Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Stanpimkt des Glaubms verwerflich sind, son-
dern um weltllche Zuteressc» und zeilgemäsic
staatlicheResormeu haudell. Die kirchliche
Unabhängigkeit deS PapstthumS wird LouiS
Naxoleon nicht antasten und ebcnso wenig an-
tasten lassen, wenn die römische Curie jeder
Einmischung in die grosten politischen Welt-
händel für die Zukunft enlsagl und sich aus »ie
Pslege der Dogme» beschränkl. Dies sind
die Gründe, ans wclchen wir es für gcwagt
halten, mit Sicherheit daraus zu rechnen, daß
die Convention vom 1S. Sepl. i» kcinem Ialle
zur AuSsührung gelangc» werde. Der Papst,
den alle Welt ja doch nur als den römischen
kcnnt und begreift, braucht seine Hauptstadt
durchaus nicht zu verlassen, wenn er mit den
herrschenden Z-itideen einigcrmaßen zu transi-
gircn geneigt ist. Der JesuitiSuius freilich,
dessen unablässtges Streben auf die gcistige und
politische Knechtung dcr Völker abgeschen war,
wird dabei nicht zum bestcn fahren. Er wird-
wie eS auch komme, au« Rom verscheuch! wer-
den. Das aber ist eS gerade, was der Con-
vention einen für alle Welt interessanten Cha-
rakter verleiht und was man nicht ignorircn
darf, ungeachtet der Besorgnisse, die ste in an-
derer Richtung bei uns zu weckcn gecignet ist.
Ob Rom zu pactiren versuchen, ob eS dcm
Kaiscr Napoleon den Fehdehandschuh hin-
schlendern wird? Wcr möchte cs wagen, in
diesem Moment stch darüber mit Bestimmtheit
anszusprechen? Nur daS Eine sollte aüch Rom
sich gegcnwärlig halten: Besser Nachgiebigkeit
in Dingen, die doch eigentlich nicht streng
kirchlicher Natur sind, alS die Entfcsselung
endloser Stürmc, welche die alte Welt vollcndS
ans ihren Anqeln hebcn könnteu.

Darmstadt, 1. Nov., Nachmittags. Ka-
nonensalvcn verkündcn soeben die Entbindung
der Prinzeisin Lubwig (Alicc von England)
von einer Prinzesstn.

Eiscnach, 3t. Oct. Hcutc Morgcn um
10'/, Uhr begannen die Vcrhandlungen der
diesjährigen Gcneralversammlnng deS deutschen
Nationalvereins. Nach dem vor Bcginn der
Verhandlungcn vcrthcilten Rcchkiischajtsberichte
zählt der Verein augendlicklich 2Ü,!t4d Mit-
glieder. Die Gesammtsumme der Einiiahmen
beläuft sich auf 2S,2S2 fl. 11 kr. Die AuS-
gaben betragen 20,482 fl., darunter befiiidcn
sich 6880 fl. für Vertrieb der Wochenfchrift,
1854 fl. für Reisekosten an Ausfchußmitgliedcr
und Agenten zn Reiscn iu Bcreinszwecken,
7275 fl. für allgcmcine Wirksamkcit durch die
Presse im Zn- und Ausland. Der Vcrmögens-
bcstand deS BcreinS beziffert sich augenblicktich
anf 28 931 fl. 45 kr. Die für Flottcnzwccke
beim Nationalverein deponirten Gelder belaufen
stch aus 115,729 fl. 30 kr. Die Ausgaden
an Porto- und Eursverlusten in der Flottcn-
angelegenheit sind 2227 fl. 6 kr. Wie in den
srühcreii Jahren wurde wieder der Vorsitzende
dcS AuSichusses v. Bennigsen zum Präsi-
denten, Streit und Fries zu Stellvertretcrn
erwählt. Jn seiner Eröffnungsrcde, in welcher
v. Bennigsen nachwics, daß eine Aenderung
dcS Vereinsprogramms einc Unmöglichkeit sei,
bemerkte er, wcnn der Nationalverein keine Ge-

mehr in den Gemeinden ausbrcitet und von Laicn
gelescn wird, während cS sonst vielleicht nnr in
wissenschastlichcn Krcisen vcrblicben wäre. Auch ist

