Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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steht aus zwei Sectionen, eine für Medicinal-
und eine für Veterinär-Angelegenheiten, jedoch
unter einem und demselbcn Vorstand. Die
Regierung behält sich vor, zur Berathung be-
sonders wichtiger Gegenstände auch außeror-
dentliche Mitglieder beizuziehen. Die wichtigste
Bestimmung aber ist, daß dem Obermedicinal-
rath künftig je ein gewahlter Ausschuß sammt-
licher practischer Aerzte, Thierärzte und Apo-
theker des Landes zur Seite steht. Dicse Aus-
schüsse sind beizuziehen und zu hören, so oft
es sich um Jnteressen des gejammten Standes
der Aerzte, Thierärzte und Apotheker, oder um
Handhabung der Disciplinargewalt gegen einen
ihrer Fachgenossen handclt, in FäÜen, wo die
Reputalion und Ehre des aanzen Slandes in
Frage kommt. Diese Vertretung ift jedoch den
drei genannten Berufsclassen nur als eine Be-
fugniß, nicht alS eine Pflicht zugestanden; auch
haben die Fachgenossen je einer Classe die
Kosten für ihre Vertretung in ähnlicher Weise
selbst zu tragen, wie dies nach unserm neuen
Verwaltungsgesetz in analoger Weise bei den
Bezirksräthen und Kreiöversammlungeu der
Fall ist.

Darmstadt, 18. Oct. Die „Hess. Ldsz."
schreibt: Nach den neuerdings gedruckt umlau-
fenden Aufforderungen vou Karlsruhe und
Hamburg, sowie nach der ganzen Sachlage
werden die Verhandluugen der Generalver-
sammlung des Nationalvereins am 31. Octbr.
in Eisenach sehr lebhast werden und die Geifter,
namentlich Süden und Norden, hestig auseinan-
der plahen. Wir hofsen übrigens einen guten
AuSgang und die Vermeidung jeder Spaltung,
da jeder ehrliche Patriot sich der Mehrheit
fügen und das hierzu nölhige Opfer an eigenen
Ansichlen bringen muß, und da der heran-
rückenden Reactiou gegenüber Einigkeit von
Nord und Süd und von den verschiedenen
Schattirungen der FortschrittSpartei doppelte
Psticht ist. ES läßt sich auch erwarten, daß
Mittel und Wege gefunden werden, um die
materiellc Bewegung durch Aussteckung practi-
scher Ziele neu zu belebeu und hierdurch Junker-
und Pfaffenthum, sowie dcn Particularismus
und die Bureaukratie inehr uich mehr nieder-
zuwerfen.

^ Weimar, 17. Octbr. Bei Gelegenhcit der
Sitzung des 36er-AuSschusses zcigte sich wieder
die Ungerechtigkeit der Vorwürse, daß auch die
Fortschrittspartei in Preußen AnnexionSgelüste
habe. Dunker, von Hoverbeck, Löwe und von
Unruh, gewiß vier einflußreiche Führer, erklär-
ten übercinstimmend, daß sie gegen jede Au-
nexion und gegen jede Beschränkung freier Ver-
fügung der Herzogthümer über ihre Stellung
zu Preußen seien. Sie sorderten Alle nur solche
Concejsionen, welche im deutschen Jnteresse
wünschenswerth seien und welche doch nicht von
Hannover oder Oesterreich oder dem BundeStag
gemacht werden könnten, z. B. Kriegshäsen,
neue Festung, großer Canal u. s. w. (H. L.)

Weimar, 17. Oct. Diesen Vormittag ift
die Generalversammlung der Schillerstiftung im
L>aale des Erholungsgebäudes durch den Vor-
sitzenden des VerwaltungsrathS eröffnet worden.
Außer Gratz sind sämmtliche Zwcigstiftungen

kens. Manches Glas voll des edelsten Melnikers

zu lassrn. (Forts. f.) I

Vor kurzem brachten Zeitungkn die Nachricht von
dem unglücklickrn Ende eineS Forstwarts, welcher
als Führer riniger Touristen in etne Spalte deS
Sckwarzensteinferners gefallen war. Nackträglich
erwähnenswerth erscheint die Treue deS dem Ver-
unglückten gehörenden HunbeS. Als daS Thirr ^
seinen Herrn in die tiefe Kluft gestürzt sab, erhob
es etn klägliches Winseln, sprang mtt Angst an >
der verderblichen Kluft auf und ab, bellte in die- !

