Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Oldenburg, Hamburg, England (die StaatS-
schulen); 6) ebcn so, aber mit Ausschluß dcr
Lchrer: in Frankreich; e) aus einem wcttlichen
Ortsschulrath mit dem Lehrer, unter regel-
mäßigem Vorsitz des PfarrerS: in Baden und
(wir sügen bei) in den meiften Cantoncn der
Schweiz ohne oder mit gesctzlichem Vorsitz deS
PfarrerS; t) aus weltlichen Mitgliedern und,
wenn'S beliebt, dem Lehrer mit dem Pfarrer
alS gebvrenem Vvrsitzenden, Wo, wie in letz-
term Fall, die Geisllichen die OrtSschulinspec-
toren sind — so in den inciften andern deuk-
schen Ländern, — da sind sie dasfelbe nur allein
in der Eigenschaft alS rein weltliche Schulaus-
sichtSorgane, nnd sind sie thätig in Schulsachen
nur im Namen deS StaateS, und gar »irgends
ist die Rede von cinem Rccht der Geisllichen
alS solcher aus die Schulaussicht, — Die Ober-
schulbchörde ist in fast allen Ländern ein rein
staatlicher und consessionsloser Organismus, an
welchem wohl da uno dort Geistliche Theil
nehmen, in dessen Wirksamkcit aber kcine kirch-
liche Behörde als solche einzugreifen hat, Con-
fcssionell geschieden, also als katholischer oder
protestantischcr Oberschulrath, oder nur von
kirchlichen Organen bcaussichtigt, sind die Schu-
len nirgendS, außer in ganz abnormer Weise
bis jetzt noch in 2 vorzugSweije protestantischcn
Ländern, in Würtemberg und Braunschweig.
Daß aber aufsallender Weise gerade in ganz
katholischen Ländern die Volksjchule vorzugö-
wcise rein StaatSsache ist, das kommt wohl
daher, weil inSbesondcre der katholische Clerus
sich bisher um diesclbe sehr wenig bekümmcrt
hatte. Wer dies Actenstück ans Würtemberg
gelesen, wird crstauut sich fragen, wie komml
denn solchen Thatsachen gegenüber daS katho-
lische Kirchenregimeut und scin Clerus zu dcr
Behauptung, eS geschehc in Baden durch die
ncue Organisation der Schulaussichtsdehörden
der Kirche uncchörteS, zum Himuicl schreiendeS
Unrecht, — den Thatsachen gegenüber, welche
klar beweisen, daß geradc in Baden derKirche
(welche zndem bci uns noch in ungewöhnlicher
Weise vom Staat srei gegeben ist) mehr Ein-
fluß anch im Schulwesen eingeräumt ist, als
in vielen paritätischen und rein katholischen
Ländern? Wvmlt bcgrüudcn dcnn die Herren
in Frciburg ihre Aumaßung, die sic in den
eben jctzt dcm unverständlgen Volk aufgedrun-
genen Sturmpctitionen aussprechen, die dadische
Regierung könne eine Schulresorm nur vor-
nehmen im Einvcrständniß mit der Kirchc ?
Wo in eincm nur halbwegs gut organisirten
und vernünstig regicrtcn Staat hat man crst
die Ultramontancn uni Erlaubniß gefragt, wenn
man im VolkSschulwcjcn rcorganisiren wollte?
Wenn diese Hcrren einmal ehrlich werden, so
richtcn jie wohl ihr Augenmerk zuuächst aus
andere Länder, fangen ste vielleicht in specifijch
katholischen Staaten, z, B, in Spanien, an,
gegen die Gesetzc zu wühlcn, um die Schule
in ihrc Hände zu bekommen, und lasseu danu
unser nnschuldigeS badischeS Land in Ruhe, in
welchem daS Schulgejetz ihncn noch immer mehr
Einflnß znerkennt, als sic anderswo haben, und
alS sie verdiencn, Bis dahin aber wird jeder
chrliche Mann daS Verfahren dcr Ultramon-

nlcht mehr rühren — sein Gcsicht wlrd rolh — dic
Augen trcten hcrvor, brr Kops bicgt sich zurück —
auf Nnrufen keinc Antwort — Wachs-Blässe —
Tod! — DaS ilt das Bilo cincg Sclbilinvrders!
Trümpl; wsllte^s^laün^ — er suchtc den ewigcn

mit welchrm cr auf.gutcm Fuß stand. Schon bic
Vätrr Einmeris und des Alig'klagtcn skicn Losic-
gcn gkwcscn, Einmcrt sclbst Icheluhar cin Freund
dcs Angcklagtcn; man konutc also Ruhe und Gründ-
lichkeit von dem^utachlen EmmcrtS crwarlcn, ln-

