Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Htidtlbkrgrr Zrilung.

N': 28S. ' Samstag, 3. December L8K4.

Auf dic „Heidclbergcr
Feitung" kann man sich
noch sür den Mionat
Deccmber mit 18 Kreuzeru abonniren bci nllen
Postanstalten. den Boten und Trägern, jowie
der Expeditivn (Schiffgassc Nr. 4).

Die nordamerikanisch« Präfiden-
tenwahl.

Mit Ausnahme des Wiener Friedens nnd
seiner Folgen sind alle andern europäifchen Er-
eignisse der letzten Monate a» Bedeutung zu-
rückgetrelen hinter dem Ercignisse, welches am
8. v. M. sich jenseits des OceanS im Nordcn
dcr Union vollzogen hat. Die an dicsem Tage
erfolgte Prästdentenwahl ist weniger wichtig
dadnrch, daß sieLincoln (einen nicht besonderS
hervorragenden StaatSmann) wieder an die
Spitze der Verwaltung gebracht hat, als da-
durch, dasi jie nicht einen andern Candidaten
auf dcn Prästdentenstuhl im weißen Hause zn
Washington geführt hal. Denn jeder andere
Candidat wäre der erste Erwählte eines Bruch-
theils der zerrissenen Union gcwesen. Zn Lmcoln
ist der beste Präsident der ungelheiltcn Union
wiedergewählt. Zn Lincoln's Namen — wie
mächtige Fractionen ihm auch selbst im Norden
abgcneigt sein mögcn — vcrkörpert sich doch
der Unions-Gedanken, Mld die große Äiehrheit
der Slimmen, die ihm zufiel, ist ihm nicht zu-
gcsallcn, weil man von ihm in jedcr Bcziehung
das Gute und Beste hosste, sondern weil man
nach wie vor im Rorden die Union will, und
weil man in Abraham Lincoln den sichersten
Bürgen für dic Erfüllung dieses allgemcinen
WnnscheS erblickt. Dieje Wiederwahl ist nun
ein Zeugniß für die Macht des Unions-Ge-
dankcnS. Diejer Gedanke hat der üder allcS
Erwarten bedeutenden Mehrheit der Wähler
den Namen Lincoln dictirt, und fle haben über
diesem Gedanken alle anderen Gedankeni Par-
teiwünsche und Parteibestrebungen vergessen.
Jede andere Wahl hätte es mindestenS zwei-
selhast gelassen, ob den Wählern des Nordeus
die Existenzfrage der Union über alle andern
LebenSfragen geht. Die Wahl M'Clellans hätte
vielleichl die Hossnungen der j. g.Friedensfrennde
genährt. Die Wahl Lincoln's zeigt, daß der
Norden arm ist an solchen FriedenSfreunden,
die sich nicht scheucn, den Friedcn um den Preis
der Union zu erkanfen.

Die Friedensfrage jelbst ist zwar durch dic
Wahl vertagt, abcr eS hat diesc Lctzterc den
Kräften deS NordenS einen mächtigen mora-
lischen ZuwachS gegeben. Es war bisher

zwcifelhaft, ob die Baltimorer Convcntion
vom 7. Jllli in der öfsentlichen Meinung
des Nordens eine genigende Stütze findct.
Darüber kann seit dem 8. Novembcr kein
Zweifel mehr sein. Und diese Gewigheit nnch
ocm wiedergewählten Präsidenten nunmehr für
die Sache der Union ebensoviel gelten, als eine
Armee von Tausendcn. Lincoln ist nnn kein
Vertreter einer Minorität, einer Fraction mehr,
sondern der AuSdruck einer conjotidirten, wirk-
lichen, nationalen Mchrheit, er kann nicht mehr
darüber im Zweifel sein, was dicse Mehrheit
will, sein Ziel wie seine Laufbahn sind ihm
genau vorgezeichnct, und er hat die Gewißheit,
vom Volke mit den nothwendigsten Mitleln
unterstützt zu werden. Allc Lorbedingungen
dcs SiegS sind für ihn gkgeben lliid er brancht
dicse nur zu benutzen. Natürlich wächst damit
auch das Gewicht seincr Vcrantwortlichkeit, und
mit der oft genug empfindlichen Erfahrnng der
verflossencn vier Zahre hinter sich; wird cs
in Lincoln's eigenen Händen liegen, ob die
Geschichle dereinst seinen Ramen jencn der
Wohlthäter der Menschheit anreihen oder unter
die unbrauchbar erfnndencn Werkzenge jür ihre
großen Zwecke werfen muß.

