
mehr als sichcr anzunehme»; ed wird darum
statt deS Geistlichen in den meisten Källen der
Bürgeruzeister zum Vorsitzenden dcs Ortsschnl-
rathes crnannt wcrden, Da der Lehrer als
der zunächst bei der Schule Betheiligte und in
Schulsachen Sachverständigste in dcr neuen
OrtSschulbehörde Sitz und Stimme haben wird,
so kann darin der Geistliche wohl auch entbehrt
werden, namentlich wenn er der jüngeren Ge-
neration angehört, welchen das Jnterefse für
die Schule wie pädagogische und überhaupt
wisienschaftliche Befähigung für die Beurthci-
lung der Leistungcn derselben fast ganz abgeht,
Andcrs wird sich das Verhältniß in Betreff
der cvang, Geistlichkeit gestallen, obglcich auch
diese Mitglicder zählt, welche eine so große
Meinung von der Würde ihres StandcS haben,
daß ste eS mit derselben nicht vereinen zu kön-
nen glauben, stch von der Regierung zum Vor-
sitzenden des Ortsschulraths erst noch ernennen
zu lasien, — Mit großer Spannung wird der
ziemlich lange ausbleibcndcn Ernennung der
Kreisschulräthe entgegengesehcn. Sv viel be-
kannt, wird darunter sowohl der Stand der
Gcistlichen (wenn auch nicht Pastorationsgeist-
lichen) alS der Reallehrcr, und wir hoffen auch
der Volksschullehrer, «ertreten sei», Was letz-
tere betrifft, sv sollen wenigstens einer Lehrer-
deputation von hohcr Scite ganz besricdigcnde
Zustcherungen gemacht wordcn sein,

Gießen, Sept. Die Zahl der Theil-
nehmer an der von hcute bis 23. Septcmber
hicr tagenden Versaminlung deutscher Natur-
sorscher und Acrzte ist größer alS erwartet,
und es sind bereits wohl an 800 hier cingc-
troffen, darunter Gelehrte auS Rußlaud, Un-
garn tc,, sowie Liebig, Virchow, Karl Vogt,
Nöggerath. Die Stadt ist festlich geschmückt
und übcrhaupt allcs ausgeboten worden, um
den Frcmdcn den Festort als cinen gastlichen
erscheincn zu lassen.

Kaffcl, 17. Sept. Dic „Kass. Z." mcldet
amtlich, daß Gencralmajvr v. Ende von der
Stellc cineS Gencralaejutanken entbunden und
zum Kriegsminister cinannt wordcn ist.

Würzburg, 15, Sept. Soeben wird die
10. Generalversammlung dcr katholischcn Ver-
eine geschlofsen. Für dcn nächsten Versamm-
lungsort wurde Trier, cventucll ZnnSbruck,
erwählt. Bon einer Adrcsse an den Papst,
wie auch an den Großcrzog »on Baden, wurde
Umgang genommen. Folgende fünf Resolutio-
nen wurden angenommen: 1) crklärl cs die
Vcrsammlung für eine Pflicht der deutschen
Katholiken, sich nicht von den Franzosen und
Belgiern übertreffen zu lassen, an Opserwillig-
keit sür das bedrängte Oberhaupt der Kirche,
und empfiehlt Betheiligung an der päpstlichen
Anleihe; 2) fordert sie auch religiöse Befreiung
Schleswig-HvlsieinS, sür das so viel katholischeS
Blut geflossen ist, Aufhcbung des schmachvollen
DruckS, unter dem dort die Katholiken jchmach-
ten (?); 3) beklagt dic Versammlung den Streit
in Baden, nimmt Partei sür den Erzbischof, der
für die Rechte der Rcligion und der Familie

Rede sein konnte. Georg reiste ab. Als wir den
nächsten Mtitag in Luzern zusammentrasen, theilte
unS Georg mit Wissen Lassaties FolgendeS mit.
Lassalle war acht Tage auj dem Rigi, ais -r gr-
rusen ward, well einc Bekannte gekommen fei, die
ihn zu sprechcn wünschc. Ais cr an's Haus kam,
htelt Frl. v. D . . mit ihrem Pserd an der Thür.
Sie h-tie in Wabern bei Bern, wo sic ailein mit
ihrcr Iungser bei einer sranzösischen oder englischen
Dame wohnte, ersahrcn, daß Laffalle auf dem Rigi
set und deßhalb, wie fie ihm erkiärte, einen Aus-
ssug dahin gemacht. Laffalle hattc fo wenig an daS
Ptävchen gebacht, daß er fic, wie er dcr Gräfin
geschrieben, zuerst ntcht einnial erkannte. R-ch
mehifiiindigem Gespräch fordertc daS Fräulein Las-
salle auf, fi- aus Rigi-Luiui zn beglciten, thr
hinunter bis WäggiS, endiich ihr nach Bern zu
solgen, wo fie, wie ich bereits schrieb, bci einer
bckannten Dame wohntc, und während vierzchn
Tagen, von MittagS 12 Ubr bis NachtS 12 Uhr,
lebten fie im ungestörten tete s tötk. „Diese Tage,"
so hatte L-ssall- Georg unter heißen Thräncn in
Basel gcsagt, „warcn die glückiichficii mcinesLkbens.
Ich hatte nur einen Gedanken, nur eincn Wunsch,

