Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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dies veranlassen, ist das Ergebniß der Wahlen
zu weitercr dortseitiger Arntshandlung mit gut-
achtlichem Bericht einzufordern."

Aus Baden, 4. Oct. Ein neulicher Er-
laß des erzbischöflichen Ordinariats zu Frei-
bürg verbietet dem Curatclerus den Eintritt in
den Ortsschulrath und überhaupt jede Bethei-
ligung am Schulwesen. Mit diesem äußersten
Schritt sind die gegenwärtigen Leiter des kirch-
lichen Regiments zu Freiburg weit über den
erzbischöstichen Hirtenbricf vom 19. Juli hin-
ansgcgangcn; denn letzterer hatte es nur für
nicht rathsam crklärt, daß die Pfarrer in den
Ortsschulrath eintreten, im Uebrigen aber diesen
überlassen, was sie zu thun für das passendste
hielten. Jene äußerste Maßregel scheint da-
durch motivirt zu sein, daß in der That nicht
wenige, zumal Lltere Geistliche, es für passend
erachteten, den ihnen durch das Gesetz vorbe-
haltenen Ehrensitz im Ortsschulrath einzuneh-
men und folglich im Wescntlichen ihre bisherige
Stellung zur Schule und ihren wohlthätigen
Einfluß auf die Jugenderziehung in ihren Ge-
meinden beizubehalten, als sich in eincn feind-
lichen Gegensatz zur gesetzlichen Ordnung des
Slaates zu setzen, lediglich um in einem un-
fruchtbaren Grolle nichts zu thun. — Gewiß
erscheint das Verhaltcn der protestanti-
fch^n Geistlichkeit sowohl'vom christlichen als
vaterländischen Gesichtspunkt aus weit gerecht-
fertigter, die zwar zu einem sehr namhaften
Theil anfänglich ebenfalls gegen die Schul-
reform sich erklärl hatte, so lange man wähnte,
daß durch jene der confcssionelle Charakter der
Volksschule und die berechtigte Stellung der
Kirchcn zu dicser abgeschwächt werden solle,
die aber jetzt ungethcilt einer ihrer heiligsten
Aufgaben nachkommt, bei dcren Erfüllung sie
durch das neue Schulgesetz in Wirklichkeit sich
mehr gefördert als gehindert sieht. (S. M.)

Frankfurt, 6. Oct. Preußen uno Oester-
reich beantragen beim Bunde eine Eröffnung
an die BundeScommissäre, dahin gehend,. durch
Abschluß der Telegraphcnverträge ihre admini-
nistrative Befugniß überschritten zu haben, was
eine sormelle Ungiltigkeit in sich schließe.

BZiesbaden, 2. Oct. Die Dinge gipfeln
in Nassau. Die clcricale Partci greift zu den
äußerstersten Mittcln. Jede Wochc hält sie
unter Leitung des Negierungsdirectors Werren
und dem Vorsitze eines Beamten eine öffent-
liche Versammlung an irgend einem Orte oes
Landes zum Zwccke dcr politischen Agitation
und der Bewerbung für die bevorstehenden
Wahlen; denn man hofft, im clericalen Jn-
tcresse die Auslösung der gegenwärtigen libe-
ralen Kammern bei dem Herzoge durchzusetzen.
Die Einladungen zu diescn Versammlungen
erfolgen öffentlich in der herzogl. nassauischen
Landeszettung, welche alle Gcmeinden auf Be-
fehl der Regierung zu halten gezwungen sind;
sie werden in aller Form und Feierlichkeit, mit
Vorsitzenden u. s. w., abgehalten. Wenn da-
gegen ein paar Liberale sich in einem Privat-
zirkel zur vertraulichen Unterredung ohne öffent-
liche Einladung zusammenfinoen, so wird -iese
Gesellschaft aus Werrens Bcfehl durch polizei-
liche Gewalt aus einander getrieben. Dies ge-

abgwunna, und da gebübrt ibm schon was Ertras."

Ein Iuchhe! von hunderr frischen Kehlen empfing
und beglettete dicse Erklärung, und der Tanz

vie „Buben" noch tausenbmal mehr Respect, als
vordem.

Die Feier des 1. Wctober in Karlsruhe.

Der Abend drs EinführungstagS der neuen Ge-
staltungen in Rechtspflege und Verwaltung hatte
in dem festlich geschmückten Saale ber Gesellschaft
Eintracht wohl über 200 Theilnehmer aus bem
Beamten- und Bürgerstande zu cinem Banket ver-
einigt. Es schien, als soUe gleich der erfte Tag die
schöne Deutung erhalten, wie künftighin Beamten-
thum und Bürgerstand ohne die trennenden Schran-
ken bureaukratischer Staatsanschauung veretnigt sein
werden. Mit einem kraftvollen dichterischen Festgruß
eröffnete Herr Secretär Nowack den Reigen der
Sprrcher, und an den Sckluß des Gedichtes an-
knüpfend, bekränzte Hr. Oberbürgermeister M a lsch
die Büste unseres theueren Fürsten mit dem Lorbeer,
unter dem dvnnernden Hoch der Versammlung. Die
Reihensolge k-er Lva,ie bilvctr eine sast ununter-