* Politische Unischau.

Wie dic „Kreuzzeitung" meldet, hat den 29.
Novbr. in Berlin dic erstc Conserenz zwischen
den Herren v. Pommer-Ejche, v. Phiiippsborn
und v. Deldrück einerseits und dcm sranzösischen
Bevollmächtigten Hrn. Declerc anderseits wegcn
Abänderung des französtsch - preußischen Han-
delsvertrags stattgefunveu.

Das Wiener Cabinct hat sich den ncuesten
Rachrichten zufolge den prenßischen Anschau-
ungen nicht nur über die Bundesexecution selbst,
sondern auch über die Unstatthaftigkeit dcs fer-
neren VerbleibcnS dcr BundcStruppen in Hol-
stein angeschlossen nnd gemeinschaftlich mit
Preußen einen dem entsprechenden Antrag bei
dem Buiide gestellt. Daß man in Berlin auf
die Gcfügigkeit der österreichischen Regierung
vollständig rechnen durfte, zeigt der Dank, den
die „Zeidler'sche Correspondcnz," noch ehe ihr
das Resnltat der gestrigen BundeStagssttzung
bekannt sein konnte, fnr das Verhaltcn Oestcr-
reichs darbringt. Zugleich bringt die Corre-
spondenz einen beachtenswerthen Aufschluß über
die Politik Hannovers in der Bundeserecutions-
srage. Das Letztere hat sich über dic Genug-
thuung, die iym in Rcndsburg zu Thcil wurde,
so lebhaft bcfriedigt gezeigt, daß es alsbald jedc
Opposition gegcn dic preußische Rechtsaustas-

sung fallen licß und den baldigen Abmarsch der
hannover'schen Trnppen aus Holstein zusicherte.
UebrigeilS bestäligt es stch nicht, daß Preußen
cinc Sommation mit fünslägiger Frist nach
DreSdcn und Haniiovcr gerichlet habe; man
vertraut in Berlin vieimchr vollftändig auf die
Adstimmuiig am Bundestage, bie „dem sächst-
jchen Gouverncment die Psorte erössnen wird,
durch welche es scine Trnppen aus dcm Norden
zurückveordern kann." Preußcn, sagt die „Zeid-
ier'jche Corresp.", hat nichts gcgen einc solche
Manier der Lösung einzuwenden.

Dem Wicner Wanderer berichtet man übcr
eine schreckiichs Catastrophe aus dem schwarzen
Meere. Der cincr engiischen Gesellschast in
Galacz gehörcnde Schraubendampser Blarney
ist auf der Reise von Galacz nach Konstanti-
nopel in der Nähe von Varna nntergegangen.
Von 140 Passagieren, die stch an Bord besan-
den, konnten nur 7 gcrettet werden; alle übri-
gen fandcn ihr Grab in den Wellcn.

Zm Allgemeinen werden in den Bnreaus der
Kammer Vacca's Vorlchläge gut aufgenommen;
aber nicht ohne Besorgniß denkt man an den
Senat, der nicht übermäßig liberal ist und wohl
im Stande wäre, das Ohr der Stimme der
Nation zu verjchließen. Daß die clericalen
Blätler ganz wüthend über den Gesetzvorjchlag
sind, versteht sich von jelbst und ist ganz in der
Ordnung. Sie steigern dadnrch nur im Volke
das Verlangen, daß er in Bälde zur Ausfüh-
rung gclange.

Aur Lchleswig-Holstein'scheu
Sache.

ALtonir, 26. Novbr. Bor einigen Tagen
habeil dic Bnndescommissarien die oberste hol-
steinische FinanzverwaltungSbehörde aufgefor-
dert, die inzwischen wieder ängesammeltcn und
disponiblen Kassenüberschüsse für Rechnung deS
deutschen Bundes sämmtlich abzuliefern; diese
Behörde soll aber Bedenken getragen haben,
sofort auf solches Verlangen einzugehen, weil
sie vor der Hand dem Lande selbst die nicht
unbeträchtlichen Geldmittel reserviren möchte.
Hier liegt offenbar eine ncue brennende Frage
zwischen der preußischen Regierung und den
Bundescommiffarien vor. Will nämlich erstere
den von ihr in Bezug auf Holstein eingcnom-
menen Standpunkt behaupten, so wird sie den
Bundescommissarien unmöglich die Berechtigung
zugestehen, nach Abschluß des Friedens noch
über die Üeberschüsse der holstcinischen Kaffen
sür Rechnung des Bundes verfügen zu können.