kurz, der treue Hund benahm sich, daß bei dem
alle Aufmrrksamkeit im höchsten Grade in Anspruch
nehmenden Unglücksfalle dte Hingabe desselben un- ^
möglich übersehen werden konnte. Als der Begleiter
des Forstwarts forteilte, um Hilfe zu bringen, i
schien rs. als ob der Hunv ihn nickt fortgehcn ^
lasscn wollte; er blieb dann bei der GiSspalte allein '

vertreten. Die Versammlung hat zu ihrem
Vorsitzenden den Generalintendanten Dingel-
stedt, zu scinem Stellvertreter den Oberjustiz-
rath Köstlin aus Stuttgart, zu Schristführern
den Zuristen Dr. Weisel aus Wien und den
Dr. Oppermann auS Neinburg, in die Revi-
sionscommission: Assessor Dr. Jung aus Köln,
Dr. Heller aus Hamburg, Dr. H. Brockhaus
aus Leipzig, Dr. Compert aus Wien, Dr. v.
Bippen aus Lübeck erwählt. Die Versammlung
beschließl Oeffenllichkeit oer Verhandlung, von
welcher nur aus bcsonders vorgehenden Antrag
Abgang genommen weroen soll, was dann ein-
trelen wird, wenn aus Anlaß des Berichts über
die seitherige Thäligkeit der Stiftung die Namen
der Begabten vorkommen, zu deren Geheim-
haltung bis jetzt die Satzungen verbinden.
Anlräge liegen vor über Satzungsänderung,
namentlich im Punkte der OeffentlichkeitSfrage
und des Vorortöwechsels.

München, 15. Oct. Der Hr. Bischof von
Spester wollte daselbst, wo ein Lyceum besteht,
eine theologische Facultät errichten; das Mini-
sterium hat jedoch oie Genehmigung versagt.

Zur Angelegenheit ves Grasen Kerssenbrock
bringt dcr „Weslphäl. Mercur" folgende Mit-
theilungen, die wir ohne Commentar wiederge-
ben. „Jm Mai ds. Js. sind die drei Grafen
schmising - Kerssenbrock durch solgende Aller-
höchste Cabinels-Ordre auS Sr. Majeftät Dien-
sten entlasscn worden:

Auf den Mir unlerm 3. d. MtS. erstatteten
Bericht bestimme Jch hierdurch: Die Seconde-
Lieutenants Gras Korff-Schmising-Kerssenbrock
i., Graf Korff-Schmising-Kerssenbrock ll., Graf
Korff-Schmising-Kerssenbrock lll. von Meinem
ersten Garde - Reginn'nt zu Fuß werden aus
Meinen Militärdiensten gänzllch entlassen.

Berlin, 13. Mai 1864. (gez.) Wilhelm.

„Dicser Entlassung svlgte die allgemeine
Theilnahme, und alö diese in fortwährendem
Steigcn war, entstanden Gerüchte, welche ge-
eignet waren, die Ursachen dieser Entlassung
zu entstellen und die Ehre der drei Grafen
nachtheilig zu beeinflussen. Um die wahren
Ursachen dieser Entlassung bekannt zu machen
und die Ehre sciner drei unjchnldigen Söhne
zu retten, hat der Vatcr in der Kreuzzeitung
die den drei Grafen von ihrem 9iegimenls-
commandeur ausgestellten Entlassungszeugnisse
nebsl einer Erklärung veröffentlicht. Trotzdem
hörten die oben genannten Gerüchte nicht auf.
AlS der Vater darauf einer hochgestellten Per-
fon, die sjch mit Verbreitung diefer Gerüchte
namentlich befaßte, direct entgegentrat und die-
fclbe um Bcgründnng derselben bat, wurde dies
als etwaö Ünniögliches bezeichnet. Der Vater
hat sich darauf an den Regimentscommandeur
selber gewandt, mit der Bitte, ihm zu sagen,
ob noch andere als die von ihm felbst im Ent-
lassungszcugnisse angesührten Grnnde bei der
Entlaffnng maßgebend gewesen seien. Diese
Bilte ist rundweg abgeschlagen. Daraus hat
sich der Vater allerunterthänigst höheren Orts
verwandt mit der Bitte um Einsicht in die
Actcn, wclche die Entlassung sciner Söhne
herbeigeführt hatten, um mit Bestimmtheit
allen seinen Söhnen nachtheiligen Gerüchten

zurück, wo er auck allem Anscheine nach biS zu
seinem Verenden ausgcharrt hätte, vielleicht gar
seinem Herrn nach in die Kluft gestürzt wäre. Fast
nach fü«f Stunden kehrten die Männer z'urück.

Schweife, eilte voraus und fortwährend fich um-
blickend, schten rr dte zur Rettung srines Herrn
herbeigrkommenen Männer zu größerer Eile an-
zueifern. Die Freude des armen ThiereS, als der
Förster auS der EiSgrube gezogen wurde, läßt fich
aber nickt beschreiben. Leider starb der Herr deS
treuen HundeS nock auf dem Gletscher.

St. PeterSburg ist durch einen UnglückSfall in
Scbrecken und Trauer versetzt. Ein großer Theil
der Pulver-Magazine zu Ochta ist tn die Luft ge-
flogen. Ockta ist ein ziemlich großer und bevölkerter
Ort, eine Art Vorstadt St. Petersburgs; der Don-
ner, mit dem die Erplosion erfolgte, war betäu-
bend, und die Vcrheerungen, welcke fie anrichtete,
furchtbar; an 30 Gebäude find eingestürzt, eine
große Anzahl von Häusern wurde ein Raub der
Flammen und 14 in ihren Grundfesten derart rr-