schah am 25. in Bad-Ems und heute in Jd-
slein. Die Gendarmen marschiren sogar mit
„Handschellen" auf, um die „Vervrecher" zu
schließen. Dieses Verfahrcn verlheidigt Werren
dadurch, daß er in seiner Landeszeitung be-
hauptel, die Liberalen wollten die Verfaffung
umstürzen und vcrdientcn daher keine Duldung.
Jn Nassau gibt eS nämlich zwei Verfassungen,
die vereinbarte von 1849 und die octroyirte
von 1852. Die liberale Partei strebt, auf ge-
setzlichem Wege die erstere wiederherzustcllen,
weil sie Trennung der Justiz von der Verwal-
tung, Selbstverwaltung der Gemeinden, Preß-
freiheit und andere Grundrechte gargntirt, welche
fast in ganz Deutschland in anerkannter Wirk-
samkeit stehen. (Köln. Z.)

Berlin, 5. Oct. Die „Nordd. Allg. Ztg."
meld- t, daß öer preuß. Bevollmächtigte Schmidt«
hals dem Könige Georgios von Griechenland
ein Schreiben seiner Regierung übergeben hat,
woriu die Anerkennung der neuen Regierung
angezeigt wird.

A r a n k r e t ch.

Paris, 5. Oct., Abends. Die „Patrie"
sagt, daß heute Abend Hr. v. Bismarck sür
einen zweitägigen Aufenthalt hier erwartet wiro.
Die Kaiseriu kommt um 7 Uhr und, wie man
versichert, in Begleitung des Grafen v. d. Goltz
an. Hr. Drouyn de Lhuys soll gleichzeitig mit
der nach Nom geschickten Depesche auch eine
solche nach Turin geschickt haben.

Marseille, 5. Oct. Briefe aus Konstan-
tinopel vom 28. Sept. zeigeu an, daß Prinz
Murat und seine Familie den vorhergehenden
Freilag angekommen waren. Das Personal
der französischen Gesandtschaft und eine hohe
Person vom Hofe waren ihiwu enlgegengekom-
men, um sie zu bekomplimentiren. Der Prinz
wurde mit großen Ehren vom Suttan empfan-
gen. Dcr Sultan erwiederte Sr. Hoheit später
den Besuch auf der französischcn Gesandtschaft,
eine Ehre, die sonst nur Prinzen von Gcblüt
erzeigl wird. Dic Angelegenhcit der Klöster
ist veelagt. Die Geistlichkeit weist die Vor-
schläge des Fürsten Cuza zurück, indem sie be-
hauptet, die Klöster seien ihr Eigcnthum und
Niemano habe das Necht, sie desselben zu be-
rauben. Die Regelung der Affaire des Li-
banon ist veröffentlicht worden. Der Reprä-
sentant Ztaliens ist ausgeschloffen worden. Er
hat protestirt und die Nechte semcr Regierung
vorbehaltpn.

Z t a L t e n

Die schon erwähnte Proklamation des römi-
schcn Nationalcomites üver die Convention lautet
folgendermaßen: „Römer! Frankreich hat end-
lich in Gemeinschaft mit der Regierung des
Königs bcschlossen, in einem zwei Jahre nicht
überschreitenden Zeitraumc seine Lruppen aus
Rom zurückzuziehen. Der Grundsatz der Nicht-
einmischung hat schließlich auch bei uns Geltung
erhallen. Das unglaubliche Verhalten des rö-
mischen Hofes und die gerechten Bestrebungcn
des Volkes haben der Unbeweglichkeit, welche
der römischen Frage ihre Lösung vorenthielt,
ein Ende gemacht. Die Negierung des Königs

brochene Kctte, nachvem rinmal der zweite Vor-
stand der Gesellschaft Eintracht, Hcrr Fabrikinhaber
Schmieder, bauend auf ihren Namen die„Ein-
tracht", das einmüthige Zusammenwirken von Bür-
ger- und Beamtenstand und die geehrten Gäfte der
Gesellschaft mit etnem Hoch bewillkommt hatte. Der
Präfident deS Karlsruher Gerichtshofs, Hr. Mü h-
ling, feierte dankend die Restdenzstadt Karlsruhe,
dcr erste Bürgermeister der Residcnz, Hr. Malsch,
brachle entgegnend dcn Schöpfern des GesctzeSwcrks,
den Räthen der Kroue, sein „Hoch". Mit aller
Formenschönheit und Gedankenschärfe seiner redne-
rischen Begabung brachte nun der Präfident des
Hanoelsministeriums, Staatsrath Mathy, seinen
Toast den Mitgliedern der neugeschaffenen Behör-
den. Zu früh und zu spät, sprach dcr Redncr, sei
er gckommen, um Antheil zu nehmen an dem den
Räthen der Krone gezollten Danke. Zu früh —
denn in dem ersten Theile setnes badtschen Berufs-
lebens seien die Organisationen Entwürfe geblieben;
zu spät — denn bei seinem Wicdcreintritt waren
alle Vorlagen beendet. Er dürfe daher keinen Theil
deS dargebrachten Dankes für sich beanspruchen. Im
Verlaufe stincr Rede schildertc der Sprecher den

