Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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deshalb selbstverständlich auch nicht, die in dein
Buche niedcrgelegten theolvgijchen Ucdcrzcugun-
gen unsererseits zu vcrtrcken und zwar um jo
wcnigcr, da die cinzclncn ivtitglicder dcS Ge-
sammtcollegiumS zu denselben pcrsönlich ver-
schiedene Stellungen cinnehincn; wir übcrlassen
sie vielmehr ohne irgend cine Besorgniß sür die
christliche Wahrheit, dic siark genug ist, sich
selbst zu helfen, dem hier allein competentcn
Gericht, dem Gericht der thcologischen Wissen-
schajt.

Wohl aber ehren wir jede theologische Ueber-
zeugung, die das Ergedniß wahrheitöliebender
und ernster Forschnng ist, ganz unangesehen,
vb wir ihr zustimmen köunen oder nicht, und
wir wisscu un« unzweifelhaft dazu berufen, als
evangelische Kirchenbehörde den Dicnern der
Landeskirche die Freiheit cincr solchen Forschung
und der schriftstcUerischen Veröffentlichung ihrer
Resultatc ungeschmälcrt zu wahren. Jn dieser
Freiheit sehen wir nicht nur kcine Gesahr sür
den Glaubcn an Zesum Christum, uuseren
allcinigcn Herrn und Heiland, sondern vielmehr
gerade eiue wejenrliche Bcdingung, ohne die
wcder die Wahrhcit und dic Herrlichkeit dieseS
ChristuS immer hellcr nnd üdcrführender ans
Licht gebracht werden kann, noch für nnsere
Zeitgcnossen im Großen und Ganzen ein chr-
licher und freudiger Glaubc an ihu möglich ist.
Gdcn weil wir den Glauben an dieses absolut
unersctzliche Heiliglhum unsereS Geschlechts ver-
wickelten Krijen nicht ausgesetzt schen wollen,
werden wir, so viel an uns ist, unbcirrt fest-
hallcn an dem großen Grundsatze, daß für
unsern cvangelischen Christenglauben die Frci-
heit furchtlvS gewisscuhaflcr Untcrsuchung seines
Grundcs und immer zenauercr Erforschuug des
Thatbestandes, auf dem er ruht, die cinzige
gejunde LebenSluft ist. Dicse Freiheit der For-
schung uud d-r Lchre habcn die Resormatvren
im Widerspruch mit dcm Verbot dcr mittel-
alterlichen Kirche, von ihrcm Gewisseu gedrun-
ge», sich jcldft herausgenommcn, und wie fie
fo die Entstehung unserer cvangelijchcn Kirchc
bedingt hat, so bleibt stc auch fort und sort
eine Bedingung ihrer Erhaltung und ihreS
Gedcihens. Denn nur bci ihr kann die Kirche
sich mit der in der Christeuheit unaufhaltsam
ihrc Bahn fortgehcndcn geschichtlichen Enlwick-
lung in derWcchsclivirkung und in demEin-
verständniß erhalten, ohne welche sie keinc wclt-
geschichtliche geistige Macht sein kann. Darum
ist auch dicse Forschung ganz mit Rccht tirchen-
gesetzlich als eine Grundlagc deS Protestantis-
muS anerkannt uud insbejonderc dcn Dienern
der Kirche als Psticht auferlegt. Läßt sich gleich
diese Freiheit in nicht seltcnen einzelnen Fällcn
zu vcrderbtichcn Ausschreituugen hinreißen, im
Ganzen findet sie nichkSdestowcniger ihre sichere
«chranke darin, daß unscre heutige europäische
Rtcnschheit ihrer Gcburt nach eine Christenheit
ist, die unschlbar AlleS, was dem Christcnthum
wirklich ftemdartig ist, lctztlich durch ihrc mo-
ratijche Macht ausscheioet.