Lectürc zu cmpfehlcn, um so mehr, als dtc neue
AuSgabe zu dcm billigcn Pretfe von 1 st. 45 kr.
zu habcn tst. Das Buck zersällt in sicbcn Ab-
schnitte, von dcncn der erste dtc Einlkttnng und
die Darlcgung der evangclischcn Quellcn, der zweite
dlc Entwicklung, namentlich bie crstc Berufsthälig-
keit Zesu und die Bcrusung selncr Zünger cnthält;
der drittc die erste Gemcindcstistuiig; dcr vierte
selne Bcstimmung als Mcssias. Der fünfte Ab-
schnttt schildcrt seine Thätigkcit in Judäa, dcr
scchfte die „Entschcidung" und der sicbentc „die
Vollendung". Zn diescr Kolge hat 0r. Schenkel
an dtc Stclle dks EhristuS der Kirchcnlchre, wor-
nach cr bls ein Doppclwescn, Mensch und Gott
in einerund drrselben Person, erschctnt, eincn auS
grtäutertcn btdl. Quellen, bcsonderS auS dem Mar-
kuS - Evangeltum hcrvortretcndcn gcschichtlichen
JrsuS mit drr wclterlöserischen Bcstimmung, und
dtefr nur in tnnlgster und unauflöSlichcr GottcS-

ileralversainmlung gehalten hätte, so würde er
in denjelben Fehlcr gerathen sein, in welchcn
der Reformverein verfiel, alS er kürzlich durch
seinen Ausschuß habe erklärcn lassen, daß in
Folgc dcr Zerfahrenhcit der dentschen Verhalt-
nisse eine Gencralversammlung nicht stattfinde;
damit habc seiner Meinung nach der Reform-
vcrein seine Thätigkeit eingcstellt. Wer unter
zerfahrenen Verhältnissen darauf verzichte, poli-
lisch thätig zu sein, erkläre damit, daß er kein
nothwendigcs Glicd mehr sei in der politischcn
Agitation und Arbeit. Er sei der Anstcht,
wenn man eS mit unwillkommenen Thatsachen,
jclbst mit Gefahren zu thun habe, so thue man
am b-sten, ihnen in's Auge zu sehen. (Beifall.)
Eine Aufstellung neuer Grundsätze als die seit-
herigen jci eine Unmöglichkeit, denn mit dcn-
sclbcn habc der Nationalverein bereits bcdeu-
tenden Einfluß auf den Geist des Voltes geübt
und Erfolge errungsn. Die sorge müsse sein,
durch gcsteigerte Disciplin und Unterordnung,
durch stcts wachsende Entschiedenheit der Agi-
tation »afür zu forgen, wenn demuächst ein-
mal ein günstiger Moment eintrete in der Gc-
jchichte Deutschlauds, wo die Geschicke des
VaterlandeS einen tüchtigen Ruck vorwgrtS
thun, daß da dem Nationaiverein auch die ent-
schicdene Einwirkung nicht sehle. Brater er-
stattct jodaiin den umständlich ausgearbeiteten
politifchen Bericht über die Vorgänge und Er-
fcheinnugen in dcm letzteu Jahre und bemerkt
darin, daß es nicmalS vcrgessen werden würde,
daß namentiich Prcußcn Monate lang an dcr
CabinetSpolitik der Personalunion festgehalten
und Oesterreich mit dem tiessten Wibcrstrebcn,
durch Argwohn gcgen feinen Alliirtcn vcran-
laßt, an dem Kriegc gegen Däneniark Theil
genoinmen habe. Mehr odcr minder habe der
Nationalvercin die Znitiativc zu allen das
Vaterland in den letzten Zahren bewegenden
Fragen ergriffen, und fein Einfluß documentire
sich allcnthalbcn. Bci dem gegebenen Ucber-
dlick der Lagc im Einzclncn demerkt Redner
über eiuzelne Staaten: Dcr in Würtemberg
nach dcm Thronivcchsel ersolgte Miniftcrwechsct
habe manche Hossiinngcn gctäufcht. Zn Ocjtcr-
reich arbcite man noch am Ausdau der Vcr-
sassung, während defsen beftchc das Concordat
noch sort, die einfachsteii Grundjätze politischer
Frcihcit fcien dorr so wcnig ancrkannt, daß alle
Vcreinigungen und Versamnilungcn zur Be-
sprechung der nationaien Sache mit einem
Fcderstrich vcrbotcn worden seien; die Presse
stehc untcr dem Druck aüßcrordcntlicher Straf-
gesctzc, dic alte pcfjimistijche Stimniung hade
das Volk vvu Ncuem crgriffen. Zn Preußen
habe sich die Hcrrjchaft'dcS Bismarck'fchcn Sy-
stcuiS nach alleu Richtungen hin cntwickclt, die
Versassung fei in ihren ivejentlichsten Punkten
jufpenoirt, dic gcsetzwiorige Hcerescinrichtung
bestche fort, in Kurhefsen stche das VcrsasfungS-
lebcn still, die Polizci bejchäslige sich mit un-
verantwortlichen Eingriffen in bas Privatrecht
der Bürger ic. Mctz auS Darmstadt begrün-
dcte fodann dcn vom Ausschuß gestcütcn An-
trag in der deutfche» Fragc, welcher bercits in
der gestrigen Ruinmrr mitgetheilt wurde. Hiezu
hatte die Demokratenverfainmluiig solgendcs