schriebcn worden; dlc Glaubwürdigkcit dcr Zeugcn
wird vrrdächtlgt, und der Gerichtsarzt läßt sich zu
dcclamatorischen Aeußerungen hinrcißen, wclchc die
allgcmeinc Entrüstung hcrvorruscn. Zu dicsem Ge-
bahrcn des Dr. Emmcrt passcn auch die von scincr
Frau gkschricbcnrn anoiiymcn Bricfc, drnn dicsc
bat die Frau Prosrfforin trotz lbres Läugncns gc-
fchriebcn; dci bcr Haussnchnng hat man dasselbe
Pavier, dicselbcn Convcrts grsundcn, dtc Erpcrten
habcn dic Handsckrift erkannt. Unb was war dte
Trtebfkder zu dtcsem Thnn und Trciben? Lciben-
schasi — Brobncid! Der Vertheidiger schlicßt scinen
Dortrag mit brn Woitcn: „Wcsscn Kops stchk noch
sichcr, wenn ans solchc Wcisk in Crimlnaluntcr-
suchungcn h-ndlhicrt wcrden barf? Solche Jntri-

tanen, der großen wie der kleinen, in der ba-
dischen Schulresormsache alS ein maßloS nn-
würdigcs, bodenloS pcrfides Spiel ansehen, daS
die herrschsüchtige Jejuiterei mit unserm glück-
lichen Lande zu treibcn sich erfrecht, ein gott-
bergcssencS Spiel, welches ebcn so an dem ge-
sundcii S-inii unsercS VolkeS, wic an bem
guten Recht und der richrigen Einsicht unserer
gejctzgebendcn Körper und dcr Energie und
dem PatriotismuS unserer braven Regierung
nothwenbig hat zu Schanden werdcn müssen,
(B.L.-Z.)

Speyer, 14, Nov, DaS vom bischöflichen
Ordinariat gegen den Will-n der Regiernng
hier errichtete theolvgische Znftitut wurde, wie
daS „F, I," bcrichtet, trotz zugegangencn Ver-
botS und Ordnnngsstrase, bennoch ntcht gc-
schlossen, sondern der llnterricht uno die Vor-
tcsungcn werden regelmäßig und uubekümmert
fort erthcilt. Es scheint, man will durch un-
deugsainen Wibcrstand die Regierung zum
Nachgeden zwingen, Solllcn die Herren sich
gegenüber einer krästigcn Regierung nicht wohl
verrechncn?!

Worms, 11. sliov, Die Worms-Alzeher
Bahn, resp. die zur Zeit vollenbete Slreckc
zwischen hier und Vlonsheim wird Sonntag,
den 20, Ätovember dem Verkehr übergebcn.

Kodurg, 14. Nvv. Di- vsftciöse „Kob.
Ztg." metdet: Für den dcsiiiitiven Austritl des
Hcrrn Francke iil Bezirlsdirector v. Schwendler
von Eijenach zum Chef deS hiesigen Ministe-
rinins designirl.

Wien, 12. Rovbr. Erzherzog Rainer er-
öffnetc die heutige crste Sitzung des Herren-
haujcS mil der Miltheilung, baß ber Kaiser den
Fürslen Auersperg zum Präsidcntcn und den
Grafcn Kuesstein zum Vicepräsidenten des
Herrenhauses sür dicje Session dcs Gcsammt-
reichsrathcS eriiannt habe. Fürst Auersxerg
hält sodann seine Antrittsredc. Nach einigen
Dankesworleii für das Verlrauen, nüt welchem
ihm der Kaiser zum drilten Mate das Präsi-
dium des Herrenhaiises übersrage, fährt cr sort:

gucn müffcn g-brandmarkt wcrdcn. Ein für alle
Mal — Dr. Emmert ist vcrsorgt und ausgchobcn;
ich gläuoc, cr wiro at« Girichtsarzt im Lanton
Bern Nlchl mehr sunctionircn!" (Forts s.)

Furchtbare Verheerungeii durch Iturm.

Calcutta, ocn 10. Oci. Roch laffcn sich die
surckcdarcn Verhecrungcn dcs SturmS vom b. d.
nichl vvllstänbljtz überschcn. Währcnb dcr ganzen
Nacht a,n Danncestag (4. aus dcn b.) baucrlcn dic
Winosloße und schwcren Regengüffc von Nord-
Nordost ununlerbrochcn sort uno vchlkltcii den-
sclbcn Charaklcr vis owa balb 10 Uhr am Don-
ncrstag Morgcn, an Hcstigkcit ab.r lmmer zuneh-
menb. Dcr Wind drchlc sich dann nach On uno

odcr zcrrtssen, abcr cln gcößercr Schaden kam^ in
dcr crstcii Stunoc noch nichl vor. Zwischen 1l unb
IL UHr gab ein Gcräusch gleich cinem fcrncn Don-
ncr, oas oiellclchl zwci Mcilcn wcit gchört wuroc,
glcichsam ctn Waruungszcichen, daß noch Schlim-
mcrcS bevorllche. Elwa zwei Mlnuten varauf war
der wahrc Chclonc über dcr Stadt l-s. Wo Bäuni!
waren, wurocn sie cntwcdcr cntwurzelt unb riffen
ln manchcn Kältcn noch Maucrn, Gelänoer, Gc-
bäuoc mit sich cin, odrr thre Zweigc wurden wic
Rohrc geknlckt uno flogcn mit dcm Windc. Wagen
wurdcn umgcworscn und bcdccklcn dlc Slraßcn
sammt den Lrümmern ber Dächo, Balkvnc, Thü-