Davon, daß man sich eiftig bemüht, diejeni-
gen Geschichtslhatsacheu, wclchc das Fundament
unjcres GlaubcnS und uujerer Kirche bilden,
sich in höyerem Grade verstandlich zu machen, s

habe oder nicht. Der Diener war darüber in Nn-
wisstnheit, abcr wir mochte daran zwcifcln? Jst
nicht das Gelb bie cinzige Triebfeder in dicser
Welt? Während alle i'lbrigcn Leidenschaften cr-
löschen, wächst nur diefc eine mit dcn vorschrciten-
den Zahrcn, die Bcgierdc zu bcfitzkn. Beim Anblick
dieses bcjahrten Mädchcns mit dcn lebhasten Augen
und ber kleinen zicrlichen Gcstalt konnte man leicht
muthmaßen, daß der Telcmaquk mtndestens die
HLlfte ihreö Bermögens enthielt. Einer der Spe-
culantcn, welche die Gcwinnsucht nach Qullleboeuf
geführt, lleß fich bei ihr meldcn und ward etn-
g-führt.

„Fräulein," sagte er, „ich komme, Jhnen einen
Vorschlag zu machen." -
„Mir, mcin Herr?"

„Ja, Kräulcln. Sie habcn Paris nicht einer
Meinigkeit wegen verlaffen, ein großes Znteresst
hält Si- hrer grfeffelt."

„Wohl eln sehr großeS Jntrrrffe," sagte dir alte
Dame seuszrnb.

„Jch «ußte es, Fräulei». Nun wohl! Jch will
nicht sagrn, daß man keinen günstigen Ersolg hoffen
dürse, ich selbfi giauhe has Gegcnthcil, aber di,

aks sic es dcr Christenheit vor nns waren und
sein konnten, kann nie eine CrschüUcrnng dieses
FundauientS die Fotge jcin. Darum hegeu wir
auch die Ueberzeuguug, daß heut zu Tagc einc
cvaugclische Kirchenbehörde es nicht zulasscu
kann, daß einem Kirchendieuer um deswillen
zu nahe getrekcn wcrde, weil er sich redlich
Mühe gegeben hat, mit welchem Ersolge
auch imnier, an seinem Theil mit dazu zu
helfen, daß wir den Herrn Zesus, den Herrn
der Herrtichkeit, desser vcrstehen lernen, als
unsere Vater es vermocht haben. Mit den
unendlich vermehrten nnd vervollkommneten
wissenjchasttichen Mitteln muß aber die hcutige
Thcologie im Stande sein, ihren großen nnd
heitigen Gegenstand richttger zu crsasjen, als
die der oergangenen Jahrhunderte, und es ist
ihre Psticht, sich dieser Aufgabe nicht zu ent-
zichcn, und nicht lediglich auf ihrem ererbten
Bcsitzstande zu beharrcn. «ie darf dieS nicht,
zumal im Hinblick auf das dringende Bedürs-
niß, welches d'ie Zeitgenossen, die eben auch
anders geartcte, ader darnm nicht etwa schlech-
tere Christen sind, als die des löten und 17ten
Jahrhunderts, nach ciiier solchen Auslegung
jener Thatsachen haben, die sür sie verständlich
ist und von ihnen angeeignet werden kann. Es
darf von dem evangetischen Geistlichen der Ge-
genwart ohne Ausnahnic gcsordert werdcn. daß
ihm die doppelte Einsicht nicht fremd sei, ein-
mal, daß diejenigcn vo» unjeren heutigen
Christen, die inncrhalb deS geistigen Bildungs-
krcises der Gegenwart stehcn, znm großen Theil
die degrifsliche Fassung, welche die alte Kirche
ihrcr Vorstellung von der Person des ErlöserS
gegcben hat, nicht mehr unbcdingt theilen kön-
ncn, — und sürs andere, daß die Gewinnung
eines ivirklich inenschiichcn, das heißt nothwen-
dig zugletch Ivirklich-geschichtlichen, deshalb aber
nicht elwa nicht überiiatürlichen Btldcs von
Zesu dic unertäßliche Voraussetznng und Be>
dingung eiiier wirklichcn Auschauung und Er-
lennlniß von sciucr ivahreu Gotlheil ist; dcnn
es war ja cbcn jeiies Bild der alletn vollkoin-
nien geeignele Spiegel, in weichem Gott wirt-
lich sich selbst uns anschaubar machcn konnte.

