Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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LA fFLH nrrschelnt, MonkagS aaSgenommen, tä«lich. ZnsrrtionSgebäbre-sllr die zspaltige vktit. M

^T-»» MU^»E» -rei« vierteliährlich 5t k. ieilewerden mit 4 kr. berechnek. M.O UW

Bc-stelluiige» auf die „Heideiberger
Jeiruag" nebst Beila,;« „Heidelber-
ger Aamilienblätter" fur das uiit l.
Lctober I8ii4 begonnene 4. Quartal
werden fortwäbrend angenommen.

Die Expedition

* Politische Nmschau.

Jiach dir „Wes.-Ztg." sollen bereits CouponS
einer 4>/z pCt. preußischen StaatSnnleihe von
1884 in Umlaus sei». BiSher ist bekamitllch
nicht allein nicht augcnommcn. sondern anch
von osficiöser Scite wicderholt gcläugncl wor-
den, daß der Krieg die Benutznng andcrer als
der bereitcn Mittel deS StaatShaushaltS erfor-
dert habc, uud eö handelt sich daher hier wohl
um eine Anlcihe unter Bürgschaft dcr Krone.
Auf die crfolgenden Berichtigungen von Berlin
her wird ma» ncngierig sein dürsen.

Die „Nordd. Allg. Ztg." dementirt dic Zci-
tungsnachrichten vom angeblichcn Rücktritte dcS
prenßischen FinanzministerS in Folge »on Dif-
fcrenzen mit dem Kriegsministcr und deS vor-
tragenden Rathes beim Kronprinzen, Geheim-
RathS Duncker.

Die Liberalen in Preußen fordern in cinem
Aufrus zn einer kräftiger organisirten Vorberei-
tnng sür die bevorstehcndcn Communalwahlen auf.

Cs heißt, die preußische Rcgicrung bie«
Oesterrcich einen Handclsvertrag aus Grund
der Prager Conscrenzen und scine gnten Dienste
bezüglich deS ArtikelS 31 gegcn den Verzicht aus
vertragSmäßigcS Eintrittsgeld an.

Dem Gerüchte, dcr Graf v. Rechberg habe
seinc Demisfion angebotcn, wird in NegierungS-
kreiscn widersprochen.

Von Scite EnglandS sind knrzlich die ersten
Schrittc in Betrcss eines mit Oestcrrcich abzn-
schließcnden HaudelsverlragS cingeleitet worden.

Die irländischen Katholiken habcn daS Par-
lamentsmitglied Pope Hcnnessch nach Rom ab-
gcsendet, nm dem päpstlichen Stnhle ihre Be-
sriedigung mit der Convention vo»> 1b. Sept.
anszudrückc».

Dcr „Gaz. dcl Popolo" zusolge haben die
Tnrincr Vorfälle 15b Todte und 160 Ver-
wundcte gekostet.

Die neapolitanischen Blättcr fahren fort,
Mitlheilungcn über daS inuncr noch in dcr
Blüthe bcfindliche Briganten-Unwesen zn gebcn.

Die Proclamationen Mazzini'S, worin er bei
seincr Liebe zu Zlalien schwört, daß Abmachun-
gen wegen eineS ncuen LandcSschacherS zwischcn
Jtalien und Frankreich bestche», fordern die

Patrioten JtalienS auf, eiue Regierung zu
stürzen, wclche die Ehre und das Blut Jta-
lienS so schmahlich verkaufe. Diese Erklärung
hat nicht nur in Turin, sondern allenthalben
ein ungeheurcs Aufsehen gemacht, eine unend-
liche Ausregung hervorgcrufen, welche so grvß
war, daß selbst officiellc Blätter, wie die
„Opinione", „Stampa" n. s. w. dieselbe nicht
ignoriren konnten und das Gerücht erwähnten,
natürlich um dasselbe energisch zu dementiren.

- Die Nächrichten anS Algcrien sind fortwäh-
rend sehr wcnig zufriedenstellend. Die Znsur-
rcction gewinnt trotz der kleinen Niederlagen,
die sie in den lctzten Tagen crlitten, an Um-
fang, und die Verstärkungen, die man in den
letzten vierzehn Tagen nach der französischen
Colonie absendet — kürzlich gingen wieder zwci
Rcgimenter ab —, belausen sich auf nahe an
30,000 Mann.