genicinschaft — grsetzt, 'lind dazu war er vollkvm-

allc seine Brhauptungcn in dcn am Scklussc deS
Werkcs beigcsügtcn „Erläutcrungcn" mit Qucllen-
Litatcn rrichlich bclcgt. Wir glaubcn dahcr, noch-

indcm, wic verlautct, ebcn einc sranzvfische lleber-
sctzung vorbcrcitct wird.

Zum Glogaucr Vorsall gebcn wir nock fol-
gendcS Thatlächlich,: Herr Liculcnant Krausc ist
19 Jahrc und Hcrr Licutenant v. Richthofen 2g
Zahrc alt. llebcr die AgncS Sander schreibt der
Bcrliner Lorrcspondent der „FlenSb. Rordo. Ztg."
ln einem übrigcns etwa« srivvlen B-richt Lb-r dlc
Sachc: „Dic gcpriescnc Sittlichkeit der Sander,
dte glcichfalls zur Sieigerung romanhaftcr Errc-
gung mttwirkcn svllte, ift durch Ermittelung schlcch-

Amcndemcnt gcstellt: „Es ist dio Aufgabc VeS
Vcreinsvorstandcs, einc Vcrjtändigung inncr-
halb der gcjainiiitcu deutschcn Fortjchrittspartci
darüber anzubahncn, wclchcs Grundrccht je-
weilcn der Gegcnstand dcr gcmeinsamen und
gleichzeitigeu THLtigkeit in allcn Einzelländern
werden soll. Zn diescm L-inne soll zunächft
eine Umgestaltung der dcutfchcn BunscskriegS-
vcrfassung (des deutschcn HeerwesenS) auf der
Grundlagc allgemeiner Wchrpflicht und kurzer
Dienstzeik und cin allgcmein dculjches Heimaths-
rccht angebahnt werden. Die Mitglieder deS
deutjchen NationalvercinS verpflichten sich, in
der Gesctzgebung und Verwaltung dcs Einzel-
landes die Zdec des Fortschritts thatkräftig zu
vertrclen." Die Rationalvcreinsmitglieder aus
Leipzig stelltcn folgendcn Antrag: „1) Die im
letzten Zahre, im Verlauf der jchleswig-holstei-
nischcn Frage, gemachtcn Erfahrungen könncn
dic nationale Partei nur im Festhalten an dem
altcn Programm: deutscher Bnndesstaat unter
Preußens Führung, bestärken. 2) Die natio-
nale Partei hat sich gegen die Annexirungs-
politik dcr gegenwärtigen preußischen Regie-
rung in Bczug auf Deulschland entschieden zu
erklären. 3) Sie hat daran festzuhalten, daß
der deutsche Bundesstaat nur auf dem Wege
einer freien Vercinigung und unter constitu-
tionellen, parlamenlarijchen Kormen gedeihlich
zu Stande kommen kann." Fortjctzung der
Debalte folgt.