hat keine Verpflichtung übernommen, welchc den
Nümern das Recht mmml, sich vem Königreich
Jtalien zu annectiren, so weuig, wie diesem,
die Annexion anzunehmen. Jndem man die
Achtung der Grenzen von Seilen der italieni-
schen Truppen ansbedang, wollte man Nom den
Römern zurückgeben, die weit entfernt ein Ei-
genthum der todten Hand des KatholiciSmus zu
sein, absolutc Schiedsrichter ihrer eigenen Ge-
schicke sind. Nömer! Jhr habt also euer Loos
in HLnden! Jhr könnl das Recht ausüben,
daS man keinem Volke mehr vorenthält, das
Recht der Volksabstimmung. Vergesset jedoch
dabei nicht, daß ihr gegen dle clericale Tyrannei
zu kämpfen habt, die man uicht, wie jeoe Ty-
ranuei, niederwerfen kann. Seit längerer Zeit
schon konnten wir uns überzeugen, daß die
römische Curie, um die weltliche Herrschaft aus-
recht zu erhalten, ihrer geistlichen Herrschaft
Abbruch gethan hat. Wir müssen diesem Miß-
brauch Her Vermischuug von Gewalten, die stch
gegenseitig ausschließen und das Papstthum ins
Verderbcn zu stürzen drohen, ein Ziel setzen.
Wir haben die doppelte Aufgabe, Rom den
Römern und der Kirche die ihr bis jetzl man-
gelnde Freiheit zurückzugeben. Allein, um dies
durchzusetzen, müssen wir stark, gemäßigt, einig
sein, und wir weroen es sein. Nömer! Europa
heftet die Augen auf uns, und die allgemeine
Neaction. welche ihren Hauptsitz in dem Rom
der Päpste aufgeschlagen hat, wird mit allen
Kräften auf uns drücken. Bereiten wir uns
feierlich vor, und geben wir uns zu keinem
Vorwand gegen uns eine Blöße. Wir werden
den Bischof von Rom achten, wenn wir gleich
die wildeste Regierung umstürzen, die sich durch
die Niedermetzelung oes Volkes, durch Kinver-
raub, durch gastsreundliche Beherbergung der
Mörder, durch Kerker uud Verbannung kund
gibt. Seien wir stark, Nömer, und die Zukunft
wird unser sein. Seien wir ftark, weil die
Schergen aller Länder sich balo um die päpst-
liche Fahne schaaren werden. Wir müssen einen
einzigen Willen und einen einzigen Arin haben,
um den letzten Vereinigungspunkt der Reaktion,
die stete Drohung gegen Jtalien und das civi-
lisirte Europa zu vernichlen. Römer! zeigen
wir uns uuseres hohen Geschickes würdig! Wir
haben eine große Aufgabe: die, die Ki?che dcm
Papstthum, Rom den Nömern zurückzugeben
und die große italienischc Wieoergeburt zu
vollenden. Und diesex unserer Pflicht wollen
wir nicht untreu werden. Rom, 21. Septbr.
1864. Das römische National-Comite."

S p a n t e u

Madrid, 5. Ocl. Nachrichten aus Lima
vom 18. Angust constatiren die Unzufrieden-
heit der Bevölkerung in Folge des Stillstandes
des HandelS, der durch den Conflict mit Spa-
nien verursachl worven ist. Man findet, daß
die Haltung der Regierung die allgemeinen
Jnteressen verletzt. Mehrere peruanijche De-
putirte haben einen Vorschlag gemacht, sreund-
schastliche Unterhandlungen mil Spanieu an-
zuknüpfen.

satorischen Einrichtungen. Die Bcgrüuvuug ver-
mehrter Raschheit und Sicherheit dcr Rechtspflege
ist nothwendige Folge der gewaltigen Entwickelung
im Leben des großen Handels- und Gewerbever-
kehrs. Nicht ein Zufall habe darum fast den ge-
sammten Personalbestand des Handelsministeriums
zu diesem Feste geführt, sondern die volle Erkennt-
niß seiner Bedeutung. In launigcr Zusammen-
stellung schilderte Hr. Oberstaatsanwalt Bachelin
den Widerstreit der Erwartungen der guten Resi-

ein Zuwachs zu dem berühmten Staube der Resi-
denz — der Aktenstaub; rr brachte sein Hoch dem
gastlichen Gesellschaftscomite. (Schluß f.)

(AuS Schrecken gestorben.) Der„Hlas"er-
zählt, eine junge, kräftige Magd, die in Prag über
den Karlsplatz ging, sei durch ven tölpischen Scherz
eines Droschkenkutschers, der sie beim Vorüberg> hen
plötzlich mit den Armen umfing, so sehr erschreckt wor-
brn, daß sie trotz angewendeterHilfe valv darauf starb.
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