Dic Siege der amerikanischen Nordstaaten
sollcn daS französische Cabinet bestimmt haben,
dcn früher widcrholt angeregten Plan einer
Anerkennung der secesflonistischen Staaten voll-
ständig zu bescitigen, nm so mehr, als Garan-
ticn snr die Ncutralität der Union bczüglich
Mexico'S gegehen seieu.

Ztii Schlcslvig-Hulstciii'schen
Tache.

Bcrlin, 1. Oct. AuS Kiel wird gemeldet,
nach Rnrkknnst deS Hrn. v. BiSmarck werde
Hr. v. AHIefcld wiedcr hierhcr kommen, um
eine Verständignng mit Preußen zn erziclen,
da er vou dem Hcrzog Lon Augustenburg zur
Geschäftsleitung in den Herzogthümern desig-
nirt isk.

Aus Holstein, 10. Oct. Dic österreichsche
Regiernng hat ihren Antheil an dem bei RendS-
burg stchenden großcn dänischen Gcschützpark,
wie inan sagt, außerordcntlich billig verkauft;
auch /in Zeichen, daß man Geld braucht und
jeine Gcschäste bei uns abwickeln^ will.

Kopcnliogen, 11. Octbr. „Flyveposten"
meldet, daß Capitän Schöller nach Wien zu-
rückgercist ist, nm scitens der dänijchen Regie-
rung dic Bcstätigung dcr anf der Confcrenz
bezüglich der Grenzregulirung getroffenen Ucber-
cinknnst zn überbringe». DaS Folkething hat
am Montag Abend die Adreßdebatte bcgonncn.
/Dcr Minister deS Znncrn sagte: die Regicrung
wolle sich jetzt »icht über dic evcntuellc Wieder-
aufnahme des GrundgesetzeS von 1848 au§-
sprcchen, beziehnngsweisc bindende Erklärungen
abgeben: Verändcrnngen müßten jedensalls
darin vorgenommen werden.

Kiel, 11. October. Admiral Jachmann
miethcte eine Winterwohnung in Flensburg.
Es gehen Gerüchte über baldigsten Abmarsch
der Oesterreicher.

Kiel, 12. Oct. Dcr „Kielcr Ztg." wird
unterm Gestrigen aus ApeNrade gemeldet, daß
die Abstimmung über Einsührung deS Deutjchen
oder des Dänischen als -schulsprache 454 Stim-
men für das Dentsche, 250 Slimmen für daS
DLnijche ergab.

Wicn, 12. Oct. Jn Folge des gcstrigen
Anerbietens von Dänemark ward eine Vcr-
stänsigung in dsr Finanzfragc, d. h. ein Com-
promiß, erzielt. Hcute findet abermals Sitzung
statt zur Erledigung der übrigen fünf Neben-
fragen. Glcichzeitig beginnt die Paraphirung
des VertragS.

D e u t s ch l a n d.

Mannheim. Unsere Nheinbrückenangele-
genheit hat einen tüchtigen Schritt vorwärts
gethan, die Hläne der Brücke sind von beiden
Staaten und lhren Technikern vereinbart; mit
dem Grundbau kann mit Nächstem begonnen
werdeu. Auch ist zwischen Bayern und Baden
einerseits und den übrigen Nheinuferstaaten eiu
Vertrag über Entschädigung der Schiffcr ver-
einbart, die längstens bis zum 1. October die
Stromstelle befahren haben, an welcher die
stehende Brückc aufgeführt wird. Diese Ent-
schädigung für Herstellung von Vorrichtungen
die Brücke zu yassiren, wird sich bei Dampf-
schissen auf 175 bis 612 si. und bei Segel-
schifsen auf 44 bis 1487 fl. belaufen. ES haben
auf dieselbe auch diejenigen Anspruch, welche
schon bei den bestchenden Brücken entschädigt
wurden, wenn zum Durchgang unter der hie-
sigen neue Vorrichtungen getroffen werden
müssen. Während des BrückenbaueS wird ein
Durchlaß von 30 Metern Breite offen stehen.
Zum Commissär für diese Angelegenheit ist der
hiesige Oberzollinspector Muff ernannt.