entgegentreten zu können. Dieses Gesuch ist
ebenfalls abschlägig beschieden. Es ist viclleicht
jetzt, wo die Deputation des katholifchen Adels
Rheinlands und Westphalens in der Adreßan-
gelegenheit ebenfalls abschlägig bejchieden ist,
wohl an der Zeit, nochmals auf folgenden
Thatbestand ausmerksam zu machen. Der Ael-
teste der drei Grafcn befand sich in der Noth-
wendigkeit, zu erklären, daß er sich niemals
duelliren würde, weil solches von der katholi-
schen Kirche verboten sei. Diese Erklärung
wurde dem Regimentscommandcur bekannt. Da
dies blos eine Erklärung gegenübcr einem Ca-
meraden war, und dabei weder ein ungclöster
Conflict, noch eine Forderung von irgend einer
Seite vorlag, so lehnte dcr Vater das Ansinnen
des Commandeurs, seinen Sohn aus dem Re-
gimente herauszunehmen, mit der Bemerkung
ab, daß er die Folgen der Erklärung seines
Sohnes vertrauensvoll in die Hände dessen
Vorgesetzten lcge. Die zwei jüngeren Brüder
waren in keiner Weise in die aus Obigem
entstandenen Verhandlungen verwickelt. Aber
plötzlich wurden sie zu ihrem Regimentscom-
manveur befohlen und über ihre Ansichten be-
treffs des Dueüs förmlich inquirirt. Sie haben
sich lange gesträubl, darauf zu antworten, und
ihrem Commandeur das Recht abgesprochen, sie
über solche Gewissensangelegenheiten zu inqui-
riren. Da hat ihnen schließlich der Commandeur
es zur „Ehrenpflicht" gemacht, ihm zu erklären,
wie sie über das Duell dächten. Es ist bekannt,
waS die Brüder geantwortet haben. Das ist
der Thatbestand."

Weftphalen, 12. Octbr, Bekanntlich hat
ein großer Theil des rheinisch-westphälischen
Adels in der Angelegenheit der drei Grafen
Schmising - Kerssenbrock, welche wegen ihrer
Erklärung, daß die Gesetze ihrer Kirche ihnen
nicht gestatten, sich zu duelliren, aus dem
prcußischen Militär entlassen worden sind, eine
Adresse an den König beschlossen. Der „West-
phäl. Mercur" berichtet nun in Bctreff dersel-
ben, wie solgt: „Was die Ueberreichung der
Adresse anbelangt, so kann ich mittheilen, daß
die Deputirten — es waren der Gras Droste
zu Darfeld und der Graf Schaesberg — an
den Kriegsminister verwiesen wurden und von
diesem, außer einigen sehr scharfen mündlichen
Aeußerungen in Betreff deS Verhaltens des
rheinisch-westphälischen Adels in dieser Angele-
genheit, solgende schriftliche Antwort erhalten
haben: „Euer Hochgeboren verfehle ich nicht,
auf Allcrh Befehl ergebenst zu benachrichtigen,
wie deS Königs Majestät Allerhöchst Sich be-
wogen sinden, die von Jhnen und anderen
Mitgliedern des rheinisch - wcstphälischen Adels
in Bezug auf die Allerhöchst versügte Verab-
schiedung der Gebrüder Grasen Schmising-Kers-
senbro'ck beabsichtigte Adresse entgegen zu nehmen
und Allerhöchst Sich auch nicht veranlaßt sin-
den würden, darauf zu antworten, falls das
beregte Schriftstück Sr. Majestät aus dem Pvst-
wege zugehen sollte. Mit dieser Anzeige vcr«
binde ich folgende Bemerkung: Da es nicht in
der Absicht von Euer Hochgeboren und in der
Jhrcr Austraggeber liegen kann, Se. Maj. ;u
veranlassen, Jhnen und Zhrcu Genosscn über

schüttert, daß sie gestützt werden müffen. Ohne
den Eifer der Powpiers und der umsichtigen Kühn-
heit ihreS Führers, Oberst Elrrinann, wäre der
Rest der Magazine gleichfalls zerstört worden. Die
Opfer dieser Katastrophe sind zahlrcich; 6 Arbeiter
wurden getödtet, 50 mehr oder weniger schwer ver»

(Ehelickes Leben in London.) Ein eng-
lisches Blatt publicirt, angeblich nach der Mitthei-
lung eines ParlamentSmitgliedeö, folgende Ehe-
statistik: „Jn London gibt es 1363 Frauen, welche
thre „Gatten" verlassen haben, um ibren Geliebten
zu folgen, 1371 „HuSbands" oder Gatten, welche
nach Ueberrinkunft getrennt von einander leben,
191,123 Paare, welche unter eincm Dache auf dem
KriegSfuße mit einander leben, 162,320 Paare,
welche fick gründlick hassen, aber vor der Welt
ihren Haß unter erkünstelter Artigkeit verbrrgen,
510,132 Paare, welche in einem Zustande der
Glcichgiltigkeit mit einander leben, 1102 Paarc,
welche vor der Welt als glücklich gelten, aber in
Wirklichkeit dirse Ueberzeugung nicht theilen, 135
Paare, welche im Verhältniß zu anderen alS glück-
lich grlten können, 7 wirklich und wahrhaft glück-
liche Ehepaare."
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