(Köln. Ztg.)

Die Volkszählung.

(Fortsetzung.)

Aber nicht blos die Staats- und die Gemeindc-.
verwaltung, sondern auch dte Privaten vermögen
für ihre Unternehmungen in Handel und Gewerbe
aus den Ergebnissen der Volkszählung Nutzen zu
ztehen, unb bie Wiffenschaft, aus der die praktische
Thätigkeit der Menschxn Belehrung schöpft, gewinnt
aus thnen reiches Material.

So ist denn auch von keiner Seite etn theore-
tischer Einwand gegen die Erweiterung des
Volkszählungs-Geschäftes gemacht worden. Die Be-
denken, welche dagegen wohl erhobcn worden find,
bezogen sich auf Punkte der prakti schen Aus-
führung.

Die Schwterigkeiten, rvelche fich derselben ent-
gegenzustellen schienen, waren allerdings groß.
Die Beamten, welche früher die summarischen Auf-
zrtchnungen besorgten, reichen nickt aus, um in
Einem Lnge für jede einzelne Person die gefor-
derten Angaben niederzufcvreiben. Etnc hinläng-
liche Anzahl von Beamten für die Zählung anzu-
stellen, ist ein höchst kostspieltges Unternehmen.

Verschtedene Staaten freilich halten die Volkszäh-
lung für wtchtig genug, um diesen Weg einzu-
schlagen, und scheuen die in Millionen von Gulben
steigenden Ausgaben nicht.

Aber, wie sich so vtele große Aufgaben dadurch
lösen lassen, daß man dte Lasten auf eine große
Zahl Mttwirkender vertheilt, so auch hier. Statt
die Zählung allein durch bezahlte Beamte auszu-

an dem Geschäfte veranlaßt. Es wirb nicht nur
die schriftliche Ausfüllung der Haus- oder der Fa-
milienliste dem HauSherrn, bezw. dem Familien-

dcr Zählung innerhalb der Gemeinde ist den Bür-
gern anheimgegeben. Untrr Anlaß und Aufsicht
drr Staatsbehörde bilden sich aus Fkeiwilligen
Commissionen, welche die Eintheilung der Ge-
meinde in Zählungsbrzirke vornehmen, die Ver-
theilung der Liste vorbereiten, die Einsammlung
überwachen, dir Entzifferung der Listen und Zu-
sammenstellung der Resultate in die Tabellen be-
sorgen; Freiwillige werden dazu gewonnen, alS
Agenten dir Listen tn die einzrlnen Famtlien zu

tragen, über die Ausfüllung zu belehren, babei
zu helfen, die Listen wieder zu sammeln und der
Commission durch ihre gemachten Erfahrungen bei?
zustehen. Dtes ist der Grundsatz der Selbstthätig-
keit, wie er auch auf anberen Gebieten deS öffent-
lichen Lrbens, tn der Selbstverwaltung der Ge-
meinde und des Kreises, immer mehr Anklang
und Anwendung findet. Diesen Weg der Selbst-
zählung hat denn auch die großh. Regierung
vertrauensvoll eingeschlagen und der gesammten

Es ist nun ferner bezweifelt wordcn, daß bet
diescm Verfahren die Angaben aus den etnzelnen
Familien in brauchbarer Form geliefert werden,
daß sich die genügende Zahl von Agenten finden,
daß die Commissionen die Arbcit bewält'gen wür-
den. AUein, siehe va, die Erfahrung hat gelehrt,
daß solche Besorgnisse ungegründet sind. An keinem
dcr Staaten, in denen die HauShaltungSllsten zur
Selbstangabe von Seite der Bevölkerung angewen-
dct worden, haben sich dieselben vcrwtrklicht. Dte
Zahl dcr mangelhafteu over unleserlichen Listen
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