kämpfe, tlnd bringt in Erinnerung, daß jeder
Schlag gegett den Altar auch den Thron ttcffe;
4) ehrt sie die heldenmüthigen Manuer, die
Grafcn v. Schmising-Kersscnbrock, wclche ihre
Eutiassung aus der preußischeu'Armce nehmen
mußten, weil ste principicll gegen das Duell
waren, und erklärt, daß das Benehmen dcs
preußischcn Kriegsministcriums eiue Verurthei-
lung christlicher Priiicipien sei; 5) bedauert sie
die Gehässigkeit, mil der besonderS in Baden,
Hesien und Württemberg d'ie geistlichen Orden
angegriffen werden, und crklärt den Fortschritts-
minncrn, daß es ein Hohn gegen die Gerechtig-
keit sei, Freizügigkeit, Associationsrecht u. dgl.
für sich zu verlaugen, der Kirchc aber solche
Freiheit beschränkcn zu wollen. (Ällg. Z.)

Breslau, 14. Sept. Mit dcm heute jrüh
von Berlin hicr eiiigettossenen Personenzuge
langten die irdischen Ueberreste des in Genf
im Ducll gefallenen SchriststcllerS Lassalle hier
an. >sechs Krankenwärtcr auS dem hicsigen
jüdischen Hospital, welche schon vor Ankunft
des Zugcs auf dcm Bahnhofe warteten, nahmen
den bereits einbaljamirtcn Lcichnam, der stch in
cinem zinnernen Sarge befindet, in Empfang,
worauf derselbe iu einem Leichenwageu in allcr
Stille nach dem jüdischcn Fricdhofc abgesührt
wurde. Eine größerc Anzahl Polizeibeamten
war zur Ausrechthaltuug der Ordnung crschie-
nen, doch schien diese Vorsicht übcrflüjsig, da
nur einc sehr geringe Anzahl von Pcrsoncn
anwcseud war und Niemand auch nur eine
Ahnung von dcr Ankunst der Leiche hatte. Die
Gräfin Hatzfeld langte ebcnfalls mit diejem
Zuge an, und hcutc Abend wird dic Mutter
Lassalle's hicr erwartct. (Schlcs. Z.)

Wioli, 15. Scpt. Dem Vernehmen nach
ist dem Baron Plcssen zu geeigneter Danach-
achtung und weitcrer Mittheilung dic Eröff-
nung zugegangcu, baß cin hartnäckiges Wider-
strcbcn der Hcrzoglhüuicr, die ihnen auszubür-
denden finanzicllen Lasteu zu übernehmen —
Lasten übrigens, für wclche uian nach besten
Kräjten bcsirebt sei, einen billigcn Maßstab zu
finden — ledigtich zu dcr Anregung der Frage
bercchtigcn könnte, od dic Herzvgthümer unter
den gegebenen klmjtäiidcii denii auch wirklich
fähig jeicn, ei» sclbststandiges staatliches Da-
scin zu sühren. Man schciut zu hoffen, daß
diescr allerdiugs sehr vcrständtiche Wink nichl
verlorcn jein wird. (Dtsch. Allg. Z.)

Wien, 18. scpt. Zm Gemcinderath wurdc
folgender Dringlichkcitsauttag gcstcllt: Nachdeni
in ncuester Zeit die Stcherheit der Person nnd
des EigenthumS iumitlen der Reichshaupt- und
Restdenzstadt Wicn zu jcncm schreckenerrcgcn-
den Gradc hcrabgesuuken ist, welcher Einbruchs-
diebstähle, Mord- uud Raubanfälle auf offener
Straße bciuahe schon zu alliäglichen Ereiguissen
stempelt, jo wolle der Gemetnderath sosorl die
Wahl einer aus 5 Mttgliederu bestehendcn
Commission vornehmen, die Auttäge erstatten
joll, in wclcher Weise für die Wicderhcrstelluug
uud Aujrechthallung dcr öffenllichcu Sicherheit
dcr Sladt lebiglich durch dic eigeuen Kräfte der
Cdinniuuc Borsorge zu lreffen jei. Dcr An-
trag wurde cinem Comite sür Reorganisirung
dcr Localpolizei zugcwiesen.j

tie ganze Welt war mtr mit itnim Mali gleich-
gillig gewordln." Kurz, Georg sand ihn in voll-
ständigcr Liebesraserei, dadurch aber bts zu dteser
Spitzc getricbin, daß das Mädchen lhm die glüheud-
stcn Erklärungen schristlich und mündlich gemacht

war, um, wte er ebcnfaUS glauben mußtc, wider
Wlllen unv Neigung eiiicm Wallachen, einrm Hrn.
v. Ragowiks, vermählt zu werden.

lSortsetzung folgt.)

