Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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vvrläufige Anzeichen vorhanden von bundes-
freundlicher Willfahrigkeit Oesterreichs in der
lauenburgiichcn Frage.

Dic „Berl. VvlkSztg." schreibt: Pecuniärer
Verwickelungcn wegen hat ei» hochansehnliches
iUiilglied der rcaciionären Parlci cs für an der
Zcit gehalten, von der Bühne zu verschwindcn.

Lincoln'S Wicderwahl ist nach eincm Ban-
kicrStelegranun deS „Fr. I." gesichert. Gold-
agio 138.

A»r Schleswig-Hslstr-iii'sche»
Lache.

Der Herzog vo» Augustenburg hat an
mehrerc deutsche Höfc eine Ausklärung gelan-
gen lassen, aus welcher hcrvorgeht, daß Hr. v.
Ahlefeldt, sein Abgesandter in Berlin, auf Grund
der von ihm während seineS ersten Berliner
Aufenthaltes bercitS getrofseneu Einleilungcn
nunmehr Hoffnung hat, in Berlin alS diplo-
matischcr VertrauenSmann deS HerzogS znge-
lasien zu werden. Zn Berlin in ähnlicher
Weisc/ wie seit längercr Zeit in Wien (durch
Hrn. v. Wydenbrugk) uud m andcren deutschcn
Residenzcn vertreten zu werden, inugte dem
Herzog unter dcu obwaltcnden Verhältnisscn
vo» ganz besondercm Jnteresse jein. Es wäre
aber jehr voreilig, hierauS den Schluss zu
ziehcn, daß dcr Herzog jich entschlosscn habe,
scine und deS LandcS Sache dem ausjchlicß-
lichen Schutze Prcußens anhcim zu geben.
Rach wie vor ist vielmchr das Bcrlrauen deS
HerzvgS dahin gcrichtel, daß der Bund sein
Recht und die Jntercsseu des LandeS, welchcs
sür dieseS Rccht sich auogejprocheu hat, zu
wahrcn wissen werdc; nicht minder erkennt er.
wic wcscnllich die Haltung Oestcrreichs dazu
beitragen müfse, daß der Bund jeneS Vcrtraucn
rechtfcrtigt, ja daß er cs zu rcchtscrtigcn vcr-
mag. Da nun, nach vvllzogencin Kricden mit
DLncmark, die Successioiiofrage und init ihr
das Schickjal der Hcrzogthümer stch cntscheideii
inuß, sv kann auch nichts dcgreislichcr sein, ais
daß Herzog Friedrich Schrillc uuternimmt,
jcncS Cabinct, auf dcsjcn Frcundschast nnter
aüen Uinständen hic nordalbingischcn LLndcr
einen sehr großen Werth zn Icgcn habcn, sür
seine Sache zu gciviiinen, abcr er ist nach wie
vor cutsernl davon, dic Freundschast und dcn
Schutz PreußenS durch Ziigestänbnisse crkaufen
zu wollen, dic ihm höchgenS zu einer Schcin-
Souvcränität, seiuein Lande zn einer Schcin-
SclbjtstLndigkcit verhrlfen würden.

Hcrr v. BisMarck hatte schon am Montage
die Dcputation aus Laucnburg eiiipfangen. ES
heißt, dieselbe habe dringciid dic Pcrsonaluiiion
cmpfohlen.

Der Franksurter Correspondent deS „Herald"
schreibl: Jch habc hicr Gelegenheit, mil Lculcn
zusanimcn zu kommen, die gul unlcrrichtet jcin
müssen, und jic jcheincn über die Vorsiellung
zu lachcn, daß Prcnßen jemals die Herzogthü-
mer aufgeben ooer doch an dcn voni Bunde
ernannlcn Fürstcu herauSgeben werde. SchleS-
wig und Holstcin wcrden eineS TageS thun,
was Laüenvurg gcthau hat. Als ich in dcn
Jerzozlhümern war, sagtcn mir einige der ein-
flußreichslen RtLiincr, daß ihnen mchr an
Stärke, alS an Frciheit gclegen sci, oder viel-
mehr, wie sie sich LuSorücklin: „Erst Slärke,
dann Freiheit. Gchen wir zu Preußcn und
dann laßl uns im preußischen Parlamcnle um
Freihcit kämpfen."