Prästdcnt Fürst AuerSperg theilt mit, daß
Montag dic Thronrede stattftnde. — Zin HauS
der Abgeordneten nahm StaatSminister von
Schmerling daS Wort: „Se. Maj. der Kaiser
hat den Herrn Dr. Leopold Ritter v. HaSner
zum Präsidentcn und die Herren Ritter von
Hopfen nnd ComeS Schmidt zu Vicepräsidenten
deS'Hauses der Abgcordncten deS nach dem
Patente vom 18. October einberufenen Reichs-
ratheS zu ernemien geruht, und ich barf an die
genaimten Herrcn die Bttte richtcn, ihr Amt
anzutrcten." Präsidcnt Dr. v. Haßner begrüßt
das Haus in langer Ncde, die stch zu einem
förintlchen Programm innerer und äußerer
Poiitik geslaitet. Dcr Präsioent schließt oie
von der Bersammlung in lautlojer Stillc an-
grhörte Rcde mit einem dreimatigen Hoch aus
den Kaiser, in welches die Versammlung lcb-
hast einstimmt; von der Rcchten her ertönten
Eljens, auSgebracht von zwei in ungarischcr
Tracht (Kalpak und Säbel) gekleideten, neu-
eingetrelencn Abgeordneten. Nach Verlesung
der anf die Thronrede bezüglichcn Zuschrist
deS StaatSminifleriums schtießt dcr Präsident
die Sitzung.

Wien, 14. Nov. Die Lhronrede fand im
RcichSrathe im Allgemeincn eine veifällige Aus-
nahine; inSbesondere die Stclle, worin der
Wille der Regierung, dein Reiche den Frieden
zu bewahren, betont wird. Dagegen wurde die
Charakterisirung der Beziehungeii Oesterrcichs
zu Preußen und die Bemerkung, daß durch
den KriedcnSvertrag die Eintracht in Deulsch-
land gefirdert werde, mit üeser Stille auze-
hörl. Die Ankündigung einer zweijähptgen
Budgetvvrlage rief Niedcrgcschlageiihcit hervor.

E » g t a » d

London, 10. Nov. Während die Ernwr-
dung des Hcrrn BriggS und deren Folgen Ilvch
die Alisinerkjanlkcit deS PublikninS an^ sich ge-
richtet hatten, ift ein anberes schenßliqes Vcr-
brechen, welchcs in der Nähe ber Hauplftadt
begangen worden, an die Oeffentlichkeit gedrun-
gcn. Zcde Mordthat zu registriren, wäre eine
nutzlose Aufgabe; wir erwähnen dic neuerdingS
entdeckte Nlissethat nnr, wcit daS Opfer an-
scheinend cin Deutschcr ist; alS sein Name wird
Fnhrhop angegeben, für desscn Richtigkett wir
jedoch nicht dürgen können. Der Leichnam
wurde ohnc Kopf in dcn Sümpfen von Plai-
stow gefunden, am llfer der Themse. Der Ver-
dacht der Thäterschaft ist auf cinen Holländer,
Namens Koehl, gefallen, wclcher dereits in
Haft gebracht worden ist. Es heißt, der Grnnd
zu dem Verbrechen jei Eifersucht gewejen.

S ch w r i z.

Bern, 12. Novbr. Von ver schweizerisch-
itaüenijchen Grenze ist die überraschende üiach-

ren und umgkstürzten Bäume. Eiserne Dächer
wurden zusammengedrückt, aufgerollt uilv wegge-
blasen wie Papierfehen. Um zwei Uhr waren bte
östliche und sübliche Voritadt uno die Lheile von
hier nach Westen zu, wciche wegen ihrer Nähe am
Strom am meisten ausgesetzt waren, mchr oder
wen^ger etn ^Aus ge n Mn me^n unb

Jn Garden Reech waren^bie Straßei? veocckt und
unwegsam gemacht durch dte darüber hingcitreuten
Bäume. Die prächtige AUee von Usoth-Bäumen
(pol^sltkea lonAit'oIis) gegenüber der St. Iameö-
kirche, unter weichen viele 4 — 5 Fuß im Umfang
hatten, war vöUig zerstört. Die Bäume waren
über der Mauerhöhe abgebrochen, welche sie schützte,
aber jetzt gleichsalls nicht mehr aufrecht ,teht. Auch
der Schaden an Gebänden war betrachtlich. Das
Dach oer freien Schuie ward weggeweht, der obere
Theil der römisck-katholischen Kirche und daS overe
Gnde der Bazarstraße gänzlich zerilört. Der Thurm
der freien schottischen Kirche unv sämmtliche Mina-
retS der Moschee in Dhuriumtolah stürzten ein;
St. Iames Theater wurde abgedeckt und sast zer-
stört; das Dach der Kathedrale ist schwer beschä-
dtgt a. s. «. (Schluß f.)
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