Um dieses wirklich geschichttiche Bild des
Hcrrn herzustellcii, haden wir kein andcrcs
Mittel, atS die hciligc Schrist; frühcre
> Vcrsuche zur Herstellung cines solchcn Bildes
sind die christotogischen Sätze dcr Bekenntniß-
schriften. Die heiligc Schrist muß, um als
Mittel zu diesem Zweckc dienen zu könncn, als
das behandelt ivcrdcn, was sie wtrllich ist,
nämtich als cin gcjchichtliches Erzengniß, das
cinc gcschichttiche Untcrsnchung und Würdignng
fvrdcrl. Dlc Bckeniitnißschriften aber stellen
dasjenige Maß von Vcrsländniß dcr Person
Jesu dar, weichcs nüt den Mitteln ihrer Zeit
zu erreichcn mögltch ivar, und wollen und kön-
uen nicht hindern, daß mit den ungleich reichcrn
nnd besscrn Mitteln unserer Zeit ein höhcres
Maß dieser Erkenntniß erftrebt werde — selbst
auf dic Gcfahr hin, daß in diesem Strcben
uilgcnügcnde und irrthümliche Versuche mit
untcrlauseii. Heute würde jeder Verjuch, in
der evangelischen Kirche der Freiheit der wissen-
schaftilcheii Forschung und der Lchrc durch

Frage ist, od man IN dem so lange Uttter den

Viclleicht ljt Allcs durch die Wkllcn zerstreut, da-

„ES ist wahescheinlich. — Jhre Ausstchten stnd
sehr ungewiß; vtclleicht haben Sie AlleS vcrtoren.
— Es ist itne Lotterte, Fräulein. — Zch bttte,
scien Sic vorstchtig; waS verlangcn Sie sür
die Abrretung Jhrer Rcchte? — Zwanzigtausenv
FrankS?"

„Nir, mein Hcrr, nie!"

„Verdammt! das scheint oon Gewicht."

„Sie könnten mir cinc Million bieten, ich würde
sie ntcht aufgeben."

.Line Million. S° waren die Herren LhermeS
und Jhr Herr Vater sehr reich?"

Bei dem Namen ThermeS, dtefem gcliebtcn Na-
men, senszi, Kräulcin v. Bonnaire lief anf, nnd
der «hrltchc Sp-culanl glaubtc fie t-öften zu müffcn.
Sr setzte all' setnc Berrdtsamkeit in Bewrgung und
erklärtc unter Andrrm, daß, da ste bet der Sache
bethkiligt, er beffer al« -e selbst bte Recht! geltend