Haoiburg, k. Nov. Jn Altona jind Frei-
tag und Soiinadcnd große Exlrazüge vom
Nordcn aiigekoiiiincn, welchc die auf Aisen er-
obcrten oänischen Geschütze, Lafetten,
Munitions- und Pulvcrwagen, sowie erbeutete
Muiiition cnthalteu. Alle diese Gegenftände
werden nach Preußen besördert.

Deutfchland.

Karlsrube, 9. Nov. Se. Königl. Hoheit
der Grohherzog begab sich Samstag, 5. Nov.
von Mosbach über Adetsheim, Boxberg, Ger-
lachsheim und Tauberbischossheim nach Wert-
heim, übernachtete dasetbst- und reiste Sonntag,
6. Nov. über Walldürn, Buchen und Mudau
nach Waldleiningen, wo Höchstderselbe bis
Dienstag. 8 Novbr. im Kreise seincr hohen
Verwandten, dem Fürsten und der Fürstin von

LeiningeN, verweilte. An diesem Tage kehrte
der Großherzog über ßberbach, Rappenau und
Eppingen nach der Residenz zurück, und tras
daselbst Abends A/z Uhr ein. (K. Z.)

Baden, 5. Nov. Wenn wir den bisheri-
gen Gang der Ortsschulrathswahlen überblicken,
so muß derselbe als ein bedeutungsvoller Sieg
des gegenwärtigen Weltbewußlseins über das
priesterlich römische bezeichnet werden. Der
römische Katholicismus ist als Kirche so fest
geglieoert, die Conscquenz, mit der er von sei-
ncm Principe auS cinheitlich wirkt, ist so be-
deutend, die Faden und Mittel, mit welchen er
aus die Gemüther Einstuß übt, siud so man-
nigfaltig, daß jedem Denkenden der Kamps der
Staatsgewalt mit einer Macht, die so organi-
sirt ist und zugleich nach religiöser L-eite in
den Gemüthern wurzelt, als ernst und bedenk-
lich erscheinen mnßte. Aber siehe, wie er sich
gestaltete! Die Kirche wars die ganze Macht
ihres Ansehens in die Wagschale, von den Kcm-
zeln erscholl es, in den Beichtstühlen erklang es,
Stolz'sche Flugblätter gingen hausenweise hin-
aus, Fegfeuer und Hülle spielten ihre alte
Rolle, der abenteuerlichsteu Entstellungen über
die Endzwecke und Zielpunkte der Schutresorm
schämte man sich nicht — und das Ende, das
Ergebniß? Das ist es, daß bis jetzt über 30
'Procent aller Wahlberechtigten gewählt haben.
Jn der Geschichte der menschlichen Cultur, in
der Geschichte des religiösen Geistes ift dies
Ergebuiß des badischen Schulstreitcs ein höchst
bedeutuugsvoüeö, es isl sür die Kirche, die ihre
Wafsen alle in's Feld sührte, eine Niederlage,
die kaum stärker sein kann. Das bisherige
Wahlergebniß sagt, der Mund der römijchen
Kirche ift für so viele Tausende ihrer Glieder
nicht mehr das tonangebende Orakel; Tausende
von Männern und Bürgern in L>tadt und Land
haben die Bannflüche, die Gebote, die Beschwö-
rungen dcr Kirche in dem Slreite sür nichts
geachlet, sie folgten der Eingebung eigener Ein-
sicht, handelten nicht als eine willenlose Heerde
der gcistlichen Hirten, sondern ats Niänner von
eigenem setbstständigen Deuken. Dies Ergeb-
niß ist sür den Denkenden hocherjreulich; es
zeigl ihm nicht Emancipation von Religion,
denn diefe ruht in den Herzen unvertilgbar,
sondern Emanclpation von dem Priestereinstuß,
der in den Dingen bürgerlicher und flaallicher
Enlwicklung sich in der Weise aller Jahrhun-
derte erhalten, und insbesondere der geistigen
Lolkserziehung eincn Damm setzen möchte, weit
gcistige VotksbiLdung gleichbedeutend ist mit
Erlöscheu priesterlicher Borrechle, mit Versiegen
jener QuelLen des Aberglaubens und des Vor-
urtheils, aus dencn der Beutel der Priester sich
so klüglich zu süllen wußle. Diese Niedertage
der Kirche deulet zugleich hinaus auf jene grö-
ßere Kräftigkeit des menschlichen Geistesbewußt-
seins, der es gclingen wird, Das allgemein
herznstellen, was uns Noth lhut: „Christen-
thum ohne Hierarchie." Je höher aber
solch' Ziet ist, um so wackerer müssen Alle blei-
ben, um so sester allüberall die großen Grund-
sätze und Güter und Errungenschaslen unserer
Regierung stützen und sördcrn. (B. Ldsz.)