Leipzig, im Oct. Die TageSordnung des
zweiten Vereinstags deutscher Arbeitcrvereine
zu Leipzig am 23. uud 24. October 1864 ist
wie folgt festgestellt: 1) Freizügigkeit; 2) Ge-
nossenschaftsweseu: s) Consumvereine, d) Pro-
ductivgenossenschaften; 3) über einen gleichen
Lehrplan sür alle Arbeiterbildungsvereine; 4)
Wanderunterstützungskassen; 5) Altersversor-
gnng; 6) Lebensvcrsicherung; 7) Negulirung
des ArbeitSmarktes; 8) Arbeiterwohnungen;
9) Wahl des ständigen Ausschusses. Sämmt-
liche deutsche Arbeitervereine sind eingeladen,
den Vereinstag durch ihre Abgcordneten (1—5,

Ein prozeß um einen Stieselabsatz.

dieser Tage vor einem Wiener Bezirksgericht ver-
handelt. Madame S., eine Frau von fünfzig und
einigen Zahren, kam, um ihren Schuster zu ver-
klagcn, weil er vergessen, bei einem Paar Schuhen,
die si^ bei ihm bestellt hatte, die Absätze anzu-
bringen. Madame S. brauchte zu ihrer Civilklage
keinen Advokaten; sie sprach selber folgendermaßen:
„Mein Herr Gerichtsvollzieher," so spricht sie den
Richter an, „ich habe die Schuhe im vorhinetn
bezahlt; tch habe dem Manne zwei Gulden ge-
geben, und nun, denken Sie sich, da bringt er
mir ein Paar Schuhe ohne — Stöckel. Jch stelle !
ihm die Schuhe zurück; er macht ein Paar Stöckel i
daran und verlangt nun den unerhörten Preis !
von dreißig Kreuzern dafür. Dreißig Kreuzer für
ein Paar Stöckel; einer Frau in so schönem Alter
ein Paar Schuhe ohnc Stöckel, ist das nickt schreck- j
lick? Mein Herr, beschlen Sie dem Menscken, daß j
rr die Schuhe zurücknehme und mir mein Geld i

büße!" !

Der Schuster, der mit den strittigcn Sckuhen zu !
Gertcht gekvmmen ist, läßt Madame ruhig vollen- !
den, dann aber meint er: „Madame, bet Jhrem !
Alter sollten Sie denn doch solche Geschichten j
lassen." — Aber daS war Oel ins Feuer geschüttet.
Madame fährt auf: „So, bei Jhrem Alter!" Also
Sie bcschimpsen mick auch noch. Jch bttte Sie, Herr
Gerichtsvollzieher, schützen Sie mich vor neuerltchen
Jnsiilten."

Der Richtcr: Madame, eS thut mir leid, Zhnen
erklären zu müssen, daß der Vorwurf des Alters
nock kein Sckimpf ist. — „Ach Gott, auch Sie!
Zch Unglückliche!" ruft Madame ganz zerknirscht,
und macht Micne, in Ohnmacht zu falleii. Der
Schuster jedoch, der das bemerkt, läßt nun noch
einc ganz andere Bombe platzen. „Wissen Sie," !
sagt rr, „warum ich die Schuhe ntcht zurücknehme?
weil gar ketne Frau in ganz Wien mehr einen so i
großen Fuß hat, wie Madame S."

Die Klägerin geräth ob dieser neuen „Znsulte" !
außer sich. Sie vergißt. in Ohnmacht zu fallen,
und trotz threS Alters — halt! das dürfen wir

nicht sagen — also trotz der Fünfzig läßt Madame
im Nu den Fuß bis in die Höhe des Strumpf-
bandes erblicken, um zu zeigen, daß sie abermals
verleumdet worden sei.

Der Richter, dem darum zu thun ist, diese fatale
Scene abzukürzen, der fürchten muß, daß Madame
mit ihren Argumcnten noch weiter gehen könnte,
.sucht die betden Parteien zu beschwicktigen, und
endlich, da das absolut nickt geht, erbietet er sich,
die strittigen dreißig Kreuzer aus eigenem Sacke
zu bezahlen.

Nun aber hat die Scene ihren Höhepunkt er-
reicht. Der Sckuster sicht sich an setnem Ehrgefühl
gepackt; er wirft wüthend die Schuhe der Dame
vor bie Füße und mit ben Worten: „Nun so
scheren Sie sich, Sie Zunge!" verläßt er den Ge-
richtssaal.

Madame zuckt die Achseln; sie hat den Prozeß
gewonnen.

Der Erdsptegel ist wirklich nicht ohne; fragt nur
den alten Herrn im Dorfe Z. bei Freiberg, der
kürzlick seine goldene Hochzeit gefeiert hat. Laß
Dich photographiren! batcn ihn Kinder und Enkrl.
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