Eisenach, 31. Oct. Die Ausschußanträge
in dcr schleSwig-holfteinischcn Frage, üder wclche
morgcn berathcn wird und deren Aunahme
außer Lweifel steht, lauten:

I. Der stiationalverein erklärt eS sür die
Pflicht des deutschen VolkcS, zu wachen über
daS Selbstbcstimmungsrecht der durch deutsche
Tapferkeit befreiten Hcrzogthümer. Nur die
Zntercssen DeutschlandS dürsen eS bcschränken.
Es ift daher die Aufgabe der VereinSgenossen,
den Herzoglhümern in dem Kampfe gegcn jede
Vergewaltigung zur L>eitc zu stehcn uud mil-
zuwirken, daß endlich ihnen daS bisher miß-
achtcte Recht zurückgcgeben werdc durch Einbe-
rufung der Landesverjammtuiig auf Grund deS
StaatsgrnndgcsctzeS voui 15. Scptcmber 1848
und die Ancrkennuiig uiid Einsctzung deS vom
Lande berufenen HcrzogS Friedrich Vill.

li. Dcr Nationaivercin verwirft äus daS Ent-
jchiedenste die Annepion der Hcrzogthümer an
Prcußen als eine schwere Gcfährdung dcr bun-
deSstaatlichcn Einigung oer Nation.

Ut. Die deutjche» Zntercssen, die Vertheidig-
ung deutjcher Küsten, deutscher Handel und
dcutsche Zndustrie, »crlangen dagegen die Ein-
verleibung SchleswigS in dcn deuljchen Bund,
den Eintritt Schlcswig-Holstcins in den Zoll-
vcrein, und so lauge eine deuljche Flotte nicht
vorhanden ist, dcn niaritimcn Anschluß der
Herzogthümer an Prcußen.

Die undeutschc und frcihcitsfeindliche Hal-
tung dcs MinijleriumS Bismarck darf die un>
«erzügliche Verwcrthung der maritimen Kräfte
der Hcrzogthümcr für das Gesammtvaterland
nicht verhindern.

IV. Die vom AuSschuß cingeleitcte Vereinig-
ung mit den Palriotcn andercr politischen Ge-

da vicie« Fraucnzimmcr, oie jüngjic vvn orct un-
ehelichen Töchtern oeö Gcafcn S., schon scit dem
Sommer vtetiach mit Männcrn verkehrte." Wir
bcmcrken hierzu, daß es bci diesem Fallc gar nicht
auf den sittltchcn Charakier des Mäochcnö mchr
ankommt, oic allervings nicht hoch ftehcn ka-n,
wenn sie sich zn den jungen Männcrn auf btc
Stubc bcge^en. Es handelt sich hier UIN die An-

ob cin Vcrbrechen vorliegl oder nicht. Außrrdein
wiro dcr „Schlcj. Ztg." ans Glogan vom 2g. Oct.
gkschriebcn: „Zn Bezug auf einen Bcrichl aus un-
serer Staot, wclchcr den bekanntcn Borsall in cinrr

den Weise besprickt, habc ich Zhncn nur zu bemer-
kcn, daß Dr. Pollack, ver cinzigc Livilarzt, weicher
in der srchsten Morgcnliund- zur L-ich- nnd zu der
erkrankien D. geholr worocn ist, Zweijel gehegt
haben foll, daß dic Sander nnr am Linathmen
oon KohlendLnipfen gestorben wäre, nnd daß er
an d-r Leiche j-ne Zweiset bestätigende Wahrneh-
mungen gemacki habc. Es ist zu bedanern, daß
dtiserHeiriliit s-iii-nWahrnibmnng-ii, Lnsichlcnrc.
nicht an die O-ff-nIlichk-it triti; dann könntr vlcl-
letcht tn d-r sür dir aufziregte öffcutliche M-inung
immcr noch dunkeln Sachc voükommen Licht werden."
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