Aus Baden schreibt man der Bcrtiner
„Nationalzlg." nnterm 3. Nov.: „Eine seste
liberale Parteibildung ist in unserem Lande seil
dem Beginne des neuen Systems (1860) nicht
zu Stande gekoinmen. Der Grund ist sehr
einfach: es herrscht wahrhasliges Vertrauen zu
der Negierung, diese ist auS Ucberzeugung voll-
kommen constltutioneU, die Opposition hat da-
rum keinen Aulaß und keinen Reiz, d.enn es
sind in ihr keine Lorbeeren zu holen. Die
demokratische Partei im Nationalverein, deren
Führer Professor Cckardl ist, sleht darum auch
nicht auf dem Boden der Opposition, sie gibt
vielmehr nur den Antrieb zum Ausbau der
Grundsätze, aus denen der Ban jedes ernstlich
gemeinten Nechtsstaates berüht. Aver die Führer
dieser Partei täuschen sich Kber die Tragwcite
ihres Einflusses und sie gehen leicht in dem
Jdealismus ihrer pvlitischen Combinationen viel
zu weit. Die jüngsten Erlebnisse in Eisenach
sind dafür ein nicht zu unterschätzcndes Wahr-
zeichen. Wie in jedem gut regierten Volkc, so
steckt auch in dcr bavischen Bevölkerung eine
ächt conservative Ader und diese wird von jener
Partei übersehen. Darum mußten ihre ErsoLge
gegenüber der ganz ungeheuren Volksthüm'.ich-

keit des Hauptträgers unserer inneren Zustände
(Lamey) gering sein und es zeigt von doc-
trinärem Starrsinn, sich hierübcr einer TLu-
schung hinzugeben. Jede politische Thätigkeit,
die sich vermißt von thatsächlich vorhandcnen
wirklichen Zuständen abzusehen, artet srüher
oder später in die Phraje aus und wir sollten
denken, die letzten Jahre HLtten genugsam ge-
lehrt, daß dies kein Fortschritt zum Guten ist."