(2 Heidelberg, Ig. Sept. Wer hätte nicht
schvu bvn dcn hiiteren Dichlungen des jetzt in ganz
Noiddeulschiand gesiiirten VolkSschrislftellerS Fritz
Reutcr gchört, wcr nicht etnma! versucht, etwas
davo» zu lesen, dic Schwtcrigkeiten dlS nicder-
deutschrn Dtalcktcö zu überwinde» und zum Ver-
sländniß deffelben zu grlangen? Alletn cS lfi sast
unmöglich sür allc diesem Dialcktc s-rn Stehenden,
die Eigenthümlichkeil desselben, so wie die ganz«
Gemnthlichkeit dcS fich dari» abfpiegcliiden nord-

Wien, 16. Sept. Dic heutige ,,W. Ztg."
vcröffentlicht das folgende allerhöchste Befehi-
fchrciben: „Jch crtheile Meinein Hcrrn Sohne,
deni Kronprinzen, die Bcwilligung znr An-
nahme nnd znm Tragen deS Jhm vcrliehenen
königtich preußischcn schwarzen Adlerordens.
Schönbrnnn, NIN 9. September 1884. Franz
Joseph"

s r a II k e e i ch.

Paris, 17. Scpt. Was soll man dazu
sagen, wenn die'Nachricht begründet ist, daß
demnächst dem SlaatSrathe ein Gcsetzcntwurf
werde vorgelegt werden, «elcher die Organi-
sation der der Untcrhaitung geweihten Gesell-
schaftcn (der in Dentschiand unter dem Namen
von Castno'S oder Museen allgemein bestehen-
den Vereine) zum Gegcnstande habe?(?). Die
Regterung also, nicht zufricden mit der rigo-
rösen Vereinsgesctzgebung, bie schon bcsteht,
will anch noch unjchuldige Gesellschaften unter
die Fuchtcl nehmen, die nichtS anderes sind,
als Lese-, Spiet- und Tanzkränzchen! Gehörk
das auch zur Krönnng des GebäudeS? Und
wird so „die individuclle Frciheit" gewahrt, dic
nicht dertragen kann, daß man einey pflichiver-
gesienen Bater anhalte, feinen Kindern dic
nothwcndigftc Erzichung zu geben?

Paris, 18. Sept. Hr. Zames Fazy be-
findet stch jetzt in Paris. Er hat bei dem
Kaijer in St. Cioud cine Audicnz gchabt.

S ch w e i z.

Basei, 15. Scpt. Jn Folge von Brunncn-
vergistung durch die AuSfließung einer hiesigcn
Anilinsabrik am Teich in dcr kleinen Sfiadt
mußte dafelbst die Anilinfabrikation eingestellt
werden, der Tcich selbst wurdc auSgepflastert,
nachdem man dic arscnikgeschwängcrte Sohlc
desfelbcn ansgegraben hatte. Der Fabrikaitt
muß, nach civilgerichttichcm Urtheii, die Kostcn
der Unlersuchung und die Heilkosten der be-
troffcnen Familienmitglieder des Nebenhauses
tragen.

A m e r i k a.

Nü-Uyork, 7. Septbr. Präsident Lincoln
hat ciiicn Tag a!S Danksest für dic Siegc dei
Atlanta und Mobile angeordnet und dem Ad-
niiral Farragut und Gcncral Sherman seincn
Dank öffentlich ausgesprochen. Es wurdcn
salutschüsie zu Ehren dcr Stcge abgefeuert.

General Gittem (Union) hal ven Guerilla-
Gcnerai Morga» bei Grecnville (Tennessec)
überfallen und getödtet und desien Generalstab
gesangen gcnommen.

Jn Neuyork und Brooklyn wird keine Con-
scription stattftndcn.

Gcncral Fremont hat aus die Präfidentschasts-
candidatur Vcrzicht geleistct.

M e x i c o.

Die in MatamoraS erscheinende „Bandiera
Nacioiial" bcrtchtet, die französischen Truppen
jeien unlängst in vier Felojchlachten bcsicgt
wvrden, und zwar in der Nähe von Brea in
dem Staate Gucrrore. Gcneral Alvarez führte
die Mexicaner. Vor den Kämpfen war es aus-

trag eines den plattdeutschen Dialekt vollständig
Beherrschenden, der zugleich die Besonderheiten
norddeutscher Sitlen und Gebräuche genügend er-
klärt. Alsdann aber gcwähren die Reuter'schen
Dichtungen einen nicht geringen Genuß, ganz ab-
grsehen davon, daß sie dazu beitragen müffen, die
norddcutschen Bruderstämme der Sympathte der
süddeutschen näher zu brtngen.

Wie es heißt, beabsichtigt ein Norddeutscher, in
nächster Zeit hier versuchSweise rine Vorlesung
Rcuter'scher Dichtungen zu halten, worauf im
Voraus aufmerksam gemacht werden soll.

(Ablaß und — Geschäft.) In etnem bay-
rischcn Blatte finden w!r folgende Anzeige: „Am
Sonntag, den 11. September, ist der Ablaß in
Harlaching, wozu höfiichst einladet: Ioseph Stei-
genberger, Wirth in Harlaching." — Der Mann
rechnet auf die durstigen Wallfahrer und wird
wohl sekne Rechnung dabei gefunden haben.
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