Symbole, oder wodurch sonst immer. Schran-
ken zu setzen, an der Unmöglichkeit, ihn dnrch-
zuführen jchcitern. Nicht in einein auch nnr
mit moralischem Zwang dnrchzusührcnden G e-
setze übcr Glauben und Lchre licgt dcr Schntz
der Kirche gegcn Ungiaubcn, sondern in dem
fteudigen Vertrauen zur Macht der Wahrheit
in der Welt, in der ChristuS geschichtlich
Wurzel geschlagen hai und regicrt in cinem
Bertraue», daS von dem über stch selbst klaren
Glanben an Christum ganz uiizertrennlich ist.
Ntcht das jchwächt in unsern Geineinden das
Vertrauen zum Christenthum, wenn sie crfah-
ren, daß wir noch immer vollauf damtt zu
thun haden, die hiftorischen Thatjachen, auf
denen es beruht, nnd sein eigentlichstes Wejen
gründlich und allseitig verstehen zu lernen, wohl
aber jeder Versuch, dasselbc unter welchem Vor-
wande anch immer, der sreten Unterjuchung zu
entziehen. Und ebenjo gewiß wird es unsern
künftigen Geistlichen nicht zum Rachtheil gerei-
chen, wenn sie von Anfang an inil dem that-
sichlichen Stande unserer heutigen Theologie
und unserer hentlgen Wisscnschaft überhaupt
bekannt gemacht werden. Zm Gegentheil, er-
halten sie nicht jchon während ihrer Vorberei-
tungszeit' einen Einblick in die Fülle von
Prodlemen und Fragcn, die heute der Theo-
logie vorliegen, und in dic Bedenken und Zwei-
fel, welche in den weitesten Kreilcn die Gemü-
ther der Zeitgenossen erfüllen und bewegen, so
stehen sie nachmals im Amte verlassen da, denn
dann kennen sie weder die wirklichcn Anschau-
nngsweisen und Gedanken einer großen Zahl
dercr, denen stk Lehrer und Lkitcr sein sollsn,
noch wisscn sic sich für ihre cigenc Person zu-
rechtzufinden in dem Labyrinth von ihnen bis-
her unbekannt gebliebenen Schwierigkeiten, die
jetzt zmil ersten Male ihren cigenen Vorstel-
lungcn entgegentreten, welche ste in dem gutcn
Zutraven, sie seien auf dem -Dtandpunkt des
Glaubensunanfechtbar, angenommen haben. Zn
unseren Tagen thut es oem Bertraucn zum
geistlichen Stande und seincm Ansehen keinen
Abbruch, Ivenn scine Angehörigen nicht alle
übereinftimmend lehren von den hvhcn Dingcn,
an deren vollem Verständniß, wie man Ivohl
weiß, die Christenheit sich noch iange adzu-
mühen haben wird; dagegcn werden beidc anf
das Empfindlichste beeinlrächtigt, sobald die
Diener dcr Kirche der frcicn Bcwegung der
Gcister entgcgeiitretcn, zumat mit Mitteln des
Zwanges, und oollends, wenn ste dic Glaubcns-
gerichtc und dcn Rusi „lvider dte Zrrlehrc"
erneuern. DieS verletzt das gegenwärtige
Geschlccht gcrade in seincm iniiersten Gefühl;
und so unllar dies Gefühl auch häufig übcr
sich selbft ist in sciner Entrüstung, so wnrzelt
es doch in der That ties i,n Christenthuin selbst.

Wir haben nun in Vorstehendcm, ohne Un-
terftcllung von trüben Beweggründen, zu AmtS-
brüdern, die wir persönlich werth halten, ein
Wort dcr VerstLndigung gesprochen. Mögen
sic es denn vertrauensvoll als cin solches auf-
nehmen und im Vercin mit unS zu Gott, dcm
Vater unsercS Herrn Zesu Christi, beten, daß
er in uiiscre Landeskirchc die aufrichtige Ein-
müthigkeit bald zurückkehren lasse, mit dcr er

machcn könne, wclche tn dem Zcitraumc von fünf-
zig Zahren verjährt scicn.

„So glauben Sir," sagtc daS arme Fräuletn,
„daß mcinc Rechte erloschen?"

,Zch weiß nicht, Fräulcin, doch kann dtrs Ge-
genstand etnes ProcesscS werdcn."

(Schluß folgt.)

Der Hrrr Ledcrhvse hat in Mannheim den
Antrag grstellt, drn Hcrrn Schenkel wcgen
s-in-s WerkcS: „DaS Lharaktrrdlld Zesu" drs
Amtes zu cntsetzcn. Kurios, Herr Lcdcrhose! Ein
Schrnkel hat wohl rinen Zweck auch ohnc Le-
derhose, einc Lederhose ohnc Schenkcl
ist aber völlig unnütz. (Krkf. Latern.)

Wien, v!e Hotelrechnnng deS KöingS oon
Preußen tn Gaftein dctrug für einen drriwöchrnt-
lichen Aufenthalt 22,0lst) fl. Dte Zaht öer Cava-
liere deS GesolgeS betrug 20 und die der Diener-
schaft -bcnsovi-l. Dcr Kaiser »on Rnßland beiahlte
sür -incn Busenthalt gleicher Daner tn Kisstngen
7L,000 fl.
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