Frankfurt, 9. Novbr. Jn den hiesigen
Buchhandtungen liegt eine Adresse an den Mi-
nister des Jnnern Sir George Grey auf, welche
bezweckt, die Bemühungen des deutschen Nechts-
schutzvereins zu Gunsten des als Mörder des
Herrn Briggs verurtheilten Franz Müller zu
unterstützen. Es handett sich darum, daß die
auf den 14. o. M. angesetzle Hinrichtnng einst-
weilen verschoben, oder erft das Resullat der
Enthüllungen oes deutschen Rechtsschutzvereins
abgewartet werde. Es gilt auch in dieser An-
gelegenheit dem deutschen Natioualgesühte einen
allgemeinen Ausdruck zu verleihen, und zu
zeigen, daß sich der Deulsche im Austande nicht
ohne jeglichen Schutz befindet. Die Aoresse
wird am 10. November, Abends, zur Post ge-
geben. Sie lautet: „Ofsene Aoresse an Se.
Excellenz Sir George Grey, Minifter Jhrer
Majestät der Königin von Großbritannien.
Excellenz! Der aus ver Norolondoner Eisen-
bahn an Herrn Briggs verübte Mord bteibt,
des Wahrsprnchs der Gejchwornen ungeachtet,
zur Zeit noch eine völlig unaufgeklärlc That-
sache. Der deutjche Rechtsjchutzverein in Lon-
don ist in ausgczeichneter Weije bemüht ge-
wejen, das Dunkel zu durchdringen und das
Räthsel dieses Falles zu losen. Man verdankt
demjetben bereits wichtige Enthüllungen und
Ausschlüsse. An der Hand derjelben war der
deutsche Rechtsschutzverein berechligt, um einen
Ausjchnb in der Vollziehung des Urtheitö nach-
zujuchen. Das öffenlliche Rechtsbewußtsein in
Deutschland erwartet, daß diesem billigen Ver«
langen Rechnung getragen werde, und wenn
dieje allgemeine und össentliche Meinung ledig-
lich in vereinzelten Kundgebungen zur Kenntniß
Eurer Excellenz getangen jollte, so ist der
Grunb hiesür in der zrürze der Zeit und ber
Entsernung des Orls zu suchen. Franksurt
a. M., 9. Nov. 1864."

Vom Main, im Nov. Jn seiner letzten
Sitzung (am 23. Oct.) hat der Ausschuß des
deutschen Resormvereins an Slelle der
Herren v. Gagern und v. Varnbüter die Herren
Graf v. Zeppeüu aus Ajchhausen (Würtem-
berg) und Dr. BärenS aus Hannover ats Mit-
glieder deS besagten Ausschusses cooptirl.

Kiel, 6. 'Novbr. Ein starker aus Nordost
kommeuder Stnrm trieb in der vergangenen
Nacht das Wasser der Bncht weit über daS
User. Alle niedriger getegenen Straßen sind
nicht zu passiren. Das prenßijche Comman-
danturgebäuoe, in dem sich auch die Localitäten
der Fetdpost beftnden, ist durch eine improvi-
sirte Brücke jetzt wieder zugänglich gemacht.
Jm Binnenhasen ist eiue Aacht ans Land ge-
trieben. Von der Küste ist noch keine Nach-
richt eingelausen. Man ist nicht ohne Besorg-
niß sür die ansgelausene preußische Flottc.

(Hamb. 9tachr.)

Aus Wien, 2. Nov., wird der „D. A. Z."
geschrieben: Der Finanzminister, Hr. v. Plener,
ist „ersucht" worden, jeine Entlassung einzu-
reichen, mit der sesten Versicheruug, daß er
keine abschlägige Antwort zu erwarten haben
werde. Man erzähtl aus den letzten Tagen
des Grafen Rechberg, als sein Nücklritt schon
entschieden war, cin Wort dessetben in Bezug
auf Hrn. v. Plener. Die beiden Minister gin-
gen zusammen aus der Thür, welche aus dem
Wartesalon im answärtigen Amte auf die große
Stiege führl. Graf Rechberg, noch sich zu
Hause fühlend, ließ dem Finanzminister dcn
Vortritt. „Jch bitte, nach Jhnen," sträubte
sich Hr. v. Plener. „Nach mir?" eutgegnete
Graf Nechberg. „Kommen L>ie lieber gleich
mit, sonst hat die „Wiener Zeituug" doppelle
Arbeit." Der Finanzminister, der sich bis da-
hin sehr sicher wähnte, soll sehr verdutzt darein-
geschaut haben.

Wien, 6. Nov. Die zur Vertheilung an
die Truppen, welche den Feldzug in Schleswig--
Holstein mitmachten, bestimmten Medaillen
tragen die Buchstaben deö Kaiscrs vvn Oester-
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